Zur Ausgabe
Artikel 22 / 59
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SUKARNO Der Zauberer

aus DER SPIEGEL 22/1956

Der ehemalige Chefplaner des amerikanischen Außenministeriums und frühere Botschafter in Moskau, George Frost Kennan, hat einmal das - wie er meinte prinzipielle Dilemma aller außenpolitischen Aktivität der Vereinigten Staaten analysiert: Die Außenpolitik Amerikas sei immer von einer schlecht informierten und sprunghaften öffentlichen Meinung, von der nur schwer hantierbaren Emotion der amerikanischen Massen abhängig.

Kongreß und Presse, meinte Kennan, sind Imponderabilien, die außenpolitische Planung auf lange Sicht, schnelle Reaktionen auf neue, überraschende Situationen unmöglich machen. Er resignierte: »Aus diesem Grunde sind wir wahrscheinlich dazu verurteilt, unsere Zukunft auf etwas zu bauen, was ich nur Diplomatie durch Dilettanten nennen kann.«

In diesen Wochen zeigte sich jedoch, daß die politische Führung Amerikas gelernt hat, öffentliche Meinung und Parlament nach den aktuellen Notwendigkeiten der Außenpolitik zu dirigieren. Ihr Instrument wurde der Staatspräsident der Republik Indonesien, Dr. Achmed Sukarno, der am 16. Mai zu einem 19tägigen Staatsbesuch in den Vereinigten Staaten eintraf. Außenminister John Foster Dulles hatte den Präsidenten der auf neutralem Kurs steuernden asiatischen Republik zu einer Zeit eingeladen, in der das Parlament der harten Debatte über den Umfang des Programms für die Auslandshilfe entgegengeht.

In einer Rede im New-Yorker Waldorf -Astoria-Hotel, die in Europa verhältnismäßig wenig beachtet wurde, deutete Außenminister Dulles vor knapp fünf Wochen an, daß sich die amerikanische Außenpolitik auf die mit dem Schlagwort »Koexistenz« umschriebene Situation einrichten müsse und werde. Dulles sagte damals: »Neutralismus kann nunmehr als ein sicherer und sogar gewinnversprechender Kurs angesehen werden.«

Die öffentliche Meinung Amerikas reagierte negativ. Im Kongreß verstärkten sich die Tendenzen, die von Präsident Eisenhower angeforderten Mittel für die Auslandshilfe drastisch zu kürzen. Denn - so argumentierte der Kongreß - es sei kein gewinnbringendes und faires Geschäft, die Gelder amerikanischer Steuerzahler neutralen Staaten zuzuschanzen, die zu keiner sichtbaren politischen Gegenleistung bereit sind.

Eine Minderung oder gar Sperre der amerikanischen Hilfeleistungen an die neutralistischen Staaten Asiens und Afrikas würde jedoch zwangsläufig zu einem erheblichen Prestigeverlust Washingtons führen und der Sowjet-Union neue propagandistische Möglichkeiten bei ihren Bemühungen um die unentwickelten Völker verschaffen. Das amerikanische Außenministerium ist also gezwungen, die öffentliche Meinung und den Kongreß von dem gegenwärtigen Unwert militärpolitischer Bündnisse zu überzeugen und die politischen und wirtschaftspolitischen Notwendigkeiten zu betonen, die sich aus der neuen weltpolitischen Situation ergeben. Der Besuch Sukarnos bot eine Gelegenheit dazu, die von den Experten des State Departments auch weidlich ausgenutzt wurde.

Sukarno, ein kleiner, drahtiger Mann mit tiefbraunen Malaienaugen, die von einer schneeweißen Paradeuniform und einer schwarzsamtenen Moslemkappe, der Kupiah, apart abstechen, bewies überzeugend, daß die Politik des Neutralismus sowohl bei den amerikanischen Massen als auch bei amerikanischen Politikern Resonanz finden kann. Der Staatspräsident der Republik Indonesien, die sich von der niederländischen Krone lossagte und den neutralistischen Kurs der asiatisch-afrikanischen Bandung-Mächte steuert, bereist nun bereits seit zwei Wochen die Vereinigten Staaten und erntet überall, wo er auftritt, auf den Straßen und Plätzen der Städte, im Kongreß oder auf Staatsbanketten, größte Publikumserfolge.

Der Staatsbesuch Sukarnos diente allenthalben als Anlaß, die amerikanische Öffentlichkeit auf Tradition und Geschichte der Vereinigten Staaten hinzuweisen. Die Amerikaner entdeckten dabei zu ihrer eigenen Überraschung, wie weit Europa von ihnen entfernt ist und wie eng ihre Gefühlsbeziehungen zu den jungen neutralistischen Nationen der ehemaligen Kolonialwelt sind. Der Asiate Sukarno vom amerikanischen Außenministerium ermuntert - versäumte keine Gelegenheit, solche Gemeinsamkeiten zu beschwören.

Der Ausflug in die Geschichte der Vereinigten Staaten begann bereits, als am 16. Mai um 11.42 Uhr die »Columbine II«, die Dienstmaschine Eisenhowers, vor dem Empfangsgebäude des Flugplatzes von Washington ausrollte und Vizepräsident Richard Nixon den Gast aus dem fernen Reich im Südpazifik begrüßte.

In seiner Ansprache verglich Nixon den Indonesischen Staatspräsidenten mit dem Nationalhelden der Amerikaner, George Washington, der die englischen Kolonien auf dem amerikanischen Kontinent aus dem Verband des englischen Kolonialreiches herauslöste und die Vereinigten Staaten zu einem unabhängigen Staat machte.

Amerika als Zentrum einer Idee

Nixon sagte: »Wie George Washington haben auch Sie Ihr Volk aus der Kolonialherrschaft heraus zur Unabhängigkeit geführt, und nun leiten Sie Indonesien in Frieden neuen Zielen entgegen.«

Sofort fing der Asiate den hingeworfenen Ball auf: »Ich bin nicht nur hier, um von der amerikanischen Nation zu lernen. Amerika ist das Zentrum einer Idee, der Ich mein Leben gewidmet habe.«

Noch mehr Beifall in der amerikanischen Öffentlichkeit erntete der indonesische Staatspräsident mit den bei seinen vielen Ansprachen ständig wiederholten historischen Vergleichen zwischen der Situation der amerikanischen Nation im Unabhängigkeitskrieg und der des indonesischen Volkes von heute. Einst hätten Männer wie die Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson und Abraham Lincoln jene Ideen von Freiheit und Unabhängigkeit verwirklicht, für die heute alle farbigen Völker Asiens und Afrikas kämpfen, die an den Ketten kolonialer Unterdrückung rütteln oder sie - wie Indonesien - gerade abgestreift haben.

Dieser geschickte Appell an die antikoloniale Tradition - und damit an die moralischen Verpflichtungen - der USA verfehlte seine Wirkung nicht. Schon am zweiten Tage des Staatsbesuches war aus dem zwielichtigen und von der amerikanischen Presse jahrelang mit Mißtrauen beobachteten, zwischen Ost und West balancierenden Sukarno ein »guter Freund« geworden, dem Inbegriffe des amerikanischen Staatsbewußtseins wie Washington, Jefferson und Lincoln offenbar ebensoviel bedeuteten wie den amerikanischen Bürgern selbst.

Sukarno - der kein Geheimnis daraus macht, daß die Ziele seiner nächsten wichtigen Auslandsreisen Peking und Moskau heißen - genoß die Rolle des umworbenen »braunen Bruders« in vollen Zügen. Seine große Stunde schlug, als er im Kapitol das Rednerpodium bestieg, um den zu einer gemeinsamen Sitzung beider Häuser versammelten Senatoren und Repräsentanten 45 Minuten lang Unterricht über den Umgang mit farbigen Völkern zu erteilen.

»Selbst Ströme schöner Worte und Niagarafälle harter Dollars führen nur zu Enttäuschung, Verbitterung und gespannten Beziehungen, wenn sie nicht in richtiger Form verteilt werden«, dozierte der 55jährige Asiate. »Wir begrüßen amerikanische Hilfe auf der Grundlage gegenseitigen Nutzens, aber wir sind fest entschlossen, uns nicht durch materielle Vorteile irgendeinen Sektor unserer schwer erkämpften Freiheit abkaufen zu lassen.«

Noch deutlicher wurde der Neutralist Sukarno, als er über die Situation Indonesiens sprach: »Wir werden mit der größten Freude jede Hilfe akzeptieren, aus welchem Teil der zweigeteilten Welt auch immer sie kommen mag, sofern sie nicht an die Bedingung einer politischen Verpflichtung geknüpft ist. Die Republik Indonesien ist eine Demokratie. Aber wir wissen, daß das nicht genügt. Für den Ausgehungerten kann Demokratie nie mehr als ein Schlagwort sein.«

Unter den Senatoren und Repräsentanten im Saal waren viele, die noch vor kurzem kompromißlos die Ansicht vertraten, daß jede amerikanische Hilfeleistung mit der Auflage einer pro-westlichen Stellungnahme im Kalten Krieg gekoppelt werden müsse. Jetzt stimmten auch sie in den tosenden Beifall ein, der die ketzerische Rede Sukarnos immer wieder unterbrach.

Der zum Staatsoberhaupt avancierte malaiische Revolutionsheld Achmed Sukarno aber bezaubert inzwischen - sehr zum Verdruß seiner einstigen Kolonialherren in den Niederlanden - weiter die amerikanischen Patrioten. Vor dem Grabmal George Washingtons in Mount Vernon verharrte er minutenlang mit erhobenen Händen und geschlossenen Augen, Korangebete murmelnd, bevor er seinen Kranz niederlegte. Die Wolkenkratzer-Silhouette vor dem Hudson-River begrüßte er mit den bescheidenen Worten: »New York, da bin ich.«

Der Zauber der exotischen Persönlichkeit Sukarnos wehte noch durch die Sitzung des außenpolitischen Senatsausschusses am Dienstag letzter Woche, als Verteidigungsminister Wilson die Notwendigkeit begründete, das Programm der Auslandshilfe in voller Höhe von 4,9 Milliarden Dollar anzunehmen. Wilsons These, daß eine Kürzung der Auslandshilfe ebenso katastrophale Folgen haben müßte wie die Kürzung der eigenen Verteidigungskosten, fand jetzt im Senatsausschuß geneigtere Ohren.

Präsident Eisenhower und Gattin, Sukarno: Verdächtiger Neutralist oder guter Freund?

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 22 / 59
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.