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KONGO Der Zorn Gottes

Nach der Rückkehr in ihre von Lava zerstörte Heimat trotzen die Flüchtlinge Plünderungen, Krankheiten und der ständigen Gefahr neuer Naturkatastrophen.
aus DER SPIEGEL 5/2002

Nun sind sie also wieder da, die »Muzungus«. Und das ist kein gutes Zeichen. Das letzte Mal kamen 1994 so viele Weiße nach Goma. Zigtausende Hutu-Flüchtlinge, die zuvor aus Ruanda geflohen waren, wurden damals von einer Cholera-Epidemie dahingerafft, und die »Muzungus« bretterten mit ihren weißen Geländewagen durch die Provinzstadt, deren Gassen Leichenhaufen säumten, legten Massengräber an und konnten doch das Sterben kaum verhindern. Keine gute Empfehlung in einer Region, in der hauptsächlich der Aberglaube Erklärungen liefert für die Schicksalsschläge des Lebens.

So sieht das jedenfalls Venance Saburi, 35, der obdachlos ist, seit der Vulkan Nyiragongo eine Lavaschneise durch den Ort geschlagen und ganze Stadtviertel zum Schmelzen gebracht hat. Er würde jetzt gern etwas zu essen bekommen - dafür steht er schon seit Stunden in einem Pulk Wartender vor der Ausgabestation -, aber irgendein Bürokrat der Vereinten Nationen studiert noch die Listen, in die sich jeder eintragen musste.

»Sie sollen helfen oder verschwinden«, flucht Saburi, und unter ihm bebt mit unschöner Regelmäßigkeit die Erde, während nur ein paar Meter entfernt ein Wall von Lava dampft.

Noch immer haben Vulkanologen keine endgültige Entwarnung gegeben. Sie befürchten, dass Goma eine tickende Zeitbombe ist, denn in der Tiefe des Kivusees, an dem die Stadt liegt, befindet sich eine riesige Methanmenge. Sollte die heiße Lava das Gleichgewicht zwischen Gas und Wasser zerstören, droht eine gewaltige Explosion.

Doch allen Warnungen zum Trotz kehrten Hunderttausende Einwohner schon nach wenigen Tagen zurück zum Fuß eines Vulkans, dessen »wundervoll graziös geschwungene Profillinien« der deutsche Arzt und Afrikaforscher Richard Kandt bereits um 1900 bewunderte und der zuletzt 1977 ausbrach. Bis zu 2000 Menschen starben damals.

Die Flüchtlinge hatten in den Lagern auf der anderen Seite der Grenze nichts verloren: Zu sehr waren noch die Bilder vom Flüchtlingselend 1994 in Erinnerung. Und der Nachbarstaat bleibt ihnen verhasst. Denn der Osten des Kongo wird von den Rebellen der »Kongolesischen Sammlungsbewegung für Demokratie« kontrolliert, die in Goma ihren Hauptstützpunkt haben und weitgehend aus Kigali, der Hauptstadt Ruandas, finanziert werden: eine Art Besatzungstruppe von Tutsi Gnaden.

Und so irren die Menschen teils barfuß, teils in zerfetzten Sandalen über die schwefelstinkenden Lavamassen, die sich alles niederwalzend durch die Straßen geschoben haben - und plündern, was noch nicht geplündert wurde, schlagen Steine aus der noch heißen Lava und sammeln Wellblech für den Wiederaufbau. »Wir müssen dringend Unterkünfte schaffen«, sagt der deutsche Geologe Marco Kempe, 30, der im 175 Kilometer entfernten Lueshe in einer Pyrochlor-Mine arbeitet. Nur wenige Tage nach dem Ausbruch ist Kempe mit seinem Kollegen Karl Theo Meixner nach Goma geeilt. Nun stehen die beiden ratlos vor dem Lavaberg, über den sich Flüchtlingsmassen quälen, und beobachten den Überlebenskampf von Menschen, die seit Jahrzehnten von allen nur erdenklichen Menschheitsgeißeln heimgesucht werden.

»Wer hier nicht an Malaria stirbt, stirbt an Aids«, sagt der Student Amos Muhirwa, 23, »und wer daran nicht zu Grunde geht, der fällt dem Bürgerkrieg zum Opfer.« Wohl kaum ein anderer Ort ist wie Goma zum Synonym des Verderbens geworden. »Dass nun ausgerechnet der wunderschöne Nyiragongo den Tod über die Menschen bringt«, hält Kempe für »bittere Ironie«.

Schon immer hat der Berg eine große Faszination auf Geologen und Vulkanologen ausgeübt. Seine gleichmäßige Kegelform macht ihn für Kempe zum »Bilderbuchvulkan«.

»Die Gefahr eines Ausbruchs droht hier ständig«, weiß der Geologe, doch der Boden ist fruchtbar, und alle Warnungen wurden in den Wind geschlagen.

Erst wenige Tage vor der jüngsten Eruption hatten Vulkanologen auf die Gefahr hingewiesen, doch noch am Tag des letzten Ausbruchs verkündete der Sprecher des örtlichen Radiosenders, alles sei unter Kontrolle und »Gott auf unserer Seite« - da hatte der Lavastrom, der mit einer Geschwindigkeit von mehr als zehn Stundenkilometern den Berg hinabfloss, bereits die ersten Dörfer am Hang verwüstet.

Die Menschen von Goma kennen die Kraft des Vulkans, dem sie, um ihn gnädig zu stimmen, einmal jährlich eine Kuh opfern. Nun hat er bislang etwa 50 Menschenleben gefordert und vielen Tausenden die Lebensgrundlage geraubt.

Gott zürnt mit Chief Bigahuka, glauben sie nun. Der lokale Führer der Dörfer am Hang des Vulkans hatte stets behauptet, er sei mit dem Schöpfer im Bunde.

Das war vielleicht etwas voreilig.

THILO THIELKE

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