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ERICH BÖHME Der Waldheim-Effekt

Von Erich Böhme
aus DER SPIEGEL 46/1986

Es war der Herr und nicht sein Knecht. Wenn denn die deutsche Sprache in Helmut Kohls Reich noch gilt, dann hat der Kanzler den sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow mit Hitlers Wollt-ihr-dentotalen-Krieg-Hetzer Joseph Goebbels verglichen. Der von Regierungssprecher Friedhelm Ost eingeballhornte Zusatz hat den Vergleich verbal zwar verschärft, seinen Charakter aber nicht verändert.

Man muß doch die Dinge auf den Punkt bringen: *___"Newsweek« hat »Sinn und In halt« der Kanzlerworte ____korrekt wiedergegeben und nicht, wie Kohl bei seiner ____Quasi-Entschuldi gung vor dem Bundestag be hauptete, ____nicht korrekt; *___der Kanzler hätte mithin vorm Parlament seinen ____beschämenden Vergleich »bedauern« müssen, nicht aber ____den angeblich falschen Eindruck, den die Journalisten ____er weckt haben sollen.

Sieht man einmal davon ab, daß der Regierungssprecher nach einschlägiger Erfahrung Kohl-Interviews eigentlich zensieren, wenn nicht gar verhindern müßte, will sagen Schaden vom Kanzler abwenden, und sieht man davon ab, daß er ihn wenigstens nachträglich davor bewahren müßte, sich im eigenen Flunkern zu verheddern, dann kann es nur heißen: Diese Suppe hat der Chef selbst gekocht.

Und diesmal hilft die nützliche Floskel vom »Blackout« wenig, mit der Kanzler-Helfer Geißler den Kopf seines Herrn jüngst aus der Schlinge uneidlicher Falschaussage gezogen hatte. Helmut Kohl hatte keinen Blackout, als er vor dem Mikrophon der Amerikaner auslief wie ein Spiegelei. Es hat ihn nicht eine Minute geniert, den noch viel peinlicheren Vergleich zwischen Reykjavik und München '38 zu ziehen, der ja doch - wenn halt Kohlsche Sprachkunst und Kohlsches Geschichtsverständnis überhaupt einen Sinn machen können - sagen soll, auf der kalten Insel sei ein friedliebender Reagan (= Chamberlain und Daladier) einem kriegslüsternen Gorbatschow (= Hitler) aufgesessen.

Einem Kanzler von Geschmack wäre doch eher die Zunge aus dem Mund gefallen, als daß er sein Wahlergebnis mit dem Hitlers verglichen hätte.

Es kann sich also nicht einmal um den seltenen medizinischen Fall eines anderthalb Stunden anhaltenden Dauer-Blackouts gehandelt haben. Entstammen doch Metaphern und Sprachbilder jenem historischen Steinbruch, aus dem sich neuerdings professionelle Wende-Historiker immer freier bedienen und der Cumlaude-Amateur Kohl besonders bedenkenlos.

Wie anders wäre zu erklären, daß sich Staatsbesucher Kohl in Israel hinter der Gnade seiner späten Geburt versteckte und seinen damaligen Ost, den mundflinken Peter Boenisch, die Gastgeber vor der »Instrumentalisierung« von Auschwitz warnen ließ? Wie anders, daß er seinen Gast Ronald Reagan, den Repräsentanten eines Mitgliedes der ehemaligen Anti-Hitler-Koalition, über SS-Gräber in Bitburg stolpern ließ? Wie anders, daß er seinen Schlesiern von gestern, die sich gerade anschickten, ihr Schlesien einzuklagen, die Ehre seiner Teilnahme am Revanchisten-Treffen zuteil werden ließ? Wie anders, daß er dem seine Dritte-Reich-Vergangenheit peinlich wegflunkernden Österreicher Waldheim das Gütesiegel des »großartigen Patrioten« verlieh?

Der Waldheim hat ja dann auch gewonnen mit Kohls Tüv-Plakette und der dreist nationalistischen Attitüde, man lasse sich als patriotischer Österreicher von anderen nicht vorschreiben, wen man zu wählen habe.

Und, siehe da, auch in des Kanzlers schwarzem Schatten gedeihen Sprüche wie: Von den Russen lasse man sich nicht vorschreiben, wie Entschuldigung oder Bedauern auszusehen hätten (folgerichtig: weil man sich vorher auch nicht darum geschert hat, ob und wie man den sowjetischen Generalsekretär beleidige) und von den Sozialdemokraten schon gar nicht. Denen werde ihr Bundestagsauftritt schon noch übel aufstoßen (den Nest-Beschmutzern).

Der Kanzler, unterstützt von seinen Helfern, glaubt sich auf einer Wellenlänge mit seinen Wählern, und die, so scheint es ihm, verfügen über eine ausreichende Mehrheit. Trüge ein solcher Waldheim-Effekt, dann erwiesen sich seine Ausfälle nicht als hinderlich, der neue Marsch auf Bonn gesichert. Trügt er aber (siehe die SPIEGEL-Umfrage in diesem Heft), dann ist Bonn noch nicht ganz verloren.

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