Zur Ausgabe
Artikel 20 / 84

INDUSTRIE / SALZGITTER-KREDITE Deutsche Lösung

aus DER SPIEGEL 43/1968

Am 10. Oktober 1967, mittags 14 Uhr, überwies der westdeutsche Staatskonzern Salzgitter AG 1 833 000 Mark in Dollar -- der Eile wegen telegraphisch -- auf das Konto »Diverse« der Banque Populaire Suisse in Basel.

Heute muß Salzgitters Generaldirektor Hans Birnbaum, 56, gestehen. für die fast zwei Millionen Mark habe er »keine Gegenleistung« bekommen.

Das Geld floß aus der Kasse des Bergbau- und Stahlkonzerns an der Zonengrenze, um einen Kredit von 100 Millionen Mark nach Niedersachsen zu holen. Fast zwei Jahre lang suchten die Montanprovinzler auf den internationalen Finanzplätzen nach Geldgebern, dann zog Birnbaum ein fatales Fazit: »Außer Spesen nichts gewesen.

Salzgitter benötigte den Mammutkredit dringend, weil dem angeschlagenen Unternehmen alle Finanzreserven weggeschmolzen waren. Mit einem Rekordverlust in Höhe von 450 Millionen Mark in den vergangenen drei Jahren ist die bundeseigene Salzgitter AG der am höchsten verschuldete Konzern der Bundesrepublik.

Die Kassenebbe war erstmals im Herbst 1966 sichtbar geworden, als der ehemalige Ministerialdirigent aus dem Bundesschatzministerium Hans Birnbaum noch Finanzvorstand des Konzerns war. Eine Serie von Fehlentscheidungen hatte die sechstgrößte deutsche Montangesellschaft (4,1 Milliarden Mark Jahresumsatz) in eine Lage manövriert, die jede Privatfirma zum Konkurs gezwungen hätte.

Als zum Beispiel die Ruhr Anfang der sechziger Jahre auf das teure deutsche Erz verzichtete und Rohstoffe aus Schweden, Venezuela und Liberia verarbeitete, baute der damalige Salzgitter-Generaldirektor Dr. Konrad Ende, jetzt 73, im Erzbaugebiet Niedersachsen noch für 75 Millionen Mark eine gigantische Grube. Damit fiel er »rein: In Salzgitter kostete schließlich eine sogenannte Eiseneinheit 90 Pfennig je Kilogramm, an der Ruhr nur 75 Pfennig, und entsprechend teurer schmolz Salzgitter seinen Stahl.

Konrad Ende versuchte, von der verlustreichen Stahlkocherei zur lukrativen Stahlverarbeitung überzugehen. 1962 erwarb er die Braunschweiger Lkw- und Omnibus-Firma Büssing AG und errichtete in Salzgitter ein neues Werk. Als jedoch nach 170 Millionen Mark Investitionsausgaben die modernen Büssing-Bänder anliefen, war der westdeutsche Lastwagenmarkt gestorben: Bis zum Herbst 1967 erwirtschaftete Büssing einen Verlust von 240 Millionen Mark.

Hof und Halde waren fortan die Hauptabnehmer der hilflos operierenden Staatsunternehmer. Im Herbst 1967 parkten allein 700 unverkaufte Lastwagen bei Büssing, vor den Zechen türmten sich 900 000 Tonnen Kohle und Koks sowie 2,3 Millionen Tonnen Erz.

Nach einem Kalkül der Deutschen Revisions- und Treuhand-AG betrug der dringendste Geldbedarf 430 Millionen Mark. 300 Millionen Mark sollte der Eigentümer Bund bereitstellen. Die restlichen 130 Millionen hoffte Birnbaum durch seinen Finanz-Generalbevollmächtigten Moritz Schürmann, 62, aufzutreiben. Der Emissär mußte sich beeilen, denn Salzgitter fehlten damals sogar die Lohngelder für seine 72 000 Beschäftigten.

Als erster Nothelfer sprang die Düsseldorfer Maklerin Alexandra Prinzessin zu Hohenlohe ein. Sie beschaffte 100 Millionen Mark. Aber der Kredit der Prinzessin mußte schon nach einem Jahr zurückgezahlt werden. Schürmann suchte daher weiter.

Bei den im Salzgitter-Aufsichtsrat amtierenden Bankiers Erich Krüger (Dresdner Bank) und Dr. Wilhelm Vallenthin (Deutsche Bank) wagte er gar nicht erst anzufragen. Schürmann: Die Banken wollten mit uns einfach nichts mehr zu tun haben. Selbst die Wechsel des Betriebes wiesen sie zurück.

Schurmann setzte deshalb freie Finanzmakler ein, um Kredite in ausländischer Währung zu ergattern. In kurzer Zeit fand er 140 Geldofferten aus aller Herren Ländern auf seinem Schreibtisch vor. Schürmann: »Ich weiß gar nicht, woher die Leute von unserer Kreditsuche erfahren haben.«

Des Rätsels Lösung: Salzgitters Finanznöte waren inzwischen das Tagesgespräch der Makler geworden, die sich gegenseitig den heißen Tip zuflüsterten.

Von Stuttgart aus kontaktierte der Immobilienmakler Ernst M. Ippich, 42, auf dem Umweg über zahlreiche Kollegen den Londoner Anwalt Paul Smith. Der Brite machte nach einem Jahr Suche erstmals einen Finanzexperten ausfindig, der die Aussicht bot, die Geldnot des Bundesunternehmens zu beheben; Dr. Ernst Ring, 47, Senior-Vizepräsident der New Yorker Investmentbank Intercontinental Monetary Corporation.

Ring schlug vor, seine IMC-Bank werde ein Konsortium bilden, um gemeinsam den Kredit bereitzustellen. Wenige Wochen später waren die Kreditgeber vollzählig. Sie boten ein Zehn-Jahres-Darlehen über 100 Millionen Mark an, hinter dem die Finanzierungsfirma Overseas Investors als Konsortialführerin stand.

Die amerikanischen Banken stellten jedoch die Bedingung, das Bonner Bundesschatzministerium solle schriftlieb sein Einverständnis mit der Kreditaufnahme erklären. Salzgitter-Chef Birnbaum: »Sie fürchteten, wir könnten das Geld nach zehn Jahren nicht zurückzahlen.«

Der Stuttgarter Makler Ippich wähnte sich bereits im Besitz seiner Provision, als das Geschäft sich doch zerschlug: Das Bonner Schatzministerium hatte abgelehnt, für den Kredit des Staatskonzerns eine Bürgschaft zu übernehmen. Und vorher in Bonn nachzufragen, war den Salzgitter-Managern nicht eingefallen.

Die Prinzessin zu Hohenlohe kondolierte dem verstörten Finanzmakler Ippich in einem Fernschreiben: » Ich bin noch mehr als entsetzt, denn die Reaktion wird eine furchtbare sein und wahrscheinlich auch die Folgen.«

Ihre Durchlaucht behielt recht. Bonns Weigerung löste eine Kettenreaktion aus:

* 24 amerikanische Banken, die das Geld für Salzgitter zusammengetragen hatten, forderten von ihrer Konsortialführerin Overseas Investors die fälligen Bereitstellungszinsen für den geplatzten Kredit;

* Overseas wiederum verlangte von Dr. Ring 1,5 Millionen Mark Zinsverlust;

* Dr. Ring reichte die Millionenforderung an Salzgitter weiter.

In einem Gespräch am 4. Oktober 1967 in Basel mußte sich Moritz Schürmann von Ring und Ippich ein eindeutiges Verschulden der Salzgitter AG bescheinigen lassen. Er verpflichtete sich, die geforderten 1,5 Millionen Mark für die amerikanischen Bankiers zu zahlen. Ippich verwies auf seine Verdienste als Vermittler des Kreditvermittlers Ring und setzte eine Forderung von 333 000 Mark durch. Salzgitters Hausjuristen bestätigten Abreden und Dokumente, und die Bankanweisung über 1,833 Millionen Mark an Ring und Ippich ging nach Basel ab. Volljurist Birnbaum war nicht wohl dabei. Er ließ die Anweisung nicht von zwei Finanz-Prokuristen, sondern -- erstmals in der fast 30jährigen Geschichte des Staatskonzerns -- von drei Vorstandsmitgliedern unterzeichnen.

Birnbaum verband die Zahlung an Ring mit der Bedingung, er müsse bei neuen Geldgebern den Millionen-Kredit beschaffen und dann auf weitere Vermittler-Provision verzichten.

Ring suchte und fand ein zweites Mal. Das renommierte New Yorker Bankhaus Kuhn, Loeb & Co. war zu der 100-Millionen-Anleihe bereit. Fast ein halbes Jahr durchleuchteten Analysten der Bank Salzgitters Konzernbilanzen und arbeiteten detaillierte Anleihebedingungen aus. Im Juni 1968 flog Finanzverwalter Schürmann nach New York und machte in der Wallstreet die Verträge perfekt.

Aber wieder, freute Schürmann ("Wenn ich wieder zu Hause bin, hat Salzgitter auch das Geld") sich zu früh. Seniorpartner Nathaniel Samuels von Kuhn, Loeb & Co. wünschte ein deutsches Geldinstitut in sein Kreditkonsortium aufzunehmen, und ahnungslos hatte Schürmann die Dresdner Bank, Salzgitters Hausfinanzier, vorgeschlagen.

Der Dresdner-Bank-Boß Erich Krüger in Hamburg jedoch, zugleich Aufsichtsrat der Salzgitter AG, lehnte den Dollar-Pakt ab. Heimkehrer Schürmann mußte an Wallstreet-Mann Samuels fernschreiben, es sei zwecklos, die Verhandlungen fortzusetzen.

Nach den kostspieligen Kredit-Ausflügen fanden sich doch die heimischen Banken zur Finanzhilfe für den Staatskonzern bereit. Dresdner Bank, Deutsche Bank und die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft, alle im Aufsichtsrat vertreten, boten Salzgitter für die Dauer von 15 Jahren ein Schuldscheindarlehen in Höhe von 100 Millionen Mark, für das schließlich der Bund als Bürge eintrat.

Im vergangenen Monat, zwei Jahre nach Beginn der weltweiten Kreditsuche, wurde dem kranken Konzern die Millionen-Hilfe von seinen Hausbanken ausbezahlt. Aber die deutscheste Lösung wird zugleich die teuerste.

Denn Dr. Ernst Ring sieht sich mit seiner Intercontinental Monetary Corporation ein zweitesmal von Salzgitter düpiert. Er forderte den Staatskonzern auf, das angebahnte Geschäft »vertragsgemäß zu erfüllen«.

Ende vergangener Woche lief die Frist ab, die der Bankier aus New York den Bossen in Niedersachsen gestellt hat. Seitdem muß die Konzernleitung täglich mit einer Klage wegen Vertragsbruchs und mit einer weiteren Provisions- und Zinsforderung in Höhe von 2,5 Millionen Mark rechnen.

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 84
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.