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Der Zusammenbruch oder die Stunde Null

Stand das Jahr 1984 im Zeichen Orwells, mit viel Kraut und Rüben, so werden es sich die beiden ehedem verbündeten Supermächte nicht nehmen lassen, die bedingungslose Kapitulation des Bismarck- und Hitler-Reiches am 8. Mai 1945 zu feiern, jeweils mit Spitze gegen den anderen. Sogar für die Deutschen in Ost und West werden Katzentische bereitgestellt. In Wahrheit war die Zerstückelung die Folge einer zu ausgreifend angelegten Politik, denkbar auch ohne Hitler. Europa konnte den Bissen nicht verdauen.
aus DER SPIEGEL 2/1985

Das ist das neue Karthago«, sagte Harry Hopkins, Küchenkabinettberater zweier US-Präsidenten, als er das zerbombte Berlin sah.

»Diese Stadt hat ihren Charakter verloren«, sagte wenig später Konrad Adenauer, nicht ohne Befriedigung, dem ihm zugeteilten Reisebegleiter, dem britischen Captain Michael Thomas ("Deutschland, England über alles"), einem geborenen Westend-Berliner.

Beides stimmte wohl nicht so ganz.

Berlin wurde nicht, wie Hitler das mit Moskau und Leningrad vorhatte, dem Erdboden gleichgemacht. Und wenn es denn einen spezifisch Berliner Charakter gegeben hatte, so besteht der immer noch. Als Weltstadt freilich hatte es ausgespielt.

Seit dem 12. Januar 1945, als der fähigste General des Krieges, Marschall Schukow, die Endoffensive begann, war Berlin das Kriegstheater aller Kriegstheater, vier Monate lang, bis des Führers Hofhund Generalfeldmarschall Keitel am 8. Mai in Karlshorst die bedingungslose Kapitulation unterschrieb, mit

hocherhobenem Marschallstab grüßend, es war sein »Interimsstab«, der normale wog zu schwer.

Das Goldene Parteiabzeichen trug er demonstrativ. Als sein Adjutant in Schluchzen ausbrach, fuhr er ihn an: »Lassen Sie das!« Champagner und Kaviar ließ er sich schmecken, so lästert Speer, obwohl die deutsche Delegation nach nur einer Viertelstunde aus dem Raum geschickt wurde. Schukow berichtet nichts von Champagner und Kaviar, aber das sagt ja auch nichts. Keitels »Interims«-Gruß beim Rausgehen wurde jedenfalls nicht mehr erwidert. Und aufgehängt wurde er dann gewißlich.

Der Iwan auf dem Wege nach Berlin, der Iwan in Berlin: Dramatischere Tage hatte die Stadt nie erlebt. Es wimmelte von Pferden, erst aus den Flüchtlingstrecks, die durch die Stadt mußten, dann von den mageren, struppigen Pferdchen, von denen die Russen ihre armseligen Panjewägelchen ziehen ließen, meist Einspänner, jeweils acht oder zehn erdbraune Gestalten hockten oder lagen darauf. Alle hatten Maschinenpistolen mit dem runden Schneckenmagazin.

Pferdefleisch, Pferdebrühe, viele plastische Schilderungen belegen, daß ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung von diesen Reittieren gelebt haben muß. Die Schriftstellerin Margret Boveri eilte mit einem Taschenmesser zu solch einer Nahrungsquelle. Wer sachkundig mit Pferdefleisch umzugehen wußte, mußte nicht verhungern. Anastas Mikojan sah Berliner auch »Gras und Rinde« essen. Das muß ihn an seine Kulaken erinnert haben.

Alles hoffte auf die Amerikaner, aber General Eisenhower hatte seinen Truppen befohlen, an der Elbe stehenzubleiben. Er war ein ziemlich unpolitischer Mensch. Länger als einen Monat überließ er die Hauptstadt den Russen.

Er gedachte, die (nur in der Einbildung der Amerikaner bestehende) »Alpenfestung« aufzuknacken.

Später besetzten auch die Amerikaner ihren Sektor, der Stadt zum Wohle, Rest-Deutschland zum Schaden.

Berlin verteidigte sich in »aktiver Resignation«. In einem Film sieht man eine Frau, die ein Ausbilder vergeblich mit einer Panzerfaust bekannt zu machen sucht.

Es waren aber gerade 12- bis 16jährige Hitlerjungen, die mit Panzerfäusten erfolgreich ihren Sport trieben. Zwischen zwei- und fünfhundert Panzer - die Zahlen schwanken naturgemäß - sollen sie geknackt haben. Kein Volkssturm, kein Werwolf, die Hitlerjungen machten dem Iwan zu schaffen.

Vor den Kirchen auf dem Blücherplatz wird Raps angepflanzt. Auf dem Alexanderplatz wachsen Runkelrüben. Im Lustgarten war ein Dorf nach russischem Muster aufgebaut, mit Strohkaten, das für die Eroberung der Ukraine zum Anschauungsunterricht und zu praktischen Versuchen dienen sollte. Hitler läßt sich zum letzten Mal am 20. April bei seinen jungen Helden sehen, verteilt Orden und tätschelt Wangen.

In seinem Bunker wird er sich fortan immer wieder die Modelle der von ihm geplanten neuen europäischen Hauptstadt Linz (warum wohl gerade Linz?) vorführen lassen. Noch sieben Tage vor seinem Selbstmord, als die Rote Armee schon die Außenbezirke Berlins erobert hat, sagt Hitler, allen Führer-Ernstes

voll, zu Albert Speer: »Für alle Fragen des Geschäftsviertels, der Gartenanlagen, der Fußgängerpromenaden ist Fräulein Braun zuständig, die ich heiraten werde.«

Fräulein Braun wird geheiratet, allerdings auch hinterher vergiftet.

Vor den Soldaten seiner Flak-Division hat Göring am 1. Februar mit seiner metallischen Stimme verkündet: _____« Reichsmarschall an alle: Heute, Soldaten, Offiziere » _____« und Luftwaffenhelfer meiner Flak, ist auch für euch ein » _____« besonderer Tag. Erstmals setzt meine Luftwaffe einen » _____« neuen Jäger-Typ ein, das schnellste Flugzeug der Welt, » _____« die Me 163, mit der wir die alliierten Bomber vom Himmel » _____« verjagen werden. »

Das war nicht ganz die Unwahrheit, aber zu retten ist ja nichts mehr. Bei strahlendem Sonnenwetter greifen am 3. Februar tausend amerikanische Bomber die Stadtmitte von Berlin an.

Der Reichsmarschall gratuliert dem Führer noch am 20. April zum 56. Geburtstag und meldet sich nach Berchtesgaden ab. Hitler, der Leute sonst selten duzte: »Wenn du willst, dann fahr.«

Der Flakhelfer Dieter Borkowski hat uns in einem Fischer-Taschenbuch _(Dieter Borkowski: »Wer weiß, ob wir uns ) _(wiedersehen. Erinnerungen an eine ) _(Jugend«. S. Fischer Verlag, ) _(Frankfurt/Main; 144 Seiten; 7,80 Mark. )

die Situation der Fast-noch-Kinder geschildert. Sein Tagebuch konnte er, bevor er in die Gefangenschaft ging, der Mutter eines Freundes in den Einkaufskorb werfen.

Am 20. März dürfen alle den Durchhaltefilm »Kolberg« sehen, mit Heinrich George als Nettelbeck und (dem Vierteljuden) Horst Caspar als Gneisenau. Borkowski findet ihn großartig. Sein Batteriechef meint, es könne nun wohl nur noch Tage dauern, bis der Führer seine kriegsentscheidenden Wunderwaffen einsetze.

Der Flakhelfer wundert sich, daß der Reichsverteidigungskommissar für Berlin, Minister und Gauleiter Dr. Goebbels, sechs riesige Radioapparate bombensicher im Flakturm einlagert, am 29. März. Man kann sich nur mit ihm wundern.

Wußte Goebbels, daß der Führer ihn noch zum Reichskanzler ernennen würde, und wollte er etwa diesen Posten antreten, weil er sich für den richtigen Verhandlungspartner hielt, um die Alliierten auseinanderzutreiben? Da war er ja eher skeptisch.

Es erscheint am 1. April bei den Flakleuten der Reichsorganisationsleiter der NSDAP, Dr. Robert Ley ("Kraft durch Freude"), und macht ihnen Mut: Der Führer locke die Feinde bewußt in das Reichsgebiet, um sie mit neuen grauenhaften Waffen hier besser vernichten zu können. Unseren Flakhelfer stimmt allerdings eine leichte Fahne skeptisch.

Ein älterer und hochdekorierter Soldat sagt in einer übervollen S-Bahn: _____« Wir müssen diesen Krieg gewinnen, wir dürfen nicht » _____« schlappmachen. Denn wenn die anderen siegen und die » _____« Russen, Polen, Franzosen und Tschechen nur zu einem » _____« kleinen Prozent das mit unserem Volk machen, was wir » _____« sechs Jahre lang mit ihnen gemacht haben, dann lebt in » _____« wenigen Wochen kein einziger Deutscher mehr. »

Von dem Schicksal der Juden scheint dieser alte Krieger, der als Einzelkämpfer vier Panzer erledigt hatte, wenig gewußt zu haben. Unser Flakhelfer wird nachdenklich. Aber er fragt sich doch, ob die Engländer und Amerikaner uns Deutsche damit gewinnen wollten, daß sie unsere Kirchen und Kulturdenkmäler vernichteten.

Flakhelfer Borkowski hat eine kranke Mutter. Er bekommt Urlaub und möchte eigentlich zu Hause bleiben. Aber Goebbels hat auch an seiner Haustür einen Aufruf anschlagen lassen, auf dem es heißt: _____« Auf Befehl des Führers haben sich alle Männer vom 15. » _____« bis zum 70. Lebensjahr zur Entgegennahme von Waffen bei » _____« den zuständigen Einsatzstäben der NSDAP und der Wehrmacht » _____« zu stellen. Wer sich feige in den Luftschutzräumen » _____« verdrückt, ist vor ein Kriegsgericht zu stellen und wird » _____« mit dem Tode bestraft. »

Befehlsgemäß meldet er sich bei der NSDAP-Ortsgruppe, wo er die üblichen schlechten Eindrücke hinsichtlich der sogenannten »Goldfasane« empfängt. Zu essen und namentlich zu trinken scheinen die noch reichlich zu haben.

Zeitungen erscheinen kaum noch. Unser Held liegt in der Dreifaltigkeitskirche am Wilhelmplatz. Runde 200 Meter entfernt sitzt sein Reichsverteidigungskommissar in der Reichskanzlei. Immerhin ist der nicht, wie Himmler und Göring, abgehauen. Ein Radio plärrt Marschmusik, und dann hören sie Stücke aus Goebbels'' Geburtstagsrede: _____« Wer anders könnte die Richtung aus der Weltkrise » _____« weisen als der Führer? Sein Werk ist ein Werk der » _____« Ordnung! Wenn also die Welt noch lebt, wem anders hat sie » _____« es zu verdanken als dem Führer? »

Auch Goebbels muß sich da wohl einen zur Brust genommen haben.

Am 21. April verläßt eine lange Autokolonne Berlin. Die Großen des Reiches sollen Berlin von außen retten. Görings Kolonne hat zwölf Wagen.

Am 23. April meldet der Wehrmachtsbericht: »Der verlorengegangene Bahnhof von Berlin-Köpenick wurde im Gegenstoß wieder genommen.«

Der Flakhelfer Borkowski kann nicht mehr in seinen Flakturm. Der Kommandant von Berlin, General Weidling, erscheint an der Schloßbrücke in einem Panzerspähwagen. Er spricht sehr leise und sagt, die Spitzen der Entsatzarmee Wenck (die später nur noch als »Geisterarmee« verspottet wurde) stünden bereits bei Potsdam.

Derweil macht sich der Führer Gedanken, ob seine Person wohl unentbehrlich sei, wenn es jetzt gelte, die Russen gegen den Westen oder die Westmächte gegen die Russen auszuspielen. Goebbels: Hitler ist unentbehrlich. Er läßt aber eine gewisse Skepsis durchblicken, ob solche Verhandlungen wohl überhaupt noch zustande kommen könnten.

Flakhelfer Borkowski erreicht wieder seinen Flakturm Friedrichshain, wo er etwas Grausiges erlebt: _____« Das Artilleriefeuer war so stark, daß ich nur » _____« langsam, von Haus zu Haus springend, zur Greifswalder » _____« Straße vorankam. » _____« Kurz vor dem Königstor sah ich von weitem etwas » _____« Merkwürdiges. Auf den Luftschutz-Deckungsgräben vor der » _____« Bartholomäuskirche standen fünf Männer, dabei hämmerten » _____« die Granatwerfer pausenlos. Eisen und Asphalt, Metall und » _____« Steine spritzten bei jedem Einschlag. Noch etwa hundert » _____« Meter entfernt, springend und dann Deckung nehmend, » _____« wieder springend, rief ich zu den Männern hinüber: »Geht » _____« doch in Deckung!« Doch sie rührten sich nicht. Beim » _____« Herankommen fuhr ich entsetzt zusammen. Die fünf waren » _____« tot, sie hingen an den Bäumen. Nur von weitem hatte es » _____« ausgesehen, als stünden sie auf den Deckungsgräben. » _____« SS-Streifen hatten sie gehenkt, jeder trug eine Tafel um » _____« den Hals, auf der in großen Buchstaben stand: »Ich war zu » _____« feige, für Deutschland zu kämpfen. Ich habe den Führer » _____« und das Volk verraten. Darum muß ich ehrlos und in » _____« Schande sterben!« Mir wurde übel bei diesem Anblick. »

Im Turm erfährt er: General Wenck habe schon einen Keil bei Ferch in die sowjetische Umklammerung geschlagen. Das hat sein Oberleutnant vom Führer selbst, der ihm das Ritterkreuz umgehängt hat. Man flüstere im Hauptquartier, daß die Amerikaner Luftlandetruppen zu unserer Unterstützung gegen die Russen einsetzen wollten.

Die russischen Hilfskanoniere der Batterie sind inzwischen ohne irgendeinen Anlaß auf höchsten Befehl erschossen worden.

Am 2. Mai, der Führer ist nun tot, wird der Durchbruch nach Norden beschlossen. Oberleutnant Seidler hat die Flakhelferin Inge Dombrowski, die Jugendfreundin des Autors, erschossen, wie sie es nach dem Beispiel Eva Brauns von ihm verlangt hatte. Anschließend hat er Selbstmord begangen.

Zwischen den Ruinen des zerschmetterten Märchenbrunnens liegt die zerschlagene Steinfigur des Rotkäppchens, liegen die von Granatwerfern zerfetzten Zwerge mit einem Schneewittchen, das von einer Stalinorgel geköpft worden war. Hier ist der Autor noch vor kurzer Zeit mit Inge Dombrowski entlanggegangen.

Eine Kette betrunkener SS-Offiziere stellt sich vor den Trupp der Ausbrecher. »Großadmiral Dönitz kommt uns entgegen«, lallt ein betrunkener SS-Offizier. Ein alter Obergefreiter zieht die Pistole und schießt den Mann nieder. Nicht die geringste Reaktion. Jeder geht jetzt, wohin er will. Von einem stehenden Panzer springt ein junger russischer Hauptmann und sagt: »Woyna kapuut, Hitler kapuut ... Ihr gehen nach Hause zu Babuschka!«

Das neue Staatsoberhaupt Großadmiral Dönitz in Mürwik beschwert sich schriftlich bei Feldmarschall Montgomery, daß man ihm bei der Verhaftung seinen Marschallstab und seinen »Interimsstab« weggenommen habe. Auch mußte er bei der Verhaftung die Hosen herunterziehen. Den SS-Führer Heinrich Himmler hatte er nicht verhaften, sondern laufenlassen, weil er von dessen Verbrechen angeblich nichts wußte.

Der Iwan, man konnte es nicht mehr ableugnen, war in Berlin, und er allein.

Das Telephonnetz funktionierte noch leidlich. So rief der Panzerleutnant Wiktor Bojew am 26. April aus dem schon eroberten Stadtteil Siemensstadt das Reichspropagandaministerium in der Wilhelmstraße an, um mit Dr. Goebbels zu telephonieren. Der gebürtige Moskauer erinnerte sich, daß in Moskau das Telephonnetz einst von der Firma Siemens installiert worden war. Er rief die Telephonauskunft an und erfragte mit Erfolg die Rufnummer des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda. _(Der SPIEGEL kam mit Bojew 1973 noch ) _(einmal anläßlich der Eröffnung des ) _(SPIEGEL-Büros in Moskau in Berührung, wo ) _(er den Fremdenführer machte. Als die ) _(SPIEGEL-Photographin Sigrid Rothe ) _(Breschnews Privatwohnung von der Straße ) _(aus photographierte, sagte der Fahrer: ) _("Das darf man nicht.« Bojew: »Was soll ) _(man da machen?« )

Dies sagte Goebbels dem Bojew: _____« Wir nehmen uns ein Beispiel an Ihrer Festung » _____« Sewastopol, die acht Monate lang unseren Angriffen » _____« getrotzt hat. »

Er hielt Tiraden und Bojew versprach ihm am Ende, der Baum sei schon ausgesucht, an dem er hängen werde.

Aber kein Zweifel, die Russen waren nun da. In keiner Stadt der Welt haben jemals so viele Menschen das Radfahren gelernt oder nicht gelernt. Grinsend rasten sie gegen die Bäume oder fielen aus Gleichgewichtsgründen glucksend vom Sattel, »Affen« oder »Urwaldmenschen«, wie so mancher Berliner meinte. Es war, als wenn Hernando Cortez den Azteken in Mexiko tausend Paar Schlittschuhe samt einem gefrorenen See mitgebracht hätte. »Sie sind«, notiert eine hier anonym bleiben wollende Schauspielerin, »wie Tiere hinter Gittern, die jeden Augenblick ausbrechen können.«

Junge Burschen, deren Unter- und Oberarme mit Uhren bestückt waren,

gab es zuhauf. Aber die sowjetische Militärverwaltung schien keinen Befehl gegeben zu haben, zu plündern und zu vergewaltigen. Sie hinderte, unter Generaloberst Bersarin, der bald einem Motorradunfall erlag, vieles und vieles andere nicht. Sie stellte sogleich Feldküchen auf.

Das schrecklichste Kapitel war natürlich das der Vergewaltigungen, an denen die Nazi-Herren-Ideologie nicht unschuldig, aber auch nicht ganz allein schuldig war. Beschränken wir uns auf die Tatsachen. Hier der Bericht des damals 15jährigen SPIEGEL-Redakteurs Karl-Heinz Krüger, der nach Berlin zurück »desertiert« war. Er saß im Luftschutzkeller: _____« Die Frauen hatten sich trotz der Hitze sehr dick » _____« angezogen und bemühten sich, alt und häßlich auszusehen. » _____« Einige hatten mehrere Schlüpfer, Trainingshosen und » _____« Herrenhosen übereinandergezogen. » _____« Frauen verkrochen sich auf Dachböden, in » _____« Kellerverschlägen, auf Balkonen, in Schränken. » _____« Eine wehrte sich; der Russe haute ihr die » _____« Maschinenpistole auf den Kopf. » _____« Nebenan war eine Kirche. Ihre Glocken läuteten wild » _____« und blödsinnig die ganze Nacht. » _____« Am nächsten Morgen sah man deutsche Männer mit » _____« Schubkarren und Handwagen von der Kirche kommen: Ihre » _____« geschundenen Frauen lagen wie Knochenhaufen darauf. Das » _____« geschah vollkommen stumm. »

Karlshorst, wo Karl-Heinz Krüger bei Bekannten untergekrochen war, mußte binnen Stunden geräumt werden. Der Flieder blühte früh. Alle Karlshorst besetzenden Russen-Autos erschienen mit gewaltigem Fliederschmuck. Aber die Insassen liebten offenbar keinen weißen, sondern nur blauen Flieder.

Am 1. Juli kamen die ersten Amis. Karl-Heinz Krügers und manch anderer Leute Freundin Margot, »ein fürchterlich dickes Mädchen«, hatte nun ihren prägenden Namen weg: die Neger-Nutte. Sehr bald saß sie in einem Krankenhaus, das man fröhlich »Dornröschenschloß« nannte.

Daß ein junges Mädchen »sichtlich wohlig ermüdet« aus einem Wagen gehoben wurde; daß Frauen Zigaretten opferten und eine Mahlzeit, um »flüchtig ihren Begierden frönen« zu können, wurde von Mann wie Frau tadelnd vermerkt. Der Krieg war zu Ende, die Stunde Null da, der Zusammenbruch war ebenso herrlich wie fürchterlich.

Gustaf Gründgens machte sich auf den Weg zu seiner Frau Marianne Hoppe. Er ging als Bonvivant in steifem Hut, Überzieher und weißen Wildlederhandschuhen (er hat Marianne gefunden). Gefragt, ob er wirklich so ausstaffiert losgehen wolle, sagte er nur: »Alles andere wäre unwürdig.«

Dieter Borkowski: »Wer weiß, ob wir uns wiedersehen. Erinnerungen aneine Jugend«. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main; 144 Seiten; 7,80Mark.Der SPIEGEL kam mit Bojew 1973 noch einmal anläßlich der Eröffnungdes SPIEGEL-Büros in Moskau in Berührung, wo er den Fremdenführermachte. Als die SPIEGEL-Photographin Sigrid Rothe BreschnewsPrivatwohnung von der Straße aus photographierte, sagte der Fahrer:"Das darf man nicht.« Bojew: »Was soll man da machen?«

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