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Bildung »Der Wind weht rauher«

aus DER SPIEGEL 35/1996

SPIEGEL: Herr Zehetmair, viele Professoren klagen, das Grundübel an den Hochschulen seien faule Studenten, die viel zu lange studierten. Teilen Sie diese Meinung?

Zehetmair: Für die Mehrheit der Studenten gilt das nicht. Die Professoren selbst haben ein gehöriges Maß schuld an überlangen Studienzeiten. Die müssen sich noch stärker als bisher um die Studenten kümmern, sie besser beraten und ihnen attraktivere Vorlesungen anbieten.

SPIEGEL: Reicht ein freundlicher Appell? Zehetmair: In den nächsten zehn Jahren wird etwa die Hälfte der Professoren in Pension gehen. Bei der Besetzung freiwerdender Stellen werden wir in Zukunft wesentlich mehr als bisher auf die Qualifikation im Bereich der Lehre achten.

SPIEGEL: Sind typische Vorlesungen, bei denen ein Professor eineinhalb Stunden ohne Unterbrechung spricht, die Studenten nur zuhören und mitschreiben, überhaupt noch zeitgemäß?

Zehetmair: Nein. In Zukunft ist die Arbeit in Seminaren, in kleineren Gruppen entscheidend, in denen auf konkrete Ergebnisse hingearbeitet wird. Deshalb will ich alle Professoren verpflichten, pro Woche eine zusätzliche Beratungsstunde für Studenten anzubieten. Dafür wird es in Bayern keine Erhöhung der vorgeschriebenen Unterrichtsstunden für Professoren geben.

SPIEGEL: Ein Professor, der sich besonders in der Lehre engagiert, hat davon allerdings nicht viel, denn seine Reputation bestimmen vor allem seine Erfolge in der Forschung.

Zehetmair: Es fehlen derzeit noch entsprechende Anreize, sich intensiv um seine Studenten zu kümmern. Die kann man aber schaffen, etwa indem wir das Grundgehalt senken und leistungsgebundene Prämien einführen. Wer besser lehrt, soll mehr verdienen. Überlegenswert wäre auch, Gehälter wie Tantiemen Jahr für Jahr neu festzusetzen.

SPIEGEL: Sie haben in Bayern gerade die Professur auf Zeit eingeführt. Ist die auch ein Mittel, um müde Professoren munter zu machen?

Zehetmair: Ich will die Möglichkeit haben, zum Beispiel eine junge medizinische Wissenschaftlerin von Harvard nach München zu holen. Sie bekommt einen Sechsjahresvertrag, und wenn sie gut ist, biete ich ihr anschließend eine Dauerstellung an. Je mehr Wissenschaftler aus anderen Ländern wir an unsere Universitäten bekommen, um so schneller kriegen unsere Lehrstuhlinhaber mit, daß der Wind anderswo rauher weht und sie sich anpassen müssen.

SPIEGEL: Warum schaffen Sie den Beamtenstatus für Professoren nicht ab?

Zehetmair: Ich gehe den Weg des Sowohl-Als-auch. Jüngeren Leuten will ich zunächst einen befristeten Vertrag geben, um deren Qualität zu prüfen und ihre Motivation zu fördern. Denken Sie an die Zeit, als das Fach Informatik plötzlich eingeführt wurde. Damals wurden die besten Kandidaten sofort von der Wirtschaft weggekauft, und wir bekamen meist für die Hochschulen nur die zweite Garnitur. Deshalb werde ich bei Multimedia die Stellen erst einmal nicht mit Beamten auf Lebenszeit besetzen.

SPIEGEL: Hire and fire an deutschen Hochschulen?

Zehetmair: Amerikanische Verhältnisse sind bei uns weder durchzusetzen noch wünschenswert. In Deutschland ist ein Wissenschaftler um die 40 Jahre alt, wenn er Professor wird. Ab einem bestimmten Punkt muß ich ihm Sicherheit für seine Zukunft bieten. Auch Kontinuität ist ein wichtiger Faktor für das Hochschulwesen. Das darf allerdings nicht dazu führen, daß ein medizinischer Ordinarius, wie es heute vorkommt, fünf Jahre vor seiner Emeritierung alle Oberarztstellen mit Beamten auf Lebenszeit besetzt und jegliche Innovation für die nächsten Jahre oder Jahrzehnte verhindert.

SPIEGEL: Für Ihre Hochschulen brauchen Sie ein modernes Management statt der überkommenen Verwaltung.

Zehetmair: Wir brauchen an jeder Uni eine Art Aufsichtsrat, ähnlich dem Board an amerikanischen Hochschulen.

SPIEGEL: Wie bei Wirtschaftskonzernen?

Zehetmair: Besser. Nach Katastrophen bei Konzernen wie Klöckner möchte ich nicht sagen, daß Aufsichtsräte in Unternehmen so gut sind. An den Universitäten muß solch ein Gremium klein und effizient sein. Ich stelle mir vier bis sieben Personen vor, hochrangige externe Wissenschaftler und Wirtschaftsleute, die über Erfahrung verfügen und von der Hochschule vollständig unabhängig sind.

SPIEGEL: Das klingt nach einem Rat alter Männer, die vor dem Ruhestand noch eine Ehrenaufgabe übernehmen. Ein akademisches Kaffeekränzchen ohne Macht und Einfluß wird die Hochschulen nicht fit für das 21. Jahrhundert machen.

Zehetmair: Natürlich sollten neben erfahrenen auch jüngere Fachleute in solch einem Gremium sitzen.

SPIEGEL: Kranken die deutschen Universitäten nicht vielmehr daran, daß sie alle ihre Studenten zu Wissenschaftlern ausbilden wollen, obwohl der allergrößte Teil anschließend in die Wirtschaft geht?

Zehetmair: Wir müssen zwischen Universitäten und Fachhochschulen unterscheiden. Eine größere Zahl von Studiengängen, die traditionell an Universitäten angeboten werden, gehören längst an die Fachhochschulen, weil dort viel berufsbezogener ausgebildet wird, zum Beispiel Studiengänge für Haupt- und Berufsschullehrer. Bei den Diplomingenieuren nimmt die Wirtschaft bereits 80 Prozent von den Fachhochschulen, bei den Betriebswirten rund 50 Prozent, und das ist gut so.

SPIEGEL: Und die Juristen?

Zehetmair: Die Krankheitssymptome des Jurastudiums, bei dem nur Pauken bei teuren Repetitoren zum Examen führt, können nicht weiter hingenommen werden. Ein Unding ist auch das Referendariat. Nur zwölf Prozent aller Jurastudenten, die das erste Examen ablegen, werden in den Staatsdienst übernommen, aber fast alle machen das Referendariat. Das ist eine tolle Fürsorgeleistung des Staates, auf Dauer aber nicht finanzierbar.

SPIEGEL: Brauchen die Hochschulen nicht vor allem eine durchschaubare Kosten- und Leistungsrechnung, um ihre Angebote zu verbessern und ihre Ausgaben reduzieren zu können?

Zehetmair: Das ist dringend notwendig. Ein Beispiel: Rechne ich in den beiden Semestern eines Jahres die Wochenarbeitstage zusammen, wobei ich den Samstag zur Hälfte mitrechne, komme ich nur auf 135 Arbeitstage, und das bei 365 Kalendertagen. Deshalb brauche ich für Dozenten, die hauptsächlich mit der Betreuung von Studenten beschäftigt sind, eine flexible Jahresarbeitszeit. Die Arbeitszeit während des Semesters muß beim akademischen Mittelbau um ein bis zwei Stunden Unterricht pro Woche erhöht werden, die Überzeit kann in der vorlesungsfreien Zeit abgefeiert werden.

SPIEGEL: Und was ist mit Studiengebühren, um die Länderetats zu entlasten?

Zehetmair: Jeder weiß, daß ich ein erklärter Gegner von Studiengebühren bin. Bevor die Hochschulen für die Studenten keinen erstklassigen Service bieten, können sie bei den jungen Leuten auch nicht abkassieren. Zuerst muß das Angebot stimmen. Außerdem dürfen auf keinen Fall sozial Schwächere benachteiligt werden. Ich selbst stamme aus einem sozial schwächeren Elternhaus und bin in diesem Punkt sehr sensibel.

SPIEGEL: Bestimmen nicht längst die Finanzminister die Hochschulpolitik?

Zehetmair: Die Kassenwarte der Länder dürfen trotz aller Geldknappheit nicht zu Über-Ministern werden. Wenn die Finanzminister meinen, sie müßten Bildungspolitik machen, dann beschließen die Kultusminister in ihrer nächsten Sitzung über die Umsatzsteuer.

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