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»Der Verkauf ist zu verstärken«

aus DER SPIEGEL 52/1990

Wenn der Bonner Beamte Volker Kähne zurückdenkt, was er in den vergangenen Wochen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR so alles erlebt hat, dann fühlt er sich in eine andere Welt versetzt: »Dort passiert eine Form der Wirtschaftskriminalität, wie man sie nur aus Staaten in Äquatornähe kennt.«

Kähne ist Chef des Anti-Korruptionsreferats im Bonner Verteidigungsministerium. Seit dem 4. November hat der ehemalige Berliner Oberstaatsanwalt seinen Arbeitsplatz schwerpunktmäßig nach Strausberg bei Berlin verlegt, wo bis zum 2. Oktober noch das Hauptquartier der Nationalen Volksarmee (NVA) residierte und wo heute Hardthöhen-General Jörg Schönbohm das Bundeswehrkommando Ost befehligt.

Nachdem Kähne erfolgreich nach verstecktem Vermögen der PDS und der Blockparteien gefahndet hat, versucht er jetzt, gigantischen Schiebereien beim Auflösen der ehemaligen NVA auf die Spur zu kommen. Verdächtig sind ehemalige NVA- und Stasi-Größen, obskure Waffenhändler, Geschäftemacher in Ost und West. Kähne weiß, daß er nur Erfolg haben kann, wenn er eine qualifizierte Crew zur Seite kriegt: »Die Dimension verlangt Schlagkraft.«

Bis zum letzten Tag vor dem Beitritt hat das nach den März-Wahlen von Pfarrer Rainer Eppelmann geführte Ministerium für Abrüstung und Verteidigung versucht, Waffen, Munition, Panzer, Flugzeuge, Schiffe, Hubschrauber in die Herstellerländer im Ostblock zu reexportieren oder an deutsche und internationale Waffenhändler zu verhökern. Aus Verträgen in Milliardenhöhe erwachsen möglicherweise Schadensersatzansprüche gegen die Bundesrepublik. Finanzminister Theo Waigel wird nach Ansicht von Experten nicht umhinkommen, im Haushalt weitere Mittel zum Ausgleich dieser Ansprüche bereitzuhalten - eine neue Kategorie von Kosten der Einheit.

In den ersten Wochen haben Kähnes Fahnder etwa 50 Fälle mit Verdacht auf kriminelle Handlungen erfaßt und etliche Ermittlungsverfahren eingeleitet. Den bisher entdeckten Schaden beziffert die Hardthöhe auf rund 100 Millionen Mark. In drei Fällen ist Anzeige erstattet worden.

Noch Mitte des Jahres waren sich Experten der Bonner Hardthöhe und Eppelmanns Leute einig, daß es bei einer Vereinigung für beide Seiten besser sei, wenn die NVA möglichst viel aus ihren riesigen Waffen- und Gerätereserven abstoße, bevor die Armee in der Bundeswehr aufgehe.

SPD-Rüstungsexperte Egon Bahr, der Eppelmann beriet, beratschlagte im Juli mit Bundeswehrgeneral Klaus Dieter Naumann. Beide waren sich einig, aus den riesigen, insgesamt 90 Milliarden Mark teuren Beständen solle soviel wie möglich von der künftigen gemeinsamen Streitmacht genutzt oder zugunsten der DDR-Kasse verkauft werden.

Es fiel den Ossis noch Anfang September sehr schwer, mitansehen zu müssen, daß die Verteidigungsgewalt schneller als erwartet - Ende April war Eppelmann noch von mindestens zwei Jahren NVA ausgegangen - an die überging, die ihnen Anfang Juli die D-Mark gebracht hatten. Als die Hardthöhe den Ostdeutschen mitteilte, daß Helmut Kohl den Amerikanern NVA-Material als deutschen Beitrag zum Aufmarsch am Golf versprochen habe, kam Trauer auf. Ein Eppelmann-Staatssekretär: »So geht ihr mit unserem Gerät um.«

Am 3. September, also im Monat vor dem Beitritt, ging dann Hardthöhen-Staatssekretär Ludwig-Holger Pfahls bis an den Rand der Souveränitätsverletzung. Er wies seinen Berliner Staatssekretärskollegen Werner Ablaß an: »Es sollte vermieden werden, daß Ressourcen der DDR, die für die militärische und zivile Landesverteidigung möglicherweise weiter nötig sind, zwischenzeitlich abgegeben bzw. veräußert werden . . . Weitere Entscheidungen über den Verkauf und die Abgabe von Ressourcen sollten künftig mit dem Bundesminister der Verteidigung über unsere Verbindungsgruppe beim Ministerium für Abrüstung und Verteidigung in Strausberg abgestimmt werden.«

Doch da war es schon zu spät. In Bonn waren die ersten Meldungen über abenteuerliche Waffendeals in der DDR eingelaufen, war die Gefahr der »Verschleuderung von Volksvermögen zu Lasten der Steuerzahler« (Hardthöhe) geortet. Aus dem Verdacht, daß sich ehemalige NVA- und Stasi-Größen in diese lukrativen Geschäfte eingeklinkt haben, um fette Beute zu machen, ist inzwischen Gewißheit geworden.

Aktivitäten deutscher Behörden zur Aufklärung krimineller Machenschaften, zur Schadensbegrenzung und -bekämpfung laufen auf Hochtouren. Eingeschaltet sind inzwischen neben dem Anti-Korruptionsreferat der Hardthöhe die Berliner Treuhand, das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung, die Außenstelle des Bonner Wirtschaftsministeriums, die »Prüfgruppe Transfer-Rubel« im Berliner Haus der Ministerien, die Zollfahndung in Bonn und Berlin, die Kriminalpolizei in Berlin und Potsdam, das Bundeskriminalamt und der Bundesrechnungshof.

Die Zollfahndung ermittelt auf breiter Front gegen die Nachfolgerin der noch bis in den Sommer hinein mit dem Export und Import von Wehrmaterial der DDR betrauten »Ingenieur-Technischer Außenhandel GmbH« (Ita) wegen des Verdachts illegalen Waffenhandels unter Umgehung des Kriegswaffenkontrollgesetzes und des Außenwirtschaftsgesetzes.

Das Unternehmen, das früher zum Imperium »Kommerzielle Koordinierung« von Honeckers Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski gehörte, war durch Aktivitäten seines früheren Mitarbeiters Volker Gafert aufgefallen (SPIEGEL 43/1990). Gafert, bis Mai 1990 Handelsattache bei der DDR-Botschaft in Neu-Delhi, hatte sich als Ita-Repräsentant anheischig gemacht, bestehende Waffenkontrakte abzuwickeln. Noch im August, so meldete die Bonner Botschaft in Neu-Delhi an das Auswärtige Amt, habe die Ita den Indern 300 T-72-Panzer und Ersatzteile für die MiG-21 offeriert.

Die Zollfahnder haben inzwischen weitere Verträge mit Algerien, Sambia, Uganda, Irak, dem Nord-Jemen und Süd-Jemen entdeckt. Allein gegenüber Indien bestünden noch »Liefer- und Leistungsgarantien« der Ita in Höhe von knapp 800 000 Mark.

Aufgeflogen ist die Ita im Sommer beim Versuch, Panzer zum Brückenlegen in den Irak zu liefern.

Trotzdem funktionieren die alten Seilschaften noch. Geschäftsführer Heinz Menzel, früher Abteilungsleiter im Ministerium für Außenhandel, ist zur Zeit dabei, das Ita-Imperium in Tochter- und Enkelgesellschaften aufzugliedern. Drei seiner Leute, allesamt NVA-Offiziere, hat er im Amt für Beschaffung untergebracht. Er selber sorgte auch nach dem Beitritt noch für Ordnung - auf alte Weise: Am 12. Oktober wies er eine Firma in Königswartha an, »sämtliche Dokumentationen« über die Lizenzproduktion einer sowjetischen Panzerfaustwaffe, RPG 18, »vollständig zu vernichten« - und verlangte dafür »eine schriftliche Bestätigung der Geschäftsleitung«.

Seit deutlich wurde, daß DDR und NVA vor dem Aus standen, fand auf dem östlichen Territorium, in den Schreibstuben des alten NVA-Hauptquartiers in Strausberg, des Beschaffungsamtes in der Berliner Schnellerstraße und in den Standorten der größte Waffen- und Munitionsbasar auf deutschem Boden statt.

Am 3. Oktober waren Beamte aus der Rüstungsabteilung der Bonner Hardthöhe in Strausberg eingerückt, um die Auflösung der NVA-Bestände zu kontrollieren und um zu prüfen, ob in der Zeit zwischen der Wende und dem Beitritt alles mit rechten Dingen zugegangen war. Das Sagen übernahm der Unterabteilungsleiter »Rüstung« des Bonner Verteidigungsministeriums, Gunnar Simon, ein Schwabe, der früher mal das Büro von Ex-Verteidigungsminister Manfred Wörner steuerte. Formeller Chef blieb Eppelmanns Staatssekretär Werner Ablaß.

Schon bald nach ihrem Einzug merkten Simon und seine Helfer, was in Strausberg alles möglich war. Waffenhändler unterschiedlicher Provenienz sprachen vor, und manche nahmen die Ware sogar direkt mit, so zum Beispiel der Regensburger Waffenhändler Stefan Harlacher, der sich 6000 Waffen samt Munition sicherte und davon 1000 Pistolen und Gewehre gegen einen 70 000-Mark-Scheck im Kleinlaster abholte: Makarow-Pistolen, Dragonow-Gewehre, Selbstlade-Karabiner, Kleinkaliber-Gewehre.

Andere präsentierten den Bonner Kontrolleuren Verträge, meist unterzeichnet von dem zweiten Eppelmann-Staatssekretär Frank Marczinek. Unterabteilungsleiter Simon: »Wir haben uns alles angeguckt und dabei festgestellt, daß viel abgeholt wird. Doch wir wußten nicht, warum.« Kopien der noch bis zum 2. Oktober geschlossenen Verträge waren nicht aufzutreiben. Belege für die Rechnungseingänge fehlten. Statt dessen stießen sie auf ein Phänomen. Für eine sozialistische Kommandowirtschaft unüblich, hatten die Ostdeutschen einen erstaunlichen Hang zur Dezentralisation entwickelt: Bei der NVA gab es über 300 Kassenbücher.

Bares fand sich kaum. Eppelmanns Leute haben aus den Verkäufen, so bestätigte ein Simon-Mitarbeiter, die Kassen aufgefüllt, aus denen Betriebskosten und Sold bestritten wurden.

Die Ostdeutschen handelten dabei im Sinne ihres friedensbewegten Ministers. Der hatte am 16. August seinen »Befehl Nr.: 31/90« über »Maßnahmen zum Verkauf von Material und Ausrüstung aus den Beständen der NVA« erteilt: »Zur Beschleunigung der bisher eingeleiteten Maßnahmen bei der Verwertung von Material und Ausrüstung (im weiteren Wehrmaterial genannt) durch Verkauf befehle ich: 1. Die Anstrengungen zum Verkauf von Wehrmaterial sind zu verstärken.« In diesem »Verkauf«, so heißt es weiter, seien die für die NVA-»Bedarfsdeckung bisher genutzten militärischen und zivilen Organe/Organisationen . . . stärker als bisher« einzubeziehen. Durch »gezielte Marktarbeit« solle der Bedarf ausländischer Interessenten ermittelt und dem Minister zur Bestätigung vorgelegt werden.

Staatssekretär Marczinek präzisierte am 22. August den Befehl seines Vorgesetzten durch sogenannte »Festlegungen über Export sowie den Reexport« in Herstellerländer des Warschauer Paktes.

Dabei ließ Marczinek feine Unterscheidungen zu. Das zur Ausfuhr bestimmte Wehrmaterial solle zwar nach den strengen Kategorien des bundesdeutschen Kriegswaffenkontrollgesetzes vorschriftsmäßig eingeordnet werden, also getrennt nach Kriegswaffen und allgemeinem Wehrmaterial. Ansonsten solle aber DDR-Recht gelten, der Endverbleib des NVA-Materials sei lediglich »glaubhaft« zu machen. Präzise und streng auch Punkt 7 der Festlegung: »Die Erlöse aus der Ausfuhr von Wehrmaterial der NVA sind im Haushalt des Ministeriums für Abrüstung und Verteidigung zu vereinnahmen.«

Vergebens versuchten die Beamten des Simon-Stabes, aus Restbeständen der Eppelmann-Akten Einblick in den Strausberger Militärbasar zu gewinnen. Um auf Nummer sicher zu gehen, schlossen sie erst mal die Lager. Simons Kalkül: »Wer was will, wird kommen.« Referent Hager: »Wir wollten die Mäuse aus den Löchern locken.«

Inzwischen haben die Beamten 65 Verträge registriert. Davon wurden 18 zwischen dem 2. Juli und dem 30. August abgeschlossen, also vom Tag der Währungsunion bis zur Veröffentlichung der von der DDR-Volkskammer beschlossenen »Zweiten Durchführungsverordnung zum Treuhandgesetz«. Danach war fortan das »ausgesonderte Militärvermögen« der Treuhandanstalt in Berlin zu übertragen.

Die meisten, bislang 47 Verträge, stammen aus den letzten acht Wochen der DDR. Viele wurden erst am 2. Oktober von Staatssekretär Marczinek gegengezeichnet. Unterschrieben sind die meisten von Generalleutnant E. Ullmann, damals Leiter des Beschaffungsamtes in der Berliner Schnellerstraße. Das kaufmännisch nicht versierte Spitzentrio des Ministeriums - Eppelmann, Ablaß, Marczinek - ließ sich beim großen Ausverkauf von der Ost-Berliner »Dr. Ackert & Partner Unternehmensberatung GmbH« helfen. Die beiden Gesellschafter haben einen bewegten Lebenslauf. Sie waren früher bei der zum Bereich von Honeckers Außenhandelsminister Gerhard Beil gehörenden Finanzberatungsfirma Iberma beschäftigt, der Jurist Heino Ackert bis Anfang dieses Jahres als stellvertretender Generaldirektor. Partner Bertholt Barluschke verließ nach eigenen Angaben 1984 die Iberma und behauptet, seit 1987 im rheinhessischen Gau-Algesheim von den Bezügen seiner österreichischen Frau gelebt zu haben.

Die beiden vermittelten dem Eppelmann-Ministerium eine amerikanische Firma zur Entsorgung verseuchter NVA-Liegenschaften. Auf diese Weise, so behaupten beide, seien sie auch in die Verwertung von Liegenschaften und Wehrmaterial einbezogen worden. Obwohl Ackert »nie in seinem Leben etwa mit Waffen zu tun« gehabt habe, mündete die Beziehung am 2. August in einen von Staatssekretär Ablaß gegengezeichneten »Rahmenvertrag«. Gegenstand: Beratung »bei der Lösung von Problemen im Zusammenhang mit der Abrüstung und Konversion«.

Vertraglich ließen sich die Berater die kostenlose Benutzung von NVA-Räumen in der Berliner Schnellerstraße und für spätere Zeiten das Mietrecht für dieses Objekt in bester Lage garantieren. Per »Vereinbarung« vom 17. August wurde der Firma eine Provision von 0,75 Prozent auf den vereinbarten Wert jener Verträge zugesichert, bei deren Zustandekommen Ackert, Barluschke oder der ehemalige NVA-Oberst Schubert beteiligt waren. Am 28. August adelte schließlich Minister Eppelmann das Bündnis mit Befehl Nr. 32/90. Nachdem die frühere staatliche Waffenhandelsfirma Ita ausgefallen war, ernannte Eppelmann darin die Herren Barluschke und Schubert zu »Sonderbeauftragten« seines Ministeriums mit der Aufgabe, den »Re-Export von Wehrmaterial in die UdSSR, die Republik Polen, die Republik Ungarn und die CSFR« zusammen mit dem Berliner Beschaffungsamt »zu koordinieren und zu kontrollieren«.

Von August bis 2. Oktober will das Unternehmen ein NVA-Materialvolumen im Wert zwischen 600 Millionen und einer Milliarde Mark verkauft haben, darunter für 119 Millionen Wehrmaterial an Ungarn und 207 Millionen für Polen. Außerdem gibt es Absichtserklärungen mit der CSFR über 60 bis 70 Millionen. Die Ware sei meist freihändig, ohne Ausschreibung, vergeben worden, zu Preisen von etwa 25 Prozent des Beschaffungswertes in Mark der DDR.

Besonders stolz sind die beiden Dreiviertel-Prozenter auf zwei dickvolumige Kontrakte mit zwei ausländischen Abnehmern: der bei Antwerpen ansässigen »BEIJ-MA Military Department«, und der »CIC International Ltd.«, mit Sitz in New York und Madrid. Beide können für die Bonner Regierung noch zu teuren Adressen werden.

»CIC International Ltd.« hat am 28. September mit dem Eppelmann-Ministerium einen Vertrag geschlossen, der am 1. Oktober von Staatssekretär Marczinek bestätigt wurde. Viereinhalb DIN-A4-Seiten umfassen die Kaufwünsche. Eine Auswahl: 40 MiG-21, 40 MiG-23, 15 Jagdbomber SU-22 M4, 30 MiG-21-Schulflugzeuge, 8 MiG-23-Schulflugzeuge, 20 Marineflugzeuge, 35 Hubschrauber, 100 Ersatztriebwerke für MiG-23, 550 Kanonen und Haubitzen, 750 Flakgeschütze, 15 000 Panzerabwehr-Lenkraketen, 1200 T-55-Panzer, 200 T-72, 350 000 Sturmgewehre, 50 000 Pistolen, 100 000 Panzerbüchsen. Dazu: hochmoderne Raketenschnellboote.

Für den 25. November hatten die CIC-Leute bereits mit der NVA den Besuch einer siebenköpfigen pakistanischen Delegation unter Leitung eines Generalmajors vereinbart, die am 26 und 27. November die T-72-Panzer testen wollte.

Doch bislang ist die heiße Ware weder geliefert noch mag Bonn die Gültigkeit des Vertrages anerkennen. Die Ministerien der Verteidigung, Wirtschaft und Finanzen berufen sich auf DDR-Recht: Nach Inkrafttreten der 2. Durchführungsverordnung Ende August sei das Eppelmann-Ministerium nicht mehr zum Verkauf ausgesonderten NVA-Materials berechtigt gewesen. Mithin seien die Verträge ungültig, das Verteidigungsministerium brauche nicht zu liefern.

CIC Madrid verlangte am 14. November in einem Schreiben an »Minister Haussmann, Bundesamt für Wirtschaft« die »exakte und sofortige Erfüllung« des Vertrages. »Andernfalls«, so schrieben die Waffenhändler, »gerät unsere Firma in unkalkulierbare finanzielle Schwierigkeiten, mit der Gefahr eines Bankrotts in naher Zukunft, bedingt durch den Verlust wichtiger Kunden und Geschäfte«. Zwei Tage später folgte ein Fax an dieselbe Adresse: CIC habe als »Vertragspartner im guten Glauben« gehandelt und deswegen das Schiedsgericht der Internationalen Handelskammer in Paris angerufen. Höhe der Schadensersatzforderung: 150 Millionen Dollar.

Mit 58 Millionen Mark Schadensersatzansprüchen ist die belgische »BEIJ-MA, Military Departement« dabei. Geschäftsführer: Karl-Heinz Schulz, nach eigenen Angaben deutscher Staatsbürger und seit 1971 in Belgien aktiv. Dort schmückt sich die Firma mit der »belgischen Kriegswaffenhändlerlizenz Nr. 16 des Justizministeriums des Königreiches Belgien«. Im zentralen Brüsseler Handelsregister findet sich kein Eintrag der Firma.

Gekauft wurden zu »Schleuderpreisen« (Pfahls) laut Vertrag vom 29. September unter anderem 100 T-72 mit Ersatzteilen und Munition für insgesamt 18 Millionen Mark. 12 Grenzboote wechselten auf dem Papier für 31 320 Mark den Besitzer, außerdem 42 Hubschrauber für 15,3 Millionen, drei Hochseeschlepper für 30 000, 45 000 Makarow-Pistolen für 10 Mark das Stück sowie 1000 Ehrendolche für 15 Mark. Jede der Anlagen zum Kaufvertrag trägt den Ministeriumsstempel sowie die Unterschriften von Schulz, Ullmann und Marczinek.

Schulz, der seit 1984 mit der DDR Waffengeschäfte gemacht haben will, war Ende der siebziger Jahre in einen Waffenhandelsskandal verwickelt. Er hatte nach eigenen Angaben die Firma Armaco des später wegen illegalen Waffenhandels verurteilten ehemaligen Fremdenlegionärs Armand ("Big Cigar") Donnay beim Verkauf von Schußwaffen für die irakische Luftwaffe vertreten. Bei Armaco in Lüttich lernte er Edwin P. Wilson kennen, einen ehemaligen CIA-Agenten, der vor seiner Verhaftung 1982 als Armacos Mann in Libyen dem Diktator Muammar el-Gaddafi Munition, Sprengstoff und High-Tech geliefert hatte.

Im gleichen Sinne wie CIC verlangt auch Schulz Vertragserfüllung, da er, wie er sagt, »als guter Kaufmann die Waren natürlich weiterverkauft« hat.

Bei der Berliner Staatsanwaltschaft läuft ein Verfahren gegen zwei ehemalige NVA-Angehörige. Die beiden, so hieß es aus dem Kommissariat Kähne, hätten sogar noch nach dem Beitritt der DDR versucht, 100 neue NVA-Jeeps des sowjetischen Typs »UAS« im Werte von einer Million Mark (Stückpreis: 10 000 Mark) an westdeutsche Händler loszuschlagen. Zugegeben hätten sie, bereits vor dem 3. Oktober einen Teil der ursprünglich 128 Fahrzeuge für 11 900 Mark, später für 9500 Mark an Private verkauft zu haben.

In Burg bei Magdeburg muß die dortige Staatsanwaltschaft einer anderen Anzeige nachgehen: Da waren Fallschirme im Wert von 400 000 Mark und pyrotechnische Munition für 40 000 Mark verschwunden. Ehemalige NVA-Angehörige hatten das Zeug »umgelagert« in eine inzwischen von ihnen mit einem Wessi privat betriebene Springer-Schule.

In Hamburg liegt eine Anzeige gegen eine Schrottfirma vor, die sich der Mithilfe ehemaliger NVA-Offiziere beim Einkauf bedient haben soll.

Die Firma »WSB Schrott- und Rohstoffgroßhandel Export und Import OHG, Hamburg/Eisleben, Wilhelm-Pieck-Straße 33, 4250 Eisleben« hat inzwischen mehr als 20 Verträge mit einem Volumen von insgesamt rund fünf Millionen Mark abgeschlossen.

In Strausberg tauchte Mitte Oktober der Verdacht auf, zwei ehemalige NVA-Obristen könnten nach dem Beitritt die Fronten gewechselt haben und fortan im Sold des Hamburger Schrotthändlers stehen. Kurz vorher, um den 30. September, hätten beide, allerdings noch im Waffenrock der NVA, einen Vertrag mit WSB über die Verschrottung von panzertechnischem Gerät abgeschlossen.

Einem Riesendeal mit Uniformen und sonstigen Kleidungsstücken kam die Hardthöhe erst auf die Spur, als es wahrscheinlich schon zu spät war. Der Militaria-Händler Sturm aus Rottenburg am Neckar gründete eigens die Vemag Verwertungsgesellschaft militärischer Ausrüstungsgüter mbH (später in Vemig umbenannt), die noch vor der Währungsunion einen fünfjährigen Rahmenvertrag mit dem Hause Eppelmann schloß. Gegenstand: sämtliche militärischen Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenstände der NVA, egal, ob neu, gebraucht oder ausgesondert. Die Ware hat nach Schätzungen der Hardthöhe einen Wert von rund 2,4 Milliarden Mark und eröffnet fette Gewinnchancen.

Ohne lange zu fackeln, griffen die Ministerialen in der vorigen Woche in einem anderen Fall zu. Vom Hof eines Gebrauchtwagenhändlers in Lippstadt ließ die Bundeswehr 70 Schützenpanzer, Lastwagen und Anhänger aus NVA-Beständen abschleppen. Etwa 20 Tankanhänger hatte der Händler allerdings schon nach Hamm weiterverkauft.

Die Bundesregierung hat die Affäre bislang sorgsam unter Verschluß gehalten, wirft sie doch kein gutes Licht auf ihre generelle Zusage, bei der Einigung für Verpflichtungen der ehemaligen DDR aufzukommen.

Ein Beteiligter schützt Unkenntnis vor, Rainer Eppelmann. Der vom Demokratischen Aufbruch zur CDU konvertierte Bundestagsabgeordnete will mit dem Milliarden-Basar nichts zu tun gehabt haben: »Das bin ich ja nicht gewesen.« Er weiß nicht einmal über den von ihm unterschriebenen Befehl Nr. 31/90 Bescheid, der erst richtig Tempo ins Geschäft brachte.

Eppelmann zunächst: »So einen Befehl habe ich doch gar nicht unterschrieben.« Wenig später war er sich nicht mehr »ganz sicher, weil mir natürlich auch Briefe vorgelegt worden sind, wo ich dann nicht von der ersten bis zur letzten Zeile alles gelesen habe«.

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