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DER WALLACE-MANN

aus DER SPIEGEL 43/1968

Im US-Nachrichtenmagazin »Newsweek« analysierte der renommierte amerikanische Kolumnist Stewart Alsop, 54, die Wallace-Wähler:

Man trifft ihn auf jeder Wallace-Veranstaltung - einen großen, stämmigen Kerl, der aussieht, als ob er sich jeden Samstagabend in seiner Kneipe mit Bier vollaufen ließe, der schreit und jubelt und mit den Füßen stampft, wenn George Wallace auf die »eierköpfigen Pseudo-Intellektuellen« schimpft, »die nicht einmal genug Grips haben, um ein Fahrrad ordentlich zu parken«. Dieser Mann ist der Wallace-Mann. Wer ist er und warum ist er für Wallace?

Wallace sagt, seine Wähler seien »Automobilarbeiter, Stahlarbeiter oder Taxifahrer«, und er ist zuversichtlich, daß sie ihn zum Präsidenten machen - wenn nicht 1968, dann 1972. Und er könnte recht haben.

Der Wallace-Mann selbst brummt auf die Frage, warum er für Wallace sei, irgend etwas, zum Beispiel, daß Wallace »einige recht gute Ansichten hat«.

Wallace-Gegner schreiben den typischen Wallace-Mann als simplen Rassisten ab. Aber wenn man genauer hinsieht, erkennt man, daß es so einfach nicht ist.

Nehmen wir an, der Wallace-Mann ist Automobil- oder Stahlarbeiter. Dann bekommt er einen jährlichen Grundlohn von etwa 8000 Dollar und vielleicht noch tausend Dollar für Überstunden. Sehr wahrscheinlich hat er ein Haus im Wert von 16 000 Dollar, von denen 9000 bereits bezahlt sind. Somit ist er einer der am besten bezahlten Arbeiter in der Geschichte dieses oder jeden anderen Landes und müßte eigentlich ebenso zufrieden sein wie eine gut gefütterte Milchkuh. Er ist es nicht.

Denn sein Einkommen ist eine Illusion. Zieht man die Steuern und die Raten fürs Haus ab, dann bleiben ihm kaum noch 6000 Dollar im Jahr - und das ist nicht gerade viel, um ein Haus, ein Auto, Frau und zwei oder drei Kinder zu unterhalten. Der Wallace-Mann arbeitet hart, aber ihm bleibt nicht viel für das Bier am Samstagabend. Führt man sich seine Lage vor Augen, so erkennt man, warum er für Wallace äst.

Er kann es sich nicht leisten, in den sicheren und wohlhabenden Vororten weit draußen vor der Stadt zu wohnen. Er lebt in der Stadtmitte oder in ihrer unmittelbaren Nähe, und die Statistik macht erschreckend klar, wie sehr die Kriminalität in den Städten überall in den USA ansteigt. Wallace sagt: »Wenn ich Präsident bin, dann kann Ihre Frau im Supermarkt einkaufen, ohne befürchten zu müssen, daß sie unterwegs belästigt wird.« Dieses leere Versprechen bedeutet sehr viel für den Wallace-Mann.

Und auch ein anderes Wallace-Versprechen bedeutet ihm sehr viel - »das unveräußerliche Recht der Eltern, darüber zu entscheiden, wo ihre Kinder zur Schule gehen«, was natürlich nichts anderes ist als die Zusage, die Rassenintegration an den Schulen zu beenden.

Die Kinder des Wallace-Mannes gehen nicht in die teuren, beinahe schneeweißen Schulen der wohlhabenden Vororte, und er hat auch nicht genug Geld, sie in Privatschulen zu schicken. Die öffentlichen Schulen in den Städten sind meist schlechte Schulen, an denen Vandalismus und Gewalt oft zum Alltag gehören und die Kinder wenig oder gar nichts lernen.

Vielleicht ist es engherzig vom Wallace-Mann, seine Kinder nicht um der Rassenintegration willen in schlechte Schulen zu schicken, aber es ist nicht unnatürlich. Und es ist auch nicht unnatürlich, wenn er sich wegen der »Belästigung« seiner Frau oder der Gefährdung seines Hauses sorgt, das sein ganzer Besitz ist.

Wallace ist fraglos der Führer einer Revolte der Arbeiter, die in ihren Kneipen Bier trinken, gegen die »Elite«, die auf ihren Cocktailpartys Martinis schlürft. Und die Martini-Trinker ignorieren diese Revolte zu ihrem eigenen Schaden.

Denn was Wallace zu einem so erfolgreichen Demagogen macht, ist, daß in dem, was er sagt, sehr viel Wahres steckt, »Es gibt 535 Kongreßmitglieder«, sagt er etwa, »und viele von diesen Liberalen haben auch Kinder. Wissen Sie, wie viele ihre Kinder in die öffentlichen Schulen von Washington schicken? Sechs.«

Um ehrlich zu sein, man muß schon ein wenig Verachtung für die Liberalen empfinden, die in sicheren Vororten leben, mit den militanten Negern und den radikalen Jugendlichen sympathisieren und nichts für den schwergeprüften, schwerarbeitenden Wallace-Mann übrig haben.

Eines Tages - vielleicht 1972 - wird der Wallace-Mann möglicherweise Rache nehmen. Dann könnte es sein, daß die freie amerikanische Gesellschaft stirbt und ersetzt wird durch eine typisch amerikanische Form des Polizeistaates.

Alsop

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