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Der unsichtbare Feind

New York im Ausnahmezustand: Die Metropole schien nach den Terroranschlägen in ihrem Überlebenswillen ungebrochen zu sein. Das Auftauchen der Anthrax-Briefe löst jetzt eine zweite Schreckenswelle aus. Die Stadt ist in ihrem Selbstbewusstsein tief verletzt.
aus DER SPIEGEL 43/2001

Sie hatten gedacht, die Katastrophe wäre beherrschbar geworden. Sie hatten die Nationalgarde am »Ground Zero« in Stellung gebracht und ihre Expertenteams zum Aufräumen geschickt. Sie hatten die wenigen Leichen geborgen, die im Feuer nicht zu Asche verbrannt waren, und sie hatten dafür gesorgt, dass Spezialisten bereit stehen, um jeden Finger, jeden Zeh zu identifizieren, den die Helfer aus dem Schutt sammeln.

Selbst an die Luftqualität dachten die Männer im Krisenstab von Bürgermeister Rudolph Giuliani: Jeden Tag messen Bedienstete der Gesundheitsbehörde den Gehalt an Asbest und anderen Stoffen. Die freigesetzten Mengen haben nie die zulässigen Werte überstiegen, heißt es.

Es ist eine tiefe Wunde, die der Weltmetropole am 11. September geschlagen wurde. Noch immer stehen über dem Berg, der einmal das World Trade Center war, graue Rauchschwaden. Doch die gewaltige Brache an der Südspitze New Yorks ist nicht nur ein Ort der Verwüstung; sie gilt auch als ein Symbol für den Überlebenswillen der Stadt und damit der ganzen Nation.

Am Rande des Trümmerfeldes haben sie eine kleine Tribüne errichtet, für die Abgeordneten aus Washington und die Staatsgäste, für die ein Besuch auf Ground Zero inzwischen zum Pflichtprogramm gehört. Neulich führte Giuliani Bundeskanzler Gerhard Schröder über die Fläche, die er und seine Leute seit dem 11. September kontrollieren. Er lachte. Er war stolz. Seine Stadt hatte der Welt bewiesen, dass zwei Flugzeuge, gefüllt mit Kerosin, nicht ausreichen, um New York in die Knie zu zwingen. »Wir werden nach dieser Tragödie stärker sein denn je«, sagte Giuliani.

Das war, bevor die Briefe ankamen. Bevor der unsichtbare Feind in die Stadt einsickerte und eine Furcht freisetzte, die kein Zentrum mehr hat, das man eingrenzen und beherrschen kann. Nun tragen die Rettungsteams gelbe HazMat-Schutzanzüge und Masken. Anstatt Schläuchen und Pickeln führen sie Wattestäbe mit sich, die wie überdimensionierte Q-Tips aussehen und mit denen sie vorsichtig über Schreibtischplatten und Computertastaturen fahren.

Anthrax heißt das Schreckenswort, Milzbrand. Erst traf es die Redaktion des Fernsehsenders NBC, dann die »New York Times«. Am Montag stürmten Sicherheitsbeamte eine Schule in Harlem, weil einem der Lehrer beim Öffnen der Post eine weiße Substanz über die Hände gerieselt war. Am Mittwoch mussten Büroräume von Gouverneur George Pataki an der Third Avenue evakuiert werden. Am Donnerstag wiesen die Ärzte eine CBS-Mitarbeiterin ins Krankenhaus ein. Am Freitag meldete die »New York Post« den ersten Milzbrandfall in ihren Räumen.

Und parallel kamen die Bilder aus Washington: Aus dem Kapitol stürzten Abgeordnete und Hunderte von Mitarbeitern ins Freie, auf der Flucht vor den Sporen, die aus den Klimaanlagen in ihre Büros wehten. 28 Angestellte, so ergaben erste Tests, wurden mit dem Pulver kontaminiert, das in einem Brief an den Senator Tom Daschle verborgen war. Seit 200 Jahren steht der weiße Säulenbau auf dem Hügel über der Hauptstadt - zum ersten Mal in seiner Geschichte musste das Kapitol geräumt werden.

Nach dem 11. September stand Amerika unter Schockstarre. Dann bewies es in groß inszenierten Totenfeiern seine Fähigkeit, öffentlich zu trauern, sammelte weltweit politische Unterstützung für den Krieg gegen den Terrorismus und begann ihn am 7. Oktober. Zugleich sollte und wollte das Land in den Alltag zurückfinden und dessen verbürgte Sicherheit.

Nun rollt die zweite Schreckenswelle. Alles scheint möglich. Und es ist der Alltag, in dem die Gefahr lauert. Was kommt als Nächstes: Gift im Trinkwasser? Milzbranderreger im Hamburger? Gas in der Untergrundbahn?

Es fällt schwer zu unterscheiden, was Panik ist und was ein Grund, Antibiotika zu schlucken oder die Polizei zu rufen. 2300 Meldungen über vermutete Bioterroranschläge waren bis zum Ende der vergangenen Woche bei den Behörden eingegangen - fast alles Falschmeldungen.

Die Sekretärin des NBC-Moderators Tom Brokaw, die in der Statistik nun als erstes Bioterroropfer in New York geführt wird, ist auf dem Weg der Besserung, heißt es. Sie hatte Glück, weil sie die Sporen, die ihr entgegenschlugen, nicht einatmete. Der Anschlag auf die »New York Times« war ein Fehlalarm, ebenso der auf die Microsoft-Filiale in Reno. Dafür erweist sich das Pulver, das an Senator Daschle adressiert war, als ziemliches Teufelszeug. Erste Meldungen, wonach Daschle waffenfähige Anthrax-Erreger erhielt, haben sich nicht bestätigt (siehe Seite 224).

Für Amerikaner ist »Angst« eigentlich ein typisch deutsches Wort. Sie haben es in ihren Wortschatz übernommen und setzen es in Zeitungsartikeln beziehungsreich in Kursiv. Es bezeichnet einen Gemütszustand, in dem grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Leben, der Umwelt und der Zukunft mitschwingt.

Angst heißt jetzt anxiety und beschreibt ein nervöses, zappeliges Land - »a jittery nation«. Das beklommene Grundgefühl passt so gar nicht zum Selbstbild der Amerikaner und auch nicht zum Bild, das sich die Welt von den Amerikanern macht. Zum pragmatischen Protestantismus, der die Abkömmlinge der Quäker, Puritaner und Methodisten eint, gehört der unverwandte Blick nach vorn, die stete Flucht in die Aktion, die Unwilligkeit innezuhalten.

»Zurück zur Normalität« lautete denn auch der Appell des Bürgermeisters, des Gouverneurs, des Präsidenten, als die Türme fielen. Geht in die Restaurants, besucht den Broadway, hatte Giuliani die New Yorker aufgefordert - und sie waren ihm zögernd, aber willig gefolgt. Verbringt mit euren Kindern den Sonntag im Park. Seht euch die Baseballspiele an. Geht einkaufen und helft unserer Wirtschaft. Es war die gleiche Botschaft, dutzendfach variiert, mit der die Stadt und das Land wieder zum Laufen gebracht werden sollte.

Die gewaltige Spannung, die jetzt über Amerika liegt, hat auch damit zu tun, dass die gebräuchlichen Reflexe nicht helfen, weil immer neuer Schrecken sie matt setzt. Plötzlich klingen die Durchhalteparolen flach und falsch. Wieder mahnt Giuliani zu Besonnenheit, versucht Panik zu dämpfen und bittet die Bürger seiner Stadt, »nicht überzureagieren«. Er setzt sich vor die Kameras und öffnet Briefe. Ohne Schutzanzug oder Atemmaske. Er trägt nicht einmal Handschuhe.

Vor einer Woche, als Giuliani noch den Ground Zero im Süden der Stadt überwachte, haben ihn die New Yorker für solche Auftritte geliebt. Nun erinnert er mit einem Mal fatal an den britischen Landwirtschaftsminister John Gummer, der während der BSE-Krise 1990 demonstrativ in einen Hamburger biss.

Es ist eben Krieg, nicht nur hinten in Afghanistan, sondern auch mitten in Amerika. Am Hindukusch zertrümmern US-Bomber Kommandozentralen und Raketenstellungen der Taliban oder versehentlich auch schon einmal ein Warenlager des Roten Kreuzes. Hier untergraben Briefe mit mehr oder minder effizienten Anthrax-Erregern das Selbstbewusstsein eines Landes, das sich für unverwundbar hielt.

Nach den Anschlägen vom 11. September konnte man die Täter zumindest benennen, ihre Bewegungen nachzeichnen, ihre Kontaktadressen ermitteln. Fahndungslisten haben auch etwas Beruhigendes: Sie geben der Bedrohung ein Gesicht und weisen die Richtung, in die der Gegenschlag erfolgen kann.

Diesmal verlieren sich die Spuren in den Postzentren in Trenton (New Jersey) oder St. Petersburg (Florida), wo täglich Zig- tausende Briefe sortiert und weiterversandt werden. Es ist noch nicht einmal klar, ob die Täter überhaupt aus dem Ausland stammen oder zu den Muslimkriegern des Osama Bin Laden gehören.

Vieles deutet darauf hin, dass zumindest ein Teil der Briefe von Extremisten im eigenen Land auf den Weg gebracht wurde - von religiösen Eiferern, radikalen Abtreibungsgegnern oder irgendwelchen Rechtsextremen, die oftmals gewaltbereiten Milizen angehören und alles verachten, was auch die Taliban hassen: Liberale, Juden, Feministinnen und natürlich New York und Washington.

Amerika stand geeint nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center, jedenfalls zogen die Bürger Trost aus dem Gedanken der Gemeinsamkeit. Nun zeigt sich, dass auch dieser mentale Schutzwall nicht hält. Die Anthrax-Anschläge erinnern das Land daran, dass es in seiner Mitte seine eigenen Fanatiker ausbrütet, Attentäter wie den Unabomber Ted Kaczynski oder den Golfkriegs-Veteranen Timothy McVeigh, der 168 Menschen in Oklahoma City in die Luft sprengte.

Präsident George W. Bush und sein Justizminister John Ashcroft werden nicht müde, die Amerikaner auf neue Anschläge vorzubereiten. Zu anderen Zeiten hätte das als unverantwortliche Panikmache gegolten, schließlich ist es laut Verfassung die Aufgabe der Regierung, Ruhe und Sicherheit zu gewährleisten. Jetzt aber herrscht der Ausnahmezustand.

Die Regierung hat 50 000 Reservisten einberufen und bietet die Nationalgarde zur Bewachung der Flughäfen auf. Seit vergangenem Donnerstag ist der Luftraum über dem Atommeiler Three Mile Island bei Harrisburg gesperrt, für alle Staudämme gelten verschärfte Schutzvorschriften. Awacs-Aufklärer der Nato sichern jetzt die Westküste.

»Dreht nicht durch, aber seid vorsichtig«, rät Bush seinen Landsleuten. Doch was heißt schon Vorsicht in diesen Tagen? Soll man jetzt besser die U-Bahn meiden? Ist eine Fahrt durch den Holland-Tunnel nach Manhattan wirklich sicherer? Wie gefährlich ist der Besuch eines Museums oder der Gang ins Kino?

Die Angst ist wie ein Schatten. Anstatt Restauranttipps tauschen die New Yorker Adressen, wo Gasmasken zu haben sind. Die für Kinder gibt es nur bei einem Spezialversand in New Jersey, der sie aus Israel importiert. Die Lieferfrist beträgt vier Wochen. Cipro, das einzige in den USA zugelassene Mittel gegen Lungenmilzbrand, ist in ganz New York ausverkauft.

»Ihr werdet das Gefühl der Angst nicht mehr verlieren«, hat Osama Bin Laden den Amerikanern prophezeit. Er wollte die Nation ins Herz treffen, und deshalb zielte er auf New York. Diese Stadt verkörpert alles, was die Welt an Amerika liebt und hasst. Sie ist der Inbegriff der Metropole und auch eine Projektionsfläche, aus der jeder lesen kann, was er will.

Keine Stadt leuchtet heller. Selbst auf Satellitenbildern ist New York noch als ein strahlender Punkt wahrzunehmen. Keine huldigt dem Kapitalismus so unverfroren, nirgendwo sonst geht es so unverblümt um Macht und Geld. Und so ist sie eben auch ein Sinnbild für die Hybris, vergleichbar mit dem biblischen Babel, wo die Menschen einen Turm bauten, »dessen Spitze in den Himmel reicht«.

New York ist die meistfotografierte, meistbesungene und natürlich auch meistbeschriebene Metropole aller Zeiten, ein aus Glas, Stein und Stahl errichteter Superlativ. Menschen aus 176 Ländern leben in den Schluchten Manhattans auf engstem Raum und tolerieren sich, das immerhin.

Vor allem aber ist New York das Symbol der ständigen Wiedergeburt. Keine Stadt wurde so oft für tot erklärt und hat sich dann doch immer wieder selbst erfunden, um dorthin zu gelangen, wo sie nach ihrem eigenen Selbstverständnis hingehört: nach ganz oben.

Welche Auswirkungen die Terrorangriffe auf das Selbstbewusstsein der Stadt haben werden, welchen bleibenden Schaden die Attentäter angerichtet haben, das ist derzeit noch schwer abzuschätzen. 4923 Menschen haben die einstürzenden Türme unter sich begraben, das ist jedenfalls die offizielle Zahl der Toten. Ganz genau weiß es noch immer niemand. 458 Leichen haben die Helfer aus den Trümmern gezogen, 408 konnten inzwischen einem Namen oder einer Adresse zugeordnet werden; die anderen sind verbrannt, zermalmt, zerstäubt.

Am leichtesten lassen sich die ökonomischen Folgen absehen. Im Trümmerberg im Süden Manhattans liegen 1235 000 Quadratmeter Bürofläche, so viel wie Großstädte wie Atlanta oder Miami insgesamt besitzen. 87 000 Arbeitsplätze hat der Anschlag bislang vernichtet, die meisten davon in den kleinen Geschäften, Gaststätten und Servicebetrieben, die von der Wall Street und den Touristen lebten, die nun fernbleiben.

In den Hotels der Stadt bleiben noch immer gut 40 Prozent der Betten unbelegt. Viele Musicals am Broadway laufen nur weiter, weil die Belegschaft auf einen Teil ihres Lohns verzichtet, einige Inszenierungen wurden wegen mangelnder Nachfrage ganz aus dem Programm genommen. Selbst Spitzenrestaurants wie der Rainbow Room im Rockefeller Center haben tagsüber geschlossen, weil sich so wenigstens ein Teil der Personalkosten sparen lässt.

Entscheidend für die Zukunft New Yorks wird sein, wie schnell es der Stadtregierung gelingt, ihr Finanzzentrum wieder aufzurichten. Viele der großen Banken, die ihren Sitz in den Zwillingstürmen des World Trade Center hatten oder in einem der angrenzenden, nun ebenfalls zerstörten Gebäude, sind ins Umland ausgewichen. Die meisten erklären zwar, dass sie nach Manhattan zurückkehren wollen. Aber mit Sorge registrieren die Stadtoberen, dass Firmen wie American Express langfristige Mietverträge abgeschlossen haben.

Mindestens ein Jahr werden die Aufräumarbeiten anhalten. Weil niemand bislang genau sagen kann, wie sich der Schuttberg verhält, wenn schweres Räumgerät in ihn hineinstößt, graben die Arbeitstrupps meist mit Schaufeln oder gar mit den Händen. Hinzu kommt, dass nur die komprimierte Schuttmasse aus Beton und Stahl den Flutwänden an der Westseite zum nahe gelegenen Hudson Halt gibt.

Völlig ungeklärt ist derzeit noch, ob es jemals gelingen wird, die U-Bahn-Tunnel wieder in Betrieb zu nehmen. Probebohrungen haben ergeben, dass ein Teil der Röhren geflutet ist. Die vier Linien, die direkt unter dem World Trade Center hindurchführten, beförderten täglich bis zu 200 000 Menschen. Experten schätzen, dass allein die Reparaturarbeiten am Tunnel, der auf die gegenüberliegende Seite des Hudson führt, drei Jahre dauern werden, mindestens.

Wer die vorläufige Schadensbilanz liest, die Stadtkämmerer Alan Hevesi kürzlich vorgelegt hat, dem wird schwindlig. Kosten für die Aufräumarbeiten, einschließlich der Überstunden der uniformierten Einsatzkräfte: 14 Milliarden Dollar. Reparatur der Telefonleitungen und Elektrokabel: 2 Milliarden. Wert der zerstörten Gebäude und Einrichtungen: 12 Milliarden. Verluste an Steuern: 1,3 Milliarden Dollar in den nächsten beiden Jahren.

Am Ende der Bilanz steht eine Zahl, die etwa dem Gesamtetat entspricht, über den die Stadt innerhalb der nächsten zwei Jahre verfügen wird: Gut 100 Milliarden Dollar wird der Anschlag auf das World Trade Center die Stadt bis 2003 kosten.

Ohne Hilfe aus Washington kann New York nicht überleben. Rund 17 Milliarden Dollar fließen der Stadt aus dem Nothilfeprogramm zu, das der Kongress verabschiedet hat. Diese Summe reicht, wenn man dem Kämmerer glauben kann, gerade hin, die Rechnungen der Baufirmen zu begleichen, die den Schuttberg abtragen und den Wiederaufbau bewerkstelligen. Gut 37 Milliarden erwartet die Stadt von den Versicherungen. Damit bleibt ein gewaltiges Defizit.

Doch mehr Geld loszueisen erweist sich zunehmend als schwierig. Gerade hat sich Gouverneur Pataki bei den Abgeordneten in Washington eine freundliche, aber bestimmte Absage eingeholt, als er darum bat, die Finanzhilfen für die Stadt aufzustocken. Schon erinnern die Kommentatoren an die siebziger Jahre, als Präsident Gerald Ford der damals hoch verschuldeten Kommune jede Bundeshilfe verweigerte. »Ford to City: Drop dead«, lautete die berühmte Schlagzeile der »Daily News«, die nun immer wieder im Faksimile gezeigt wird: Schert euch zum Teufel.

Zu allem Überfluss kommt den New Yorkern nun auch noch der Mann abhanden, an den sich die ganze Stadt anlehnen konnte. Am 6. November wird Giulianis Nachfolger gewählt, so verlangen es die Gesetze, die eine dritte Amtszeit verbieten.

Michael Bloomberg, Besitzer eines Finanzdienstes, Milliardär und Kandidat der Republikaner, wirbt für sich mit dem Satz, dass er kein Politiker, sondern ein Geschäftsmann sei. Solche Sprüche kommen im latent regierungsfeindlichen New York normalerweise gut an. Aber nun fragen sich viele, ob die Stadt nicht doch einen Bürgermeister braucht, der die Politikmaschine kennt und Beziehungen zum Establishment in Washington hat.

Der Demokrat Mark Green wiederum hat sein Berufsleben als Jurist in der Stadtverwaltung verbracht. Er ist gegen Steuererhöhungen und für das Recht auf Abtreibung. Natürlich will er mehr Lehrer einstellen und das Gesundheitssystem verbessern. Ein ehrenwertes, liberales Programm, ein Programm aus einer Zeit, als New York noch heil war und man sich an der Wall Street allenfalls Sorgen um die Höhe des nächsten Jahresbonus machte.

Für die Zukunft New Yorks gibt es drei Szenarien: Die düsterste Version beschreibt einen langsamen Niedergang. Erst wandern die Arbeitsplätze ins Umland, wo es sicherer ist und das Bauland billiger. Dann folgen den Jobs die Menschen und damit die Steuergelder. Am Ende bleibt eine ausgepowerte Metropole, deren Schulen und öffentliche Krankenhäuser verrotten, die ihre Polizisten nicht mehr bezahlen kann und auch nicht ihre Müllwerker.

Das hat New York schon einmal erlebt. Zwischen 1971 und 1975 war die Stadt so verschuldet, dass sie als Musterbeispiel eines unregierbaren Molochs galt, in dem die Krankheit, die Kriminalität und der Tod herrschten. Die Polizei hatte sich aus ganzen Vierteln zurückgezogen, der Central Park war »No-Go-Area«, in den Schächten der Untergrundbahn hatte sich ein eigener Kosmos der Armen und Ausgestoßenen gebildet, die in den Nachtstunden zu Beutezügen heraufkamen.

Szenario zwei, auf das sich die meisten Experten verständigen können, verheißt eine mühsame Erholung, an deren Ende die Stadt allerdings, das ist die gute Botschaft, zu alter Stärke zurückfinden wird. Die Entwicklung gleicht dabei einem U: Für den Wiederaufstieg sorgen die bewährten Kräfte des Kapitalismus, allen voran die Wall Street.

Die zuversichtlichste Variante baut auf den so genannten V-Effekt: Wie in der Industrie zwingt der Niedergang die Stadt zu Rationalisierungsprogrammen. Auch die Konzerne der Finanz- und Medienwelt verschlanken die Belegschaft, um Kosten zu sparen. Zunächst führt das zu weiteren Steuerausfällen, langfristig aber, so jedenfalls die Hoffnung, zu erhöhter Produktivität und Leistungsfähigkeit.

Auch die Anhänger dieses sehr optimistischen Szenarios können auf eine historische Parallele verweisen. Ab 1975 führte ein scharfes Sanierungsprogramm New York aus der Depression. In den letzten 20 Jahren hat die Stadtregierung stets einen ausgeglichenen Haushalt vorgelegt. Seit 1994, unter Bürgermeister Giuliani, schrumpften die Verbrechensraten auf ein Rekordtief. Die »Hauptstadt der Angst« galt bis zum 11. September als eine der sichersten Großstädte der USA.

Ob die Optimisten oder die Pessimisten Recht behalten, hängt auch von der sprichwörtlichen Widerstandsfähigkeit der New Yorker ab, ihrem Improvisationstalent und ihrem Nachbarschaftsgeist. Zäh zu sein ist von jeher eine Eigenschaft, die sich die New Yorker gern selbst attestieren. Glaubt man den Umfragen, dann ist der Lebenswille ungebrochen: So erklären 55 Prozent der New Yorker, dass sie in den kommenden Jahren auf jeden Fall in ihrer Stadt wohnen bleiben wollen. Im August, also einen Monat vor dem Angriff aufs World Trade Center, waren es nur 42 Prozent. Im Gegenzug ist die Zahl derjenigen, die New York verlassen wollen, von 35 Prozent auf 31 gesunken.

Vielleicht ist es ein Gefühl der Solidarität, dass die Menschen veranlasst, in solchen Umfragen trotzigen Stadtpatriotismus zu beweisen. Vielleicht wollen sie ihren Bürgermeister nicht enttäuschen, der den Mythos New York neu begründet hat.

Der Verlust an Orientierung zeigt sich im Kleinen. Ausgerechnet die New Yorker, so stolz auf ihre liberalen Grundsätze und immer auf spöttische Distanz zur Obrigkeit bedacht, befürworten nun mehrheitlich erweiterte Durchgriffsrechte der Polizei- und Justizorgane. Selbst das so genannte Racial Profiling, die gezielte Fahndung und Kontrolle auf Grund von Hautfarbe und ethnischer Zugehörigkeit, stößt jetzt auf breite Zustimmung. Auch 25 Prozent der Schwarzen und 37 Prozent der Hispanics, die bislang Opfer dieser verfassungswidrigen Polizeipraktik sind, finden die rassistische Fahndungsmethode nun ganz in Ordnung.

Angst macht klein und eng. Der Wunsch, dass die Krise enden möge und wieder ein Normalmaß an Sicherheit herrscht, ist übermächtig. Doch wie lässt sich eine offene Stadt wie New York wirksam gegen Attentate schützen? Gewiss, man kann an Ausfallstraßen Polizeisperren errichten und jeden verdächtigen Wagen kontrollieren, der über eine der Brücken oder durch einen Tunnel in die Stadt rollt.

Gerade mal zwei Wochen haben die Stadtoberen das durchgehalten. Dann haben sie kapituliert - nicht vor dem Protest der Bürger, die fügten sich geduldig allen Anweisungen, sondern weil jeder, der es ernst meint mit solchen Kontrollen, eine Art permanenten Ausnahmezustand verhängt.

Wenn man New York mit den Augen eines Sicherheitsexperten betrachtet, dann besteht es nur aus Zielen und Verdächtigen. Einige dieser Experten haben auf einem Symposium Vorschläge für ein neues Schutzkonzept skizziert: Flugabwehrraketen rund ums Empire State Building, Betonbarrikaden am Times Square, um die Gefahr von Autobomben zu minimieren, Überwachungskameras an allen bedeutsamen Punkten. Es ist das Modell einer Stadt, die zu einer gigantischen Fußgängerzone verlangsamt wird. Es ist die Vision einer Festung.

Das passt nicht zu New York und nicht zu Amerika. Und deshalb machen sie in der Stadt schon wieder Pläne, wie sie Lower Manhattan in neuem Glanz erstehen lassen können - schöner, größer, besser.

Es gibt bereits die ersten Konstruktionszeichnungen. Vielleicht müssen es ja nicht gleich die höchsten Türme der Welt sein, die an Stelle der 417 Meter hohen Twin Tower in den Himmel wachsen. Vielleicht reicht ja diesmal der etwas bescheidenere Entwurf für das neue World Trade Center, 200 Meter hoch pro Turm. Aber dafür sollen es dann vier an der Zahl sein.

JAN FLEISCHHAUER, GERHARD SPÖRL

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