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GRENZLANDRING Der Tag des Opfers

aus DER SPIEGEL 37/1952

Am Abend war die Abschlußfeier des Rennens am Grenzlandring in der Stadthalle zu Rheydt. Akkordeonist Albert Vossen vom NWDR, der ursprünglich Musik machen sollte, saß herum und verteilte Autogramme. Bundesverkehrsminister Dr. Hans-Christoph Seebohm hielt die Ansprache.

Er sagte: »... Hier auf den Kursen ist nicht nur ein Dienst an der Technik und Entwicklung im Spiele, sondern vielmehr noch das Ethos der Menschheit schlechthin. Daß ein Mensch unter Einsatz seines Lebens nicht nur dem Wohle seiner Mitmenschen dient, sondern als Mensch die Maschine und damit den Fortschritt beherrscht, mit seinem Kopf das Material meistert und lenkt, das hebt diesen Menschen über sich selbst hinaus und füllt den Motorsport mit einem Ethos, das nie verkannt werden darf ...«

Zur gleichen Zeit lag ein Mann im Zimmer 19 des Krankenhauses in Wegberg und begann in seinem vor Schmerz brennenden Gehirn darüber nachzugrübeln, weshalb er, der Mensch, an diesem Nachmittag die Maschine nicht beherrscht hatte; warum seine Fahrt mit dem Tod von dreizehn Mitmenschen endete.

Helmuth Niedermayr, der Rennfahrer aus Berlin, hatte schon beim Training auf dem

*) Wenn der Bundesregierung das gelänge. wäre zumindest das Justizministerium in der Bonner Rosenburg gleich eine Sorge los: die Ausarbeitung des Kriegsdienstverweigerungsgesetzes. Der jetzige Entwurf sieht vor, daß das verfassungsmäßig jedem Bundesbürger zu stehende Recht der Kriegsdienstverweigerung nur den eingeschriebenen Mitgliedern von Kriegsdienstverweigerungs-Sekten vorbehalten werden soll. neun Kilometer langen Betonoval zwischen Mönchen-Gladbach und der holländischen Grenze mit seinem neuen AFM eine Havarie gehabt, als die Hinterachse brach und der Wagen auf der Geraden einen doppelten Kreis drehte, bevor er ihn wieder fangen konnte.

Und seine Frau in Berlin hatte sich sofort an die Strippe gehängt, als sie von dem Bruch hörte, um ihren Mann zu bitten, nach diesem bösen Omen im Rennen nicht zu starten. Aber die Telefonverbindung zwischen Berlin und Wegberg war nicht zustande gekommen.

So befahl Helmuth Niedermayr, den neuen AFM beiseite zu schieben und seinen alten Veritas (den er zufällig dabei hatte, um ihn im Anschluß an das Rennen nach Berlin zu überführen) für den letzten Lauf der Motorsportsaison 1952 startklar zu machen.

In der fünften Stunde des Sonntagnachmittags heulten die Zweiliter-Motoren ohne Kompressoren zum vorletzten Rennen des Tages auf. Zwölf Runden waren auf dem Maschinen mordenden Höchstgeschwindigkeitskurs zu fahren. Die Startflagge flog herab. Die Meute ging ab. Mitten darunter Helmuth Niedermayr.

Zweimal, am Dienstag und am Donnerstag, hatten Rennleitung und Polizei die Strecke abgefahren und abgegangen, um die Sicherheitsvorkehrungen zu prüfen. Der Kurs wurde freigegeben. Die Rennteilnehmer selbst konnten nur auf die Bahn gelangen, wenn ihr Fahrzeug den Abnahmestempel trug, der besagte, daß Ingenieure Motor und Reifen, Bremsen und Lenkung kontrolliert hatten.

Am flachen, fast geraden Ausgang der Roermonder Kurve standen die Zuschauer dicht gedrängt. Viele Jungen waren darunter. Einer lag in einem kleinen Zelt an dem Drahtzaun, der eineinhalb Meter vom Streckenrand gezogen war. Ein paar Zuschauer hatten die etwa eineinhalb Meter hohe Böschung zwei Meter hinter dem Drahtzaun erklettert und standen zwischen den Rotkohlköpfen des in ihrem Rücken liegenden Bauernhofes. Die meisten aber stauten sich unten auf dem Beton-Radfahrweg neben der Bahn zwischen Drahtzaun und Böschung. Alle warten auf das Motorengeheul.

Das Spitzenrudel kommt aus der Biegung gerast. Noch liegen die Wagen fast haargenau hintereinander, so, wie sie sich bei Beginn der Kurve eingegliedert haben. Zwanzig, dreißig Meter hinter der Kurve setzen die ersten zum Überholen an.

Der Schrei ist grausig in den Kehlen und wird von seinem eigenen Entsetzen erdrosselt: Der an vierter Stelle liegende Wagen bricht nach links aus. Mit dem Knall eines platzenden Reifens rast Helmuth Niedermayr mit 190 Kilometer Stundengeschwindigkeit von der Bahn. Wie ein amoklaufender Räumpflug fetzt Niedermayrs Wagen mit einem ekelerregenden, dumpfen Geräusch fünfzig Meter nach Ausgang der Roermonder Kurve in die an der Innenseite des Kurs stehenden Menschenreihen.

Wie der zur Absperrung gedachte Drahtzaun Niedermayrs Motorhaube wegrupft und die drei den Motor überragenden Vergaser abrasiert, so zerschneidet der Draht Arme und Beine. Der Wagen reißt eine tiefe, blutige Schneise und hält.

Die ersten Schreie aus Schmerz, Grauen und Tod sind untergegangen im Donnern der vorbeijagenden Rennwagen.

Aus dem Knäuel niedergemähter, verstümmelter Körper dringt gurgelndes Stöhnen. Leichtverwundete richten sich mühsam, entgeistert auf und kriechen schutzsuchend zur Böschung. Andere wälzen sich, krümmen sich um ihre Wunden. Viele liegen verrenkt und still. Fünf sind sofort tot.

Einige Männer kommen heran, schieben den Wagen zurück, entfernen Grasbüschel und Metallteile, bemühen sich um Fahrer Niedermayr, der aber mit blutendem Mund stammelnd auf das Knäuel zeigt: »Helft doch erst den anderen.«

Nach ein bis zwei Minuten sind die ersten Sanitäter zur Stelle. Sie kommen von einem am Bauernhof hinter der Unfallstelle parkenden Krankenwagen. Polizisten einer ebenfalls dort postierten Hundertschaft eilen im Laufschritt herbei.

Während das Dröhnen der Motoren nach drei Minuten zum zweiten Male das Herannahen der Spitzengruppe ankündigt, gibt der etwa 140 Meter entfernt aufgestellte Telefonposten eine erste Meldung an die etwa einen Kilometer kursaufwärts stationierte Rennleitung bei Start und Ziel

durch. Was genau vorgefallen ist, kann er nicht erkennen. Die Menschenmenge versperrt ihm die Sicht.

Bei Anfang der dritten Runde beginnt Rennleiter Josef Müller, Inhaber der Firma BMW-Müller, Düsseldorf, mit den Rückfragen: Ist die Strecke frei? Ist der Fahrer verletzt? Sind Zuschauer betroffen? Er bekommt nur unklare Antworten. Zeitweise scheinen die Leitungen gestört oder die Telefonposten sind nicht besetzt. Weiter jagen die Wagen. 160 000 Zuschauer blikken ihnen nach und ahnen nichts. Vier bis fünf Minuten sind seit dem Unglück verstrichen.

Zu dieser Zeit trifft der Chefarzt des Wegberger Krankenhauses, Dr. Stoffels, an der Unfallstelle ein. Auch der Krankenwagen ist über einen unmittelbar zur Unfallstelle führenden Feldweg herangefahren. Der Abtransport der Schwerverletzten beginnt. Mehrere in der Nähe parkende Privatwagen werden von den Besitzern zur Verfügung gestellt.

Nach zwölf Minuten, während die sechste Runde beginnt, sind 14 Ärzte und 120 Sanitäter und auch der Polizeirat Wilhelm Milkereit zur Stelle. Nach einem Blick auf die Katastrophe drängt er sich zu einem Fernsprecher durch und verlangt von Rennleiter Josef ("Jupp") Müller den Abbruch des Rennens. Josef Müller blickt hinauf zur Tribüne. Dort tuscheln Bundesverkehrsminister Seebohm, der nordrheinwestfälische Wirtschafts- und Verkehrsminister Dr. Sträter und der Sport-Präsident des ADAC, Julius Köther, erregt miteinander. Noch will Müller warten. Er holt die Polizei heran und schickt einen Mann zur Unfallstelle, um selbst Genaueres zu erfahren.

Wieder vergehen fünf Minuten. Dann trifft gegen Ende der achten Runde ein Bote ein. Es ist nicht der von Müller ausgesandte Mann, aber er kommt direkt von der Unfallstelle und berichtet, was geschehen ist.

Julius Köther erklärt nach dem Rapport: »Wenn wir jetzt das Rennen abbrechen, dauert es genau so lange wie das ganze Rennen, bis die Bahn frei ist. Die Rettungsmaßnahmen aber könnten durch das neugierige Publikum, das die Straßen verstopfen wird, nur erschwert werden.«

Minister Seebohm nickt. Minister Sträter nickt. Rennleiter Müller nickt. Angesichts soviel internationaler Rennerfahrung und amtlicher Gewichtigkeit läßt sich der Chef der Regierungs-Bezirkspolizei Aachen, Polizeidirektor Karl Wahle, überzeugen. Das Rennen geht weiter.

Noch während die Wagen um die mörderische Bahn rasen und Toni Ulmen auf Veritas die von Seebohm gestiftete Ehrenplakette für den schnellsten deutschen Wagenfahrer gewinnt, werden alle 55 Opfer abtransportiert, ohne Tragbahren.

Im Krankenhaus Wegberg beginnen die ersten Amputationen. In den Gängen liegen Schwerverletzte auf Bänken und Stühlen. Sie sind inzwischen mit Spritzen versorgt, aber noch nicht geschient. Fünfzehn Minuten nach dem Unfall sind alle Verletzten in das nur 900 Meter entfernte Krankenhaus eingeliefert.

Helmuth Niedermayr wacht mit einer Knieverletzung und schwerer Gehirnerschütterung im Zimmer 19 auf. »Sollen wir Ihre Frau benachrichtigen?« fragt die Schwester. Niedermayr: »Ach was, ich stehe doch gleich auf und fahre nach Berlin.« Er beginnt, völligen Unsinn zu reden. Als das Rennen zu Ende geht, streuen Hilfskommandos gerade Kalk über die Blutlachen an der Roermonder Kurve.

Trotz der Nervosität an Start und Ziel war das Publikum auf den gegenüberliegenden Tribünen ruhig geblieben. Es wußte immer noch nichts. Als die letzten Wagen der Formel-2-Klasse durch das Ziel rollten,

applaudierten die Zuschauer. Der Sieger Toni Ulmen stieg niedergeschlagen aus seinem Wagen: »Es kostete Nerven, dort vorbeizufahren.«

Nach einer bestürzten Stille schlugen die Beteuerungen der Rennleitung, Erklärungen der Minister und Polizisten und die Moralpauken von Journalisten, die immer erst hinterher von Erleuchtungen heimgesucht werden, wie eine rückläufige Flutwelle über der Katastrophe zusammen.

Helmuth Niedermayr kann sich noch immer auf nichts besinnen. (Die Ärzte: Erst nach und nach, in acht bis zehn Tagen, wird ihm ein Licht nach dem anderen aufgehen.) Sagte Niedermayr: »Ich hab'' eine völlige Mattscheibe. Das letzte, was ich weiß, ist, daß ich Pietsch überholen wollte. Pietsch sagt aber, ich hätte ihn schon vor der Kurve überholt. Auf alle Fälle war es eine Einwirkung von außen, die mich aus der Bahn schleuderte. Wenn es nicht die gebrochene Felge war, dann hat mich jemand von hinten getatscht. Die Grasnarbe habe ich jedenfalls nicht berührt.«

Die Rennleitung tat verblüfft. Es sei völlig unmöglich, sagte sie, daß ein Rennwagen der Fliehkraft entgegengesetzt zur Innenseite der Kurve ausbricht. Deshalb seien die Zuschauer nicht gesichert gewesen. Der Wagen Niedermayrs jedoch ist erst hinter der Kurve ausgebrochen, aber niemand schien sich die Zeit zu nehmen, das festzustellen.

Die Erklärung Niedermayrs, daß schon eine Berührung durch einen anderen Wagen sein Fahrzeug bei diesen Geschwindigkeiten aus der Bahn, ob Kurve oder Gerade, werfen könnte, zeigt, daß die Bahn an jedem Punkt gefährlich ist. Das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen hatte darauf hingewiesen. Wirtschafts- und Verkehrsminister Dr. Sträter dazu: »Eine böswillige Indiskretion.«

Das Innenministerium war jedoch nicht deutlich genug, um den Deutschen Motorsportverband zu bewegen, das von ihm veranstaltete Rennen zu opfern.

Während der Abschlußfeier in Rheydt am Abend nach der Katastrophe entspann sich eine Diskussion zwischen Journalisten und Veranstaltern. Ein Zeitungsmann, der die Weiterführung des Rennens kritisiert

hat, wurde heftig attackiert. Dr. Keilholz, der zweite Vorsitzende des Rheydter Clubs für Motorsport: »Ich warne Sie. Machen Sie uns nicht das Rennen kaputt.« Wenig später: »Man müßte der Presse verbieten, darüber zu schreiben.«

»Teddy« Vorster, der Organisator des Rennens und Präsident des Deutschen Motorsportverbandes, stimmte ein: »Sie haben ja keine Ahnung. Wir wußten, daß dort soundsoviele Tote und Schwerverletzte liegen. Die Toten konnten wir ohnehin nicht wieder lebendig machen, von den anderen wußten wir, daß sie kompetierte Knochenbrüche etc. hatten. Ärzte und Sanitäter waren dabei. Da kam es auf ein paar Minuten früher oder später nicht an.«

Nicht alle kritisierten. Zu einem Vertreter des Düsseldorfer Sport-Informations-Dienstes sagte Dr. Keilholz: »Nicht wahr, Sie bringen die Sache doch ziemlich kurz.« Der SID-Journalist darauf: »Selbstverständlich, Herr Doktor. Und morgen geht ein ausführlicher Bericht an 200 Zeitungen, der ganz im Sinne des Herrn Bundesministers gehalten ist.«

Der Herr Bundesminister hatte an diesem Abend, an dem vier Schwerverletzte starben, erklärt: »Sollten wir den Kampf abbrechen? Ich sage, es wäre falsch gewesen, wenn wir das getan hätten, auch wenn gewisse polizeiliche Erwägungen das ratsam erscheinen ließen. Die Menschen sollten sich bewußt werden, daß für ein hohes Ziel Opfer gebracht werden müssen. Ich hoffe, daß dieser Tag in ihrem Gedächtnis bleiben wird als ein leuchtender Tag des Einsatzes, des Opfers und der Leistung!«

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