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BÜCHER Deutsche Leiden

Sibylle Muthesius (Pseudonym): »Flucht in die Wolken«. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 424 Seiten; 48 Mark.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Als Pony zum erstenmal in eine Klinik eingeliefert wird, beruhigt man die verstörten Eltern: »Eine einfache Hysterikerin ... die kriegen wir bald wieder hin!« Pony ist 16 Jahre alt, in der Physikstunde hat sie sich plötzlich verängstigt in einer Ecke zusammengekauert und offensichtlich niemanden mehr erkannt. Dieser Vorfall ist der Beginn einer Odyssee durch verschiedene psychiatrische Abteilungen in Krankenhäusern in und um Ost-Berlin, immer wieder unterbrochen durch Aufenthalte in der Freiheit, mit der Pony aber kaum mehr zurechtkommt. Mit 19 öffnet sie den Gashahn.

Jahre später hat nun Ponys Mutter unter einem Pseudonym Tagebücher, Briefe und Zeichnungen ihres Kindes herausgegeben, versehen mit verbindenden Zwischentexten, in denen sie die Ereignisse aus ihrer Sicht schildert. Das Buch erschien 1981 in Ost-Berlin: in einer Feigenblattauflage von wenigen Exemplaren, die schlagartig vergriffen war. Jetzt gibt es im Westen eine devisenbringende Lizenzausgabe.

Aus dem Buch läßt sich die Erkenntnis gewinnen, daß das Elend in der Psychiatrie gesamtdeutsch ist. Es gelingt den Angehörigen trotz intensivster Bemühungen nicht, einen Arzt aufzutreiben, der Pony anders als medikamentös behandelt S.142 hätte. Einmal als psychotisch abgestempelt, werden andere Behandlungsmethoden als unnütz angesehen. Beruhigungsmittel und Elektroschocks werden eingesetzt, Höhepunkt der therapeutischen Gewalt ist eine mehrwöchige Insulinkur, die zum - ärztlich beabsichtigten - Koma führt.

Aufschlußreich ist auch Ponys Scheitern bei der Berufswahl. Die mehr oder weniger geschickt verbrämte Ablehnung, auf die sie aufgrund ihrer Biographie stößt, macht das Mißtrauen spürbar, das ehemaligen Patienten psychiatrischer Stationen auch in der DDR gegenübersteht: In diesem Land, wo man offiziell daran glaubt, einen gesund funktionierenden Sozialismus geschaffen zu haben, passen Kranke, deren Leiden soziale Ursachen haben, offenbar nicht ins Bild.

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