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DEUTSCH, ABER GLÜCKLICH

Von Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 43/1997

Jede Zeit hat ihr Gefühl. Millionen Bundesbürger, die im Herbst 1989 angesichts eines welthistorischen Umbruchs wochenlang wie gebannt vor den Fernsehapparaten saßen, brachen acht Jahre später beim Unfalltod einer 36jährigen Frau in Tränen aus, deren Schicksal bis dahin vor allem in »Bild der Frau«, »Gala« und »Neue Post« verhandelt worden war: Vom »Wind of Change« der Scorpions zu Elton Johns »Candle in the Wind«, vom politischen Fanal einer neuen Zeit zur Ikonographie von Herz und Schmerz. Wo sind die politischen Leidenschaften, wo die großen Debatten geblieben? Ersetzen charismatische Personen nun endgültig die politische Auseinandersetzung? Flüchtet der deutsche Ohne-Michel vor der schwierigen Wirklichkeit des Standorts Deutschland in die sanften Gefilde des Allzumenschlichen, Unpolitischen? Oder hat sich das Politische selbst verändert?

Seit 1968 galt unverrückbar: Alles ist politisch, auch das Private. Alles ist öffentlich - und alles ist falsch. Deshalb mußte alles anders werden. Die Regierenden aber sagten: Die »freiheitlichdemokratische Grundordnung«, der Staat, ist in Gefahr. Der »Deutsche Herbst« von 1977 bildete schließlich den dramatischen Höhepunkt eines Prozesses ständiger Zuspitzung: Politisierung als Medium der Existenz, Politik als prima und ultima ratio, Entscheidung zwischen Freund und Feind. Drohte hier ein »neuer Faschismus«, so wurde dort der Untergang des Abendlandes beschworen. Spiel mir das Lied vom Tod.

Heute ist die Polit-Hysterie ein Fall für die Abteilung Dokumentation und Fernsehspiel. Politik als fundamentalistische Leidenschaft von Welterklärung und Welterrettung hat sich selbst erledigt. Der Lauf der Geschichte triumphierte über die, die ihn radikal ändern wollten. Mehr noch: Mit den Utopien und Visionen hat sich das Politische überhaupt blamiert - der profane Erlösungsglaube von terroristischen Durchblickern und fanatischen Besserwissern führte zum ideologischen Overkill, der auch jede Vorstellung innerweltlicher Transzendenz mit sich riß. Das »System« hat gesiegt. Nach den Politmaskeraden der siebziger Jahre glänzte die postmoderne Oberflächen- und Fassadenkultur der Achtziger um so heller und mit ihr der Diskurs über Wirklichkeit und Simulation, das Spiel von Wahrheit und Lüge.

In den Neunzigern hat sich selbst die streitbare Diskussion über die öffentlichen Angelegenheiten, Essenz einer demokratischen Gesellschaft, mehr und mehr verflüchtigt. Zwischen alter Desillusionierung und neuer Abgeklärtheit entwickelte sich ein strikt gegenwartsorientierter, im Zweifel hedonistischer Pragmatismus, der weder mit pathetischen Reden von einer leuchtenden Zukunft noch mit gramvollen Grundsatzdebatten über den Umbau des Sozialstaats behelligt werden will. Das aktuelle Bild von der politischen Blockade in Bonn bestärkt diese Haltung noch: Nichts geht mehr. Politik marginalisiert sich selbst, und die Bürger schwärmen aus in die Freizeitparadiese dieser Welt.

»Halt! Haltet ein!« ruft dieser Tage der Publizist Bernd Ulrich und fordert die bewußte »Wende zum Weniger«, den aktiven Wohlstandsverzicht als Chance, neue Gestaltungsräume zu gewinnen, kurz: eine »Politik der Knappheit«. Am Ende der wunderbaren Nachkriegsgeschichte vom ewigen Wachstum sollen bittere Wahrheiten zu neuen Hoffnungen führen: »Deutsch, aber glücklich« lautet das historisch einzigartige Arbeitsziel*. Statt »medienverstärkter Gegenwartsgier« und konsumgeiler »Spießer-Freiheiten« müßten endlich die »großen Selbstgespräche der Gesellschaft« ins Zentrum des Geschehens rücken - die allseits grassierende Individualisierung sei nichts als eine gigantische Kostenverschiebung: »Wir konsumieren Freiheiten und emittieren Zwänge«, schreibt der Post-68er vor allem den zwölf Millionen Singles und ihrer autonomen »Vielheit des Ichs« à la Ulrich Beck in den Filofax. Fazit: Nicht die Politiker, die Bürger sind das Problem, das sie selber lösen müssen.

Doch wie lockt man die passionierten Inline-Skater, Hardcore-Biker und Beachvolleyball-Freunde, die Raver und Rentner ins massenhafte Selbstgespräch über die Wende zum Weniger? Und wie biegt man ihnen die neuesten Tugenden des freien Westens bei - »sich zu bezähmen, ohne zu erschlaffen, ehrgeizig zu sein ohne materielle Gier, alle Freiheiten zu haben, ohne sie bis auf den Grund auszuschöpfen« (Ulrich)? Oder lugt sie hier schon hinter dem Horizont des Gutgemeinten hervor, jene »Tyrannei des Gemeinsinns«, deren drohende Gestalt den Autor Richard Herzinger geradewegs ins »Bekenntnis zur egoistischen Gesellschaft« getrieben hat? Sein polemisches Plädoyer für das aufgeklärte Individuum jedenfalls, das so viele Big Macs und elektrische Zitronenpressen kaufen soll, wie es will, pointiert die gesellschaftliche Produktivkraft des Eigennutzes und kritisiert jede übergeordnete metaphysische Autorität, die die Freiheiten stets im Lichte ihres Mißbrauchs sieht, welcher allein mit dem Wertekanon der Gemeinschaft zu bekämpfen sei.

Ein merkwürdiges Bild: Zwischen den dunkel dräuenden Appellen zum gemeinschaftlichen Verzicht und der funkelnden Verteidigung der verwirrend komplexen Realität, inmitten aller Turbulenzen, erscheint die Bundesrepublik so apolitisch wie nie seit den sechziger Jahren - dies in generationsübergreifender Übereinstimmung. Selbst die hartgesottensten Analytiker der Weltlage von 1977, die ergrauten Sesselkommentatoren und flinken Küchenphilosophen fiebern inzwischen lieber mit Klinsi, Schumi und Jan Ullrich als mit Comandante Marcos, Oskar Lafontaine oder den Rebellen auf Ost-Timor. Während sich der Zeitgeist wie auf Rollerblades bewegt und selbst der Finanzminister keine rechte Lust mehr hat, den 17. Nachtragshaushalt vorzulegen,

* Bernd Ulrich: »Deutsch, aber glücklich«. Alexander Fest Verlag, Berlin; 175 Seiten; 36 Mark.

ist alles irgendwie Teil der Fernseh-Live-ran-explosiv-Pavarotti-Kultur geworden, Entertainment zwischen Küppersbusch, Spice Girls und Guido »Brisk« Westerwelle.

Die düstere Punk-Parole von 1981 - »Life is a Xerox, and you are just a copy« - wird einfach und narzißtisch ins Positive gewendet: Jeder Tag bringt eine neue, bunte Kopie des vergangenen Tages, und jeder ist sein eigener Laserdrucker. Bleierne Wahlmüdigkeit wird mit Extrem-Biking und Bungee-Jumping bekämpft, drückende Ratlosigkeit mit Dauersurfen auf Bora Bora und Dauersaufen im Ballermann 6, akute Politikverdrossenheit mit der »Harald Schmidt Show«. Zynismus als Spezialfall des Realismus. Der Sinn von Politik ist Freizeit - eine zeitgemäße Abwandlung von Hannah Arendts Diktum über die Freiheit.

Haben also die Kritiker des Individualisierungskults recht, die Krisenschwadroneure und Gemeinschaftsprediger?

Die kulturkritische Klage der Älteren jedenfalls über die angeblich besonders »unpolitische« Generation der »89er«, der heute 30jährigen, trifft die meisten Mahner und Warner selbst: Das Jahr 1989 markiert, neben den erregten Wochen des Golfkriegs 1991, den letzten historischen Augenblick einer extrem politisierten Öffentlichkeit in Deutschland - und ihre Implosion. Bis auf unbedeutende Restbestände sind die ideologischen Mauern und politischen Selbstschußanlagen geschleift worden.

Seitdem fällt die Abwesenheit politisch-intellektueller Debatten kaum noch auf. Niemand, schon gar nicht ein Regierungssprecher, wie Mitterrands Sprachrohr Max Gallo 1983 in Frankreich, würde das »Schweigen der Intellektuellen« anprangern und den kritischen Diskurs fordern. Wer sollte da auch reden? Wen wollte man schon hören? Und wem würde man das große, zündende Wort zutrauen, die schneisenschlagende Polemik, die wegweisende Formulierung jenseits einer präsidialen Hauruck-Rhetorik? Günter Grass zur Gesundheitsreform im Zeitalter der Globalisierung? Walter Jens über den Waldschadensbericht der Bundesregierung im Lichte der Eichendorffschen Wipfelprosa? Ulrich Wickert über die Tugend im 21. Jahrhundert?

Nachdem die revoltierende Linke im Laufe des vergangenen Jahrzehnts befremdet und ernüchtert in die »Kommandozentralen« des einst befehdeten Systems eingerückt ist und, nach Wiedervereinigung samt Solidaritätszuschlag, allenfalls noch die beamteten Staatsschützer den alten subversiven Zeiten nachtrauern, herrscht eine überraschende Normalität im deutschen Jahrhundert des Ausnahmezustands.

Die WG-Insassen, Sozialarbeiter und Stadtzeitungsredakteure von einst jedenfalls, die staatsfeindlichen Helden der unentwegt diskutierenden »Gegenöffentlichkeit«, interessieren sich längst schon für Hillu Schröders vorletzten Trick, ihren kranken Hund gegen Ex-Mann Gerhard in Stellung zu bringen, für Joschkas Jogger-Diät und die neuesten Eskapaden von Verona Feldbusch und Arabella Kiesbauer: Voyeure statt Akteure.

Wie die Mehrheit des Volkes lesen sie »Stern«, »Bunte« und »Brigitte« statt »Konkret« und geben für ihre Calvin-Klein-Unterwäsche heute mehr Geld aus, als sie jemals auf das Spendenkonto »Waffen für El Salvador« überwiesen haben; Nicaragua, strahlender Fixstern im Kosmos der »Dritte-Welt-Begeisterung«, ist nur mehr eine verblichene Chiffre der eigenen Biographie.

Sie sind spät gereifte Yuppies, fortgeschrittene Praktikanten der Freizeitgesellschaft, Hedonisten mit hart erworbenem Zweitwohnsitz und taxifahrende »Deutsch-für-Ausländer«-Dozenten, die sich kaum mehr daran erinnern können, daß es einmal einen Bundeskanzler namens Helmut Schmidt gab, dem sie ewigen Kampf geschworen hatten. Mit Helmut Kohl haben sie sich längst abgefunden, über die SPD machen sie nicht einmal mehr Witze. So verrieten sie nicht nur ihre alten revolutionären Überzeugungen, sondern auch, darin Nachzügler des berüchtigten »Mannes auf der Straße«, den Glauben an die Politik als Macht der Veränderung und Hoffnung auf ein ganz anderes Leben.

Schlimmer: Eigentlich haben sie kaum mehr eine Ahnung davon, was - im Jargon der bewegten alten Zeiten - »politisch so läuft«, wenig mehr jedenfalls als der gemeine »Bild«-Leser. Wer sie nach der Bonner Dada-Performance zur Steuer- und Rentenreform fragen würde, nach den Hintergründen des Dramas in Algerien und dem Stand des Nahost-Konflikts, nach Euro-Debatte, Nato-Erweiterung und »großem Lauschangriff«, erntete wenig mehr als alte Reflexe und eloquente Hilflosigkeit.

Was früher zumindest am linken Stammtisch die Weihen einer grobgestrickten argumentativen Grundausrüstung erhalten hätte, bleibt nun im engmaschigen Netz der komplizierten Wirklichkeit hängen. Noch Mitte der achtziger Jahre hatte man sämtliche Argumente gegen Nachrüstung und Atomkraftwerke, Sozialabbau und Neoliberalismus griffbereit - heute fällt schon eine fundierte Äußerung zur bedrohlich gewordenen Drogenszene im Hamburger Schanzenviertel nicht mehr so leicht vom Tableau der wohlfeilen Wahrheiten wie ehedem die Parteinahme für jede beliebige Guerrillagruppe in den Dschungeln Lateinamerikas.

Nie war es so schwer, eine politische Meinung zu haben - und sie auch noch öffentlich formulieren, begründen und verteidigen zu können. Wo also versteckt sich das Politische?

Offenkundig hat es sich längst verflüssigt, taucht mal in dieser, mal in jener Gestalt auf. Anstelle des großen utopischen Selbstgesprächs der Gesellschaft haben sich tausend kleine Dialoge und große Kompromisse, Dauerkonflikte und stillschweigende Übereinkünfte entwickelt. Daß der ökonomische wie moralische, kurz: der zivile Saldo individueller Interessen positiv ist, gehört zur meist unausgesprochenen Grunderfahrung der vergangenen 20 Jahre - besonders unter den einst tiefsten Verächtern der pluralistischen Gesellschaft.

Die Normalisierung und Verwestlichung Deutschlands zeigt sich nicht zuletzt in einer allmählichen Klimaveränderung: Das Land ist zugleich mediterraner und britischer geworden, ein Stück leichter und lebenslustiger, aber auch nüchterner und unaufgeregter. Die Reflexe des politischen Alarmismus und Sofortismus, die stets das Ganze und meist den Untergang ins Auge fassen, sind einer wachsenden, alltagstauglichen Gelassenheit gewichen. Der demokratische Souverän ist ein bißchen souveräner geworden, gerade weil er an fast allem zweifelt, ohne es deshalb in Bausch und Bogen zu verwerfen. Zwar nähert sich das Ansehen der Politiker den gegenwärtigen Sympathiewerten der Paparazzi, doch nur eine kleine Minderheit wollte deshalb Parlament und Parteien abschaffen und Thomas Gottschalk zum Reichsfreizeitpräsidenten küren - von schlimmeren Heimsuchungen zu schweigen.

Zugleich entstehen immer neue Metamorphosen, die jeden Trend mit einem Gegentrend konfrontieren, jene »Dialektik von Individualisierung«, die, so der Soziologe Karl Otto Hondrich, neue Formen kollektiver Vereinbarungen hervorbringe. Gerade die Flucht vor sozialem Zwang produziert andere, unvorhergesehene Bindungen, neue Formen von Solidarität und Verantwortung. Selbst die hart geprüfte Institution des Liebespaares, ewiges Rätsel lebensweltlichen Scheiterns, geht aus allen Individualisierungsschlachten als Mannschaftssieger hervor.

Wenn nicht alles täuscht, wird auch die so unpolitisch erscheinende Gesellschaft der Kinder Kohls ihre eigene politische Dynamik entwickeln, eine Mischung aus freiheitsbewußtem Individualismus und neuem Realismus. Vielleicht kommt sie am Ende auf den leisen Sohlen europäischer Normalität, die kopernikanische Wende im Land der freischwebenden Tugenden: Deutsch, aber glücklich.

* Bernd Ulrich: »Deutsch, aber glücklich«. Alexander FestVerlag, Berlin; 175 Seiten; 36 Mark.

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