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STAATSBESUCH Des Königs Schwiegermutter

aus DER SPIEGEL 38/1956

Selten hat der Besuch eines ausländischen Staatsoberhauptes in der Bundesrepublik und ihrer provisorischen Hauptstadt unter so delikaten Umständen stattgefunden wie der des griechischen Königspaares in dieser Woche. Der Monarch läßt sich von seinem Außenminister Averoff begleiten, der gerade in Paris war und dort mit den »Drei Weisen« des Atlantikrats konferierte. So wollen die Griechen deutlich machen, daß ihr Besuch nicht nur ein gesellschaftliches Ereignis ist.

Schon als Bundespräsident Theodor Heuss auf Staatsbesuch in Athen war, wurden ihm deutschsprachige Transparente vorgehalten: »Herr Präsident, helfen Sie uns im, Kampf um Zypern!« Griechenlands Hauptgegner in diesem Kampf ist England, und so muß die Bundesregierung jetzt, da das griechische Königspaar in Bonn ist, einen ähnlich vorsichtigen Kurs steuern wie. Heinrich von Brentano schon auf der Londoner Suez-Konferenz, als es darum ging, die Bundesrepublik aus dem

britisch-ägyptischen Konflikt möglichst herauszuhalten.

Unglücklicherweise sind es aber nicht nur diese hochpolitischen Probleme, von denen der Besuch des griechischen Königspaares überschattet wird. Erschwerend kommt ein persönlicher Konflikt des Königshauses hinzu, der dazu geführt hat, daß König Paul an Bundespräsident Heuss die schriftliche Mitteilung richtete, er, der König der Hellenen, würde dankbar sein, wenn seine Schwiegermutter nicht zu den Empfängen aus Anlaß des Besuches eingeladen werde. Die Schwiegermutter des griechischen Königs ist Viktoria Luise, Prinzessin von Hannover, von Großbritannien und Irland, Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg, die einzige Tochter Wilhelms des Zweiten.

Der ungewöhnliche Brief des griechischen Staatsoberhauptes an das westdeutsche muß vor dem Hintergrund der Streitigkeiten gesehen werden, in die das Haus verwickelt ist, dem die Königin der Hellenen, Friederike, entstammt. Es ist das alte hannoversche Königshaus der Welfen. Chef dieses Hauses ist Ernst August, Prinz von Hannover, von Großbritannien und Irland, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, 42. Dieser Ernst August, der Bruder der griechischen Königin, liegt mit seiner Mutter, Viktoria Luise, in einem Streit, in dessen Verlauf die griechische Königin auf die Seite des Bruders getreten ist.

Die Auseinandersetzungen, die jetzt den Besuch des griechischen Königspaares in der Bundesrepublik komplizieren, begannen schon vor einigen Jahren. Viktoria Luise hatte sich damals die ledige Architektin Anneliese Peck aus Alfeld an der Leine zu ihrer Vertrauten erwählt. Das Fräulein Peck konnte mit den übrigen. Mitgliedern des Welfenhauses nicht recht übereinkommen, Viktoria Luise aber weigerte sich, ihre Vertraute fallen zu lassen, und so kam es zu mancherlei unerquicklichen Szenen,

die seinierzeit das königstreue hannoversche Publikum bewegten (SPIEGEL 36/1955). Im Laufe dieser Ereignisse spaltete sich auch der monarchistische »Niedersächsische Frauenbund e.V.« in einen Zweig, der es mit dem Herzog Ernst August hält, und in einen anderen, der unter dem Namen »Herzogin-Viktoria-Luise-Bund e.V.« der Herzoginmutter Treue schwört.

Die Entwicklung erreichte einen gewissen Höhepunkt mit einem Brief des Prinzen Ernst August an den Vorstand des »Niedersächsischen Frauenbundes«, in dem er seine Mutter kurzerhand für nicht voll zurechnungsfähig erklärte. In dem Schreiben heißt es: »Ihnen werden die Veränderungen im Gemütszustand Ihrer Königl. Hoheit, der Herzoginmutter, nicht entgangen sein. In der Familie jedenfalls beobachten wir mit wachsender Sorge eine -Nervenüberreizung und Zwangsvorstellungen, die Beeinflussungen, Handlungen, Wünsche und Behauptungen erklärlich machen, die normalerweise nicht auftreten würden ...«

Ursache dieses harten Urteils Ernst Augusts über die geistige Gesundheit seiner Mutter mochte auch der Umstand sein, daß die Gattin des Prinzen, Ortrud, gelegentlich protokollarische Schwierigkeiten hatte, weil ihre Schwiegermutter auf allzu vielen offiziellen Veranstaltungen noch eine Rolle spielen wollte.

Als die Pläne für einen Staatsbesuch des Königs und der Königin in Westdeutschland feststanden, in dessen Verlauf das hohe Paar auch eine Privatvisite auf der Marienburg, dem Stammsitz der Welfen, machen wollte, richtete das hannoversche Welfenhaus an die niedersächsische Landesregierung einen Brief, in dem es bat, man möge die Herzogin Viktoria Luise nicht zu den öffentlichen Empfängen einladen, die anläßlich des

Staatsbesuches in Niedersachsen geplant sind.

Ministerpräsident Hellwege wollte diesen Wunsch nicht erfüllen. Er ist Vorsitzender der Deutschen Partei und muß Rücksicht darauf nehmen, daß seine Parteifreunde nicht nur dem Ernst August, sondern zum Teil auch der Viktoria Luise anhängen. Auch als eine gleichlautende Bitte des Königshauses aus Athen beim Bundespräsidenten Heuss in Bonn eintraf, konnte sich Heinrich Hellwege in Hannover zunächst nicht zu einer Brüskierung der Herzoginmutter entschließen.

Besser außer Landes

Der Ministerpräsident konferierte mit dem Chef des Welfenhauses, Ernst August, mit dem er schließlich einig wurde, die Herzoginmutter könne eingeladen werden, und schickte sodann einen Brief nach Athen an König Paul. In diesem Schreiben heißt es, der Wunsch des griechischen Königspaares würde in Niedersachsen beträchtliches Aufsehen erregen. Falls der König aber auf seinem Wunsch bestehe, seine Schwiegermutter nicht eingeladen zu sehen, würde er, Hellwege, sich dennoch freuen, den Monarchen in Hannover begrüßen zu können.

Der niedersächsische Landespressechef, Dr. Parisius, gesteht heute, daß es den Bemühungen seines Ministerpräsidenten beinahe gelungen war, dem Affront gegen Viktoria Luise die Spitze zu nehmen: »Die Angelegenheit wäre beigelegt gewesen, wenn nicht das Telegramm aus Athen gekommen wäre.«

In diesem Telegramm bestand König Paul darauf - vor allem im Namen seiner Frau -, daß die Herzogin Viktoria Luise unter keinen Umständen eingeladen werde.

Die Angelegenheit wurde dadurch nicht übersichtlicher, daß der griechische Botschafter in Bonn - offenbar in Unkenntnis der familiären Spannungen - an die Schwiegermutter seines Königs, Herzogin

Viktoria Luise, eine Einladung zu einem Staatsempfang schickte. Welfenchef Ernst August war einigermaßen bestürzt, als er davon hörte, und rief seinen Schwager König Paul in Athen an. Dann fuhr Ernst August nach Celle zum 83jährigen Berater des Welfenhauses, der Exzellenz Knoke.

Als Ernst August von Exzellenz Knoke zurückkam, schickte er seiner Mutter, Viktoria Luise, eine Abschrift jenes Briefes zu, den König Paul an den Bundespräsidenten Heuss geschickt hatte: »Liebe Mami«, heißt es im Begleitbrief, »ich gebe Dir hier Kenntnis von einem Brief Pauls, den dieser an Bundespräsident Heuss schickte. Es wäre besser, während des Besuches außer Landes zu gehen. Dein Ernst August.«

Herzogin Viktoria Luise eilte zum Ministerpräsidenten Hellwege. Aber auch Heinrich Hellwege konnte nun nichts mehr ändern. Sein ganzes Sinnen und Trachten ging jetzt dahin, unter allen Umständen zu verhindern, daß diese Vorgänge in die Öffentlichkeit kamen.

Dieses Trachten machte jedoch die Herzogin Viktoria Luise selbst zunichte. Es traf sich für sie gut, daß sie am Donnerstag letzter Woche ihren 64. Geburtstag begehen konnte, den sie »als traditionelles Familienfest« im Kreise des »Herzogin -Viktoria-Luise-Bundes« in den Maschseegaststätten zu Hannover feierte, und zwar sowohl am Vor- als auch am Nachmittag.

Die Vorsitzende des Bundes, Annemarie Sievers, deutete den Damen am Vormittag an, was der Herzoginmutterwiederfahren sei. »Skandalös«, riefen die Bundesschwestern in den Saal. Aus den Reihen der versammelten Monarchistinnen waren Pfuirufe gegen das griechische Königspaar zu hören.

Heinrich Hellwege hatte zu der Geburtstagsfeier des Viktoria-Luise-Bundes als Beobachter seinen persönlichen Referenten geschickt, den Baron von Jeinsen. Als der Baron am Vormittag der Veranstaltung die Bundesvorsitzende Annemarie Sievers

ankündigen hörte, am Nachmittag werde sie alle Einzelheiten der Affäre enthüllen, schlug er Alarm.

Annemarie Sievers wurde über Mittag zu Ministerpräsident Hellwege gebeten. Sie ließ dem Ministerpräsidenten aber sagen, daß sie zunächst zu Mittag speisen müsse. Als die standhafte Vereinsdame gesättigt war, hatte Heinrich Hellwege bereits wieder anderweitige Terminverpflichtungen, das Gespräch unterblieb, und Annemarie Sievers war es, die schließlich unbeirrt bekanntmachte, was Heinrich Hellwege so überaus gern hatte verheimlicht sehen wollen.

Staatsbesucher König Paul, Königin Friederike: Briefe nach Deutschland ...

... wegen der Familie: Paul-Schwiegermutter Viktoria Luise, Luisenbund-Chefin Sievers

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