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BERATER Der Zeitgenosse

Für den Geschichtsprofessor Heinrich August Winkler wurde der Umzug der Bundesregierung nach Berlin zur Chance seines Lebens - er schrieb einen Bestseller über die neuere deutsche Geschichte und wurde zum Ratgeber für Politiker aller Parteien.
Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 52/2002

So drastisch wie der Gelehrte Heinrich August Winkler, 64, hat kein aktiver Politiker vor dem Beitritt der Türkei zur Europäischen Union gewarnt. Der Charakter der EU werde sich dramatisch verändern, unkte der Professor, der seit 1962 der SPD angehört, in diversen Pressekommentaren: »Das Projekt einer politischen Union ... wäre preisgegeben; die europäische Idee wäre tot.« Stattdessen werde »der Nationalismus wieder sein Haupt erheben«.

Irritiert lud Bundeskanzler Gerhard Schröder vor seiner Abreise zum EU-Gipfel nach Kopenhagen, wo am vorvergangenen Freitag die rasche Aufnahme von Beitrittsverhandlungen abgelehnt wurde, den Historiker ins Kanzleramt. Dessen Warnungen, die durch eine Türkei-Mitgliedschaft weit in den Nahen Osten vorgeschobenen Außengrenzen der Union schwächten das »Wir-Gefühl« der Gemeinschaft, ließen den Kanzler nicht unbeeindruckt.

Zunächst hatte Schröder dem Genossen Professor eher beiläufig mitgeteilt: »Ausnahmsweise sind wir mal nicht einer Meinung.« Bald wurde indes deutlich, dass das den Kanzler stärker zu irritieren schien als seinen Gesprächspartner.

Denn Heinrich August Winklers Wort hat Gewicht. Seit er vor zwei Jahren sein Geschichtswerk »Der lange Weg nach Westen« veröffentlichte, gilt er nicht nur in Historikerkreisen als eine Art Doyen der neueren deutschen Geschichte.

Die von Winkler auf 1400 Seiten spannend erzählte 200-jährige Suche der Deutschen nach ihrer staatlichen Form und ihrem gesellschaftlichen und nationalen Selbstverständnis lässt die Berliner Republik als einen erträumten Zielort der Geschichte erscheinen. Mit mehr als 50 000 verkauften Exemplaren und vorgesehenen Übersetzungen in fünf Sprachen ist das mehrfach preisgekrönte Buch auch ein wirtschaftlicher Erfolg.

Wie nach Winklers Darstellung Deutschland jetzt endgültig im Westen, ist der Autor selbst in Berlin auf einem Hochplateau seiner Bedeutung angekommen. Sein Schreibtisch in der Humboldt-Universität steht in Gehweite zu den Arbeitsplätzen von Kanzler Schröder und Außenminister Joschka Fischer. Zunehmend mischt er sich in die aktuelle politische Debatte über Gesellschafts- und Außenpolitik der Berliner Republik ein. Bisweilen wird er sogar - wie ein Journalist - in den »Presseclub« sonntags im Ersten eingeladen. Publizist, sagt Winkler, sei eigentlich ja auch sein zweiter Beruf.

Hat die rot-grüne Regierung mit ihm ihren Staatsschreiber gefunden? Dass der Bundeskanzler in der SPD-Fraktion Winklers deutsche Geschichte zu einer Art Pflichtlektüre erhoben hat, nährte den Verdacht der Parteilichkeit. Die Union werde in seinem Hauptwerk zu knapp behandelt, mäkelte die »Neue Zürcher Zeitung«, die Liberalen fehlten fast völlig: »Winklers Bundesrepublik ist ein SPD-Staat.« Allerdings griff der Historiker auch die linken Sozialdemokraten wegen ihrer Skepsis gegenüber der Wiedervereinigung und der Tendenz »zur allfälligen Instrumentalisierung der Erfahrungen von Auschwitz in der deutschen Tagespolitik« an.

Und immer wieder attackierte der Geschichtsprofessor auch die Bildungspolitiker der SPD wegen ihres »apodiktischen Nein zu jedweder Art von Studiengebühren«. Winkler bemühte für seine Forderung nach einer Eigenbeteiligung der »Besserverdienenden von morgen« einen prominenten Kronzeugen: Wenn auch höhere Unterrichtsanstalten »unentgeltlich« seien, dann heiße das faktisch nur, »den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel zu bestreiten«. Der Name des Winkler-Gewährsmannes: Karl Marx.

Nein, in der Nachfolge des preußischen Staatshistorikers Heinrich von Treitschke sieht Winkler sich so wenig wie als linientreuer Parteichronist, wenn er sich selbst als politisch interessierten Geschichtsforscher beschreibt. 1954 war er in die CDU eingetreten, weil ihm der damalige christdemokratische Parlamentspräsident Hermann Ehlers imponierte. Seine Mitgliedschaft beendete er sieben Jahre später, als er die Hetze der Konservativen gegen Willy Brandt unerträglich fand. Außerdem verübelte er es Konrad Adenauer, dass der Kanzler nicht sofort nach dem Mauerbau Berlin besuchte. Inzwischen hatte er auch den jungen Marx gelesen. Trotz des SPD-Parteibuchs, das er dann annahm, ist Winkler immer mehr Zeitgenosse als Genosse geblieben.

In Berlin diskutiert der grüne Außenminister Fischer mit Winkler über »die vielen Windungen und Widersprüche der deutschen Nationalstaatsbildung«, Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker preist seinen »erhellenden historischen Überblick und die scharfsinnige, unabhängige Urteilskraft«. Und Unionsgrößen wie Wolfgang Schäuble oder Edmund Stoiber machen sich in der aktuellen EU-Erweiterungs-Diskussion Winklers Vorschlag zu Eigen, den Türken einen Status »privilegierter Partnerschaft« einzuräumen.

Winkler nutzt einfach die Situation. Den Umzug der Regierung und des Parlaments aus Bonn hat er als »unheimlichen Motivationsschub« empfunden. Er bezweifelt, dass er sein Standardwerk so umfassend auch in Freiburg hätte schreiben können, wo er von 1972 bis 1991 lehrte.

Heute bietet ihm die Nähe der Universität zur politischen Klasse der Hauptstadt die Chance, Minister, Abgeordnete, Journalisten und Diplomaten als Referenten in seine Seminare zu laden. Als Gastprofessor der Harvard-Universität hat Winkler gelernt, wie eng das politische und das akademische Establishment in den USA bisweilen zusammenarbeiten. Und so ist der Professor, der sich mit Arbeiten über die Weimarer Republik, die Arbeiterbewegung und den Liberalismus längst in Fachkreisen Achtung verschafft hatte, mit dem Einzug der Bonner in Berlin eine intellektuelle Instanz geworden.

Winkler, der sich mit dezenter Hartnäckigkeit in Szene zu setzen weiß, genießt es, dort dabei zu sein, »wo Geschichte geschieht«. Noch hat sich in der neuen Hauptstadt keine geschlossene akademische Szene etabliert, aus der heraus Historiker und Politologen - wie etwa in

Washington oder Paris - regelmäßig die aktive Politik beraten. In Bonn gab es dafür Ansätze. Historiker und Politikwissenschaftler wie Karl Dietrich Bracher, Hans-Peter Schwarz und Klaus Hildebrand gehörten zum ständigen Gesprächskreis von Bundeskanzler Helmut Kohl.

Die Rot-Grünen haben bisher in Berlin nur Winkler. Dass sein Rat den Regierungsneulingen willkommen war, verwundert nicht. In einer glücklichen Kombination von Thema und Timing war er mit seinem Buch zur Stelle, als die außen- und sicherheitspolitischen Amateure Schröder, Fischer und Verteidigungsminister Rudolf Scharping unmittelbar nach ihrem Amtsantritt 1998 den Schritt in eine neue Normalität wagen mussten - die deutsche militärische Beteiligung am Kosovo-Krieg.

»Ich habe gelernt, dass es eben nicht nur eine Lehre aus der deutschen Geschichte gibt und geben kann«, sagte Schröder später, »die Lehre nämlich, dass wir uns überall dort, wo auch militärische Mittel zur Durchsetzung von Frieden und von Menschenwürde zum Einsatz kommen müssen, nicht angesprochen fühlen.« Er hat von Winkler gelernt, der bei der Einsicht half, dass man nicht symbolisch mit Vergangenheit umgehen kann. Man muss sie praktisch bewältigen.

Schröders neue Erkenntnis hieß: Wer international mitreden will, darf sich militärisch nicht ausschließen. Es begann ein Prozess rapider Veränderungen in Richtung auf Übernahme weltweiter Verantwortung bei der Friedenssicherung, der durch die internationalen Entwicklungen seit dem Umzug beschleunigt und verschärft wurde.

Obwohl der Kanzler bestätigt, dass er Heinrich August Winkler »häufig« trifft, reagiert der überaus empfindlich auf die Charakterisierung als Regierungsberater. Eher versteht sich der Professor als historischer Nachhilfelehrer. Dass der dringend gebraucht wurde, blieb auch in der Folgezeit unübersehbar.

Denn den Mangel der Regierenden an historischem Bewusstsein registrierte die außenpolitisch interessierte Öffentlichkeit nicht erst, als Schröder - unter dem Druck seiner schlechten Umfragewerte im Bundestagswahlkampf 2002 - die US-Administration mit einer barschen Absage für den Fall eines Irak-Krieges brüskierte.

Er wurde schon deutlich, als der SPD-Kanzler zur Beschreibung seiner Politik den Terminus »deutscher Weg« verwandte - eine unheilvolle Erinnerung an genau jene »deutschen Sonderwege«, die Heinrich August Winkler in seinem Standardwerk für überwunden erklärt hatte. Winkler urlaubte zu diesem Zeitpunkt im vergangenen August an der spanischen Nordküste und hatte, wie er sich nachträglich freut, kein Handy dabei. Deshalb musste der Historiker auf »den Unbegriff« - den er allerdings nur als Beschreibung der Innenpolitik verstanden haben will - nicht öffentlich reagieren.

Dennoch wunderte sich Winkler im Nachhinein über Schröders »gaullistischen Zungenschlag«. Hatte er nicht im Jahr zuvor zusammen mit dem britischen Historiker Timothy Garton Ash mit dem Kanzler ein ausführliches Gespräch über die deutsche Identität geführt? Und wie man von deutschen zu europäischen Lösungen kommen müsse? Antiamerikanisch oder gar wilhelminisch-deutsch findet Winkler Schröders kritische Haltung gegenüber der Irak-Politik des Weißen Hauses keineswegs. »Die westliche Position muss nicht mit der amerikanischen übereinstimmen«, sagt Winkler heute. »Der lange Weg nach Westen kann sogar über den Osten führen.«

Dass die USA und Europa seit dem Ende des Kalten Krieges sehr unterschiedliche Vorstellungen von der künftigen Weltordnung entwickelt haben, erscheint Winkler nur natürlich. Die Vereinigten Staaten seien den anderen Ländern und Machtbündnissen der Welt auf allen Gebieten überlegen. Doch lasse das ihr Handeln noch nicht automatisch »politisch zweckmäßig oder moralisch gerechtfertigt« erscheinen.

Im Gegenteil. Den deutschen Widerspruch gegen die derzeitige US-Administration könne man, so Winkler, sogar als eine besondere Form von Dankbarkeit interpretieren. Winkler: »Der Westen ist pluralistisch, oder er gibt sich selbst auf.« Allerdings dürfe aus einer relativen Eigenständigkeit Europas keine Gegnerschaft zu Amerika werden.

Mit deutlichem Unverständnis verfolgt er deshalb den Versuch der politischen Gegner von Rot-Grün, zum Zwecke der tagespolitischen Polemik historische Ereignisse zu instrumentalisieren. Schröder ist Brüning? Berlin ist doch Weimar? Die Reichen sind die Juden von heute? Nur mit Mühe ist der Historiker zu einem Kommentar zu bewegen. Vornehm sagt er: »Vorschnelle Aktualisierungen und vermeintliche historische Parallelen deuten auf einen unreflektierten Umgang mit der Geschichte hin.«

In Wahrheit ekelt ihn die Beschwörung von Weimar oder gar von Nazi-Verhältnissen als Methode der aktuellen politischen Zuspitzung geradezu, wie sie Arnulf Baring, Oskar Lafontaine oder jüngst auch Roland Koch betrieben. Er findet die Vergleiche zu abstrus, um darauf ernsthaft einzugehen. »Wenn sich jemand unbedingt lächerlich machen will, dann sollte man ihn lassen.«

Gerade als Experte für die Weimarer Republik weiß Winkler, dass die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland das Ergebnis des Versuchs ist, aus dem Scheitern »der ungelernten Demokratie« von Weimar und ihren vielen Geburtsfehlern zu lernen. Das Grundgesetz ist das systematische Ergebnis dieser Erfahrungen. Durch rasche und wirksame Reformen das Vertrauen in die parlamentarische Demokratie zu festigen bleibe die Aufgabe der Zukunft. Aber Systemkrise? »Bürger, auf die Barrikaden«, wie Baring forderte? Winkler: »Rundum abwegig.«

Winkler findet »die Geschichte im flüssigen Zustand«, die er derzeit in Berlin miterlebt, viel zu zukunftsträchtig, als dass er sich allzu lange mit behaupteten Neuauflagen der Vergangenheit aufhalten möchte. Auch er selbst bewegt sich auf Neuland - genau wie die Berliner Republik. Von den Untersuchungen der nationalen Identität ist er längst zur Erforschung einer europäischen Identität gelangt.

Mit den zwei Bänden über die Deutschen und ihren Nationalstaat ist Heinrich August Winkler »unversehens« - wie er sagt - zu einem »außenpolitischen Historiker« geworden. Das scheint ihn selbst zu erstaunen. Doch sind die Folgen abzusehen: Ein neues Standardwerk über Demokratie und Nation in Europa ist in Arbeit. Und von dem, was der Historiker Winkler bei diesem Prozess lernt, werden die Demokraten aller Farbschattierungen an der Spree profitieren. JÜRGEN LEINEMANN

* Am 15. November in Ankara.

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