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BUNDESLÄNDER Deutscher Mai

150 Jahre nach dem Hambacher Fest zanken sich die Urenkel ums demokratische Erbe.
aus DER SPIEGEL 21/1982

Die Polizisten, angesetzt auf Molotow-Cocktails und Farb-Spraydosen, mochten sich keinen Patzer erlauben. So kam ihnen auch Karl Kuhn, 84, verdächtig vor, ein rüstiger Rentner aus Bad Kreuznach, früher SPD-Landtagsabgeordneter in Mainz.

Zum Festakt auf die Maxburg bei Neustadt-Hambach an der Weinstraße geladen, durfte der greise Herr, wie viele andere Gäste, die Sicherheitsschleuse am Schloßtor erst passieren, nachdem er außer der Einladung auch den Personalausweis vorgezeigt hatte.

Während Sprengstoff-Spürhunde in Papierkörben schnüffelten, Walkie-Talkie-Männer den Wald durchkämmten und Wanderer scheuchten, rollten in schweren Limousinen rheinland-pfälzische Honoratioren hinauf zum Schloß - Landesprominenz, vornehmlich von der Christenunion, im Nadelstreif.

Mit Sicherheitsvorkehrungen, als gehe es darum, Revoluzzer fernzuhalten, in festlichem Ambiente, als gelte es, Distanz zwischen Regierenden und gemeinen Bürgern zu demonstrieren - so feierte Rheinland-Pfalz letzte Woche die 150. Wiederkehr eines Ereignisses, das wie kaum ein anderes in der deutschen Geschichte für revolutionäres Aufbegehren und patriotisches Freiheitsstreben steht.

Mit einer Suite in C-Dur von Johann Sebastian Bach und getragenen Festreden in exklusivem, provinziellem Zirkel ließ Landesherr Bernhard Vogel (CDU) jener ersten großen Massendemonstration Europas gedenken, bei der rund 30 000 Menschen zum Hambacher Schloß zogen, um für Volkssouveränität und mehr Bürgerrechte einzutreten.

Vogels Hambacher Fest nun, ganz ohne Volk, mußte vor diesem historischen Hintergrund peinlich anmuten: Die meisten, »die do jetzt enuff fahre«, kommentierte Metzger Friedrich Mohr unten im Dorf, wüßten wohl gar nicht, daß »die all gege sisch selwer demonschtriere«.

Daß die Radikalen von einst nun ausgerechnet von denen gefeiert werden, die heute strikt auf dem Radikalenerlaß beharren, fügt sich in die Reihe früherer Hambach-Gedenktage, die vor allem Burschenschafter und Nationale auf die Burg zogen. Vornehmlich Alte Herren in vollem Wichs waren es, die am Dienstag vergangener Woche auf dem Empfang des Landtagspräsidenten Albrecht Martin am lautesten den »Hambacher Geist« beschworen und zugleich »nichts dabei« fanden, sich zu ihrer einstigen Zugehörigkeit zur Waffen-SS zu bekennen. S.119

Als jedoch Demokraten anderer Couleur als jener der Couleur-Herren die zehntägigen Jubiläumsfeierlichkeiten mit alternativen Programmteilen bereichern wollten und dabei auf die politische Vielfalt der Demonstranten von einst verwiesen, reagierte der Regierungschef auf seine Weise: Er ließ per Kabinettsorder das Gelände absperren. Auch der SPD war, wie Willy Brandt klagte, »der Zugang zum Schloß verschlossen«; sie durfte lediglich auf dem fünf Kilometer entfernten Neustädter Marktplatz feiern.

Vergebens protestierten die Sozialdemokraten, die sich »in der Tradition des Deutschen Mai von 1832« (Willy Brandt) sehen, gegen die Mainzer »Arroganz der Macht«, wie der SPD-Vorsitzende Willi Rothley schnaubte. Im historischen Hambacher Weinlokal »Mohre Jule« hämte pfälzischer Volksmund über das landesväterliche Gebaren: »Hambach - c''est moi.« Dank Vogels Verdikt, lästerten die Pfälzer, werde die Nationalstätte bald schon so umkämpft sein »wie die Grabeskirche in Jerusalem unter den Konfessionen«.

Begonnen hatte der Streit im vergangenen Herbst, als Rothley die Tradition von Hambach »heute am ehesten bei den Jusos« aufgehoben sah und einen Jubiläumsabend mit linken Politsongs vorschlug. Vogel konterte, die Initiatoren des Festes von einst seien »doch alles Bürgerliche gewesen: Arbeiter gab es 1832 noch gar nicht, denn da gab es noch keine BASF«.

»Warum eigentlich«, fragte sich nach der Aussperrung SPD-Fraktionschef Werner Klein, »sind wir so brav auf dem Marktplatz geblieben und nicht einfach trotzdem zum Schloß marschiert?« Warum auch immer - lediglich dem Festredner Brandt und wenigen Begleitern hatte Vogel eine Besichtigung des renovierten Baus zugestanden, mit kleinen Schikanen. Der Aufbau einer historischen Hambach-Ausstellung mußte laut Weisung des Kultus-Staatssekretärs Konrad Mohr eigens unterbrochen werden, damit der SPD-Chef »möglichst noch über Kisten und Kästen steigt«.

Die Sozialdemokraten revanchierten sich: Fraktionschef Klein streute Erinnerungen an Konrad Adenauer aus, der 1951 bei einem Pfalz-Besuch aus seinem Abstand zu den demokratischen Urgroßvätern ("Das waren doch kleinbürgerliche Revolutionäre") kein Hehl gemacht und später gar deren Farben geschmäht hatte: Eine der drei noch vorhandenen Hambacher Fahnen, die eine Pfälzer Delegation 1953 dem Kanzler als Schmuckstück für den kleinen Kabinettssaal in Bonn dediziert hatte, ließ Adenauer auf den Speicher bringen. Eines Tages, ganz zerknautscht, kehrte sie per Päckchen in die Pfalz zurück.

Am Wochenende war die retournierte Fahne teuerstes Erinnerungsstück in einem historischen Festzug der Einheimischen. Auch die Grünen hatten nach Hambach geladen, um dort gegen Tannensterben und Giftgas im Pfälzer Wald zu demonstrieren, Bäume zu pflanzen und am Schloß »Symbole« niederzulegen: einen Hiroschima-Gedenkstein, eine Kupferplatte mit dem Wahrzeichen der DDR-Friedensbewegung »Schwerter zu Pflugscharen« und eine Nachbildung des Danziger »Solidarnosc«-Mahnmals.

An der Frage der Solidarität mit der polnischen »Solidarität« indes entzündete sich prompt Streit unter den alternativen Hambach-Gästen. Aus Protest gegen die Weigerung DKP-orientierter Vertreter der Friedensbewegung, einen Solidarnosc-Mann in Hambach über Freiheit reden zu lassen, beschlossen Grüne und andere Pazifisten, einem für Pfingsten geplanten Friedensfest bei Neustadt fernzubleiben.

Vor 150 Jahren dagegen hatte Polen die Hambacher Demonstranten nicht gespalten, sondern geeint. Unter dem Jubel von Tausenden, darunter Ehrengästen aus Polen, rief damals Festredner Philipp Jakob Siebenpfeiffer aus: »Hoch leben die Polen ... Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht.«

S.119unten: auf dem Neustädter Marktplatz.*Oben: im Hambacher Schloß.*

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