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BEHINDERTE Deutliches Plus

In drei Hamburger Grundschulen werden zum ersten Mal behinderte Kinder gemeinsam mit nichtbehinderten unterrichtet - »beinahe«, so ein Pädagogikprofessor, »ein historisches Ereignis«. *
aus DER SPIEGEL 35/1983

Der erste Schultag für die Klasse 1d an der Hamburger Grundschule Nettelnburg lief ab, wie es so üblich ist, mit bunten Schultüten, aufgeregten Kindern und knipsenden Eltern. »Ein Unterschied zu den Parallelklassen«, stellte Schulleiterin Dagmar Mumssen zufrieden fest, »war nicht erkennbar.« Aber in der 1 d ist alles ganz anders.

Zwei der zwanzig Kinder in dieser Klasse sind behindert, das eine ist mongoloid, die Entwicklung des anderen ist erheblich verzögert. Fälle also, für die üblicherweise eine Sonderschule sorgt. In Nettelnburg jedoch werden sie nun gemeinsam mit den Nichtbehinderten aus ihrem Schulbezirk unterrichtet und, so die Schulleiterin, »soweit es irgend geht, behandelt wie die anderen auch«.

Die Klasse 1 d wurde ausersehen für einen Versuch zur »Eingliederung behinderter Kinder in der Grundschule«, der mit Beginn des neuen Schuljahres in drei Hamburger Lehranstalten gestartet wurde. Jeweils vier von fünfzehn Kindern in den beiden anderen Anfängerklassen - in den Stadtteilen Bergedorf und Wandsbek - sind körperlich oder geistig beeinträchtigt. Das Pilotprojekt, das jüngste und bislang umfänglichste seiner Art, ist das Ergebnis pädagogischer Bestrebungen, Sonderschulen überflüssig zu machen. In europäischen Nachbarländern ist solche Integration längst Gewohnheit, für die Bundesrepublik aber handelt es sich, so der Hamburger Professor für Behindertenpädagogik, Hans Wocken, »um ein beinahe historisches Ereignis«.

Zwar bemühen sich schon einige Dutzend der rund 27 000 allgemeinbildenden Schulen in Westdeutschland darum, Kinder mit bestimmten, vor allem körperlichen Handikaps im normalen Schulbetrieb unterzubringen. Eingliederung fast ohne Ansehen von Art und Umfang der Behinderung aber zählt zu den Raritäten der Bildungsszene.

Den Anstoß für das Hamburger Modell gaben Eltern-Initiativen, die für ihre Idee beharrlich und, wie Hamburgs Schulsenator Joist Grolle erfuhr, »mit großer Überzeugungskraft« warben. So überzeugend jedenfalls war der Gedanke, daß an nichtbehinderten Kindern für die Versuchsklassen kein Mangel war - obschon die Teilnahme an dem Experiment absolut freiwillig ist. Und auch von Lehrern und Eltern der anderen Jahrgänge, die in der Schulkonferenz zustimmen mußten, kam kein Einspruch.

Zwei Lehrkräfte pro Klasse, eine Grundschullehrerin und eine Erzieherin, Förderunterricht durch eine Sonderpädagogin sowie ein Konzept mit vielen pädagogischen Freiheiten sollen der Integration von Spastikern und Mongoloiden, Sprachgestörten und Verhaltensauffälligen voranhelfen. Bei den knappen bürokratischen Vorgaben verzichtet die Schulbehörde auf jeden Anschein von »Reparaturpädagogik«, wie Erziehungswissenschaftler Wocken alle Bemühungen nennt, »behinderte Kinder der Normalität anzupassen«. So werden die behinderten Kinder beispielsweise nicht allgemeingültigen Klassenzielen unterworfen, die sie zwangsläufig zum Schulversagen verurteilen würden; sie sollen allein »ihren Möglichkeiten entsprechend gefördert werden können«.

Die Bewertung von Leistungen wird auf das individuelle Vermögen der Kinder abgestellt und »nicht von den Anforderungen der Grundschule« bestimmt, Sitzenbleiben entfällt. Wenn »der behinderte Schüler am Ende des Schuljahres nicht die Voraussetzungen der Versetzung« erfüllt, so die Maßgabe, »rückt er dem Integrationsprinzip folgend ohne Versetzung in die nächsthöhere Klasse auf«.

Auf diese Weise soll vermieden werden, daß behinderte Kinder mit ihren speziellen und ohnehin beträchtlichen Problemen nicht auch noch in eine soziale Isolation geraten. Denn mit dem Besuch einer Sonderschule, die eigentlich »die Behinderung beheben oder deren Folgen mildern« (Schleswig-Holsteinisches Schulgesetz) soll, droht vielfach erst die eigentliche Behinderung.

In diesen zentralen Einrichtungen, oft weit entfernt vom Wohnort und als Ganztagsbetrieb organisiert, wird den behinderten Kindern zwar eine »spezialisierte Förderung« zuteil, aber kaum »Leben in der Normalität« (Wocken). Nach Unterricht, Therapie und Transport bleibt daheim gerade noch Zeit fürs Abendessen und die Nachtruhe.

Selbst die besonderen Förderungsmöglichkeiten werden zunehmend in Frage gestellt. Der Hamburger Sonderschullehrer Karl Merz etwa machte bei einem Vergleich von Leistungs- und Intelligenzentwicklung zwischen lernbehinderten Sonderschülern und Grundschülern mit erheblichen Lernschwierigkeiten ein »deutliches Plus für die Grundschüler« fest. Fazit der Untersuchung: Die Sonderschule für Lernbehinderte müsse »total reformiert und überdacht«, besser noch, der »Schwerpunkt sonderpädagogischer Förderung in die Grundschule« verlagert werden.

Senator Grolle will es nun auf den Versuch ankommen lassen, aber zum Anfang vom Ende der Sonderschule will er die Integrationsklassen nicht gleich erklären. Grolle ist Sozialdemokrat, und Schulreformen, die aus dieser Richtung kommen, wird heutzutage gern mißtraut. Wenn das Modell »in den Verdacht ideologischer Frontstellung« gerate, fürchtet der Senator, sei »die Hälfte seiner Chancen schon verpaßt«.

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