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Deutscher Abschied

aus DER SPIEGEL 5/1995

Kurz nach der Währungsunion geschah es. Nach jahrelangem Einreiseverbot durfte ich wieder in die DDR-Provinz, nach Thüringen. Ich war entsetzt über den Zustand der Städte: Im Schatten der vergammelten Gotik erhoben sich als einzig nennenswerte Bauwerke die brandneuen westdeutschen Würstelstände. Die jeweiligen »Straßen der Völkerfreundschaft« oder »Jurij-Gagarin-Plätze« nahmen sich wie Mülldeponien der modernen Verpackungsindustrie aus. Einige soeben gegründete Reisebüros boten spottbillige Wochen auf den Malediven an. Ansonsten: grauester Ostblock. NyIregyhaza, Nowa Huta oder Alma-Ata unter schweizerischer Okkupation.

Unterwegs war ich eigentlich zu einer Tagung im Schoß Ettersburg bei Weimar. Ich stieg aus dem Zug und entdeckte auf dem Bahnhofsvorplatz einen Kiosk mit dem großen Aushängeschild »Information«. Als ich näher kam, bemerkte ich ein kleines Pappschild mit der Aufschrift: »Keine Auskunft«. Trotzdem saß hinter dem Fensterchen eine alte Dame, und ich sprach sie an: »Sagen Sie mir bitte, wie komme ich zum Schloß Ettersburg?« Die Dame antwortete, höflich lächelnd: »Ich bin nicht von hier.«

Diese Geschichte erzählte ich jedesmal in Ungarn, wenn man mich über ostdeutsche Befindlichkeiten am Vorabend der Wiedervereinigung fragte, denn ich meinte, sie sei typisch für die Zeit. Man lächelte freundlich, und dies war ein eindeutiger Fortschritt für den unangenehmsten von allen fortschrittlichen Staaten. Schwer fiel allerdings die Ortsbestimmung im plötzlich fröhlich gewordenen Niemandsland zwischen Schon und Noch.

Das waren noch Zeiten, in denen der Konsum für gute Stimmung sorgte und die Einigkeit, wie einst bei Hoffmann von Fallersleben besungen, über die Warenwelt hereinbrach.

Die Deutschen leiden. Im fünften Jahr ihrer Einheit scheinen sie gespaltener zu sein denn je. Der Regierung Kohl ist es gelungen, die eine Hälfte der Republik zu frustrieren, ohne die andere zufriedenzustellen. In den alten Bundesländern beschwert man sich über die Steuern, in den neuen werden die Abwicklungen beklagt. Viele Westdeutsche wären gern die Nörgler aus dem ehemaligen »Arbeiter-und-Bauern-Staat« wieder los, während ebenso viele ehemalige DDRler die »Kolonialherren« aus dem Westen am liebsten vertreiben würden. Und sie versuchen es auch mit Wahlzetteln, indem sie den Recyclingverein des charmanten Advocatus Diaboli Dr. Gysi unterstützen.

Um ehrlich zu sein: Die Bürger anderer osteuropäischer Reformstaaten betrachten die sozialen und politischen Beschwerden ihrer Brüder und Schwestern aus den Warschauer-Pakt-Zeiten im Vergleich mit den eigenen Problemen als rein psychosomatisch. Das dominierende Gefühl gegenüber den einstigen Plattenseetouristen aus Dresden, Rostock oder Wernigerode bleibt der Neid.

Honeckers Nachfolger schafften es wortwörtlich, über Nacht in die Westallianz aufgenommen zu werden, während sich die Nato-süchtigen ehemaligen Ostblockländer mit der schäbigen »Partnerschaft für den Frieden« trösten müssen. Die diesbezüglichen Rivalitäten zwischen Polen, Tschechien und Ungarn erinnern, nebenbei gesagt, gespenstisch an die Eifersüchteleien der osteuropäischen kommunistischen Führer um die Frage, wer unter ihnen der treueste Verbündete Moskaus sei.

Dennoch gibt es eine Errungenschaft der deutschen Demokratie, die relativ wenig Begeisterung bei den armen Verwandten aus dem sozialistischen Lager auslöst. Ich denke an die Gauck-Behörde. Zwar wäre es eine Übertreibung zu behaupten, daß bei uns Klarheit über die Rolle und Arbeitsweise dieser Institution herrsche - die Vorstellungen darüber gravitieren zwischen einer Art seelischer Treuhand und Ehrengericht. Eines weiß man jedoch sicher: Es handelt sich um die Verarbeitung der letzten Jahrzehnte, und dieser Stoff wird in ganz Ostmitteleuropa zunehmend unbeliebt.

Man fragt mich öfters in Ungarn, auch Freunde aus der Dissidentenszene der siebziger/achtziger Jahre: Was soll diese ganze Selbstzerfleischung, dieser politische Striptease? Warum lassen die Deutschen ihre Vergangenheit nicht endlich ruhen?

Ich versuche es ihnen jedesmal so zu erklären: In dieser Frage gibt es bei denen drüben ein Zweiparteiensystem. Die stärkere politische Kraft heißt Schwamm-Drüber-Partei (SDP), und die schwächere trägt den stolzen Namen Partei der Restlosen Aufklärung (PRA). Obwohl ich in den beiden einander bitter bekämpfenden Parteien Freunde und gute Bekannte habe, kann ich keinen Hehl daraus machen, daß mich als Historiker, Zeitzeugen und überhaupt neugierigen Menschen das Programm der PRA mehr anzieht als das der SDP.

Wichtiger als Voyeurismus wiegt jedoch bei mir die Einsicht, daß nicht die Deutschen es sind, die ihre Vergangenheit zum regelmäßigen Erhöhen des Adrenalinspiegels mißbrauchen, sondern daß diese ihnen keine Ruhe läßt. Vor allem, weil diese Vergangenheit - zunächst - keine ist. Sie ist vielmehr Gegenwart, und das sollten Ungarn einsehen. Schließlich prägte unsere Publizistik den scharfsinnigen Ausdruck »verfluchte vorige Woche« für die Ära Kadar. Zweifelsohne stimmt es, daß wir in einer anderen historischen Epoche leben als vor fünf Jahren, wir selbst jedoch sind dieselben, höchstens tragen manche von uns eine neue Maske.

Ein ehemaliger DDR-Diplomat in Budapest arbeitet in derselben Stadt als Versicherungsagent, ein hoher Funktionär des kommunistischen Jugendverbands Ungarns verdient sein Brot bei einer westlichen Zahnprothesenfirma. Nicht daß jemand grundsätzlich etwas gegen Lebensversicherung oder Zahnersatz hätte, aber geben wir zu, daß beides Vertrauenssache ist. Und Vertrauen setzt genaue Grundkenntnisse voraus.

Ich habe einen alten Freund aus Ost-Berlin, einen Chemiker. Er war kein Dissident, sondern einfach ein Mensch von Würde und Anstand, der immer und überall ungefähr das zu sagen versuchte, was er meinte. Einen politischen Prozeß hängte man ihm nie an; er wurde nicht einmal von der Behörde vorgeladen. Allerdings haben ihn unsichtbare Kräfte daran gehindert, seine Dissertation zu verteidigen und damit beruflich voranzukommen.

Nach der Wende wurde sein Institut von einem westdeutschen mit ähnlichem Profil einverleibt, und mein Freund wurde, anders als ein auf ihn angesetzter Inoffizieller Mitarbeiter des MfS, aufgrund fehlender wissenschaftlicher Voraussetzungen nicht von den neuen Herren übernommen. Zum Glück kann er jetzt aufgrund seiner OV-Akten beweisen, daß es sich um eine Maßnahme unter dem Code »Organisierung beruflicher Mißerfolge« handelt, wodurch wenigstens eine Schadensbegrenzung ermöglicht wird.

Die Freunde aus der Schwamm-Drüber-Partei warnen davor, den unglückseligen Spitzel aus jenem chemischen Institut dingfest zu machen und einer Hexenjagd auszuliefern. Ich bin mit dieser Warnung einverstanden, allerdings unter der Bedingung, daß die Gerechtigkeit für die Opfer der für die Täter (die in einzelnen Fällen durchaus ebenfalls Opfer sein konnten) vorangehen soll. Hingegen behaupten die Anhänger der Partei der Restlosen Aufklärung das wichtige Prinzip, daß die geheime Verfahrensweise der Behörde offenzulegen sei.

Die osteuropäischen Diktaturen bewegten sich in dem Zeitraum zwischen Poststalinismus (das heißt nach 1956) und Postkommunismus in einem Rechtsvakuum. Deswegen macht es sich die deutsche Justiz so schwer mit der sogenannten Regierungskriminalität, die im Grunde nichts anderes war als normales Funktionieren einer Diktatur: Ihre Anwendungsversuche muten manchmal an, als hätte jemand Kohlesäcke auf Apothekenwaagen wiegen wollen.

Es sei mir erlaubt, einen anderen Fall zu erzählen, gewissermaßen den eigenen.

Im Jahre 1984 hielt ich mich mit einem Stipendium in West-Berlin auf, durfte jedoch wegen meiner Ausweisung aus der DDR weder nach Ost-Berlin noch über die Transitstrecke nach Westdeutschland reisen. Für den Sommer lud ich meine Frau und meine Tochter ein. Das Schuljahr des Kindes endete, meine Frau konnte jedoch ihren Urlaub noch nicht beginnen. Deswegen flog das elfjährige Mädchen allein über Schönefeld.

Bereits im Transitautobus nach West-Berlin entdeckten die DDR-Grenzbeamten einen Fehler in ihrem Paß, ließen sie aussteigen und führten sie zurück nach Schönefeld. Der Fehler wurde behoben, meine Tochter wurde bis zur Grenze gebracht und an der Waltersdorfer Chaussee mit ihrem kleinen Koffer allein gelassen. So wartete ich auf dem West-Berliner Zentralen Omnibusbahnhof vergebens und verzweifelt auf sie. Zum Glück verließ sie nicht die Geistesgegenwart, und mit Hilfe von West-Berliner Freunden hat sie späten Abends zu meiner Wohnung gefunden.

Mich interessieren wenig die über mich angelegten Akten der DDR-Staatssicherheit, diesem schmutzigsten Papierlager aller Zeiten. Auch die Spitzelberichte des von mir ins Ungarische übersetzten Dichterfürsten vom Prenzlauer Berg ließen mich kalt, als mir deren Kostproben von Freunden gezeigt wurden. Aber ich möchte einmal jenem Beamten in die Augen schauen, der ein elfjähriges Mädchen mit gültigem ungarischen Reisepaß auf der offenen Straße nach West-Berlin aussetzte. Vielleicht würde ich ihn höflich fragen, wie es ihm geht und ob er inzwischen ebenfalls eine Anstellung bei irgendeiner Lebensversicherung gefunden hat.

Aufarbeitung der Vergangenheit bedeutet für mich keineswegs allein und nicht einmal hauptsächlich Entlarvung von geheimen Dokumenten. Was wir in Ungarn in den letzten vier Jahren erlebten, drehte sich fast ausschließlich um öffentlich zugängliches Wissen. Der offiziell unterstützte Gedächtnisschwund erstreckte sich auf allgemein bekannte Tatsachen, die jedoch mit der Zeit immer weniger willkommen werden.

So wurde ein ehemaliger Dissident von seinem fanatisch antikommunistischen Publikum niedergebrüllt, als er behauptete, schließlich hätten die Anwesenden, wenigstens die Männer im Saal, durch ihren Soldateneid in der ungarischen Volksarmee, ähnlich wie die Mauerschützen in der DDR, einem Schießbefehl gehorchen müssen. Anstatt vorenthaltene Tatsachen zu publizieren, wird der Versuch unternommen, Offensichtliches wieder zum Geheimnis zu machen.

Unlängst habe ich am Flohmarkt ein FDJ-Liederbuch ergattert. Unter anderem fand ich Slogans darin, die der Oktoberklub ad notam »Hey li lee lo« bei seinen Veranstaltungen unter Gitarrenspiel verkündete. »Vom Zentralrat ein scharfer Blick / Und schon sang die Republik«, hieß einer der Sprüche. »Auf Friedenswacht - Jahrzehnte schon - / Stehen wir mit der Sowjetunion«, so tönte der zweite. Und der dritte, besonders lehrreich vom Inhalt her: »Und auch die Kirchen bleiben stehn / Wenn unsere Jungs zur Fahne gehn.«

Kann man diese Kultur, die 40 Jahre, die solche Reime in den Köpfen schmiedete, vergessen? Ist das überhaupt bereits Vergangenheit? Für mich noch nicht. Solange sich mir bei solchen Texten der Magen umdreht.

Andererseits, obwohl keineswegs als lauwarme Zwischenposition, möchte ich meinen Freunden und Kollegen aus der PRA sagen, daß sie mit der Zeitgeschichte weder wehmütig noch pathetisch oder gar mit irgendeiner jakobinischen Rigidität umgehen sollten. Sie sollen moralisch, aber nicht wie Moralapostel argumentieren, ernsthaft, aber nicht unironisch sein. Denn, um ein passendes Zitat von einem unpassenden deutschen Autor, Karl Marx, anzuführen: »Die Menschheit nimmt lachend von ihrer Vergangenheit Abschied.«

Immerhin ist der deutsche Abschied von der Vergangenheit traurig, schwerfällig und hoffnungsarm. Es wird viel gejammert, geweint und vor allem mit den Zähnen geknirscht. Einerseits finde ich schade, daß dem so ist. Andererseits, und hoffentlich wird es einem Menschen, der in seinem Leben mit den Folgen einer anderen deutschen Vergangenheit zu tun hatte, nicht übelgenommen: Es ist immer noch besser, wenn die Deutschen ein wenig an sich selbst leiden, als wenn andere Völker unter den Deutschen leiden. Y _(Dalos, 51, lebt als Schriftsteller in ) _(Wien und Budapest. )

Es wird viel gejammert, geweint - und vor allem mit den Zähnen geknirscht

Dalos, 51, lebt als Schriftsteller in Wien und Budapest.

Györgi Dalos
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