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GROSSBRITANNIEN Der Todestrieb der Tories

Die Konservativen wählten einen neuen Parteichef - und entschieden sich für den falschen: Der Anti-Europäer Duncan Smith hat keine Chance gegen Tony Blair.
aus DER SPIEGEL 39/2001

Wie gern Briten wetten, zeigt sich auf den Hauptstraßen - wo die Filialen der großen Buchmacher regen Zulauf haben, auch nach der Katastrophe von New York. Vor allem auf Ergebnisse im Sport und in der Politik setzen die Zocker bei den »Bookies«.

Als Iain Duncan Smith, 47, am 13. September als Gewinner einer Urwahl und neuer Führer der Konservativen vorgestellt wurde, sackte bei den Buchmachern der Kurs der ältesten politischen Partei der Welt prompt ab. Wer heute zwei Pfund auf einen Sieg der Tories bei den nächsten Wahlen setzt, kann - zumindest theoretisch - sieben Pfund gewinnen.

Praktisch erscheint eine baldige Rückkehr an die Regierung für die Partei von Benjamin Disraeli, Winston Churchill und Margaret Thatcher jedoch unwahrscheinlicher denn je. Der Aufstieg des entschiedenen Anti-Europäers Duncan Smith zum »Leader of Her Majesty''s Opposition« ist ein weiteres schweres Handicap für die Konservativen, die im Juni schon zum zweiten Mal vernichtend von Tony Blair und der Labour Party geschlagen wurden.

Der stockkonservative Duncan Smith, der im Unterhaus für die Todesstrafe und gegen die Abschaffung der Prügelstrafe an Schulen stimmte, wirkt in Blairs »Neuem Britannien« wie ein exotisches Relikt aus Merry Old England. Schon heute tritt »IDS«, wie ihn die Londoner Zeitungen abkürzen, als jener Landedelmann auf, der er einmal sein könnte, wenn er wirklich ein ganzes Dorf mit 120 Häusern erbt: Seine Frau Betsey hat als Tochter des fünften Barons Cottesloe Aussicht auf größere Ländereien in Buckinghamshire.

Ins Bild passt auch die militärische Familientradition: Der Vater von IDS riskierte Leib und Leben für das Königreich und soll als Pilot der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg 19 feindliche Flugzeuge abgeschossen haben. Der Junior absolvierte die Offiziersakademie in Sandhurst, diente bei den Scot Guards und arbeitete anschließend für einen Rüstungskonzern.

Nachdem Duncan Smith 1992 ins Unterhaus gewählt wurde, fiel er schnell durch seine Teilnahme am anti-europäischen Kreuzzug der so genannten Maastricht-Rebellen auf. Die EU, so befand er, diene »nicht etwa zur Eindämmung Deutschlands, sondern zur Förderung deutscher Vorherrschaft«. Gemeinsam mit anderen Gesinnungsgenossen wurde er zeitweilig aus der Tory-Fraktion ausgeschlossen; am ewigen innerparteilichen Streit über Europa scheiterte die letzte konservative Regierung des glücklosen John Major. Auch unter den 24 Mitgliedern seines Schattenkabinetts, das Duncan Smith nach der Wahl nominierte, dominieren unerfahrene Brüssel-Gegner. Zwar versichert der neue Oppositionsführer, dass er die Reform des staatlichen Gesundheitssystems und der öffentlichen Einrichtungen ins Zentrum seiner Arbeit

stellen werde. Liberale Konservative jedoch trauen dem Hardliner nicht zu, die verlorenen Wähler in der Mitte des politischen Spektrums zurückzugewinnen.

Vollends verbittern könnte er Großbritanniens junge, aufstrebende Mittelklasse, falls er sich daranmachen sollte, seine sozialpolitischen Überzeugungen umzusetzen. Immerhin hat er in der Vergangenheit schon die Abschaffung des Kindergeldes gefordert. Wenn er »die Partei nach rechts zieht«, drohte der moderate Vizevorsitzende Steve Norris, »werden ich und Tausende von Unterstützern gehen«.

Seit den glorreichen Zeiten von Premierministerin Thatcher haben Hunderttausende den Tories den Rücken gekehrt; die Zahl der Mitglieder schrumpfte von über einer Million auf 318 000. In den Ortsverbänden liegt der Altersdurchschnitt mittlerweile bei über 60 Jahren. Auf dem jährlichen Parteitag Anfang Oktober in Blackpool wird wieder die »blue-rinse brigade« das Bild beherrschen, die Reihen älterer Ladys mit blau getönten Haaren.

Nicht nur die Wahl von Duncan Smith zeigt, dass die Konservativen den Kontakt mit der Gesellschaft verloren haben. In den Reihen ihrer 166 Unterhausabgeordneten gibt es nur 14 Frauen; Angehörige ethnischer Minderheiten sind gar nicht in der Fraktion vertreten.

Gegen Duncan Smith unterlag der Ex-Schatzkanzler Kenneth Clarke, 61, ein über die Partei hinaus populärer Politiker. Dass Clarke wegen seiner proeuropäischen Einstellung nicht gewählt wurde, lässt sich nur so erklären: Die Mehrheit der Tories möchte offenbar selbst dann an ihren Träumen von englischer Größe und Souveränität festhalten, wenn sie dafür politische Bedeutungslosigkeit riskiert.

Diejenigen, die verstanden haben, dass Wahlen in der Mitte gewonnen werden, sind dagegen niedergeschlagen. Er fürchte, sagt John Downes, Chef des Ortsverbandes in Basingstoke, »dass Iain Duncan Smith uns in die Wildnis führen wird und wir als die dritte Partei enden werden«.

Da der neue Parteichef tatsächlich »so charismatisch wie eine leere Zigarettenschachtel« wirkt, so ein lästernder Ex-Kollege, ist das gut möglich. Denn trotz seines klaren Wahlerfolgs ist IDS kein Siegertyp.

Dieses Imageproblem ist ihm immerhin bewusst. Er müsse die Briten erst noch überzeugen, räumte Duncan Smith ein, »dass ich kein verkrusteter Tattergreis bin«. MICHAEL SONTHEIMER

* 1999 mit dem damaligen Parteichef William Hague.

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