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Der Tod aus der Spritze

Die Hälfte der deutschen Bluter-Kranken, mehr als 2000 Männer, sind durch Medikamente mit dem Aids-Virus infiziert worden. Einige hundert sind gestorben, für die anderen gibt es wenig Hoffnung. Der Skandal wird durch eine große Koalition von Gesundheitsbehörden, Krankenkassen, Ärzten und Funktionären noch immer vertuscht.
aus DER SPIEGEL 47/1991

In Frankreich wackelt die Regierung. Sie hat geduldet, daß Tausende von Franzosen in den Jahren 1983 bis 1985 mit Aids angesteckt wurden. Jeder zweite Bluter ist infiziert; 205 sind bereits gestorben. Oppositionsführer Jacques Chirac nennt die »Affäre« kaum »vorstellbar, so ungeheuer ist sie«. Das Komitee der Bluter von Montpellier erhebt Anklage wegen eines »Verbrechens gegen die Menschlichkeit«.

»Es ist schrecklich«, sagt der amtierende Sozialminister Jean-Louis Bianco, »daß jetzt Tausende von Menschen sterben müssen wegen der Übertragung von Aids.« Der Skandal spiegelt sich seit Wochen in den Schlagzeilen der französischen Presse.

In Deutschland steht die Regierung ruhig und fest. Sie hat geduldet, daß Tausende von Deutschen in den Jahren 1983 bis 1987 mit Aids angesteckt wurden. Jeder zweite Bluter ist infiziert: Offiziell sind 180 bereits gestorben. Im Gegensatz zu Frankreich hat sich auch die Opposition zur Affäre nie geäußert. Der Verband der betroffenen Bluter mahnt: »Ruhe! Ruhe! Ruhe!« In Deutschland ist der Skandal kein Thema.

Die größte Arzneimittelkatastrophe in der Geschichte der Bundesrepublik bleibt unter dem Teppich. Dabei ist sie schlimmer als der berüchtigte »Contergan«-Skandal der sechziger Jahre. Damals kamen fast 4000 Kinder durch das den Müttern verordnete Schlafmittel Contergan mit schweren Mißbildungen zur Welt.

Diesmal hat es die Bluter-Kranken getroffen. Diese Gruppe von 4000 bis 6000 männlichen Patienten leidet an einem ererbten Mangel von Blutgerinnungsfaktoren, der Hämophilie. Weil die Bluter in den achtziger Jahren mit aidsverseuchten Präparaten behandelt wurden, ist jetzt etwa jeder zweite Patient vom Tod bedroht.

Genaue Zahlen fehlen. Das ist Teil einer Strategie, die den Skandal vertuschen hilft, seit Jahren. An den Verschleierungsmanövern beteiligt sich eine große Koalition von Ärzten, Arzneimittelproduzenten, Versicherungsfirmen und Bluter-Funktionären. Bundesgesundheitsministerium und das nachgeordnete Bundesgesundheitsamt (BGA) helfen beim Täuschen, Bagatellisieren und Hinhalten, so gut es geht. Denn alle haben viel zu verbergen.

»Ab 1983 hätte niemand mehr angesteckt werden dürfen«, sagt Elsbeth Gnade. Sie ist die Witwe von Wolfgang Gnade, bis 1989 Stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Hämophilie-Gesellschaft (DHG). Ihr Mann ist im Juni dieses Jahres an Aids gestorben, nur 47 Jahre alt. »Für mich ist das Mord.«

»Man hat die Männer wissend infiziert«, urteilt auch Ingeborg Koester, 72. Sie ist, noch immer, zweite Vorsitzende eines anderen Patienten-Bundes, der »Deutschen Hämophilieberatung«. Ingeborg Koester hat ihren Sohn Harald, 37, im Herbst letzten Jahres verloren, an Aids. Jetzt steht sie den (noch) Lebenden bei. »Vielen von Haralds alten Freunden geht es wirklich schon sehr schlecht.«

Tim Gabbert, erinnert sich sein Vater, war »ein durchtrainierter Leistungssportler«. Man habe ihm die Krankheit nicht angesehen. Er ist 1989 gestorben, da war er gerade 18 Jahre alt. Vater Jürgen Gabbert war lange Jahre Vorsitzender der DHG, er ist jetzt ihr Ehrenmitglied. Gabbert _(* Der später verstorbene französische ) _(Junge Yann Godiveau im Juni 1990. ) kennt sich aus: »Manche Ärzte haben bis zuletzt noch alte Ladenhüter gespritzt.«

In diesen alten Ladenhütern steckte das Aids-Virus, und die Spritze des Arztes brachte den Tod - 1986 noch, fünf Jahre nachdem aufmerksame Wissenschaftler zum erstenmal auf die Gefahr hingewiesen hatten.

Die Chronologie des Skandals läßt sich jeweils auf den Tag genau datieren - in Deutschland so korrekt wie in Frankreich. Doch viele der Beteiligten tun so, als sei eigentlich alles Ansichtssache. Dabei läßt sich hieb- und stichfest beweisen, wer sich wann geirrt hat - oder, häufiger noch, welche Ärzte, Gesundheitsbeamte und Pharmaproduzenten fahrlässig oder gar wissend den Tod der deutschen Bluter in Kauf nahmen.

1982 kamen die ersten Nachrichten über eine neue, lebensgefährliche Infektionskrankheit aus den USA. »Schreck von drüben«, hieß die Überschrift des allerersten Aids-Berichtes in deutscher Sprache (SPIEGEL 22/1982). Die »geheimnisvolle, nicht selten tödliche Krankheit« traf, so zeigte sich, vor allem Homosexuelle, Fixer und Bluter, die infektiöse Ursache war nicht zweifelhaft; das Leiden wurde ganz offensichtlich durch Blut oder Körpersäfte weitergegeben.

Das machte die Bluter-Patienten zu Hochrisikopatienten. Denn den meisten von ihnen wurden regelmäßig sogenannte Faktor VIII-Präparate gespritzt, Gerinnungsfaktoren, die jeweils aus dem gemischten ("gepoolten") Bluteiweiß tausender Spender herausgefiltert worden waren.

Diese Behandlung war extrem teuer (mancher Bluter kostete seine AOK eine Million Mark im Jahr), für die Faktor-VIII-Hersteller extrem profitabel und bei den Blutern trotz zahlreicher Nebenwirkungen höchst beliebt: Sie nahm den Kranken die Angst vor tödlichen Blutungszwischenfällen und gab ihnen Beweglichkeit, weil die Gelenke während der Faktor-Therapie von spontanen Blutungen verschont blieben. Ein halbes Dutzend großer »Zentren« verarztete die deutschen Bluter; das größte stand in Bonn (800 Patienten).

Dessen Chef, der Hämatologe Professor Hans Egli, galt als der Papst der Bluter-Therapeuten. Er hat die »Hochdosierung« der Gerinnungsfaktoren praktiziert. Das brachte neben Ruhm auch viel Verdruß: Der Eglische Oberarzt Franz Etzel kassierte von den Pharmaherstellern fast zweieinhalb Millionen Mark Schmiergeld; seine Strafe: 22 Monate Gefängnis (auf Bewährung) und 600 000 Mark Geldbuße.

Von den Sachkennern war niemand überrascht, daß der allererste deutsche Aids-Tote ein Bluter aus Bonn war, Patient des »Instituts für Experimentelle Hämatologie und Bluttransfusionswesen« des Professors Egli. Der Kranke starb schon im Frühjahr 1982. Er war, wie die andern Patienten auch, mit hochdosierten Faktor-VIII-Präparaten behandelt worden, made in USA. Dort rührten teils obskure Pharmafirmen für den deutschen Markt die begehrten Medikamente zusammen. Das Blut stammte häufig von den Ärmsten der Armen im Süden des Landes, die für ein paar Dollar zur Ader gelassen wurden.

Daß »die Behandlung der Hämophilen mit gepoolten Plasma-Konzentraten« für diese Patienten ein »besonders großes Aids-Risiko bedeutet«, stand Anfang Januar 1983 im angesehenen amerikanischen Ärzteblatt New England Journal of Medicine zu lesen. Wer hören wollte, konnte auch hören: Am 18. Januar 1983 hielt Johanna L''age-Stehr, Professorin am Bundesgesundheitsamt, vor der Berliner Mikrobiologischen Gesellschaft ihren ersten warnenden Vortrag über die »neue Infektionskrankheit Aids« und deren Risiken, auch für die Bluter.

14 Tage, nachdem der SPIEGEL (23/1983) seine erste Titelgeschichte über Aids und eine »Epidemie, die erst beginnt«, veröffentlicht hatte, trafen sich die deutschen Hämophilie-Experten mit Virologen, Pharmaherstellern und Gesundheitsbürokraten zu einer Krisenkonferenz, standesgemäß im Flughafenhotel Frankfurt/Main.

Aus Paris war Professor Luc Montagnier gekommen, der über seine Entdeckung des Aids-Virus referierte. Zum Abschied gab er dem deutschen Hygieneprofessor Friedrich Deinhardt die Aids-Virus-Kultur in einem Kühlbehälter als Reisegepäck nach USA mit; Deinhardt traf sich dort mit Robert Gallo, der dank dieser Hilfe später den Erreger ebenfalls sichtete.

Weshalb nicht spätestens an diesem Tag, dem 18. Juni 1983, bei den versammelten Experten die Alarmglocken schrillten, weshalb nicht sofort die sonst üblichen und bewährten seuchen- und arzneimittelrechtlichen Maßnahmen in Gang gesetzt wurden, läßt sich nur verstehen, wenn man die weit auseinanderdriftenden Interessen der Teilnehmer berücksichtigt.

Gesponsert wurde das Treffen von der Pharmafirma »Immuno« aus Wien, dick im Geschäft mit den Blutern. Moderiert wurde es von dem Münchner Professor Deinhardt, dem jedes Gerede über infizierte Blutprodukte zuwider war, hatte er doch gerade einen neuen Impfstoff gegen das Bluter-Leiden Hepatitis entwickelt. Deinhardt behauptete seinerzeit kraft Amtes (aber ohne den kleinsten Beweis), das höchstens fünf Prozent der Aids-Infizierten erkranken würden. Der erste Egli-Tote werde, so Deinhardt, »irrtümlich« als Aids-Opfer bezeichnet.

Unter den Teilnehmern waren die Chefs aller deutschen Bluter-Zentren. Im besten Fall überstieg die drohende Katastrophe schlicht ihr Vorstellungsvermögen; im schlimmsten Fall dachten sie wohl eher an ihr Geschäft und nicht an die Patienten.

Auch das Bonner Gesundheitsministerium verharrte tatenlos. Es wurde damals, als die Weichen hätten gestellt werden müssen, von dem CDU-Generalsekretär Heiner Geißler im Nebenamt verwaltet. Der interessierte sich für Wahlkampfstrategie und die »Neue Armut«. Mit Arzneimitteln und der Seuchenprophylaxe hatte Bergsteiger und Fitneß-Fan Geißler nichts am Hut.

Unglücklicherweise erwies sich auch Geißlers Amtsnachfolgerin Rita Süssmuth, im September 1985 bestellt, nur als Show-Star. Die gelernte Französischlehrerin, Berufskatholikin und Soft-Emanze mißverstand die Seuche Aids als psychosoziales Problem. Sie wollte, so der Titel ihres einschlägigen Buches, »Wege aus der Angst« weisen, nicht etwa Wege aus der Gefahr.

Rita Süssmuth hat dafür gesorgt, daß Deutschland (neben Holland) eines der wenigen Länder in der Welt ist, das für Aids bis jetzt keine ärztliche Meldepflicht kennt. Die Zahl der mit dem krankheitssauslösenden HIV-Virus infizierten Personen ist ebenso unbekannt wie die der Aids-Kranken und -Toten. Untersuchungspflichtig ist in Deutschland der ganz harmlose Tripper, meldepflichtig sind Rotz und Grippe - die tödliche Seuche Aids wird bestenfalls freiwillig mitgeteilt. Ihr Dunkelfeld ist groß.

Die Bluter schätzen, daß mindestens vier- bis fünfhundert Leidensgenossen bisher an Aids gestorben sind; das Bundesgesundheitsamt gibt ihre Zahl aber nur mit 180 an. Die Totenscheine werden von den Therapeuten der Bluter-Zentren (wo sich die Patienten den Tod geholt haben) ausgestellt; jede Meldung an das »Aids-Zentrum des Bundesgesundheitsamtes« ist freiwillig.

Der bayerische Minister Peter Gauweiler, deutschlandweit bekannt geworden durch seine Anti-Süssmuth-Position in Sachen Aids, nennt das Verhalten der zuständigen Bonner Gesundheitsbehörden schlicht ein »Verbrechen«. Völlig »unbegreiflich« sei ihm das »Zögern bei der Anwendung der zur Verfügung stehenden gesetzlichen Schutzvorschriften« und die »mangelnde Bereitschaft, den früh erkennbaren Gefahren die notwendige Beachtung zu schenken«. Gauweiler: »Bluter-Kranke wurden über viele Jahre mit einer tödlichen Viruskrankheit infiziert.«

Einer der Hauptschuldigen in diesem Drama ist das Berliner Bundesgesundheitsamt, eine Riesenbehörde, die 2750 Mitarbeiter, darunter 850 Akademiker, ernährt. Das BGA hat auf seine hellwache Professorin L''age-Stehr nicht gehört. Statt dessen wurde das Problem Aids-Infektion durch Blutprodukte - wo doch jeder Tag zählte - mit einer Nonchalance verschleppt, als handele es sich um irgendeinen Schnupfen. Frau L''age-Stehr darf sich nicht mehr mit Aids beschäftigen und auch keine Interviews mehr dazu geben.

Den schleppenden Zeittakt des BGA legte seinerzeit dessen pharmafreundlicher Präsident Karl Überla fest, den seine Untergebenen spöttisch »Karlchen Überall« oder »Di-Mi-Do« nannten, weil er oft nur drei Tage im Amt ausharrte, sich im übrigen aber rührig um allerlei Nebenerwerb kümmerte, dessentwegen er im April 1985 vom Präsidentenamt Abschied nehmen mußte.

Die Daten der Chronique scandaleuse des Bundesgesundheitsministeriums und seiner Oberbehörde BGA: *___Anfang September 1983 wendet sich das Bonner ____Ministerium erstmals in Sachen Aids an die ____Öffentlichkeit und behauptet, es habe »beschleunigte ____Maßnahmen eingeleitet, um eine mögliche Ausbreitung der ____Erkrankung über Blut- und Plasmapräparate wirksam zu ____unterbinden«. *___Am 25. Oktober 1983 erkennt ein Expertengremium des ____Gesundheitsministerums, daß »kein Anlaß zu ____Befürchtungen besteht«, die tödliche Immunschwäche ____könne etwa »durch Gerinnungsprodukte übertragen ____werden«. *___Rund 120 Experten versammelten sich auf Einladung des ____BGA am 14. November 1983 in Berlin, um eine »Faktor ____VIII«-Anhörung zu absolvieren. Tenor der Industrie: Es ____gibt keine Gefahr, Aids sei gar keine ____Infektionskrankeit. Überla im Schlußwort: »Das BGA wird ____seine Entscheidung zu Faktor-VIII-Präparaten bis Ende ____März 1984 treffen.« *___Erst am 8. Juni 1984 ist es soweit. Das BGA ordnet ____einige restriktive Maßnahmen an, verzichtet aber auf ____den möglichen sofortigen Vollzug, bittet die ____Pharmafirmen um »Widerspruch« und gewährt eine ____großzügige »Umstellungsfrist« bis zum 31. Dezember ____1984. *___Die zieht sich hin bis zum 1. Oktober 1985. Erst von ____diesem Tag an dürfen nur noch aidssichere ____("inaktivierte") Gerinnungsfaktorenpräparate in den ____Handel gebracht werden.

Doch dieser amtliche Beschluß markiert keinesweg das Ende des Risikos. Denn das Bundesgesundheitsamt, nunmehr von dem Tierarzt Dieter Großklaus geleitet, verzichtete auf alle energischen Maßnahmen. Es deklarierte, vier Jahre nach dem Auftauchen des Problems, die tödlich gefährlichen Medikamente lediglich als »nicht mehr verkehrsfähig«. Diese Floskel schob nunmehr den elf »Landesoberbehörden« die Kontrollpflicht zu. Was mit den noch vorhandenen Präparaten bei Produzenten, Großhändlern, Kliniken und Apotheken geschah, ist unbekannt. Ihre Lagerungszeit betrug meist zwei Jahre - bis zum Herbst 1987.

Zu einer amtlichen »Rückrufaktion«, gewöhnlich durch die auffälligen »Rote-Hand-Briefe« an alle deutschen Ärzte eingeläutet, kam es jedenfalls nirgendwo.

Was die Bummelei für die Bluter bedeutete, läßt sich an Zahlen ablesen: So waren etwa im Heidelberger Bluter-Zentrum 1981 alle getesteten Patienten aidsfrei, wie die spätere Kontrolle eingefrorener Blutproben ergab; 1984 waren jedoch bereits 67 der 160 Patienten mit der tödlichen Seuche infiziert. Kein Wunder: Der Münchner Virologe Gert Frösner hat nachgewiesen, daß alle untersuchten Plasmapools, die 1984/85 von den USA nach Deutschland geliefert wurden, HIV-Antikörper enthielten »und damit vermutlich infektiös« waren.

Der Schweizer Hämophilie-Experte Professor Alfred Hässig, in die deutschen Versäumnisse nicht verstrickt, hat errechnet, daß bis 1986 in der Bundesrepublik Deutschland bis zu 90 Prozent aller schweren Bluter aidspositiv geworden sind. Es war kein unausweichliches Schicksal, wie das Beispiel der DDR beweist: Als vor zwei Jahren die Mauer fiel, gab es in dem 16-Millionen-Volk genau zwei aidskranke Bluter.

In Westdeutschland wurden sogar noch Ende der achtziger Jahre Bluter und Frischoperierte mit Aids-Viren infiziert - durch Gerinnungsfaktor-Präparate der Firma Biotest, die nur einer offenbar nicht ausreichenden »Kaltsterilisation« unterzogen worden waren. Erst im April 1990 nahm das in Dreieich bei Frankfurt ansässige Unternehmen das Präparat vom Markt.

Bis zum bitteren Ende haben die prominenten Bluter-Therapeuten ihre Patienten hingehalten und getäuscht. Als der SPIEGEL (45/ 1984) die Zahl der infizierten und damit tödlich bedrohten Bluter - zutreffend - mit bis zu 3000 bezifferte, wiesen Egli und sechs Kollegen in einem Leserbrief den Zusammenhang zwischen einem positiven Aids-Test und der Aids-Erkrankung als »Spekulation« zurück. Angeblich bewirke die Therapie mit den verschmutzten Medikamenten sogar eine »stille Feiung«, sei also so gut wie eine »Schutzimpfung«.

Die Professoren Barthels (Hannover), Egli (Bonn), Landbeck (Hamburg), Lechler (Köln), Scharrer (Frankfurt), Schimpf (Heidelberg) und Schramm (München) unisono: »Es wäre bedauerlich, wenn die Hämophilen sich aus Aids-Furcht einer Behandlung mit Faktorenkonzentraten entziehen . . . würden.« Egli-Patient Oliver Köppchen über die Situation in Bonn: Nach dem SPIEGEL-Artikel »mußten Hunderte von Blutern erst einmal stundenlang von Ärzten des Hämophilie-Zentrums Bonn beruhigt werden, bevor sie mit der Behandlung des für sie lebensnotwendigen Faktor VIII« fortfuhren.

Doch nur wer sich rechtzeitig entzog, hatte eine Überlebenschance. Die anderen sind 1987/88 von den Versicherungsfirmen der Pharmahersteller »endgültig und vollständig« abgefunden worden. Für das verlorene Leben gab es im Durchschnitt 60 000 Mark; jüngere Patienten mußten sich mit weniger abfinden. Die Zahlen sind vereinbarungsgemäß geheim, und geheim ist auch, wieviel aidsinfizierte Bluter damals noch am Leben waren und sich am Deal beteiligten. Harald Köster und Wolfgang Gnade, die beiden Unterhändler der Bluter, sind tot.

Alles in allem, sagen Überlebende der Patientenvereine, sind die Versicherungen mit rund 110 Millionen Mark davongekommen. Bisher hat kein einziger Bluter gewagt, seine Ärzte, die Behörden oder die Hersteller der tödlichen Präparate zu verklagen. Denn das hieße, in das helle Licht der Öffentlichkeit zu treten und - trotz reduziertem Gesundheitszustand - einem jahrelangen juristischen Hickhack standzuhalten, dessen Ende kein Infizierter erleben dürfte. »Für ein paar zehntausend Mark halten wir Bluter das Maul«, sagt Karl Caspari vom DHG in Nordrhein-Westfalen.

Frieden herrscht auch zwischen dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie und dem Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen. Hinsichtlich der aidskranken Bluter, so vereinbarten die beiden finanzstarken Riesen, »bleibt es bei unserer Vereinbarung, nicht über Schuldzuweisungen in der Öffentlichkeit zu sprechen«. Die Kassen, so das zynische Argument von Pharmavertretern bei internen Gesprächen, sparten ja jetzt auch eine Menge Geld, weil immer weniger Bluter Medikamente brauchten.

Die noch leben, haben ihre 60 000 Mark in den vergangenen vier Jahren längst aufgebraucht. Ihre Ehen, sagt Ingeborg Koester, sind »meist zu Bruch gegangen«. Weil vielen Blutern die Aids-Infektion lange verschwiegen wurde, sind rund 150 Ehefrauen infiziert worden. Denen zahlt niemand einen Pfennig. Ohnehin, sagt eine der Betroffenen, »kann man ein Menschenleben doch nicht mit Geld aufwiegen«.

In Frankreich hat ein Pariser Gericht allein den seelischen Schaden durch eine Aids-Infektion im Sommer dieses Jahres auf 1,5 Millionen Francs (etwa 500 000 Mark) beziffert. Die US-Amerikanerin Kimberly Bergalis, von ihrem Zahnarzt mit HIV-Viren infiziert, erhielt eine Million Dollar zugesprochen.

Von dem »Almosen, mit dem man die deutschen Bluter abgefunden hat« (Koester), müssen die Hinterbliebenen vereinbarungsgemäß auch noch die »Beerdigungskosten« zahlen für »den Fall, daß der Arzneimittelschaden so groß ist, daß der Geschädigte zu Tode kommt«.

* Der später verstorbene französische Junge Yann Godiveau im Juni1990.

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