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Italien Der Tod des Duce

Neue Details über Mussolinis Ende entlarven eine lange gehütete kommunistische Geschichtslegende: Die offizielle Hinrichtung des Duce und seiner Geliebten war eine makabre Inszenierung, falsche Täter wurden vorgeschoben.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Dorina Mazzola zitterte vor Angst. Verborgen hinter einem Schrotthaufen im Hof ihres Vaters verfolgte die junge Frau aus nächster Entfernung ein schauriges Drama.

Zwei Männer, die einen dritten untergehakt mitschleiften, kamen langsam die Straße herunter. Aus dem Haus der Nachbarn, knapp hundert Meter von Dorina entfernt, ertönte das verzweifelte Wimmern einer Frau.

Als die Gestalten in allernächster Nähe an ihr vorübergingen, erkannte Dorina, daß der Mann in der Mitte tot war. Sein Kopf, mit einer Skimaske bedeckt, hing leblos zur Seite. In diesem Augenblick stürzte aus dem Nachbarhaus die weinende Frau herbei und warf sich verzweifelt zu Füßen des Toten. Die Begleiter versuchten sie wegzustoßen, andere Männer eilten hinzu und zwangen sie weiterzugehen. Dann ratterte eine Maschinenpistole. In den Rücken getroffen, sank die Frau blutend zu Boden.

So starb kurz vor Mittag des 28. April 1945 Claretta Petacci, 33, die Geliebte des italienischen Diktators Benito Mussolini, 61. Augenzeugin Mazzola, heute 70 Jahre alt, hat nach über 50 Jahren ihr Schweigen gebrochen - viele Jahrzehnte lang, so berichtet sie, sei sie anonym gewarnt worden, ja kein Wort zu ver-lieren.

Die Exekution Mussolinis etwa zwei Stunden vorher hatte die junge Frau nicht gesehen, wohl aber gehört. Auf dem Hof des Nachbarhauses, das im Besitz der Familie De Maria war, »hörte ich ganz klar sieben einzelne Schüsse«. Sieben Schußwunden an Hals und Oberkörper führte später auch der Autopsiebericht am Leichnam Mussolinis auf.

Die Aussagen stehen in einem kürzlich erschienenen Buch von Giorgio Pisanò, 72, der 20 Jahre lang Senator des neofaschistischen MSI war und sich noch heute zu seinem Idol Mussolini bekennt*.

Obwohl Pisanòs antikommunistische Ausrichtung unverkennbar ist, hat er nach Ansicht von Historikern eine schlüssige Darstellung von Mussolinis Tod geliefert. Bislang war das Ende des Diktators - zwei Tage vor dem Abgang seines deutschen Freundes - in vielen Umständen ungeklärt geblieben.

Pisanò traf seine wichtigste Zeugin, Dorina Mazzola, im Februar dieses Jahres. Die Frau brannte seit langem darauf, sich mitzuteilen. Bereits 1989 hatte sie auf 31 Seiten niedergelegt, was sie 1945 gesehen und gehört hatte. Anfang 1996 schrieb sie drei italienische Zeitungen an. Niemand reagierte.

Wenn stimmt, was sie Pisanò erzählt hat, dann sind der Duce und seine Geliebte am Vormittag des 28. April gestorben und nicht am Nachmittag desselben Tages wie bisher angenommen. Und sie fielen auch nicht durch die Hand des kommunistischen Widerstandskämpfers Walter Audisio alias »Oberst Valerio«,

der nach der offiziellen Version die beiden erschossen haben soll.

* Giorgio Pisanò: »Gli ultimi cinque secondi di Mussolini«. ll Saggiatore; Mailand 1996.

Für Italien und seine Sicht vom Ende des Faschismus hätten diese Korrekturen - ansonsten nur Fußnoten in der Weltgeschichte - gravierende Bedeutung: Wenn der Tod Mussolinis wirklich so eingetreten ist, dann ist die bisherige, die kommunistische Darstellung vom Ende des Duce eine vorsätzlich konstruierte Legende; sie wäre Teil jener Verklärung der Resistenza, die bis heute in Italien eine aufrichtige Auseinandersetzung mit dem Faschismus verhindert hat.

Dabei ist unumstritten, wie die Ereignisse begannen, die zum Tod des bereits im Sommer 1943 abgesetzten Diktators führten. Am 27. April 1945 hatte Mussolini versucht, mit führenden Gefolgsleuten von seinem Sitz in Salò ins neutrale Ausland zu fliehen. Am späten Nachmittag hielten Partisanen der 52. Garibaldi-Brigade die Wagenkolonne in Dongo am Comer See an. Sie konnten Mussolini, der sich als deutscher Offizier verkleidet hatte, schnell enttarnen und verhaften.

Mitten in der Nacht brachten sie den Duce und seine Geliebte, die sich bei ihm befand, zur Bauernfamilie De Maria nach Mezzegra, einem kleinen Ort am See. Mussolini und Claretta Petacci bezogen das Schlafzimmer des Ehepaars im zweiten Stock, bewacht von »Sandrino« und »Lino«, zwei jungen Partisanen.

Während die Gefangenen zu schlafen versuchten, fand in den Reihen der Italien-Befreier ein heftiges Tauziehen statt. Die Alliierten verlangten kategorisch die Auslieferung des Duce. So war es zwischen dem italienischen Komitee für die Nationale Befreiung (CLN) und der Führung der alliierten Streitkräfte vereinbart. Mussolini sollte vor ein Kriegsverbrechertribunal gestellt werden.

Der linke Flügel im CLN, das Komitee des antifaschistischen Aufstands, hatte sich zwar einverstanden erklärt, aber nur zum Schein. Diese Männer wollten sich nicht von Ausländern das Vorrecht nehmen lassen, den Tyrannen eigenhändig niederzustrecken.

»Italien mußte und wollte das Recht selbst in die Hand nehmen«, sagte Luigi Longo, der führende Kommunist im Widerstand und Chef der roten Garibaldi-Brigaden, 1979 in der italienischen Wochenzeitschrift Panorama. »Die Resistenza konnte nicht auf diesen Schlußakt verzichten und ihn den alliierten Truppen und ihren Gerichten überlassen.«

Die linken Partisanen in Norditalien waren es, die nunmehr den Fortgang des Dramas bestimmten. Die Antwort der Widerstandskämpfer auf das Verlangen nach Herausgabe des Gefangenen traf um drei Uhr morgens bei den Alliierten in Siena ein. »Bedauern, Mussolini nicht ausliefern zu können«, hieß es in dem Telegramm aus Mailand. Ein Volkstribunal habe ihm bereits den Prozeß gemacht und ihn auf demselben Platz hinrichten lassen, auf dem kurz zuvor die deutschen Faschisten 15 italienische Patrioten erschossen hätten.

Das war eine Lüge. Denn zu dieser Zeit war Mussolini noch zum Dorf Mezzegra unterwegs, wo er im Hause des Ehepaars De Maria die letzten Stunden seines Lebens verbringen sollte. Und auf den im Telegramm angesprochenen Piazzale Loreto in Mailand gelangten Mussolini und Claretta erst am 29. April - wo ihre Leichen in einer makabren Zurschaustellung präsentiert und dem Hohn der Menge preisgegeben wurden.

Das Telegramm war offenbar der erste Akt einer Geschichtsfälschung, die zügig weiterging. Am frühen Morgen des 28. April entsandte das linke Befreiungskomitee den Partisanen Walter Audisio, begleitet vom Vizekommandeur der Garibaldi-Brigaden, Aldo Lampredi ("Guido"), an den Comer See. Offiziell lautete ihr Auftrag, Mussolini, Petacci und die anderen in Dongo festgenommenen Faschistenführer nach Mailand zu schaffen, um sie den Alliierten zu überstellen.

Aber hinter Audisios Rücken entwickelte sich ein ganz anderes Szenario. Nach der Ankunft in Como verschwand sein Begleiter Lampredi mitsamt Auto, derweil sich Audisio mit den örtlichen Partisanen herumstritt, deren Anführer keine Kommunisten waren und die ihm deshalb mißtrauten.

Sechs Stunden vergingen, bevor Audisio endlich im 60 Kilometer nördlich von Como gelegenen Dongo eintraf. Dort tauchte Lampredi wieder auf, ohne sein Verschwinden zu erklären.

Nach der kommunistischen Überlieferung, an der die Erben der KPI bis heute festhalten, geschah folgendes: Audisio alias »Oberst Valerio« begab sich nach

Mezzagra ins Haus der Bauern De Maria, um Mussolini und Claretta abzuholen. Erst zu Fuß, dann im Auto wurden die beiden vor das schmiedeeiserne Tor der Villa Belmonte in Mezzagra gebracht. Das soll kurz nach 16 Uhr gewesen sein.

»Aus einer Entfernung von drei Schritten schoß ich fünf Kugeln auf Mussolini, der auf die Knie fiel, während sein Kopf auf die Brust sank«, berichtete Audisio einem Reporter der Parteizeitung l''Unità, und weiter: »Dann war die Petacci dran. Gerechtigkeit war getan.«

Oder so sollte es aussehen. Bereits in den siebziger Jahren hat der Journalist und Historiker Franco Bandini - ein Konservativer, aber kein Faschist - dargelegt, daß der Bericht über die Exekution vor dem Tor der Villa Belmonte so nicht stimmen konnte, vielmehr eine »makabre Inszenierung« (Bandini) war.

Jetzt scheint festzustehen: Mussolini und seine Geliebte waren zu diesem Zeitpunkt bereits tot, auf die Leichen wurde noch einmal geschossen - um der Geschichtsschreibung eine ehrenwerte Version der Ereignisse zu hinterlassen. Denn was nach der Schilderung Mazzolas am Vormittag auf dem Gehöft der De Marias geschehen war, gereicht der italienischen Resistenza nicht eben zum Ruhm.

Ziemlich deutlich sprechen Indizien etwa dafür, daß Claretta Petacci nach der Exekution Mussolinis vergewaltigt wurde. Die gellenden Hilfeschreie, die Dorina Mazzola nach den Schüssen auf den Diktator vernommen hatte, das Weinen, die entsetzten Schreie auch der Bäuerin scheinen darauf hinzuweisen.

Alle Berichte über die letzten Momente Mussolinis und Clarettas aus kommunistischen Quellen heben im übrigen umständlich hervor, daß die Frau, bevor sie von den Partisanen aus dem Haus geführt wurde, hektisch nach ihrem Slip suchte. Das klingt vorgeschoben.

Die Leiche, die in Mailand ankam, war nämlich unter dem Rock nackt. Ein Priester erbarmte sich und steckte das Kleid zusammen, bevor die Tote neben Mussolini an den Füßen auf dem Piazzale Loreto aufgehängt wurde.

Die roten Partisanen mußten darauf achten, ihre eigenmächtige Exekution vor dem Rest der Resistenza zu legitimieren. Audisio/Valerio schien dafür bestens geeignet. Er war Verbindungsoffizier zur Kampftruppe des gesamten italienischen Widerstands. Wenn er als Vollstrecker präsentiert wurde, konnte es so aussehen, als hätte er einen gemeinsamen Beschluß der Resistenza ausgeführt.

Dabei hat Audisio wahrscheinlich nicht einmal bei der postumen Aktion vor der Villa Belmonte mitgewirkt. Das belegen widersprüchliche Aussagen, die er selbst zum Thema machte. Das Haus, in dem die Familie De Maria wohnte, beschrieb er beispielsweise als »an den Berg geschmiegtes Bauernhäuschen«. In Wirklichkeit wohnten die De Marias aber in einem stattlichen, dreistöckigen Gebäude.

Partisanen aus Audisios Umgebung haben die Legende nie geglaubt - etwa »Bill«, stellvertretender Kommandeur der 52. Brigade. Als er Audisio 1957 wiedertraf, wußte er: Der kann''s nicht gewesen sein. Erst 1973 fand Bill auf einem Foto Klarheit. In einem Gruppenbild von KPI-Führern aus dem Jahr 1945 will er den Mann erkannt haben, der seiner Meinung nach Mussolini erschoß: Luigi Longo, später Generalsekretär der KPI.

Gerüchte dieser Art gab es seit langem. Ob Longo den Duce wirklich hingerichtet hat, wird sich kaum noch mit Gewißheit klären lassen.

Die KPI unter ihrem Vorsitzenden Palmiro Togliatti hatte jedenfalls gute Gründe, einen ihrer führenden Politiker von den Vorgängen am Comer See entfernt zu halten. Gerüchte, daß die Tötung Mussolinis sich anders abgespielt habe als in der Unità beschrieben, kursierten bereits unmittelbar nach der Tat. Auch darüber, daß Clara Petacci vor ihrer Erschießung vergewaltigt worden sei, wurde seit jeher gemunkelt. Und schließlich: Noch im Mai 1945 wurden führende Mitglieder der 52. Garibaldi-Brigade, die Mussolini verhaftet hatte, von ihren eigenen Genossen umgebracht - aus Gründen, welche die Unità noch heute als »ungeklärt« bezeichnet. Waren sie Augenzeugen der ersten und wirklichen Exekution? Ziemlich peinliche Fragen also, die Longo hätte beantworten müssen.

Vom Gramsci-Institut, dem Geschichtsforschungszentrum der KPI, heute PDS, kam keine Widerrede zu den Thesen Pisanòs. Dagegen bestätigte kürzlich Massimo Caprara, der von 1945 bis 1955 persönlicher Assistent Togliattis war, daß dieser den Befehl zur Exekution Mussolinis gegeben habe - im Alleingang.

Den stärksten Beleg für eine Vertuschungsaktion hat ausgerechnet eine Kommunistin geliefert. Sie hieß Francesca De Tomasi, war eine Cousine Audisios und arbeitete als Sekretärin im Mailänder Hauptquartier der Garibaldi-Brigaden.

Am 29. April 1945 sollte sie den offiziellen Bericht über die dramatischen Ereignisse des Vortages tippen. Seltsam nur: Der angebliche Tyrannen-Mörder Audisio machte den Eindruck, als wisse er nicht genau, was er doch selbst vollbracht haben sollte. Immer wieder zog er Notizen zu Rate, und die hatte sein Genosse Lampredi, der Vizekommandeur, aufgeschrieben - die Sekretärin erkannte dessen Schrift. Auch fragte ihn Audisio immer wieder nach Einzelheiten. Wieso?

Allmählich dämmerte der jungen Frau, daß hier etwas zurechtgelegt wurde. »Die offizielle Version, die ich schrieb, war zwischen beiden vorher abgesprochen«, versicherte die Sekretärin De Tomasi 1962 in einem Interview, von dem damals niemand Notiz nehmen mochte.

Diesen Verdacht bestärkte das Ende des Diktats. Lampredi, der in der Partisanen-Hierarchie über Audisio stand, klopfte seinem Gefährten wohlwollend auf die Schulter und sagte: »Also, einverstanden? Die Rolle des Helden mußt fortan du auf dich nehmen.«

Und zu Francesca: »Das ist die Version, die in die Geschichte eingeht, auf immer. Ist das klar?«

* Giorgio Pisanò: »Gli ultimi cinque secondi di Mussolini«. llSaggiatore; Mailand 1996.* 1945 am Mailänder Piazzale Loreto.

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