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Der unbändige Trieb

aus DER SPIEGEL 17/1949

Meine ganze Hoffnung ist das westdeutsche Grundgesetz«, sagt Anneliese Teetz und schnippelt mit großen Händen Grünzeug in den nachösterlichen Mittagseintopf. Mit dem, was die Bonner zu Artikel 4, Absatz 3, ausgedacht haben, ("Niemand darf wegen seines Geschlechtes ... benachteiligt ... werden") wird sie einen neuen Vorstoß machen. Anneliese Teetz will wieder zur See fahren, als Kapitän. Sie ist der erste weibliche Seeoffizier Deutschlands.

Seit sechs Jahren hat die kräftige Frau das Patent als Steuermann auf großer Fahrt. Damals, auf der Seefahrtschule, hieß sie noch Anneliese Sparbier. Vater Sparbier, mit einem guten Namen bei Hamburgs Sportlern, wollte von der Seefahrerei der Tochter erst gar nichts wissen. Er war Lehrer, und seine Tochter sollte auch Lehrerin werden. 1929 machte sie, 19jährige, ihr Abitur.

»Damals wäre ich schon am liebsten zur See gegangen, aber ich versuchte zunächst, den unbändigen Trieb zu unterdrücken«. Anneliese Sparbier studierte Geographie und machte 1932 ihre Volksschullehrer-Prüfung. Aber zwischendurch fuhr sie heimlich, als Junge verkleidet, auf Fischdampfern mit.

1935, aus der Prüfung für das höhere Lehramt heraus, wurde sie Fischdampfer-Matrose. Es gab Scherereien mit der Arbeitsfront. Ende 1943 bekam sie doch ihr Steuermanns-Patent. Zwei Tage später: Offizier auf dem Dampfer »Eschenburg«. Sieben Monate später: Heirat mit dem zweiten Maschinisten der »Eschenburg«, Ernst Teetz.

Heute freilich, im Ein-Zimmer-Appartement (Küche hinter dem Vorhang) am Falkensteiner Ufer in Blankenese ist es Anneliese Teetz, mit Herrenschnitt, kugelrunden Augen und arbeitslosem Mann nicht allein um die Romantik zu tun, sondern auch um die D-Mark. Ihre jetzige Lehrer-Stelle in Blankenese ist schmal besoldet. Die Cranzer Fischdampfer-Reederei A. G. hätte sie auch wieder angeheuert. Aber der Kollege Kuleiser vom DGB ist dagegen.

Kollege Kuleiser hat das Heuer-Büro am Altonaer Fischmarkt unter sich. Die Fischdampfer-Reeder stellen nur Leute an, die in des Kollegen Kuleisers Liste stehen. Das ist eine Vereinbarung aus der ersten Zeit nach 1945, als die Gewerkschaftler in den Entnazifizierungsausschüssen saßen.

Anneliese Teetz will der Kollege Kuleiser nicht in seine Liste schreiben. Er weiß noch gar nicht, wie er die vielen männlichen arbeitslosen Seeleute unterbringen soll. Außerdem trat Annelies Teetz 1937 in die NSDAP ein. Und schließlich kann sich der DGB überhaupt nicht für Frauen in der Seeschiffahrt erwärmen*).

Aus Axel Springers »Hamburger Abendblatt« haben die Teetzens die Bilderserie ehemaliger deutscher Schiffe ausgeschnitten, die dort regelmäßig abgedruckt werden. An den Zimmerwänden hängen Fischdampfer und Küstenschiffe, aus dem Tuschkasten, schön bunt. Auf dem Schreibtisch am Fenster steht ein überdimensionales Fernglas. Damit sehen sie zuweilen, wer auf der Elbe vorbeifährt.

Am liebsten würden sie auch einen Küstendampfer übernehmen, dessen Kapitän sich zur Ruhe setzten will. (Nach dem Kriege sind sie schon zusammen auf der 200-Tonnen-»Oliva« gefahren.) Aber das ist heute häufig ein unsicheres Geschäft. Von den 1200 Vorkriegs-Küstenschiffen haben rund zwei Drittel außenbords ein X vor ihre Registrierungsnummer pinseln müssen. Das heißt, diese Schiffe sind beschlagnahmt und können jederzeit weggeholt werden. Dann wäre Anneliese Teetz ihre Blankeneser Lehrerstelle los.

Mit ihren männlichen Mit-Schiffern ist Anneliese Teetz immer gut ausgekommen. Selbst ihr Mann hätte keine Bedenken, sie sofort wieder fahren zu lassen. »Es gab ja auch Sagenheldinnen, Königinnen, Seeräuberinnen und Freiheitskämpferinnen«, sagt Anneliese Teetz tief und hamburgisch. Und: »In Wirklichkeit sind beide Geschlechter gar nicht so verschieden«. Man glaubt es fast, wenn man sie ansieht.

*) Drei Gewerkschaften erheben Anspruch darauf, die Offiziere der Handelsmarine zu vertreten: Der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft und die Nautiker-Gilde. (vergl. Spiegel Nr. 24/48).

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