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SOWJET-UNION Des Sängers Fluch

Erstmals seit Stalins Tod weinten wieder Tausende auf den Straßen: In Moskau starb der Poet, Sänger und Schauspieler Wyssozki.
aus DER SPIEGEL 32/1980

Die Gegen-Olympiade der Moskauer Einwohner fand in einem alten Viertel im Osten der Sowjethauptstadt statt, der Taganka. Dort versammelten sich am vorigen Montag die Massen, um -- wie bei den Spielen der Antike -- einen Heroen des Gesangs zu ehren. Zum letztenmal.

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki war gestorben, 42 Jahre alt, an Herzversagen -- der Troubadour für Millionen Russen, Liebling aller Besucher des kleinen, berühmten »Taganka«-Theaters in Moskau und der Fernsehzuschauer, als »Hamlet«, Brechts »Galilei« oder Lermontows »Held unserer Zeit«.

Die Trauer-Demonstranten kamen spontan, unorganisiert, durch die Staatswächter eher ferngehalten -mitten in der total abgesicherten Olympia-Hauptstadt des Polizeistaats UdSSR. Gegen den gerade hatte Wyssozki angesungen, der Sowjet-Lyriker, der als Jugendlicher das Lager kennenlernte (und später die West-Aktrice Marina Vlady heiratete).

Das russische Volk liebte geradezu inbrünstig den inoffiziellen Wyssozki: den Protestsänger des Untergrunds, der den Menschen mit Liedern über die kleinen und großen Miseren half, ein Biermann und Tucholsky, Qualtinger und Degenhardt in einem, der ebenso wortgewaltig reimte wie stimmgewaltig zur Gitarre sang.

Seine Lieder und Balladen, ein halbes Tausend -- nur wenige offiziell gutgeheißene Verse wurden auf ein halbes Dutzend Singles gepreßt --, griffen mitten hinein ins tägliche Leben des Sowjetbürgers. Sie berichteten von Lager und Liebe, verspotteten Bürokraten und Sportrabauken, nichts war sicher vor des Sängers Fluch. Die Verse waren oft tragikomisch, oft traurig, ausweglos, eben russisch:

Eine Irrenhausballade erzählt von einem Gesunden, der unter die Narren gesteckt und von ihnen gequält wird -»selbst Gogol würde sich mit Grausen wenden«. Ein Schrei aus dem Lager -»die Sonne scheint, »er Schnee liegt meterhoch« -- fleht um Lebenszeichen von draußen:« » Eure Briefe, Freunde, sind wie ein Boot schreibt, Freunde, » » hört nicht auf mögen sie eure Briefe auch zerfetzen, » » schreibt, meine Freunde, sonst bin ich tot. »

Wyssozki spottete mit seinem rauchigen Bariton zur Klampfe über das Kaufhaus Gum, zu dem alle eilen wie unter Zwang, obwohl es auch dort kaum was zu kaufen gibt. Er veralberte Aeroflot, deren Stewardessen sich wie Prinzessinnen aufführen und die ihn überallhin bringen will, bloß nicht dorthin, wohin er möchte (und die Koffer landen allemal in Kischinjow).

Mit grimmigem Mitgefühl besang er die Helden des sowjetischen »lltags, die hoffnungslos Schlangestehenden, Bürger, die warten, » » fluchen und schreiben Bürger, die doch nur Gerechtigkeit » » wollen. Du weißt doch, wir waren die ersten, aber die, die » » hinter uns waren, die sind schon lange dran. Doch das waren » » Ausländer, wer seid Ihr? Oder Delegierte, und wer seid Ihr? » » Und noch immer warten die Bürger und fluchen und schreien. »

Was Wyssozki in endlosen wodkageschwängerten Stunden vor Kollegen und Freunden nach dem Ende der Vorstellung vorsang, bei sich zu Hause oder bei Bekannten, seltener in öffentlichen Konzerten -- dort immer eingepackt in Patriotisches --, das fand millionenfach, aber etwas außerhalb der Legalität Verbreitung über »Magnitisdat«, jenen »magnetischen Selbstverlag«, der als Kassette Gegenstück des literarischen »Samisdat« wurde.

Studenten spielten die Bänder ab, Teenager kritzelten die Verse in ihre Schulhefte, Komsomolzen sangen Wyssozki-Balladen am Lagerfeuer und selbst Kadetten summten seine Lieder.

Voriges Jahr versuchten 23 der bekanntesten zeitgenössischen russischen Erzähler und Lyriker den Zensor mit einem 700 Seiten starken Almanach »Metropol« (Auflage: zehn Stück, handgefertigt) zu überlisten, was die meisten von ihnen unterdessen mit amtlicher Ächtung büßen, Initiator Axjonow vorletzte Woche sogar mit Emigration. Eingeleitet war das maschinengetippte Werk mit einem »erzweiflungsschrei Wyssozkis: Ich hab'' es satt, bis obenhin zum » » Hals, ich will auch keine Lieder mehr schreiben, ich möchte » » nur noch ein U-Boot sein ganz tief am Grund des Ozeans, wo » » nicht mal Radar mich mehr findet. »

Kurz vor Afghanistan dichtete er noch eine prophetische Ballade, in der er einen kleinen Gauner sich vor seinen Knast-Brüdern brüsten läßt, er, der Russe, könne, wenn er nicht gerade säße, leicht Papst in Rom werden, denn dort suchten sie einen wie ihn.

Und auch dem Schah hätte ein Russe folgen sollen -- schade um die verpaßte Gelegenheit, »ist doch jeder zweite in unserem Turkmenistan ein Ajatollah«.

Und: »Warum haben wir denn nach Golda Meir keinen Russen dort regieren lassen -- wo doch ein Viertel ihrer Bürger früher die unseren waren?«

Seit Monaten krank -- der Notarzt mußte mehrfach zum Theater an der Taganka kommen, um Hamlet-Wyssozki mit Spritzen aufrecht zu halten --, starb der Volkssänger vorletzten Freitagmorgen in seiner Wohnung unweit der deutschen Botschaft.

Das Boulevardblatt »Moskauer Abend« brachte eine winzige Annonce zwischen den Todesanzeigen eines Technikers und eines Sekretärs des satirischen Wochenblatts »Krokodil«, dann noch die Zeitung »Sowjetkultur«. Vom Freitagabend an versammelten sich zu jeder Stunde Hunderte von Trauernden vor dem Taganka-Theater, hinterließen Berge von Blumen und baten um ein Begräbnis auf dem Prominentenfriedhof am Neuen Jungfrauen-Kloster, am S.124 Sonntag. Die Staatmacht ließ nur den Wagankowskoje-Friedhof zu (wo das Grab des Poeten Jessenin liegt, Ziel vieler jugendlicher Pilger) und verschob die Beerdigung auf Montagmittag, zur Arbeitszeit -- in der Hoffnung auf weniger Andrang. Der Termin wurde geheimgehalten. Doch dann erlebten die Regierenden, daß sich etwas regte im Volke, von dem sie so wenig wissen.

Am Montag strömten mindestens 15 000 Moskauer (andere Schätzungen gehen bis zu 50 000) jeden Alters, jeder Herkunft, zum Taganka-Platz, bis die Miliz weiträumig den Zugang sperrte. Die Massen, die der Künstler so berauscht hatte, weinten und schluchzten. Die vor dem Theater niedergelegten Blumenberge karrte die Polizei später mit Lkws weg. Die Lautsprecher-Übertragung eines Wyssozki-Liedes wurde untersagt; ein Porträt des Toten mußte durch ein Olympiaplakat ersetzt werden.

Fast alle Moskauer Schauspieler, Dichter, Regisseure von Rang kamen zum Taganka-Theater. Sie priesen den auf der Bühne Aufgebahrten als »wahren Künstler des Volkes« (den ebenso lautenden offiziellen Titel hatte er nie erhalten), als »ein Genie, das mit acht Zeilen ausdrücken konnte, wofür wir ganze Bücher brauchen«, sogar als »einzigen in unserer Zeit, der es wagte, die Wahrheit zu sagen, die nun mit ihm verstummt ist«.

Nur mit Mühe hielt die Polizei, teilweise hoch zu Roß und sehr hart am Mann, die Menge im Zaum. Der von den Trauernden geforderte Leichenzug zum Friedhof wurde untersagt.

Dort türmten sich alsbald wieder die Blumen, weinten die Menschen. Und nächtens sangen Jugendliche weiterhin vorm Theater seine Lieder -- bis die Polizei um Mitternacht die Wyssozki-Jünger vertrieb. Frauen stieß man ins Auto, Jugendliche U-Bahn-Treppen hinunter.

Vor dem Theater, am Grab stehen noch immer Menschen und weinen in aller Öffentlichkeit. Zum erstenmal, so sagen Moskauer, seit Stalin starb.

S.121

Eure Briefe, Freunde, sind wie ein Boot schreibt, Freunde, hört

nicht auf mögen sie eure Briefe auch zerfetzen, schreibt, meine

Freunde, sonst bin ich tot.

*

Bürger, die warten, fluchen und schreiben Bürger, die doch nur

Gerechtigkeit wollen. Du weißt doch, wir waren die ersten, aber die,

die hinter uns waren, die sind schon lange dran. Doch das waren

Ausländer, wer seid Ihr? Oder Delegierte, und wer seid Ihr? Und noch

immer warten die Bürger und fluchen und schreien.

*

Ich hab'' es satt, bis obenhin zum Hals, ich will auch keine Lieder

mehr schreiben, ich möchte nur noch ein U-Boot sein ganz tief am

Grund des Ozeans, wo nicht mal Radar mich mehr findet.

*

S.121Auf dem Wagankowskoje-Friedhof am vorigen Montag. Rechts neben demoffenen Sarg: Wyssozki-Ehefrau Marina Vlady.*

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