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Bundeswehr Des Führers General

Darf eine Kaserne den Namen des Wehrmacht-Offiziers und Hitler-Freundes Dietl tragen?
aus DER SPIEGEL 21/1993

Traditionsbewußte Bürger im Ostallgäu sind stolz auf ihre liebliche Landschaft am Alpenrand, die Kitsch-Schlösser des Bayern-Königs Ludwig II. - und auf »unseren Dietl«, den Namensgeber der Bundeswehrkaserne in Füssen.

Wer anders denkt, bekommt Probleme.

»Die ersten Morddrohungen waren am schlimmsten«, erinnert sich Studienrat Jakob Knab, 41. »Du Drecksau bist im Fadenkreuz«, röchelten unbekannte Anrufer nächtens ins Telefon. »Ein Wort noch, und wir bringen deine zwei Buben um«, las er anderntags in anonymer Post. Einem kritisch berichtenden Journalisten wurde kürzlich die Autoscheibe eingeworfen und ein Brief zugestellt: »Juden-Freund paß auf.«

Von ihrem Ziel wollen die so Bedrohten indes nicht lassen: Die 1964 nach Adolf Hitlers Kampfgefährten Generaloberst Eduard Dietl benannte Kaserne soll einen anderen Namen erhalten.

Mit gutem Grund: Der Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP war ein Bilderbuchnazi in der Wehrmacht - vom Geiste eher schlicht, dem Führer treu ergeben.

Das für die Namensgebung zuständige Bundesverteidigungsministerium drückt sich vor einer Änderung, der stramm konservativ besetzte Stadtrat von Füssen hält mit großer Mehrheit am Traditionsnamen fest. Am Alpenrand gärt eine braune Gemengelage von »völkischreaktionärem Mief« (Knab) und großmachtsüchtigem Deutschdenken. »Es wird von den Deutschen wieder internationaler Militäreinsatz verlangt«, schlägt CSU-Stadtrat Otto Ruff kühn den Bogen, »wenn man aber eine Truppe aufbauen will, so darf man Tradition und Vergangenheit nicht leugnen.«

Die Verehrung Dietls trägt fast pathologische Züge: »Dietl ist als General und als Mensch in den Herzen der Deutschen unsterblich«, schwärmt ein Leserbriefschreiber in der Augsburger Allgemeinen Zeitung, und der CSU-Bundestagsabgeordnete Kurt J. Rossmanith versichert: »Generaloberst Dietl war und ist für mich auch heute noch ein Vorbild in menschlichem und soldatischem Handeln.«

So soll es auch für die Rekruten der Kaserne bleiben, denen der Namenspatron per Standortbroschüre nahegebracht wird. Der 1890 in Bad Aibling geborene Schlachtenlenker des Führers war 1936 Kommandeur des Gebirgsjägerregiments 99 in Füssen. »Dort hatte er bald mit allen Skisportlern des Allgäus Verbindung aufgenommen, zu denen sich ein enges und herzliches Verhältnis entwickelte«, lehrt die Schrift junge Soldaten und lobt Dietls »humorvolle, väterliche Art«.

Nichts erfahren die Rekruten über den von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels zum »Helden von Narvik« stilisierten Gefolgsmann Hitlers, dem von anderer Seite der Beiname »Schlächter von Murmansk« verliehen wurde, weil er Soldaten rücksichtslos in gegnerisches Feuer getrieben habe.

Schon 1988 hatte das Verteidigungsministerium beim Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg eine Studie über den 1944 bei einem Flugzeugabsturz verunglückten Dietl in Auftrag gegeben. Das Ergebnis liegt seit Jahren vor, bleibt bis auf eine Zusammenfassung allerdings unter Verschluß - zum Schutz des »allgemeinen Persönlichkeitsrechtes«, wie das Ministerium vorgibt.

»Denen hat das Ergebnis nicht gepaßt«, vermutet Studienrat Knab.

Auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen rang sich die Bundesregierung immerhin die Antwort ab, es habe keinen Hinweis dafür gegeben, daß sich Dietl irgendwann vom NS-Regime losgesagt oder auch nur Kritik geäußert hätte. Bei Besuchen in der Heimat habe er Propagandareden gehalten, »in denen er stark persönlich gefärbte Bekenntnisse zu Hitler ablegte«.

Hübsch formuliert. Originalton der Durchhalteparolen Dietls 1943: _____« Ich erkläre als verantwortlicher Oberbefehlshaber, » _____« dem kostbarstes deutsches » _____« Blut in diesem Schicksalskampf anvertraut ist: Ich glaube » _____« an den Führer. Je schwieriger die Lage, desto mehr » _____« vertraue ich ihm. »

Kein besonders geeigneter Namenspatron für eine Bundeswehr-Kaserne, findet auch der Petitionsausschuß des Bundestages. Ende vergangenen Jahres hatte er Minister Volker Rühe empfohlen, den Namen der Kaserne zu ändern: »Daß sich zahlreiche Verbände und Organisationen sowie die Bürgerschaft Füssens für die Beibehaltung der Kasernenbezeichnung ausgesprochen hätten, kann letztlich kein ausschlaggebendes Kriterium für die Beibehaltung der Benennung sein.«

Wohl aber für den Verteidigungsminister. Rühe hält zu den rechten Traditionspflegern. Einer Umbenennung der Kaserne werde er nur zustimmen, so legte er sich fest, »sofern Truppe und kommunale Gremien einvernehmlich einen entsprechenden Wunsch äußern«.

Da darf er lange warten.

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