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PRIVAT-TV Der Vater des Handymörders

Mit knalligen Titeln kämpft der Programmplaner von Sat 1 um gute Quoten - nicht immer zur Freude von Produzenten und Schauspielern.
Von Oliver Gehrs
aus DER SPIEGEL 49/1999

Der Kampf um den »Handymörder« war besonders hart. In stundenlangen Sitzungen hatte Volker Szezinski versucht, seine Kollegen von dem schaurigen Titel zu überzeugen. Hin und her wurde argumentiert, bis sich Szezinski, 39, schließlich durchsetzte. »'Handymörder' - das kommt wie ein Paukenschlag.«

Als Leiter der Programmplanung von Sat 1 weiß er schließlich am besten, wie die Zuschauer ticken. Welche Geschichten sie mögen, wann sie ein Melodram und wann eine Show bevorzugen - und bei welchen Titeln sie in Scharen zur Fernbedienung greifen. »Man muss die Stimmungslage im Publikum antexten«, doziert der Vater des »Handymörders« - also zum Beispiel mit einem Titel wie »Der Fremdgeher - Eine Ehefrau rechnet ab« an all die Gattinnen appellieren, die sich fragen, warum sie heute Abend schon wieder allein vor der Glotze sitzen.

Längst sind aus Fernsehfilmen Produkte geworden, die mit allen Möglichkeiten modernen Marketings auf den Markt gebracht werden. Vom Casting über die richtige Lichtsetzung bis zur musikalischen Untermalung begleiten die Produktmanager jede Filmproduktion - damit der Regisseur nicht etwa auf die Idee kommt, »Béla Bartók als Ausdruck der inneren Zerrissenheit des Protagonisten einzusetzen«. Denn, so Szezinski: »Alles Gymnasiasten-Gefidel ist kontraproduktiv.«

Ebenso Filmschaffende, die sich zu Hause beziehungsreiche Namen für ihre Werke ausdenken. Denn seit ungefähr drei Jahren nutzen die Sender auch die Spielfilm-Titel verstärkt als Marketing-Instrument im Kampf um die Einschaltquote. Wurden früher oft einfach die Vorschläge der Drehbuchautoren oder Produzenten übernommen, sinnieren heute bei den Privatkanälen ganze Mitarbeiterstäbe über verkaufsträchtige Wortschöpfungen. Zuweilen liegen für einen Film gleich 30 Vorschläge auf dem Tisch, aber nur die echten Knaller kommen durch: »Mörderjagd - Eine Frau schlägt zu«, »Die heilige Hure« oder »Schlank bis in den Tod«.

Anspielungsreiche Kreationen, die Neugier wecken, aber im Dunkeln lassen, worum es eigentlich geht, verschwinden zunehmend aus den Programmheften - zum Leidwesen von Produzenten und Drehbuchautoren, von denen sich viele ihrer künstlerischen Freiheit beraubt sehen. »Das ist ein absoluter Schock, wenn man erfährt, wie der Film plötzlich heißt«, sagt der Produzent Hermann Kirchmann, dessen Werk »Du sollst nicht töten« kurzerhand in »Hurenmord - ein Priester schweigt« umgetauft wurde.

Auch die Fernsehkritik beklagt das »Überschreiten von Geschmacksgrenzen«, und mancher Schauspieler fürchtet gar um das nächste Engagement, weil sich seine Filmografie liest, als hätte er vorrangig in Pornostreifen mitgewirkt.

»Die Latte der beleidigten Leberwürste ist lang«, sagt Szezinski. Letztlich sei ein Film aber immer ein kollektives Werk, bei dem jeder das zum Erfolg beitrage, was er am besten könne. Und das Betiteln ist nun mal seine Spezialität.

Zu diesem Zweck trifft sich in der Berliner Sat-1-Zentrale regelmäßig eine Runde aus Marketing-Leuten, Redakteuren und Programmplanern zum gemeinsamen Brainstorming. »Dort«, so philosophiert Szezinski, entstehe im Idealfall »ein hermeneutischer Diskurs, bei dem man versucht, sich der Marketing-Wahrheit zu nähern«. Und die sieht nun mal so aus, dass der durchschnittliche Zuschauer nicht über mehrdeutige Titel grübeln will. Bei »Mutti, hol mich aus dem Bordell« wird hingegen schlagartig klar, was die Programmuhr geschlagen hat.

Wie viele Zuschauer sich durch derart prosaische Heftigkeiten locken lassen, ist unklar. Bei RTL schätzt man den Quoten-Effekt auf bis zu 20 Prozent, bei Sat 1 ist man vorsichtiger, zumal die Möglichkeiten der Marktforschung begrenzt sind. Zwar wird vereinzelt getestet, wie Titel ankommen, am Ende aber zähle vor allem die Qualität des Films.

»Mit einem guten Titel kann man einen schlechten Film auch nicht retten«, heißt es. Wichtig sei zudem, »dass die Zuschauer nicht denken, hier seien nur Marktschreier am Werk«.

Dieser Eindruck drängt sich gelegentlich auf. So verbarg sich hinter dem »Beichtstuhl der Begierde« kein im klerikalen Milieu spielender Softporno, sondern lediglich eine melodramatische Beziehungskiste. »Nicht einmal eine deftige Liebesszene« sei vorgekommen, beschwerte sich die linke »Tageszeitung« - einer überschäumenden Libido sonst eher unverdächtig.

»Wenn jemand mit Begierde in den Beichtstuhl steigt, muss das noch lange kein Erotikthriller sein«, kontert Szezinski - der es geradezu als Nichtachtung empfindet, wenn seine durchdachten Stabreime als profane Sprücheklopferei abgetan werden. »Die Arroganz der Presse ist ganz schlimm.«

Schließlich entpuppt sich die Titelei im Arbeitszimmer des studierten Volkskundlers als wahre Wissenschaft. Zwischen einem Bild von Thomas Bernhard und 13 simultan laufenden Fernsehgeräten sinniert Szezinski über seinen Hang zu Alliterationen, die »kumpelhafte Konnotation« in »Stan Becker - auf eigene Faust« oder die gelungene »Titelarchitektur« von »Verbotenes Verlangen - Ich liebe meinen Schüler«.

Am Anfang aller Titel-Evolution stand 1992 »Mit dem Herzen einer Mutter«. Wie Szezinski den Film heute taufen würde, weiß er nicht. Nur so viel - schon allein, um mal ein paar Vorurteile abzubauen: »'Fucking city - ein Riesenständer räumt mächtig auf' würde der Film auch heute nicht heißen.« OLIVER GEHRS

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