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Deutsch-deutscher Poker um »Entenschnabel«

aus DER SPIEGEL 37/1977

Mit der SED-Direktive »Politisch aufwerten, was aufzuwerten geht, die ökonomischen Vorteile erhalten und ausbauen« (ein DDR-Diplomat) ging der DDR-Vertreter in Bonn, Michael Kohl, auch in das zweite Sondierungstreffen mit Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski am vergangenen Freitag. Die beiden Deutschland-Unterhändler erörterten die DDR-Vorstellungen, die Kohl beim ersten Gespräch am 12. August vorgetragen hatte:

* Statt der von Bonn erstrebten Stromtrasse zwischen der Bundesrepublik und West-Berlin sollen westdeutsche Firmen in der DDR ein Braunkohlekraftwerk errichten, das mit Strom für West-Berlin bezahlt wird;

* die Autobahn bei den Grenzübergängen Helmstedt und Herleshausen wird sechsspurig ausgebaut, wenn Bonn sämtliche Kosten übernimmt;

* den Abschnitt Helmstedt-Marienborn sollen die Westdeutschen selber bauen -- die DDR überläßt Bonn pachtweise das ostdeutsche Terrain, auf dem die Autobahntrasse verläuft.

Grund für das Ost-Berliner Ansinnen: Da das Marienborner Gelände sehr unübersichtlich und schwer zu bewachen ist, fürchten die ostdeutschen Grenzschützer eine Massenflucht von DDR-Bauarbeitern.

Unklar ist die Ost-Berliner Haltung über den Verkauf eines Gebietsstreifens, des sogenannten »Entenschnabels« im Norden Berlins, auf dem ein neuer Grenzübergang eröffnet werden soll. Zwar werde die DDR, so Kohl, den »Entensehnabel« nicht verkaufen, doch vermuten Bonner DDR-Experten, die Absage solle lediglich den Preis hochtreiben,

Mehr Geld schließlich verlangt die DDR für die Benutzung der Kanäle sowie für den Transit alliierter Militär-Züge nach West-Berlin.

Wischnewskis Gegenposition zu den Kohl-Vorschlägen: Bonn will den Marienhorn-Vorschlag akzeptieren, wenn die DDR darauf verzichtet, das Projekt in einem eigenen Regierungsvertrag festzuschreiben, und sich mit einer Vereinbarung auf der unteren Ebene der deutsch-deutschen Grenzkommission begnügt.

Die Bundesregierung lehnt jedoch das Kraftwerk-Geschäft ab. Statt dessen solle die Europäische Wirtschaftskommission (ECE) ein Konzept für einen Energieverbund zwischen Ost und West ausarbeiten, in dessen Rahmen auch die Energieversorgung West-Berlins geregelt werden könnte.

Der Bonner Schachzug dürfte Ost-Berlin in Verlegenheit bringen: Er basiert auf einer Anregung Leonid Breschnews. Der sowjetische KP-Chef hatte vor kurzem eine europäische Energiekonferenz mit dem Ziel eines gesamteuropäischen Energieverbundes vorgeschlagen.

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