Zur Ausgabe
Artikel 5 / 85
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Deutsch-deutscher Gipfel

*
aus DER SPIEGEL 41/1985

Über den Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages Otto Wolff von Amerongen und den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt, beide kürzlich zu Gast in Ost-Berlin, hat Erich Honecker den Bonnern sein großes Interesse an einem baldigen Besuch der Bundesrepublik signalisiert. Vieles spricht dafür, daß der DDR-Staatsratsvorsitzende seine im September 1984 abgesagte Visite Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres nachholt.

Auf jeden Fall will Honecker den amerikanisch-sowjetischen Gipfel Mitte November in Genf abwarten.

Verläuft das Spitzentreffen halbwegs befriedigend, stünde einer deutschdeutschen Begegnung nichts mehr im Wege. Der DDR-Vorsteher hält es allerdings für wichtig, daß Bonn nicht vor seinem Besuch eine deutsche Beteiligung am US-Forschungsprogramm für eine Raketen-Abwehr im Weltraum (SDI) beschließt.

Honecker selbst hat sich in jüngster Zeit sehr um ein gutes Klima bemüht: Das Kulturabkommen ist so gut wie unterschriftsreif; in der letzten Woche vereinbarten die beiden Spezialisten für humanitäre Fragen, Wolfgang Vogel (Ost) und Ludwig Rehlinger (West), daß zusätzlich 9000 Ostdeutsche in die Bundesrepublik übersiedeln können; und schließlich will Ost-Berlin künftig DDR-Bürgerinnen schon vom 55. Lebensjahr an West-Besuche in dringenden Familienangelegenheiten besonders großzügig genehmigen - de facto eine Senkung des Reisealters.

Sollte es mit der Honecker-Visite im Dezember nicht klappen, bliebe nur noch der Januar. Im Februar reist der oberste Einheitssozialist zum Parteitag der sowjetischen KP nach Moskau, anschließend ist er mit den Vorbereitungen für den XI. SED-Parteitag im April ausgebucht. Und danach geht wohl vor 1987 nichts mehr: In den bundesdeutschen Wahlkampf will sich Erich Honecker nicht einspannen lassen.

Zur Ausgabe
Artikel 5 / 85
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.