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Briefe

DEUTSCHES DILEMMA
aus DER SPIEGEL 13/1958

DEUTSCHES DILEMMA

Nachdem sich Herr Daniel früher nur sporadisch zu Wort gemeldet hat, ist er neuerdings dazu übergegangen, in jeder SPIEGEL-Nummer dem Leser ins Ohr zu tönen: Wir müssen den Rapacki-Plan annehmen, nehmt den Rapacki-Plan an! Und die vielen zustimmenden Leserbriefe scheinen ihm ja recht zu geben. Da kann mich nur die Tatsache trösten, daß es doch immer die Unzufriedenen sind, die schreiben. Was, glauben Sie, Herr Daniel, werden denn die Folgen der Annahme des Rapacki -Planes sein? ... Wir würden Amerikas Freundschaft verlieren, ohne die russische zu gewinnen. Und was könnten wir dagegen tun, wenn sich Rußland und die USA dann eines Tages zu einem Gentleman's Agreement verstehen? Nichts. Deutschland wäre jeder Abmachung wehrlos preisgegeben - oder glauben Sie wirklich, daß die »Selbstverpflichtung der Großmächte« im Ernstfall auch nur den mindesten Wert hat?

z. Z. Wien JÖRG VON UTHMANN

Nach Herrn Daniel würde ein Angriff der UdSSR gegen Europa den Lehren Lenins und Stalins widersprechen. Ich muß zugeben, ich bin überrascht. Was sagen denn Lenin und Stalin zur Aggressionsfrage?

Wir leben nicht nur In einem Staat, sondern in einem Staatensystem, und die Existenz der Sowjetrepublik neben den imperialistischen Staaten ist auf die Dauer undenkbar. Am Ende wird das eine oder das andere siegen Aber bis dieses Ende eintritt, ist eine Reihe furchtbarster Zusammenstoße zwischen der Sowjetrepublik und den bürgerlichen Staaten unvermeidlich ... (Lenin, Bericht auf dem VIII. Parteitag, Sämtl. Werke, Band XXIV, Seite 122, russ Ausgabe)

Das Ende, das heißt die absolute kommunistische Weltherrschaft, muß also nach Lenin früher oder später, und zwar im Gefolge furchtbarster Kriege zwischen der »Sowjetrepublik« und den bürgerlichen Staaten, kommen! Und Stalins Meinung?

Die Revolution des siegreichen Landes darf nicht als eine sich selbst genügende Größe, sondern muß als Stütze, als Mittel zur Beschleunigung des Sieges des Proletariats in allen Ländern betrachtet werden ... (J. Stalin, Fragen des Leninismus, Seite 130, Moskau 1947)

Diese Zitate Lenins und Stalins sind den Standardwerken der beiden Führer des Weltkommunismus entnommen, und sie haben Allgemeingültigkeit für die Kommunisten der ganzen Welt. Das Sowjetsystem hat nur eine Daseinsberechtigung: als Basis für die Ausbreitung des »Sozialismus« in allen Ländern der Erde zu dienen, wobei diese ideologisch bedingte Expansion sich programmatisch kriegerischer Mittel zu bedienen hat.

München DR. STEFAN MARINOFF

Für verlorene Kriege muß man zahlen. Das vergessen wir Westdeutschen allzu leicht, weil es uns heute so gut geht wie seit den Zeiten unseres letzten Sieges nicht mehr. Wann endlich wird man begreifen, daß der Preis für die Niederlage im Verlust des Ostens und in der Spaltung des Restes besteht? Wann hören die Phrasen auf von der Wiedervereinigung als oberstem Ziel, an die die Politiker doch selbst nicht glauben und an der im Grunde niemand ernstlich interessiert ist? Die deutsche Einheit ist historisch gesehen ein Ausnahmezustand von 75 Jahren Dauer, früher waren wir nordsüdlich gespalten, heute zur Abwechslung westöstlich; der deutsche Regenwurm ist das gewohnt.

Düsseldorf DR. WOLFGANG HILGER

Die dem Osten gegenüber angewandte Kontaktverweigerung um jeden Preis hat in den vergangenen zehn Jahren nicht dazu geführt, daß die Russen uns auf Knien entgegengekommen sind. Die Wahrscheinlichkeit, daß sie es in den nächsten zehn Jahren tun werden, ist noch weit geringer. Jeder Geschäftsmann, dessen Unternehmen nach so langer Zeit noch immer nur Verlustzahlen aufweist, würde seinen Prokuristen entlassen und seine Geschäftsführung ändern. Der deutsche Wähler ist wahrhaftig kein sehr wendiger businessman!

Mainz GERHARD PRALLECKE

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