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MACBETH Der Tradition an die Gurgel

aus DER SPIEGEL 27/1950

Wie ein Fliegenfänger lockte der Krawall-umwitterte »Macbeth«-Film bei der europäischen Uraufführung im Berliner »Delphi«-Palast. Man wollte etwas Ungewöhnliches sehen und gesehen werden. Aber Orson Welles hatte seinen Film weder mit Honig noch mit Leim bestrichen. Er nahm eine schwerverdauliche Mischung aus Blut, Symbolik, Nebel und Pappe. 109 Zuschauer entwichen vor Kinoschluß. Obwohl das Drehbuch es mit eineinviertel Stunden kurz machte.

Die übereilte Aufführung des Films zum »Kongreß für kulturelle Freiheit« ließ nur den Zwischenschnitt von schulmeisterlich erklärenden deutschen Texten zu. Diese Reminiszenz an biedere Stummfilmzeiten zerstückelte die optische Atmosphäre. Zum Verständnis des Inhalts muß man ohnehin seinen Shakespeare im Kopf haben. Im Film wird Altschottisch gesprochen.

Von der geplanten Synchronisation hat man sich jetzt distanziert. Nach einmaliger Darbietung im Mammut-»Delphi« steckte man den Streifen in das kleine »Kurbel«-Kino. Dort gähnten die Platzanweiserinnen. Inzwischen ist »Macbeth« abgesetzt und auf unbestimmte Zeit aus Berlin verschwunden.

Der Film wurde in der bei Welles gewohnten egozentrischen Personalunion geschaffen. Buch, Regie, Produktion und Hauptdarsteller: Orson Welles. Aus dem feindseligen Getümmel der Biennale riß der beleidigte »Macbeth«-Filmschöpfer im Vorjahr im letzten Augenblick sein Lieblingskind, dem bisher fast alle Leinwände der Welt versperrt blieben. Starrköpfig vertritt Welles trotzdem die Meinung: »Es gibt nur zwei meiner Filme, die ich ganz anerkenne: 'Citizen Kane' und 'Macbeth'.«

Orson Welles hat in London nur 21 Tage auf diese Arbeit verwendet. Am Anfang des Films läßt er in eigener Intuition die literarisch fundierten Hexen aus brodelndem Lehm einen symbolischen Miniatur-Macbeth formen. Dieser grobklotzige Akt entspricht der Filmregie.

Über Historie und dichterische Logik setzt sich Welles unbekümmert hinweg. Seine klobige Tropfsteinhöhle ist die ideale Wohnung eines Steinzeitmenschen. Den flimmernden Brokat seiner Kleidung scheint ein Hollywood-Carepaket in diese trostlose Pappmaché-Grotte eines undefinierbaren Zeitalters geschickt zu haben.

Manchmal springt der Filmmann Welles der Bühnentradition an die Gurgel. Dem denkenden Macbeth fährt die Kamera mitten in den wüsten Strudel des Gehirns. Blutüberströmte Hände spreizen sich übergroß in den Zuschauerraum. Die frei nach Welles eingeführte Axt, die das Haupt des Than von Cawdors fällt, wischt über das ganze Bild.

Wenn der Schauspieler Welles nicht optisch beteiligt ist, läßt Regisseur Welles die Zügel locker. Die Parkszene ist in einer einzigen Einstellung heruntergedreht. Wer im Bild etwas Besonderes zu sagen hat, geht auf die Kamera zu, die so zur starren Rampe wird. Das Publikum spürt förmlich, wie der gelangweilte Welles sich auf dem Regiestuhl herumlümmelt.

Wo eben möglich, taucht das Gesicht von Welles mit den großen Hundeaugen des schlechten Gewissens auf. Selbst bei dem Überfall auf Macduffs Schloß. Obgleich er dort nichts zu suchen hat.

Auf den wirren Locken trägt er die Zackenkrone wie ein Steuerrad. Die anderen Darsteller treten diskret in den Hintergrund. Sie sind ohnehin nur Statisten. Nur Lady Macbeth erhält einige schauspielerische Sonderrechte und zusätzlich eine wirkungsvolle Selbstmordszene.

Shakespeare kommt trotz der szenischen Vergewaltigung streckenweise recht zügig zu Wort. Macbeth-Welles macht zu seinen Monologen ein statuarisch-ruhiges Gesicht. Nur die Augen rollen und die Schweißperlen funkeln auf der gerunzelten Stirn.

Der angekündigte Welles erschien nicht zur Aufführung seines Films. Er entschuldigte sich mit Verpflichtungen in Paris. Dort strampelt das »Wunderkind von Hollywood« auf der Bühne seine eigensinnigen Talente frei: schreibend, spielend und inszenierend.

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