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»Der Teufel, den wir kennen«

Viele US-Partner ziehen Vizepräsident Gore dem weniger bekannten Rivalen Bush vor.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Könnten die Japaner darüber entscheiden, wer sich ab dem 20. Januar 2001 mit der exklusivsten Privatanschrift der USA schmücken darf, wäre George Walker Bush der Einzug in die Privatgemächer auf der ersten Etage von 1600 Pennsylvania Avenue garantiert. Der Sieg des Gouverneurs von Texas im Kampf ums Weiße Haus in Washington würde in Tokio wohl mit Strömen von Reiswein begossen.

Denn der Tort, den Präsident Bill Clinton Amerikas engstem asiatischem Verbündeten angeblich angetan hat, schmerzt noch immer: Im Sommer 1998 besuchte er den Angstnachbarn China, ohne die treuen Vasallen auf der Insel auch nur mit einer Stippvisite der anhaltenden amerikanischen Wertschätzung zu versichern.

Sollte nun sein Vize Al Gore zum mächtigsten Staatsführer der Welt aufrücken, »könnte der Druck auf Japan noch stärker wachsen als unter der derzeitigen US-Regierung«, warnt düster die größte Tageszeitung Japans, »Yomiuri Shimbun«. Der gewerkschaftsnahe und chinafreundliche Demokrat werde bei den Handelskonflikten zwischen den beiden größten Wirtschaftsnationen der Welt vermutlich eine noch schärfere Haltung einnehmen.

Mit der eindeutigen Vorliebe für den oppositionellen Bewerber, die offiziell natürlich - wie in allen Hauptstädten der Welt - hinter einem Schleier diplomatischer Neutralität verborgen wird, steht Japan ziemlich allein.

Überall sonst verstecken - strikt anonym, versteht sich - Diplomaten von europäischen Botschaftern in Washington bis zu Sprechern des Pekinger Außenministeriums ihre Hoffnungen hinter einem Sprichwort: »Der Teufel, den wir kennen, ist uns lieber als der, den wir noch nicht kennen.«

Gut bekannt ist in den Hauptstädten der Welt bislang nur einer der beiden, Al Gore. Schon als Senator, aber vor allem als Clinton-Stellvertreter jettete der Mann aus Tennessee rund um den Globus, um Rüstungskontrolle zu fördern und die Umwelt zu schützen.

Der Texaner hingegen weiß allenfalls von seinem welterfahrenen Präsidenten-Vater, wie es in der Fremde aussieht: Nur dreimal hat der 54-jährige George W. bislang Amerika verlassen und dabei kaum mehr als ein halbes Dutzend Länder besucht - aber nicht einmal so wichtige US-Partner wie Gerhard Schröder oder Tony Blair. Eine Blitztour durch Europa, gleichsam zum Aufpolieren seines Lebenslaufs, hatte der Bewerber um die Führung der einzigen Supermacht kurzfristig abgesagt - der Wahlkampf zu Hause war wichtiger als die Erfahrung in Übersee.

Nicht nur die Macht der Gewohnheit bewegt Alliierte, Partner und potenzielle Gegner zu ihrer Gore-freundlichen Haltung. Der Demokrat scheint kooperationsbereiter und berechenbarer in all den großen Problemen, zu deren Lösung Bill Clinton kaum noch, eine frisch gewählte US-Administration dafür umso mehr beitragen könnte.

Von der Euro-Krise bis zum Klimawandel, von der Rüstungskontrolle bis zum weltweiten Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen, vom Kosovo bis zum Nahen Osten geht nichts mehr ohne Washingtons Beitrag.

Natürlich hat der außenpolitische Novize Bush ein potentes Beraterteam berufen - vorwiegend aus dem Adressbuch seines alten Herrn. Der designierte Stellvertreter Richard Cheney war Vaters Verteidigungsminister, der wahrscheinliche Außenminister, Golfkriegsgeneral Colin Powell, dessen höchster Militärberater.

Gleichwohl wird letztlich Bush Jr. die unvermeidlichen Konflikte zwischen Internationalisten und Isolationisten entscheiden müssen, in die seine Partei traditionell zerfällt. Doch schon die ersten Marksteine, die George W. setzte, verschreckten die Partner.

»Amerikas Interesse« soll wieder das zentrale Kriterium werden, nach dem in einem Bush-White-House entschieden würde. Friedenserhaltende Einsätze etwa, gar unter dem Kommando der Vereinten Nationen, lehnt der Texaner rundheraus ab. Das dürfen andere machen.

Das Amerika des George W. will nicht länger Weltpolizist spielen. Auf die Frage, ob nicht auch regionale Konflikte, massive Menschenrechtsverletzungen oder Hungerkatastrophen die Lebensinteressen der Supermacht berühren und deren Eingreifen erzwingen könnten, blieb der Texaner bislang eine Antwort schuldig.

Der »Abzug vom Balkan«, den seine außenpolitische Chefberaterin Condoleezza Rice, ebenfalls ein Erbe aus der Administration des Vaters, ankündigte, veranlasste die amtierende Außenministerin Madeleine Albright zu einer scharfen Replik. Der politische Schaden vor allem bei den Nato-Partnern ließ sich damit allerdings nicht mehr beheben.

Der jüngste Alarmruf der Uno-Kommission zur Beobachtung der Klimaveränderung setzt vor allem den Luftverpester Nummer eins, Amerika, unter Druck, mehr zum Erhalt lebensverträglicher Bedingungen auf dem Planeten zu tun. Gore tritt dafür ein, Bush ist strikt dagegen.

Nur in Abstimmung mit Moskau will der Demokrat zudem Washingtons Pläne für eine landesweite Raketenabwehr verfolgen und gilt deshalb im Moskauer Außenministerium als eine »Hoffnung zum Besseren«. Der Republikaner hingegen möchte den einst vom konservativen Ahnherrn Ronald Reagan geforderten Schutzschirm so schnell und so umfangreich wie möglich realisieren - ohne Rücksicht auf die Sorgen der Verbündeten und die Warnungen von Moskau und Peking vor einem neuen Wettrüsten.

Derartig eng gesteckte Nationalinteressen bleiben nicht einmal in Japan unbeachtet. Die einflussreiche Tageszeitung »Asahi« warnt bereits vor allzu großen Hoffnungen auf Bush: »Wenn es mit der US-Wirtschaft nicht lief, wurde auch unter republikanischen Regierungen grausam auf Japan eingehauen.«

Und auch der mächtige Nachbar auf dem Festland blickt ohne große Erwartungen auf den 7. November. Der chinesische KP-Chef Jiang Zemin sieht das Verhältnis zwischen der bevölkerungsreichsten und der wirtschaftsstärksten Nation der Welt »manchmal heiter, manchmal trübe, aber nach dem Gewitter klärt es sich immer auf«.

Da mögen auch deutsche Diplomaten in Washington mit Plattitüden nicht zurückstehen. Ängste, ein Sieg des konservativen Kandidaten könne dem bedrängten Euro womöglich noch schwerer zusetzen, beruhigte einer von ihnen mit dem Satz: »Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.«

Lediglich Außenminister Joschka Fischer gelang eine noch profundere Einschätzung: »Die Wahlen sind innenpolitisch wichtiger als außenpolitisch«, belehrte er die deutsche Öffentlichkeit. SIEGESMUND VON ILSEMANN

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