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Deutsche Eiche im Freundschaftsgarten

SPIEGEL-Redakteur Klaus Wirtgen zur 300-Jahr-Feier der deutsch-amerikanischen Beziehungen *
Von Klaus Wirtgen
aus DER SPIEGEL 41/1983

John Aultham aus Michigan und Charles Granat aus Brooklyn vom Senior Citizen Travel Club, einem Verein für ältere Ausflügler, sind Dienstag nachmittag voriger Woche dabei, als Bundespräsident Karl Carstens unter dem dumpfen Trommelwirbel einer US-Army-Band auf dem Heldenfriedhof von Arlington einen Kranz niederlegt. Aber die beiden Rentner haben keine Ahnung, wer hier wessen warum gedenkt.

Es reicht, daß die Sonne scheint, die Uniformknöpfe blitzen und die Fahnen der Ehrenregimenter flattern. Daß Veronica und Karl Carstens in die USA gereist sind, um an die Gründung von Germantown - heute ein Vorort von Philadelphia - durch die ersten deutschen Einwanderer vor 300 Jahren zu erinnern, wissen die beiden Alten nicht.

Tricentennial? »No«, antwortet auch Bob Anderson, Angestellter einer Ölgesellschaft in Washington, D.C., der im Watergate-Hotel auf seine Freundin wartet, als gerade der deutsche Präsident samt Gefolge einrückt. Ob in Washington, Philadelphia oder St. Louis, wohin das Staatsoberhaupt aus Bonn in der ersten Besuchswoche reist, den meisten Amerikanern ist das völlig gleichgültig.

Vanessa Williams, die erste schwarze Miß Amerika, zählt zu den Ausnahmen; aber auch nur, weil sie sich freut, von Präsident Ronald Reagan zu Ehren des deutschen Staatsoberhauptes zum Dinner ins Weiße Haus geladen zu sein. Hat sie Beziehungen zu Deutschland? Sie weiß es nicht genau. Sie schätzt Reagan als Schauspieler.

An Karl Carstens lag es nicht, daß die amerikanischen Medien kaum Notiz von seinem Staatsbesuch bei der Vormacht nahmen. Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger konnte auch nichts dafür oder die 29 Bundestagsabgeordneten, der Kanzleramtsminister Philipp Jenninger, die Parlamentarier aus Stuttgart. Und auch die anderen Deutschen, der Baumschulbesitzer aus Pinneberg oder die Tennisspieler aus Krefeld, die alle zum Feiern in die USA gejettet waren, feierten mit sich und blieben unter sich.

Alle stellten sich in den Dienst einer von den Regierungen in Washington und Bonn inszenierten Aktion, die eigentlich public relations - also öffentliche Beziehungen - bewirken sollte. Das Öffentliche daran war etwa ein Festbankett, bei dem Vizepräsident George Bush im Franklin Plaza Hotel zu Philadelphia seine undeutsche Herkunft beklagte: »Ich wünschte, ich könnte behaupten, einen deutschen Vorfahren zu besitzen.«

In solch positiver Übertreibung tat sich auch Karl Carstens hervor. Immer wieder rühmte er die festen Bande zwischen Amerikanern und Deutschen; alles könne gar nicht harmonischer sein. Er sprach ja »im Namen der großen Mehrheit unserer Mitbürger«. Die »Minderheit«, denen die amerikanische Sicherheitspolitik aufstößt, verschwieg der Präsident lieber. Es war wohl genug, daß er deren Sorgen schriftlich notiert hatte; in einem Manuskript, das er dann in jenem Textteil nicht verlas.

Es fügte sich aber, daß auf dem Capitol Hill, nur wenige Blocks voneinander entfernt, zur selben Zeit der eine und der andere Deutsche auftraten: der Sprecher der Mehrheit und jener der Minderheit; und strittig bleibt, wer denn nun wirklich für welchen Teil der deutschen Bevölkerung spricht. Carstens nannte vor dem Kongreß die 300-Jahr-Feier das »herausragende Ereignis in der Geschichte der deutsch-amerikanischen Beziehungen« und dankte den GIs für ihre Anwesenheit in der Bundesrepublik.

Währenddessen redete Erhard Eppler, SPD-Vorstandsmitglied, Präsident des Evangelischen Kirchentages und einer der Anführer der deutschen Friedensbewegung, mit Quäkern und Mennoniten aus Philadelphia, Glaubensnachfahren jener 13 Krefelder Familien, die sich 1683 nach Philadelphia abgesetzt hatten, weil sie in Amerika ihre Friedenssehnsucht erfüllen wollten.

Während Carstens versprach, die gemeinsamen Verteidigungsanstrengungen fortzusetzen, sagte Eppler voraus, nach der Stationierung der neuen US-Raketen werde die Bundesrepublik »eine unruhige, eine gespaltene Nation« sein. Samuel D. Caldwell, Quäker aus Philadelphia, gab ihm recht; er beklagte, daß eine Militär-Allianz gefeiert werde, nicht aber die »friedlichen Wurzeln« einer atlantischen Freundschaft.

Bedeutet Freundschaft Nato? Ist Partnerschaft die Begegnung zweier Präsidenten, ist es das Staatsbankett - oder ist es der gemeinsame Protest von Eppler, _(unten: bei der Friedenskundgebung in ) _(Philadelphia. ) _(Oben: bei der Kranzniederlegung auf dem ) _(Friedhof Arlington; )

der grünen Bundestagsabgeordneten Petra Kelly und Gert Bastian, die zusammen mit rund 12 000 Amerikanern in den Straßen von Philadelphia gegen die Nachrüstung demonstrierten?

Carstens sagt, um die »gemeinsame Freundschaft« habe sich Horst Denk verdient gemacht, ein Großbäcker aus Wiesbaden, jetzt New York, der Reagans Republikaner freigebig unterstützt. Oder will der nur daran verdienen? Denk ließ den Bundespräsidenten eine deutsche Eiche in die Nähe des Washingtoner Monuments pflanzen, als Teil eines »Freundschaftsgartens«, den Deutsche und Amerikaner in den nächsten Jahren anlegen sollen, wenn sie es sich leisten konnen - und zwar so, daß der Blick amerikanischer Präsidenten zwischen Weißem Haus und dem Obelisken nicht mehr von einem unordentlichen Parkplatz gestört wird.

Denk gewann auch den deutschstämmigen Senator und Ketchup-Millionär John Heinz für den Eichen-Anbau, ebenso den Lufthansa-Chef Heinz Ruhnau, der im Freundschaftsgarten für 30 000 Dollar einen »Lufthansa-Weg« sponsorte.

Oder gehört eine Ausstellung deutscher Industriefirmen im neuen Kongreßzentrum von Washington zur atlantischen Freundschaft? Außer einem Oldtimer von Daimler-Benz und einem alten VW-Golf-Modell wurden dort nur bunte Bilder präsentiert; kaum ein Amerikaner kam zur Besichtigung.

Oder ist es deutsch-amerikanische Freundschaft, daß sich im feinen Washingtoner Metropolitan Club eine Gesellschaft prominenter Amerikaner versammelt - darunter Botschafter Arthur Burns, Ex-Botschafter Kenneth Rush, der frühere Präsident des Marshall Fund, Gerald Livingston, und Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld? Sie gründen ein »Amerikanisches Institut für zeitgenössische deutsche Studien« an der Johns-Hopkins-Universität von Baltimore, in dem die politische und wirtschaftliche Entwicklung beider deutscher Staaten seit dem Zweiten Weltkrieg erforscht werden soll.

Vielleicht können die Hopkins-Leute dazu beitragen, daß US-Universitäten künftig sorgsamer mit Ehrendoktorhüten für deutsche Politiker umgehen, die, wie Carstens, Nationalsozialisten waren. In St. Louis kam es zwischen antifaschistischen Professoren und Studenten und dem Kanzler der Universität zu heftigem Streit über die akademische Ehrung für Carstens. Die Entscheidung fiel am Freitag, vier Stunden vor der Verleihung der Ehrendoktorwürde an den Bundespräsidenten.

Zeitgenössische deutsche Studien ließen auch sich in der 300-Jahr-Festwoche treiben - wenn es einen Durchschnittsamerikaner oder gar einen Wissenschaftler interessiert hätte. Außer Carstens und Eppler, Genscher und Petra Kelly suchte nämlich ein weiterer Gast seine Art von Freundschaft zu pflegen: Franz Josef Strauß machte zwei Tage lang seinen eigenen Staatsbesuch.

Er traf auch Präsident Reagan und meinte, es wäre eine »katastrophale Niederlage« für die Amerikaner und ihre Verbündeten, wenn sie von der für Dezember geplanten Stationierung neuer Atomwaffen abrückten. Während Carstens und Genscher Hoffnung verbreiteten, die Genfer Verhandlungen könnten ein Ergebnis bringen, redete Strauß Klartext: Er erwartet kein Resultat.

Heimlich hatte Strauß von München aus seine Termine vorbereitet, an Genschers Außenamt vorbei. Er war von Richard Allen, dem einstigen Sicherheitsberater Reagans, zur Zehn-Jahres-Feier der erzkonservativen Heritage Foundation geladen worden, einer rechten Denkfabrik mit einem Jahres-Etat von zehn Millionen Dollar. Strauß, der schon lange eine ähnliche Institution zur Entwicklung konservativer Strategien zu Hause begründen will, mietete im Heritage-Gebäude Büroräume für die Hanns-Seidel-Stiftung seiner CSU.

Washingtoner Insider wollen wissen, daß Straußens ältester Sohn Max aussichtsreicher Kandidat als künftiger Seidel-Repräsentant in Washington sei. Der Papa ist dort hoch angesehen: Der Bier-Millionär und Reagan-Gönner Joseph Coors pries ihn als großen Freund. Kanzler Helmut Kohl konnte nur telegraphisch konkurrieren: Er lobte der Rechten »Engagement für individuelle Freiheit und für die Prinzipien der freien Marktwirtschaft« und versicherte, immer ein »verläßlicher Partner« bleiben zu wollen.

Das wollen die Amerikaner, jedenfalls Reagan und seine Gefolgsleute, immer gern hören. Wer den Regierenden nicht so kommt, der wird links liegengelassen - wie der SPD-Vorsitzende Willy Brandt eine Woche vorher. Wer aber Bündnistreue beschwört, der wird gefeiert.

Brandt hatte bei seiner Visite Kontakt zu nicht einem Mitglied der US-Regierung oder Administration. Vizepräsident Bush läßt, in Worten, Liberalität walten, als der SPIEGEL ihn darauf hinweist, deutsche Linke demonstrierten jetzt auch auf amerikanischem Boden für den Frieden. Bush: »Das ist ein großes freies Land. Es hat Platz für alle Leute.«

Am selben Tag gibt Reagans Marineminister John Lehman den kostspieligsten amerikanischen Beitrag zum Jubiläum bekannt: »Ein neues Landungsschiff für die Marine. Sein Name: Germantown.«

unten: bei der Friedenskundgebung in Philadelphia.Oben: bei der Kranzniederlegung auf dem Friedhof Arlington;

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