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TERRORISMUS Deutsche Kolonie

In Pakistan ist eine Gruppe mutmaßlicher Islamisten aus Deutschland inhaftiert worden, darunter auch ein Kind. Ganze Familien ziehen inzwischen in den Dschihad.
Von Yassin Musharbash und Holger Stark
aus DER SPIEGEL 39/2009

Der junge Redner, der sich »Abu Adam« nennt, preist den Aufenthalt in den Bergen, als handle es sich um einen Werbeclip für ein Familienferienlager. »Fühlt ihr euch denn nicht angesprochen? Wir laden euch herzlich ein!«, sagt »Abu Adam« mit erhobenem Zeigefinger und führt an, was es alles gibt in dieser irdischen Vorstufe zum Paradies: Krankenhäuser, Ärzte und Apotheken, ja sogar einen eigenen Kindergarten und eine Schule, natürlich »weit weg von der Front«. Schließlich soll der Nachwuchs nicht nachts vom Kanonendonner geweckt werden. Das neueste Werbevideo der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) ist ein halbstündiges Band an die »geliebten« Brüder und Schwestern in der einstigen Heimat Deutschland, präsentiert unter anderem von Mounir Chouka alias »Abu Adam«, der in Bonn aufgewachsen ist.

Zu sehen sind Hütten vor saftigem Grün und rauen Gesteinsformationen, in blaue Burkas gehüllte Frauen im Kreis ihrer Kinder und ein kleines Mädchen, das an einem Artilleriegeschütz hantiert. Willkommen im wilden Waziristan, dem derzeit wohl heißesten Flecken der Erde, im afghanischpakistanischen Grenzgebiet, über das Paschtunenstämme, al-Qaida und andere Splittergruppen herrschen und das amerikanische Drohnen regelmäßig mit ferngelenkten Raketen beschießen.

Die Werbung aus Waziristan fällt in Deutschland offenbar auf fruchtbaren Boden. Die IBU hat regen Zulauf, sie ist nach Ansicht der Sicherheitsbehörden derzeit die aktivste und größte islamistische Gruppe, in der deutsche Freiwillige kämpfen. Ungewöhnlich ist, dass sich bei den Militanten inzwischen auch Frauen und Kinder aus Deutschland sammeln. Sie siedeln in jenen Mudschahidin-Dörfern der unwegsamen Bergregionen, von denen aus der Kampf gegen US-Truppen und die afghanische Armee unterstützt wird.

Die Folgen der Propagandaoffensive beschäftigen auch die Bundesregierung in Berlin. Seit einigen Wochen verhandeln die Diplomaten des Auswärtigen Amts in Islamabad über das Schicksal einer Reisegruppe mutmaßlicher Islamisten aus dem Rheinland, die seit Monaten in pakistanischer Haft sitzen. Zu der Gruppe gehören ein junger Tunesier und sechs Deutsche, darunter der Konvertit Andreas M. aus Bonn und seine ursprünglich aus Eritrea stammende Ehefrau Kerya.

Der Fall wird in der Bundesregierung mit Sorge gesehen. Das Ehepaar hat seine vier Jahre alte Tochter dabei, die sich wie ihre Eltern seit Mai im Gefängnis befindet und unter den rauen Bedingungen besonders leidet. Mehrere Versuche der Ministerialen von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), zumindest für die Mutter und ihre Tochter eine schnelle Rückkehr auszuhandeln, scheiterten an den pakistanischen Behörden.

In aller Stille und in mehreren Grüppchen hatten die Reisewilligen, die sich angeblich in einem Bonner Gebetsraum kennengelernt haben, im März und April Deutschland verlassen. Die Route führte über die Türkei nach Zahedan, jene für den Dschihad-Tourismus berüchtigte iranische Stadt nahe der pakistanischen Grenze, in der Hotels ganze Zimmerkontingente für radikale Fremde freihalten.

Von Zahedan aus geht es meist mit einem Taxi nach Pakistan, doch diesmal lief etwas schief. Hinter der Grenze wurden die Deutschen von Polizisten aufgegriffen, die sie nach Peschawar in ein Gefängnis brachten. Glaubt man den Aussagen der Häftlinge, dann behandelten die pakistanischen Beamten sie ausgesprochen ruppig. Sie seien geschlagen worden, berichteten mehrere der Männer übereinstimmend, als endlich ein Konsularbeamter der deutschen Botschaft zu ihnen vorgelassen wurde.

Weil die Inhaftierten behaupteten, sie stammten aus der Türkei und hätten ihre Papiere verloren, wussten die Behörden anfangs nicht viel mit ihnen anzufangen. Erst als sich der pakistanische Geheimdienst ISI im August der Sache annahm und die Gruppe nach Islamabad verlegte, bestätigten die Pakistaner der Bundesregierung, dass es sich um Deutsche handelt. Bei einem ersten Besuch eines Konsularbeamten der deutschen Botschaft gaben Azzedine A. und Bilal Ü. freimütig zu, sie hätten »in den Dschihad« ziehen wollen.

Die Sicherheitsbehörden glauben, dass das Ziel Mounir Chouka und dessen IBU war, um dort die deutsche Kolonie zu verstärken. Unter den Festgenommenen ist auch Choukas Schwager, der Deutsch-Libyer Ahmed K.

»Ich hoffe, Ahmed kommt bald nach Hause«, sagt K.s Vater Mohamed.

Die Hoffnung wird voraussichtlich bald in Erfüllung gehen. Die pakistanische Regierung hat signalisiert, auf eine Anklage wegen illegaler Einreise und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung zu verzichten und die Deutschen stattdessen in ein Flugzeug nach Frankfurt zu setzen. Einer der Mitreisenden wird dann allerdings wohl nicht dabei sein: der Tunesier Atnan J. aus Nordrhein-Westfalen. Ähnlich wie einst beim Guantanamo-Gefangenen Murat Kurnaz aus Bremen will ihm das Bundesinnenministerium die Wiedereinreise verwehren, weil mittlerweile seine Aufenthaltserlaubnis ausgelaufen ist. Die Pakistaner, schlugen die Ministerialen in Berlin vor, sollten ihn doch bitte nach Tunesien abschieben.

YASSIN MUSHARBASH, HOLGER STARK

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