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»Der Weltraum wird zum Schlachtfeld«

Ende dieser Woche beginnt in Cape Canaveral der Countdown für das bislang riskanteste Weltraum-Unternehmen der Amerikaner. Auf der Startrampe steht die US-Raumfähre ("Space Shuttle"), der erste wiederverwendbare Raumtransporter. Mit der Fähre beginnt die industrielle Nutzung des Weltraums, zugleich wird der Krieg im All nun denkbar: Geeignete Waffen, etwa Laserkanonen und Killer-Satelliten, werden in Ost und West entwickelt.
aus DER SPIEGEL 14/1981

Es wird mehr Krach geben als beim Schuß zum Mond. Doppelt so laut wie bei der turmhohen Saturn-V-Rakete werden die Triebwerke donnern, wenn Amerikas Raumfähre »Columbia«, voraussichtlich nächste Woche, zu ihrem ersten Flug ins All startet. 3,4 Millionen Liter Wasser pro Minute werden in den Beton-Feuergraben unter der Startrampe fluten, um den Lärm und die Gewalt der Flammen einzudämmen.

Zuerst zünden die drei Haupttriebwerke: Ein Zittern geht durch die Raumfähre, die von stählernen Klauen noch am Boden gehalten wird.

Dann, sechs Sekunden später, fauchen die heißen Gasmassen auch aus den beiden zigarrenförmigen Feststoff-Raketen. Mit der vierzigfachen Schubkraft eines Jumbo-Jet soll Amerikas erster weltraumtüchtiger Raumtransporter auf die Reise gehen.

Wenn der Start klappt, ist das Kraftpaket schon nach sieben Sekunden über den Startturm hinaus -- fast doppelt so schnell wie die schon legendäre Mondrakete.

Wie der Tadsch Mahal des Weltraum-Zeitalters, ein Säulen- und Kuppelbauwerk der Technik-Ära, steht die weiß gestrichene Space Shuttle seit drei Monaten auf der Startrampe 39 A in Cape Canaveral, die auch schon für die Apollo-Flüge zum Mond benutzt worden war.

Die neun Milliarden Dollar teure Supermaschine soll auch Amerikas Hoffnungen, Amerikas Selbstverständnis als führende Weltraum- und Technikmacht, emportragen. »Die Ziele für 1981 sind hoch gesteckt«, überschrieb das Nachrichtenmagazin »Time« eine Titelgeschichte über die Raumfähre zum Jahresbeginn.

»Wenn wir davon ausgehen, daß es fliegende Untertassen nicht gibt«, schrieb »Time«, »dann ist die ''Columbia'' das ehrgeizigste und vielseitigste Raumvehikel, das je gebaut wurde.«

Zum ersten Mal verfügen die Amerikaner mit der Space Shuttle über ein Raumfahrzeug, das wieder und wieder an den Start gehen kann: Das deltaflüglige Gefährt, etwa so groß wie ein 120-Personen-Jet vom Typ DC-9, startet wie eine Rakete, umrundet die Erde als bemannter, lenkbarer Satellit und S.157 kehrt als 85 Tonnen schweres Segelflugzeug zur Erde zurück. Nach der Landung soll es in etwa 14 Tagen wieder startklar sein.

»Der Geist von Apollo« sei endlich wieder zu spüren, wie damals vor dem Aufbruch zum Mond, registrierten die Nasa-Manager in Cape Canaveral. Fast sechs Jahre gab es keinen bemannten US-Raumstart -- nun will die Reagan-Administration aufs neue amerikanische Grandeur an der Raketen-Kombination festmachen. Und nicht nur Fortschritte in der Weltraumwissenschaft, nicht nur ein ungeahnter Schub für die zivile Nutzung des Weltraums sind dabei anvisiert.

»Der Weltraum«, so heißt es in einer für das Pentagon verfaßten Studie, »wird nunmehr zum potentiellen Schlachtfeld -- eine neue Arena für die Konfrontation der Supermächte.« Die Raumfähre, die mit bis zu sieben Mann Besatzung und 30 Tonnen Nutzlast durchs All kreuzen kann, ist das Rückgrat einer künftigen Weltraum-Streitmacht auf seiten der Amerikaner.

Wenn der Start der »Columbia« glückt, so heißt es in Washington, werde US-Präsident Reagan mit einer Erklärung -- ähnlich dem Aufruf zur Monderoberung von John F. Kennedy 1961 -- der amerikanischen Raumfahrt ein neues, zukunftweisendes Ziel setzen: Der »nächste Schritt« müsse eine »dauernde Anwesenheit Amerikas im Weltall« garantieren, so lauten die Absichtsbekundungen aus Washington.

Vorletzte Woche gab das Pentagon offiziell bekannt, daß bis Mitte 1985 auf der Luftwaffenbasis Peterson im US-Staat Colorado eine »militärische Nasa« eingerichtet werden soll, ein Raumkriegszentrum der U. S. Air Force -- ganz in der Nähe jenes Felsenbunkers, in dem Amerikas Luftverteidigungszentrale Norad untergebracht ist.

Das neue militärische Raumfahrtzentrum -- geschätzte Baukosten: 400 Millionen Dollar -- soll »für den Tag einsatzbereit sein«, so die Pentagon-Meldung, »an dem die Vereinigten Staaten über eine starke Verteidigungsstreitmacht im Weltall verfügen«.

Dieser Tag ist nicht mehr fern. Schon jetzt, für die ersten Probestarts der Shuttle, haben US-Militärs sich bei der bislang ausschließlich zivilen und jeglicher Geheimniskrämerei abholden Nasa eingenistet: Der zweite Stock des Gebäudes Nummer 30 im Johnson Raumfahrt-Zentrum in Houston, genau unter dem berühmten Mission Control Room der Mondflüge, wurde zum streng geheimen Areal der US-Luftwaffe erklärt.

Schon bei ihrem vierten Testflug, voraussichtlich Mitte nächsten Jahres, soll die US-Raumfähre eine militärische Nutzlast ins All mitnehmen. Mindestens ein Drittel der rund 500 für die nächsten zwölf Jahre geplanten Shuttle-Flüge bleibt dem US-Verteidigungsministerium vorbehalten.

Spätestens 1985 wollen die Amerikaner mit der Space Shuttle ihre ersten Wunderwaffen auf Erdumlaufbahnen befördern: Laserkanonen, die feindliche Satelliten »ausknipsen« oder auch sowjetische Interkontinentalraketen kurz nach dem Start unschädlich machen sollen.

Für die Gegenseite hat, wie »Bild« schrieb, »der Krieg der Sterne schon begonnen": Im Februar und im März zündeten die Russen je einen »ihrer berüchtigten Killersatelliten« ("Bild"). Es waren der 18. und der 19. Test mit einem erdumkreisenden Sprengsatz, den die Sowjets entwickelt haben, um gegnerische S.160 Satelliten auszuschalten. Die Killer werden von der Bodenstation bis auf wenige Meter an die Zielsatelliten herangeführt und dann zur Explosion gebracht.

Im Gegensatz zu den Sowjets, die den Weltraum seit langem militärisch nutzen und bereits über Weltraumwaffen verfügen, klagte jüngst der US-Senator und frühere Astronaut Harrison Schmitt, »haben wir das militärische Potential dort oben noch nicht richtig erkannt«.

Ex-Astronaut Schmitt übersah, welche Anstrengungen auch die Amerikaner bereits unternommen haben, um den Weltraum militärisch für sich zu nutzen: Der Aufmarsch im All ist auf beiden Seiten schon seit Jahren voll im Gang.

Mehr als 50 Milliarden Dollar, doppelt soviel wie für die »Apollo«-Landungen auf dem Mond, haben die Amerikaner für militärische Weltraumtechnik bislang ausgegeben -- bei den Sowjets waren es wohl kaum weniger. Und manches, was die Waffentechniker im Auftrag von Pentagon und Kreml-Führung für den Weltraum-Krieg entwickeln, könnte ebensogut aus der Trickkiste von Science-fiction-Filmern stammen.

* Von 89 sowjetischen Raumstarts im vergangenen Jahr waren 81 militärisch; von zwölf amerikanischen Raumraketen trugen zehn eine militärische Nutzlast. Längst hängt der Himmel voller militärischer Satelliten: zur Nachrichtenübermittlung und Spionage, zur Raketen-Frühwarnung und U-Boot-Suche, als Navigationssysteme und zur Wettervorhersage.

* Die Weltraumkiller der Sowjets, seit 1967 in der Entwicklung, werden jetzt von den Amerikanern konterkariert: Die neuen US-Frühwarnsatelliten werden mit einer Laserstrahl-Abschirmung beschichtet und sollen feindlichen Killer-Satelliten ausweichen können. Außerdem sollen sie Killer-Köder entsenden, Satelliten-Attrappen, die den Feind ablenken.

* Für den Fall, daß militärisch wichtige Satelliten »ausgeknipst« werden, wollen die Amerikaner Ersatz bereithalten: »stumme« Satelliten auf Erdumlaufbahnen, die bei Bedarf per Funkbefehl aktiviert werden und dann die Funktion der zerstörten Satelliten übernehmen. Weitere Ersatzsatelliten sollen auf der Spitze von verbunkerten Feststoff-Raketen montiert und im Notfall von irdischen Silos aus auf die Bahn geschossen werden.

* Innerhalb der nächsten drei Jahre wollen die Amerikaner eine Anti-Satelliten-Waffe erproben: Von hochfliegenden Kampfflugzeugen des Typs F-15 sollen sogenannte »Vought Altair«-Raketen mit konventionellen Sprengköpfen gegen Satelliten-Ziele abgefeuert werden.

* Die fliegenden Einsatzzentralen ("Airborne Command Posts") der U. S. Air Force werden für den Krieg im Weltraum umgerüstet. Sie sollen beispielsweise von amerikanischen Spähsatelliten direkt abfragen können, welche Feindziele am Boden noch unzerstört sind. Ein letzter Vergeltungsschlag gegen diese Ziele läßt sich dann direkt vom Flugzeug aus programmieren, auch wenn auf der Erde alle Kommandozentren schon in Trümmern liegen.

* Mitte der achtziger Jahre soll ein Fünf - Megawatt - Hochleistungslaser mit vier Meter Spiegel-Durchmesser im Weltall erprobt werden. Ein Vorläufer dieses Modells wird gegenwärtig an Bord eines Jumbo-Jets getestet.

* Erste mit Laser-Waffen gerüstete Kampfstationen im All werden für Ende der achtziger Jahre, noch stärkere Laser-Waffen-Generationen (15 Meter Spiegel-Durchmesser, 25 Megawatt Leistung) für Anfang der neunziger Jahre erwartet. Mit diesen Stationen könnten auch massive Raketenangriffe der Sowjets abgewehrt werden.

* Eine Super-Lichtkanone wird gegenwärtig am Lawrence Livermore Laboratory im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums entwickelt: der Röntgen-Laser (Projektname: »Dauphin"). Dabei wird der Laser nicht mit Licht, sondern mit Röntgenstrahlen »aufgepumpt« -- bis zu einer Leistung von mehreren Billionen S.163 Watt. Mit dem »Dauphin« könnten jeweils bis zu 50 Ziele gleichzeitig zerstört werden; die nötige Energie liefert eine Mini-Atombombe (die freilich zugleich die Abschußstation vernichtet).

An der Entwicklung von Laser-Waffen arbeiten auch die Sowjets seit Jahren mit Hochdruck. Wiederholt photographierten amerikanische Aufklärungssatelliten seit November 1979 eine Testanlage bei Sarischagan in Kasachstan. Die Anlage, »Tora« genannt, umfaßt zwölf sogenannte Hochflux-Generatoren, die offenbar die für einen superstarken Jod-Laser benötigten Energiemengen erzeugen.

Überdies entwickeln auch die Sowjets, wie amerikanische Geheimdienste berichten, einen bemannten Raumgleiter nach dem Vorbild der amerikanischen Raumfähre, wenn auch etwas kleiner.

Die Amerikaner planen schon den nächsten Rüstungsschritt für den Krieg mit bemannten Raumstationen. Am Stanford Research Institute haben Ingenieure einen Ein-Mann-Raumkreuzer entworfen, der in zweieinhalb Jahren gebaut werden könnte -- für den Raumkrieg Mann gegen Mann, für Weltraumschlachten nach dem Vorbild von »Raumschiff Enterprise« oder »Raumkreuzer Orion«.

»Schon zu Ende dieses Jahrzehnts«, zu diesem Schluß kam Paul C. Warnke, ehemaliger Abrüstungsbeauftragter der Regierung Carter, »kann der Krieg im Weltraum Wirklichkeit sein.« Und die Experten sind sich einig: Das Wettrüsten im All wird noch teurer als das auf der Erde.

Das militärische Imponiergehabe, das sich mit solchem Waffenklirren im All verknüpfen läßt, erscheint den Pentagon-Planern als verlockend. Die Stationierung von Laser-Kanonen im Weltall, hieß es kürzlich in einem Pentagon-Report an den amerikanischen Kongreß, werde »dazu führen können, daß sich das Gleichgewicht der Mächte auf der Erde verschiebt«. Wer sich die militärische Überlegenheit im All sichere, so umschrieb es Daniel Graham, Ex-General und ehemaliger Chef eines US-Nachrichtendienstes, der sei eben »Herr im Hühnerhof«.

Mit ihrer Serie von bemannten Raumstarts in den letzten Jahren, mit dem Zusammenkoppeln von »Sojus«-Raumschiffen und der sogenannten Orbitalstation »Saljut« scheinen die Sowjets bei der Eroberung des erdnahen Weltraums klar im Vorteil.

Mit ferngelenkten, an die Saljut angekoppelten Last-Vehikeln vom Typ »Progress« lösten sie offenbar auch das Nachschubproblem für Raumstationen. Und mit über 40 000 Kosmonautenstunden im All (USA: 22 500 Stunden) halten sie derzeit den Rekord in der bemannten Raumfahrt.

Gleichwohl werden die Russen, wenn Amerikas Raumfähre startet, technisch wieder auf den zweiten Platz verwiesen werden: Die Space Shuttle ist eine Art Straßenkreuzer des Weltalls; im Vergleich dazu entsprechen die sowjetischen Raumschiffe und entsprach auch die Apollo-Raumkapsel allenfalls einem Opel P 4 aus dem Jahr 1937.

Bisher haben die Raumfahrttechniker in West und Ost ihre Nutzlasten höchst unwirtschaftlich ins All befördert -- so als würde eine Fluggesellschaft nach jedem Transatlantik-Trip den einmal benutzten Jumbo-Jet wegwerfen. Dieses Ex-und-hopp-Prinzip in der Raumfahrt wäre auf die Dauer viel zu teuer.

Um den Bau von großen Raumstationen oder auch Mondbasen zu bewerkstelligen, wie Wernher von Braun sie schon in den fünfziger Jahren konzipierte, ist ein wiederverwendbares »Arbeitspferd« vom Typ Space Shuttle unerläßlich. So wurden bei den Amerikanern bisher mit Raketen maximal 200 bis 300 Tonnen Nutzlast pro Jahr ins All befördert. Bei den 25 Shuttle-Flügen im Jahr, wie sie die Nasa zunächst anpeilt, werden es hingegen 750 Tonnen sein. Fünf Raumfähren sollen dafür insgesamt gebaut werden -- zwei davon werden jedoch ausschließlich den Militärs vorbehalten bleiben.

Raumstarts mit Wegwerf-Raketen waren für die Pionierzeit der Weltraumerkundung angebracht; dieses Prinzip war technisch einfacher zu handhaben. Gleichwohl geht die Konzeption eines wiederverwendbaren Raumtransporters zurück bis in die Anfänge der Großraketen-Ära. Ein Deutscher hatte die Idee.

Als Geheime Kommandosache 4268 zirkulierte bei der NS-Führung gegen Ende des Krieges eine 376 Seiten starke Denkschrift, die der (1964 verstorbene) Raketenforscher Eugen Sänger und seine Mitarbeiterin Irene Bredt in den Jahren 1942 bis 1944 verfaßt hatten: Sänger träumte von einem »Orbital«- oder »Antipoden-Bomber«, der mit Raketenantrieb bis kurz unter die Orbitalbahn beschleunigt würde.

Wie ein flacher Stein auf dem Wasser hüpft, so sollte der Sänger-Bomber gleichsam auf der Lufthülle der Erde entlangschlittern und nach einer Erdumrundung wie ein Segelflugzeug wieder landen. Auf seinem Orbitaltrip sollte er eine Bombenlast mit sich tragen -- sechs Tonnen bis nach New York oder drei Tonnen bis nach Sydney.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs konnte Sängers Idee -- obwohl immerhin schon V 1 und V 2 bis nach London georgelt waren -- nicht realisiert werden. Sänger hatte zehn Jahre Entwicklungszeit veranschlagt.

In den fünfziger und sechziger Jahren griff die US-Luftwaffe, im Besitz der Sängerschen Denkschrift, das Vorhaben wieder auf und entwickelte ihrerseits einen Orbital-Bomber mit Delta-Flügeln. Das Projekt mit dem Namen »Dyna-Soar« gedieh bis zum Bau eines Prototyps, wurde dann aber 1964 gestoppt, weil es dem damaligen Verteidigungsminister S.166 McNamara zu teuer schien.

In den sechziger Jahren, als Wernher von Braun und seine Mitarbeiter bei der Nasa die mondtüchtigen Raketen-Kombinationen vom Typ »Saturn« auftürmten, entstanden zugleich auf den Reißbrettern schon kühne Konzepte für zivile Raumschiffe, die bis zum Mars fliegen sollten. Doch die ehrgeizigen Träume zerplatzten, als Anfang der siebziger Jahre die amerikanische Weltraum-Begeisterung wich und die Nasa-Budgets drastisch gekürzt wurden.

Zug um Zug steckten die Nasa-Ingenieure in ihrem technischen Höhenflug zurück, bis 1972 ein mit der US-Luftwaffe abgestimmter Kompromiß von der Regierung Nixon genehmigt wurde: das Konzept der Raumfähre, die nur im erdnahen Raum operieren und maximal sieben Astronauten Platz bieten sollte.

Das Interesse des US-Verteidigungsministeriums an der Space Shuttle bestand von Anfang an. Die U. S. Air Force, heißt es in Washington, habe sich praktisch die Shuttle-Entwicklung auf Nasa-Kosten ins Haus liefern lassen -- im Gegenzug dafür, daß die Militärs seinerzeit das Nasa-Budget im Kongreß und in der Administration unterstützten.

Ein Kompromiß blieb die US-Raumfähre -- wegen des begrenzten Etats -- auch technisch. Zwar sind die drei Haupttriebwerke, die den eigentlichen Flugkörper ("Orbiter") antreiben, wahre Supermaschinen -- die kompaktesten Kraftpakete, die Techniker je ersonnen haben.

Aber die zwei Millionen Liter flüssiger Wasserstoff und Sauerstoff, die von den Raketenmotoren innerhalb von acht Minuten verbraucht werden, hat der Orbiter nicht selbst an Bord. Sie sind in einem Außenbordtank untergebracht, der wie eine Riesenbombe über den Orbiter hinausragt.

Der Tank wird, wenn der Treibstoff verbraucht ist, in 100 Kilometer Höhe vom Orbiter abgetrennt; seine Trümmer sollen, soweit sie nicht in der Atmosphäre verglühen, irgendwo über dem Indischen Ozean niedergehen. Für den Tank ist also das Wegwerfprinzip beibehalten worden.

Als Starthilfe braucht die Space Shuttle außerdem -- ein Novum in der bemannten Raumfahrt -- zwei Zusatzraketen ("Booster"), die mit Festtreibstoff gefüllt sind (einer Mischung aus Aluminium-Pulver und Aluminiumperchlorat). Die Booster liefern, unter gewaltiger Rauchentwicklung, einen ruckartigen Zusatzschub auf den ersten 50 Flugkilometern und fallen dann, nach etwa zwei Flugminuten, an Fallschirmen zur Erde zurück.

Von zwei Bergungsschiffen sollen sie im Atlantik, 160 Meilen vor der Küste von Florida, aufgefischt und hernach zur Wiederverwendung aufbereitet werden (siehe Graphik Seite 157).

Kurz vor Erreichen der Erdumlaufbahn werden die drei Haupttriebwerke abgeschaltet, von nun an fliegt der Orbiter allein. Die Astronauten überprüfen ihren Kurs, dann schalten sie das »Orbitale Manövrier-System« (OMS) ein, zwei kleinere Triebwerke im Heck des Raumgleiters. Der OMS-Schub hebt den Orbiter auf die Umlaufbahn. Kleinere Steuerdüsen ermöglichen die Steuerung und Lageveränderung des Raumgleiters auf seiner erdumkreisenden Bahn.

Der kritischste, technisch komplizierteste Teil der Reise wird die Rückkehr zur Erde sein. Hauptproblem dabei:

* Es muß verhindert werden, daß der Raumgleiter beim Wiedereintritt in die Lufthülle der Erde zerstört wird, wenn er sich durch die Reibung an den Luftteilchen auf über 1500 Grad Celsius erhitzt.

* Beim Landeanflug -- die »Columbia« soll auf Edwards Air Force Base, einem riesigen Trockensee in Kalifornien, niedergehen -- darf die Shuttle, antriebslos und ohne die Möglichkeit des Durchstartens, die Piste nicht verfehlen. Ein US-Astronaut: »Die einzige Energie, die wir dabei an Bord haben, ist kinetische.«

Rotglühend, wie ein überdimensionales überhitztes Bügeleisen, wird die Shuttle mit einem Anstellwinkel von 40 Grad in die Erdatmosphäre eintauchen.

Bei früheren Raumfahrzeugen, etwa den Gemini- oder Apollo-Kapseln, die überdies weniger Angriffsfläche boten, war gegen die Hitze ein Schutzschild angebracht, der während der Rückkehr größtenteils wegbrannte. Die Shuttle aber soll bis zu hundertmal diese Tortur aushalten können -- sie braucht einen Hitzeschild, der den Rücksturz zur Erde unbeschadet übersteht.

Diese Forderung brachte die US-Raumfahrttechniker in größte Bedrängnis: Der Ärger mit den sogenannten Hitzefliesen, die fast die gesamte Unterseite der Raumfähre bedecken, war S.168 mit schuld an der nahezu dreijährigen Verzögerung des Shuttle-Programms.

Die Hitzefliesen bestehen zu 99,7 Prozent aus reinem Silizium, sind so leicht wie Balsaholz und lassen praktisch keine Hitze passieren. Man kann sie unter den Schweißbrenner halten und an der gegenüberliegenden Seite mit bloßen Händen anfassen.

Andererseits mußten die hochempfindlichen Keramikkacheln bei der Montage buchstäblich mit Glacehandschuhen angefaßt werden. 30 922 Hitzefliesen, jede von anderer Größe und Dicke, jede einzeln vom Computer maßgeschneidert, mußten mit einem eigens entwickelten Spezialkleber am Rumpf der Raumfähre befestigt werden. Zwischen den Fliesen und dem metallenen Flugkörper liegt noch eine Filzschicht, um die unterschiedliche Ausdehnung durch Hitzeeinwirkung auszugleichen.

Einige hundert dieser Fliesen lösten sich schon, als die Shuttle huckepack auf einer Boeing 747 von Kalifornien nach Cape Canaveral übergeführt wurde. Dort stellte sich heraus, daß auch viele der sitzengebliebenen Hitzekacheln nicht fest genug klebten. So mußten in Cape Canaveral praktisch alle Fliesen neu verklebt werden, manche sogar zweimal. Das dauerte fast ein Dreivierteljahr -- für jede Fliese braucht ein Mann einen Tag.

Die Sorge, daß sich von den schwarzgestrichenen Fliesen welche während des Raumflugs der »Columbia« lösen könnten, ist einstweilen nicht behoben. Das System wurde bislang im Weltraum nicht erprobt. Pessimisten fürchten sogar, daß »schon der Verlust einer einzigen Hitzekachel an einer kritischen Stelle zu einer Katastrophe führen könne« (so der frühere Nasa-Flugingenieur Marshall Kaplan).

Es ist nicht das einzige Risiko, das Kommandant John Young, 50, und Shuttle-Pilot Robert Crippen, 43, bei ihrem Start mit der »Columbia« zu gewärtigen haben: Niemals zuvor sind US-Astronauten in ein Raumfahrzeug gestiegen, das nicht zuvor bei unbemannten Testflügen seine Weltraumtüchtigkeit erwiesen hätte.

Ärger genug gab es auch mit den drei mächtigen Haupttriebwerken der Shuttle, die bei der Firma Rocketdyne in Kalifornien entwickelt und erprobt wurden. Die Triebwerke, die beim Start der Shuttle soviel Kraft freisetzen wie 23 Hoover-Staudämme, sind wahre technische Wunderwerke.

Allein die Turbopumpen, zwei an jedem Triebwerk, die durch mannsdicke Rohre den Flüssigwasserstoff und Flüssigsauerstoff heranschaffen, arbeiten mit einer Kraft, die ausreichen würde, ein Schlachtschiff und dazu noch sieben Atom-U-Boote anzutreiben. Trotz des enormen Energieausstoßes sind die drei Antriebsaggregate (ohne die glockenförmigen Rückstoß-Schwenkdüsen) nur knapp mannshoch. Die eigentlichen Brennkammern sind kaum größer als ein Mülleimer.

Immer wieder zerbrachen bei Probeläufen der Triebwerke deren stählerne Innereien. Mal flogen den Ingenieuren die mit 35 000 Umdrehungen pro Minute rotierenden Turboschaufeln um die Ohren, dann wieder explodierte, wegen eines klemmenden Ventils, ein ganzes Triebwerk.

Spezialisten vom Massachusetts Institute of Technology arbeiteten zwölf Monate an der Lösung dieser Probleme. Erst in den letzten Monaten verliefen die Tests mit den Shuttle-Triebwerken ohne Zwischenfälle.

Innerhalb von neun Minuten soll die Raumfähre »Columbia« ihre Orbitalgeschwindigkeit von 28 000 Stundenkilometern erreicht haben. Von »T minus 9«, neun Minuten vor dem Start, bis kurz vor der Landung auf dem Trockenen in Kalifornien werden Computer praktisch jede Phase der Mission überwachen und steuern.

Allein die zentralen Entscheidungen bleiben den Astronauten vorbehalten -so etwa, ob sie bei auftretenden Schwierigkeiten den Flug schon vor Erreichen der Umlaufbahn oder erst nach einer Erdumrundung abbrechen wollen. Auch bei normaler Flugdauer, geplant sind 36 Erdumrundungen, werden die Astronauten Young und Crippen die Shuttle in der letzten Phase des Landeanflugs von Hand steuern.

Die insgesamt fünf Computer an Bord der Raumfähre sind mit je 325 000 Rechenoperationen pro Sekunde zehnmal so schnell wie einst die Bord-Computer im Apollo-Raumschiff. Vier von ihnen arbeiten ständig parallel, gleichsam nach einem demokratischen Prinzip: die Mehrheit siegt. 350- bis 400mal pro Sekunde tauschen die Rechner ihre Werte etwa über Flugzustände und Flugbahn aus; weicht einer der vier von den anderen ab, wird er »überstimmt«, Nummer zwei übernimmt das Sagen. Sollten alle vier Rechner ausfallen, kann der fünfte, unabhängig von den vier geschaltete, das gesamte Programm übernehmen.

Auf drei Bildschirmen im Cockpit können die Astronauten jederzeit alle Werte über Flugbahn, Lagesteuerung und sämtliche Bordsysteme ablesen, in mehr als 100 verschiedenen, abrufbaren Diagrammen.

Mit rund 1400 Schaltern und Unterbrechern ist das Cockpit bepflastert, von dem aus die Piloten durch druckfeste Kanzelfenster wie in einem Flugzeug Ausschau halten können.

Eine zweite Gruppe von Konsolen befindet sich im hinteren Teil des Cockpits. Von hier aus können bei späteren Flügen zwei oder mehr Astronauten S.170 die 18 Meter lange, viereinhalb Meter breite Ladebucht der Shuttle überblicken. Wenn die Ladeluken geöffnet sind, kann ihr Inhalt mit einem Manipulator-Arm heraus- oder hereingehievt werden.

Der 15 Meter lange, 21 Millionen Dollar teure Arm hat drei Gelenke und eine Greifklaue. »Mit diesem Gerät richtig umzugehen ist schon ein Job für sich«, meinte US-Astronaut Charles G. Fullerton. »Wenn man damit unbedacht herumfuchtelt, haut man leicht ein Loch in die Fähre.«

Mit dem Manipulator-Arm, der beim zweiten Shuttle-Testflug erprobt werden soll, wollen die Amerikaner später auch reparaturbedürftige Satelliten einfangen, um sie zur Erde zurückzubringen. Und die Raumkriegsplaner träumen davon, mit der Greifklaue feindliche Satelliten zu inspizieren oder sie gar als Raum-Beute erdwärts abzuschleppen.

Insgesamt 81 Astronauten, dazu noch zwei Gäste aus Europa, trainieren gegenwärtig im Johnson Space Flight Center in Houston. 43 von ihnen werden allerdings nicht die Fähre lenken, sondern sich als sogenannte Nutzlast-Spezialisten um all das kümmern, was sich in der Ladebucht der Space Shuttle abspielt.

Acht Frauen, die meisten von ihnen qualifizierte Wissenschaftlerinnen, gehören mittlerweile zum Astronauten-Team. Insgesamt wurden die physischen Anforderungen an die Raumfluganwärter deutlich gesenkt. Zwar müssen sie nach wie vor die gefürchteten Parabolflüge absolvieren, bei denen in einer leergeräumten Boeing 707 der Zustand der Schwerelosigkeit imitiert wird; weibliche Astronauten sprechen bei der Tortur vom »vomit comet« (zu deutsch etwa: »Kotzbomber").

Die Zentrifugen-Folter hingegen, bei der einst Gemini- und Apollo-Astronauten mit dem Achtfachen ihres Körpergewichts (8 g) in die Sitze gepreßt wurden, ist mittlerweile abgeschafft. Denn bei Start und Landung der Shuttle treten maximal 3 g auf, weniger als bei der »Loch Ness«-Achterbahn, auf der sich die Kids von Williamsburg (US-Staat Virginia) vergnügen.

Auch Brillenträger sind nun unter den Weltraumfahrern, Shuttle-Kommandant Young ist einer von ihnen. Für die Zulassung als Nutzlast-Astronaut genügt sogar eine Sehschärfe von 20/100 -- »gerade genug, daß jemand, der im Raumschiff seine Brille verliert, sie wiederfinden kann«, wie der amerikanische Wissenschaftsjournalist Henry S. F. Cooper notierte.

Während des Shuttle-Fluges geht es in mancher Hinsicht komfortabler zu als in den Apollo-Raumschiffen. Die Astronauten tragen leichte Druckanzüge, wie Testpiloten in hochfliegenden Überschallflugzeugen. Die klassischen S.172 Raumanzüge hängen nur noch für den Fall bereit, daß jemand außenbords hantieren muß. Die Aussteige-Montur, früher für jeden Astronauten maßgeschneidert und mit zahlreichen komplizierten Reißverschlüssen versehen, ist einfacher geworden und kommt jetzt von der Stange: Entsprechend der jeweiligen Ober- und Unterweite werden je ein Rumpf- und ein Hosenstück zusammengesetzt, ohne Ansehen des Geschlechts.

Andererseits ist der Schlaf- und Aufenthaltsraum im Bug der Space Shuttle, unterhalb des Cockpits, enger und weniger angenehm als beispielsweise im Raumlabor »Skylab«, jener umgebauten Raketenstufe, die 1973/74 um die Erde kreiste.

Bis zu sieben Tage lang kann die Space Shuttle im All bleiben. Damit ist ihre Einsatzfähigkeit, insbesondere als bemannte militärische Raumstation, vorerst begrenzt. In den Augen der US-Militärs ist die Raumfähre einstweilen nur als Transportvehikel geeignet, nicht aber beispielsweise als bemannter Patrouillen-Raumkreuzer.

Unter Wasser freilich wird solche Zukunft schon erprobt: In dem riesigen Übungstank in Huntsville (Alabama), in dem Astronauten schwerelos wie im All schweben, trainieren sie bereits den Zusammenbau größerer Raumstationen aus Einzelteilen, die von der Fähre hinaufbefördert werden könnten.

Überdies entwickeln Nasa und US-Luftwaffe eine raumtaugliche Kraftstation, die von einer Raumfähre auf eine Umlaufbahn gebracht und dort geparkt werden soll. An dieses mit Sonnenzellen-Paddeln ausgestattete E-Werk (geplante Leistung: 25 Kilowatt) könnte eine zum längeren Aufenthalt im All bestimmte Raumfähre anlegen und so die in ihren eigenen Brennstoffzellen gespeicherte Energie sparen.

Die ersten 42 Shuttle-Flüge sind schon fest ausgebucht, die Planung reicht bis ins Jahr 1984. Den verfügbaren Frachtraum teilen sich Wissenschaftler, Militärs und private Industriefirmen: Die Raumfähre eröffnet auch, zumindest in experimentellem Maßstab, das Zeitalter der Fabrikation im Weltraum.

Unter den Bedingungen des Weltraums, im fast totalen Vakuum und in Schwerelosigkeit, lassen sich beispielsweise bestimmte Metall-Legierungen oder auch Kristalle für Halbleiter von einer auf Erden unerreichbaren Reinheit herstellen.

Schon im »Skylab« gab es (noch nicht ganz zufriedenstellende) Versuche, das ideale Kugellager zu produzieren, desgleichen absolut fehlerlose optische Gläser sowie Impfstoffe und Medikamente, die frei sind von jeglicher Verunreinigung.

Ein komplettes wissenschaftliches Labor, das sogenannte Spacelab, wird von der Raumfähre wiederholt ins All befördert werden, das erstemal voraussichtlich schon Ende nächsten Jahres. Entwickelt und gebaut wurde das Spacelab, in dem bis zu vier Wissenschaftler arbeiten können, von insgesamt 40 Firmen aus zehn europäischen Ländern. Hauptauftragnehmer war die Bremer Luft- und Raumfahrtfirma Erno.

Dort wurde das 6,9 Meter lange, tonnenförmige Raum-Labor zusammengebaut. Für das Innen-Design holten sich die Bremer den ehemaligen Skylab-Astronauten Edward Gibson, der beispielsweise aus Erfahrung sagen konnte, wo überall Handgriffe angebracht werden mußten, damit die Wissenschaftler in der Schwerelosigkeit gezielt durch das Spacelab schweben können.

Für Ende der achtziger Jahre plant die Nasa dann den Aufbau großer Antennen-Plattformen im All mit bis zu 250 000 Telephonkanälen. Ein 18 Tonnen schweres Weltraum-Fernrohr, das die Sehschärfe irdischer Teleskope ums Zehnfache übertrifft, wird voraussichtlich S.175 1984 auf eine Umlaufbahn gebracht.

Wenig später soll mit dem Bau von Gitterstrukturen in erdnaher Umlaufbahn begonnen werden; entsprechende Maschinen werden gegenwärtig bei General Dynamics und Grumman entwickelt. Solche Strukturen könnten geeignet sein für den Bau großer Sonnenkraftwerke im All. Und sie könnten auch als Gerüst für größere, monate- oder jahrelang bewohnbare Raumstationen dienen -- jene erdumkreisenden Feldherrnhügel, von denen die Militärs träumen.

Gegenwärtig baut die US-Luftwaffe auf ihrem Stützpunkt Vandenberg, nördlich von Los Angeles, einen eigenen Start- und Landeplatz für die Space Shuttle. Vor allem die beiden Fähren der Air Force dürften dann von Vandenberg aus in eine über Nord- und Südpol führende Umlaufbahn geschossen werden. Von solchem Polar-Orbit aus können Überwachungs-Satelliten, während sich die Erde gleichsam unter ihnen wegdreht, jeden Winkel des Globus anpeilen -was bei äquatornahen Umlaufbahnen, wie sie von Cape Canaveral aus angesteuert werden, nicht möglich ist.

»Big Birds« nennen die Air-Force-Leute jene 13 Tonnen schweren Aufklärungssatelliten, die sie bisher noch von Vandenberg mit »Titan«-Raketen abschießen. Künftig werden die Riesenvögel in der Ladeluke der Space Shuttle reisen -- sie passen genau hinein.

Schon mit dem vierten Shuttle-Flug, voraussichtlich im nächsten Jahr, soll eine geheime militärische Nutzlast ins All transportiert werden. Geplant sind der Aufbau eines neuen, zusätzlichen Infrarot-Warnsystems gegen anfliegende Feindraketen sowie die Errichtung einer weltumspannenden Navigationshilfe: Insgesamt 18 sogenannte Navstar-Satelliten werden dabei rund um den Globus verteilt. Von jedem Punkt der Erde sind jeweils gleichzeitig mindestens vier von ihnen im Blickfeld. Damit können etwa »Trident«-Atom-U-Boote, aber auch der entsprechend gerüstete Einzelkämpfer in der Wüste ihren Standort auf sieben Meter genau bestimmen.

Eine der ersten, wenn nicht die allererste militärische Shuttle-Reise wird auch zum Ziel haben, die Ausbreitung von Laser-Strahlen im Weltall genauer zu erforschen -- vorbereitender Schritt auf dem Weg zu erdumkreisenden Laser-Kanonen.

Als »eines der neuesten und albernsten Spielzeuge der Pentagon-Planer« bezeichnete kürzlich Richard Garwin, Physiker bei IBM und bekannter US-Waffenexperte, die Entwicklung militärischer Laser-Systeme, die von der rüstungsfreudigen Reagan-Administration neuerdings noch beschleunigt wird.

Erst recht gelte dieses Urteil, so Garwin, für die noch viel weniger realistischen sogenannten Teilchenstrahlwaffen, die Energiebündel von Protonen oder Ele ktronen ("Todesstrahlen") verschießen sollen.

Enthusiastisch hingegen äußerten sich Wissenschaftler und Waffentechniker, die im Auftrag des Verteidigungsministeriums für den US-Kongreß einen Report über Laser-Waffen verfaßten. Das Fachblatt »Aviation Week« zitierte Mitte Februar ausführlich aus diesem Bericht.

Die Idee von dem aufblitzenden Waffenstrahl, der sich durch dickste Panzerplatten frißt und den Gegner auslöscht, wo er ihn trifft, beflügelte die Militärs schon, als Ende der fünfziger Jahre der Physiker Theodore H. Maiman in einem kalifornischen Labor den ersten, noch schwachen Laser baute.

Das Prinzip: In einem meist mit Gas gefüllten, an beiden Enden verspiegelten Rohr werden sehr energiereiche Lichtblitze erzeugt, die sodann als scharf gebündelter, gleichsam bleistiftfeiner Lichtstrahl den Laser verlassen. Laser-Strahlen werden mittlerweile zum Punktschweißen in der Industrie ebenso verwendet wie zur Ausführung delikater chirurgischer Eingriffe oder zur Landvermessung.

Mehr als drei Milliarden Mark haben die US-Militärs in den letzten 15 Jahren für die Laser-Entwicklung ausgegeben. Eine verwendungsfähige Waffe -- von einigen Entfernungsmeßgeräten abgesehen -- ist dabei noch nicht herausgekommen.

Für das kommende Jahr will die Reagan-Administration den militärischen Laser-Etat noch um 200 Millionen Dollar aufstocken. 1978 wurde bei San Juan Capitrano in Kalifornien zum erstenmal der Vorläufer einer Laser-Waffe demonstriert: In einer Bodenanlage, so groß wie ein Zementwerk, wurde ein gebündelter Lichtstrahl erzeugt, der vier Panzerabwehrraketen im Fluge traf.

Nach Meinung der Experten, die den Pentagon-Report verfaßten, könnte der gegenwärtig auf einem Jumbo montierte 5-Megawatt-Versuchslaser in einigen Jahren die sowjetische Raketen-Streitmacht »verletzlich« machen.

Versuche, so der Report, hätten gezeigt, daß diese Strahlenkanone, würde sie im Vakuum des Weltraums eingesetzt, noch in 3500 Kilometer Entfernung eine Auftreff-Energie von bis zu fünf Kilojoule pro Quadratzentimeter liefern würde.

Sie wäre ausreichend, eine noch im angetriebenen Flug befindliche Sowjet-Rakete unschädlich zu machen, falls der Laser-Strahl exakt die Antriebsstufe trifft. Dieser Teil der Rakete ist noch mit einem Kilojoule pro Quadratzentimeter zu zerstören.

Gegen den atomaren Sprengkopf der Rakete könnten jedoch Laser-Kanonen dieser Stärke noch nichts ausrichten. Die Sprengköpfe besitzen, damit sie beim Wiedereintritt in die Lufthülle gegen Hitze geschützt sind, einen Hitzeschild; damit wären sie auch gegen Laser-Strahlen von bis zu sieben Kilojoule Auftreff-Energie immun.

Wirklich erfolgversprechend, meinen die Pentagon-Planer, wäre deshalb erst ein noch viel weiter reichendes System mit bis zu 50 Laser-Kampfstationen S.177 im Weltraum, jede von ihnen mit 25-Megawatt-Lasern (Durchmesser: 15 Meter) ausgerüstet.

Ein derartiges Waffensystem, so der Report, könnte »annähernd 1200 Raketen, 200 Bomber, 50 Radarwarnflugzeuge, 200 Abfangjäger und 80 Satelliten in Schach halten«. Wollte das US-Imperium derart zurückschlagen, wären allerdings zehn bis 25 Jahre Entwicklungs- und Bauzeit, mindestens 100 Milliarden Dollar und ein neuer, leistungsfähiger Typ von Raumtransporter nötig -- die Shuttle ist dafür zu klein.

Laser-Raumstationen, die hinlänglich Power aussenden, müßten in der Tat mindestens einige Hundert Tonnen schwer sein; darauf weisen Kritiker hin, die an der Realisierbarkeit solcher Raumkriegs-Visionen zweifeln.

Eines der großen Probleme, so führte Anfang dieses Jahres das britische Wissenschaftsblatt »Nature« aus, sei, »daß sich auch bei militärischen Planungen die Gesetze der Physik nicht außer Kraft setzen lassen«. So marschiert beispielsweise auch der perfekteste Laserstrahl nicht bleistiftdünn ins Unendliche, sondern weitet sich.

Das bedeutet, wie Wissenschaftler errechneten, daß etwa ein Infrarotstrahl aus einem Kohlendioxid-Laser mit einem Meter Spiegelöffnung nach einer Vakuum-Strecke von 1000 Kilometern nur noch mit einem Vierhundertstel seiner ursprünglichen Energie ankommt. In der Erdatmosphäre wäre der Energieverlust noch sehr viel drastischer; ziehen gar Wolken auf, ist es mit dem Laser praktisch ganz vorbei.

Zudem wird den Laser-Kanonieren eine beispiellose Zielgenauigkeit abverlangt. »Die Schwierigkeiten, entsprechende Ziel-Computer und die dazugehörige Mechanik zu entwickeln«, so »Nature«, »wären enorm.«

Zwar trifft der Lichtblitz aus einer Laser-Kanone sein Ziel buchstäblich im Nu: Die verschossene Energie in Form von Photonen durcheilt den Raum mit Lichtgeschwindigkeit (300 000 Kilometer pro Sekunde).

So würde etwa eine 16 Kilometer entfernte, doppelt schallschnell fliegende Rakete vom Laserstrahl getroffen, noch ehe sie sich vier Zentimeter weiterbewegt hat.

Doch dieses verblüffend scheinende Rechenexempel trügt: Müßte der Laser-Strahl -- und das wäre ein realistisches Beispiel -- eine 6400 Kilometer entfernte, achtfach schallschnelle Russen-Rakete treffen, so hätte sich diese in der Zeit zwischen Auslösen und Auftreffen des Strahls schon um fast 57 Meter weiterbewegt.

Die Entschlossenheit der Amerikaner, trotz solcher Einwände die Laser-Entwicklung voranzutreiben, führen Kritiker denn auch auf die mitunter irrationale Denkweise der Militärs zurück: »Sie sind beherrscht von dem Glauben, jeder Science-Fiction-Film müsse unerbittlich in Realität umgesetzt werden« ("Nature").

Solche Denkweise könnte auch erklären, warum die Reagan-Administration 36 Millionen Dollar sogar in die Entwicklung von »Todesstrahlen«-Waffen investieren will -- obwohl auf diesem Gebiet die technischen Hindernisse, wie ein Wissenschaftler-Team des MIT konstatierte, »in absehbarer Zeit unüberwindlich scheinen«.

Bei den Sowjets herrscht offenbar dieselbe Mentalität. Im Pentagon wird darüber gerätselt, »warum um alles in der Welt die Russen sich gerade auf den Bau von Killer-Satelliten verlegt haben«. Denn: Wenn rote Killer amerikanische Frühwarnsatelliten ausblasen, »wäre das für uns doch die allersicherste Warnung«. Einem Überraschungs-Coup aber, bei dem ein ganzer Schwarm von Killer-Satelliten gleichzeitig und unbemerkt zum Angriff überginge, steht schlicht die Himmelsmechanik entgegen.

Die Laser-Entwicklung werde sich viel langsamer vollziehen, als es gegenwärtig manchem erscheine, konstatieren andererseits die Waffentechniker im Lawrence Livermore Laboratory. Das ändert jedoch nichts daran, daß die amerikanische Space Shuttle, ehe sie Laser-Kampfstationen ins All trägt, zahlreiche andere militärische Aufgaben übernehmen kann.

Die Aussicht, die US-Raumfähre könnte dereinst imstande sein, russische Satelliten vom Himmel zu pflücken oder auch nur zu inspizieren, verstörte die Sowjets schon 1979 bei den Vorgesprächen zu einem Abkommen über Abrüstung im Weltraum. Die Sowjets, die mindestens 50 militärische Satelliten permanent im All halten, forderten damals die Amerikaner auf, die Entwicklung der Space Shuttle zu stoppen.

Die gegenwärtige Weltraum-Politik in Washington kann die Besorgnis der Sowjets nur verstärken. So wird in den Reihen der Reagan-Regierung sogar der Plan erwogen, die bislang zivile Raumfahrtbehörde Nasa und damit die gesamte Shuttle-Flotte künftig dem Verteidigungsministerium zu unterstellen.

Shuttle-Kommandant Young und sein Pilot Crippen werden beim ersten Start der US-Raumfähre noch das Emblem der Nasa tragen.

1600 »Flugstunden« haben die beiden im Raumfähren-Simulator zugebracht, der in Houston für 60 Millionen Dollar gebaut wurde und in dem, mit Computer-Hilfe, alle erdenklichen Flugzwischenfälle durchgespielt wurden.

Einige Hundert Male haben Young und Crippen wirklichkeitsgetreu den Lärm, das Rütteln und Schütteln der Start- und Aufstiegsphase über sich ergehen lassen, und ebensooft sahen sie (auf Bildschirmen) das schmale Band der Landepiste auf sich zurasen, das sie auf keinen Fall verfehlen dürfen.

Nun steht ihnen das Himmelfahrtskommando unmittelbar bevor. Die Risiken, vom Problem der sich vielleicht lösenden Hitzefliesen bis zu den im All noch unerprobten Raketenmotoren, sind beispiellos. Die Raumfähre soll ihre Weltraumtauglichkeit erst erweisen.

»Wir wollen schon froh sein«, gestand Raumfähren-Pilot Young, »wenn wir mit dem Ding heil rauf- und wieder runterkommen.«

S.163Modell auf der Volkswirtschaftsausstellung in Moskau 1980. Links:Frachtraumschiff »Progress«, Mitte: Raumstation »Saljut«, rechts:Kosmonautenkapsel »Sojus«.*S.172Beim Transport zur Edwards Air Force Base, von wo aus sie nach CapeCanaveral verfrachtet wurde.*S.175In »Krieg der Sterne«.*

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