Deutsches Glück und Unglück
Der Journalist Günther Nenning, 67, lebt als freier Autor in Wien. 1985 wurde er wegen seines Engagements gegen das Donaukraftwerk Hainburg aus der Sozialistischen Partei Österreichs ausgeschlossen.
Bei Nestroy gibt es den wunderschönen Satz: »Das Recht ham'S ohnedem, hätten'S lieber das Glück, wär's g'scheiter.« Genau in dieser Lage sind die Deutschen jetzt. Ihr Recht auf einen gemeinsamen Staat haben sie bisher nicht bekommen. Statt dessen haben sie jetzt das Glück, daß etwas Gescheiteres - die grenzenlose, größtdeutsche Nation - in Sicht kommt. Und merken es nicht.
Beim unerschöpflichen Nestroy gibt's den wunderschönen Satz, gesprochen zu einem Handwerker: »Sie sind viel mehr Kürschner als Mensch.« Der Satz paßt auf Parteipolitiker; allerdings auf Peter Glotz paßt er nicht. Sein neuestes Buch über die deutsche Rechte ist keine Handwerkelei, sondern gespeist aus seiner - nicht primär politischen, eher künstlerischen - Intelligenz.
Glotz ist der intelligenteste deutsche Sozialdemokrat. Das sagt noch nicht viel, bei der allgemeinen Geistesverarmung der Parteien, die allen unglücklichen Liebhabern der Demokratie auffällt, nur den Parteien nicht. Jedoch auch Glotz, mit der Nase stetig im Geisteswind, schreibt, statt über Deutschland, über Schönhuber. Und merkt es nicht.
Seinerzeit habe ich mich herzlich geärgert, weil aus dem »Club 2« des österreichischen Fernsehens Franz Schönhuber und ich ausgeladen wurden. Schönhuber saß schon im Flugzeug, als die Absage eintraf. Im letzten Augenblick siegte das Prinzip der österreichischen Geheimdemokratie: Nur net diskutieren, totschweigen. Ich moderierte dann einen Ersatz-»Club 2« im SPIEGEL-TV; eine gemischte Demokratenpartie schlug mühelos den Papiertiger*. Aber grad weil's so mühelos ist, darf man nicht immer mit dem Schönhuber weiternudeln.
In Sicht kommt: ein noch unbenanntes Gebilde oder eher ein Prozeß, ein rascher Wachstumsprozeß, in welchem * Mit Schönhuber diskutierten Peter Glotz (SPD), Gerhart Baum (FDP), Hubert Kleinert (Grüne), Heinrich Lummer (CDU) am 24. März auf dem Bodenseeschiff »Vorarlberg«. sich die beiden Buchstabenstaaten BRD und DDR aneinanderlegen, eingebettet in ein noch unbenanntes Gebilde oder eher einen Prozeß, einen raschen Wachstumsprozeß, in welchem sich die drei Drittel Europas aneinanderlegen, West-, Mittel- und Ost-.
In einem historischen Prozeß formt sich die deutsche Nation neu, und in ihm weht jene Faszination und jenes Erschauern, wovon Franz Schönhuber einen Hauch hat und sein angemessenster Gesprächspartner Glotz auch nicht mehr als etwas Wind.
Die neue deutsche Frage ist verknäuelt mit der neuen europäischen, und so entsteht, was der Österreicher auf tschechisch einen »Pallawatsch« nennt: ein Problem, das einer Lösung weder zugänglich ist noch einer solchen bedarf, weil es sich durch seine ständige Vergrößerung auf ungeahnte Weise von selber lösen wird.
Wenn das kein Glück ist, weiß ich nicht, was Glück ist.
Das deutsche Glück war nie der National- und Einheitsstaat, sondern ein durch gemeinsame Sprache, gemeinsame Kultur, gemeinsame Geschichte ausreichend bestimmtes Geisterreich.
Ich dachte, daß ich diese Namensgebung erfunden hätte. Doch in der Geschichte wird nichts erfunden, nur vorgefunden.
Vor einigen Nächten las ich: Bei der »Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte« in Graz, Herbst 1843, definierte der hannoversche Chirurg Holscher Deutschland als »unendliches Reich der Geister«, in welchem der habsburgische Erzherzog Johann »unser Führer« sein sollte.
In der Tat lautet die Frage nicht, ob die Österreicher Deutsche sind - sondern ob die Deutschen Österreicher werden, nämlich sich ausstatten können mit einer Idee von Deutschland, nicht als unmöglicher Nationalstaat, sondern als ein nötiges Geisterreich.
Die neue deutsche Dynamik entfaltet sich mitten in einer noch größeren europäischen. Daher wird ein deutscher National- und Einheitsstaat kein drittes Mal entstehen auf die bisherige Weise, nämlich gegen den Rest Europas (Bismarckdeutschland, Hitlerdeutschland; beides probiert, kein Vergleich).
Der giftblonde Schoß, aus dem das kroch, ist fruchtbar noch - gebar aber nur die Schönhuber-Maus. Das ist soviel Sicherheit als erhältlich, ist von einer Weltgeschichte, die, wie der alte Friedrich Engels sagte, immer wieder alles auf den Kopf stellt.
Rudolf Augstein ängstigt sich nicht, »daß es wieder einen deutschen Staat gäbe, einen mit ,Souveränität'. Warum denn nicht?« Es sind aber schon öfters linke Gemüter national geworden, und es hat nichts genützt.
Wenn etwas in der Geschichte nicht genützt hat, so muß es neu angegangen werden. Die Linke muß sich also die Frage stellen: Welche Nation? Welcher Sozialismus?
Auf die neue Rechte muß es eine neue Linke geben.
Das Unglück der deutschen Nation war das Auseinanderklaffen dessen, was in den anderen Nationen selbstverständlich zusammengehört: Demokratiegefühl und Nationalgefühl. In der deutschen Geschichte sind das zwei verschiedene Lager.
»Wir dürfen das Thema Nation doch nicht der Rechten überlassen« - dieses »alte Motto« sei »überschlaue Anpasserei«, giftet sich Glotz. »Warum sollen unsere Werbeagenturen die Begriffe Deutschland, Heimat, Vaterland, Wiedervereinigung nicht in einem preemptive strike schon einmal besetzen? Ein großer Wurf muß her.«
Doch wenn's »Anpasserei« ist, ist's kein »großer Wurf«. Wenn »Werbeagenturen« ausmarschieren, um »Begriffe« zu besetzen, kommt nichts aus dem Herzen. Und die Leute merken das - das Volk, das die Linken klammheimlich für dumm halten und darum stets aufklären und erziehen wollen, sie, die selber nicht mehr wissen, woher und wohin.
»Die Nation ist im Menschenmaß das mächtigste geschichtliche Vorkommen, bis jetzt.« Peter Glotz hält das für einen »schrecklichen Satz« Martin Walsers, den er im selben Atemzug definiert als »aufklärerischen, des Revanchismus völlig unverdächtigen Schriftsteller mit einem bedeutenden Lebenswerk«.
Jetzt ist aber genau die Zeit, wo die Linke über die deutsche Nation reden muß, und nicht über den bayerischen Alpenzwerg Schönhuber.
Glotz ist dafür ausgerüstet durch seine Sensibilität, die den Geeichten in seiner Partei immer schon verdächtig war. Er, der über deren Unbeweglichkeit »Die Beweglichkeit des Tankers« schrieb (1982), sein bisher tiefstgängiges Buch, ist das Schnellboot der SPD. Er schreibt immer im richtigen Zeitpunkt die falschen Bücher.
Ein typischer Brandt-Mann. Willy Brandt ist ja nicht nur über den Spion und die Frauen gestolpert, sondern seine Personalauswahl war immer schon geheimnisvoll.
Peter Glotz ist eine Margarita Mathiopoulos des Willy Brandt - nicht so schön, aber genauso unpassend.
Glotz hat die seismographische Qualität des Künstlers - schon seine politischen Tagebücher »Die Innenausstattung der Macht« (1979) und »Kampagne in Deutschland« (1986) waren hauptsächlich literarische Genüsse und politische Belastungen. Glotz zeigt korrekt das kommende Erdbeben an, die konvulsivische Wendung des deutschen Riesen im Wohlstandsbett nach rechts.
Wogegen nebenan die deutsche Linke im antifaschistischen Tiefschlaf schnarcht, wahrsagt Glotz. »Der gängige ,Antifaschismus' der Bundesrepublik (Behinderung von Veranstaltungen der ,Republikaner', autonome Streifen anläßlich Hitlers Geburtstag, ,Aktionseinheiten' aller Art) ist hilflos und schafft Märtyrer.«
Was schafft Hilfe und Helden?
Ach, Glotzens Helden sind alt und müde: »Wir müssen die Ostpolitik Brandts und Bahrs weiterentwickeln; aber dementieren werden wir sie nicht.«
Wie sieht sie aus, die Weiterentwicklung?
Im Stichwortverzeichnis zum Entwurf des neuen Grundsatzprogramms der SPD, vom März 1989, kommt »Ostpolitik« nicht vor. Unter den 515 Stichworten ist auch nicht »Deutschland«. Unter den 433 Paragraphen findet sich Nummer 102:
»Die Deutschen haben wie alle Völker ein Recht auf Selbstbestimmung. Die Frage der Nation hat sich nicht erledigt, aber sie ist den Erfordernissen des Friedens untergeordnet . . .«
Instinktloser geht's nimmer. Da sich die saublöde Fragerei nach der »Nation« leider nicht von selber erledigt hat, sondern weiterhin die Sozialdemokraten belästigt, wird zumindest festgestellt, daß diese Frage »untergeordnet« sei.
Natürlich ist die Nation untergeordnet dem Frieden - aber Pech, das die SPD hat: In einem Europa, in welchem plötzlich alles erlaubt ist, was noch kürzlich friedensgefährdend war, ist der Friede nicht mehr bedroht durch den faktisch * Im Mai bei einer Veranstaltung der Republikaner im bayerischen Beilngries. und rasant im Gang befindlichen Prozeß der deutschen Wiedervereinigung, sondern geradezu im Gegenteil.
Wie unvorbereitet Glotzens Partei auf diese neue - doch eigentlich schöne und hoffnungsvolle - Situation ist, zeigt sich daran, daß die Wiedervereinigung im gesamten Grundsatzprogramm kein einziges Mal vorkommt.
Streng unparteiisch wird festgestellt: »Es muß offenbleiben, ob und wie die Deutschen in beiden Staaten in einer europäischen Friedensordnung zu institutioneller Gemeinschaft finden.«
Na ja, wenn die Deutschen selber was Passendes finden, bitte - aber ein sozialdemokratisches oder gar sozialistisches Konzept für die Wiedervereinigung war streng unter der Würde der Programmkommission.
Das ist nicht nur keine »Weiterentwicklung der Ostpolitik Brandts und Bahrs«, sondern ein Untertauchen im Garnix.
Ein Konzept muß also her, oder es wird eine große Blamage, wenn am 19. Dezember in Bremen dem Parteitag der Programmentwurf vorliegt.
Peter Glotz to the front. Der Nach- und Vordenker der SPD bewegt sich derzeit fast so rasant wie sein Thema. Schon für 1990 plant er ein neues Buch: »Die Zerstörung Europas durch den Nationalismus.« »Ein Arbeitstitel«, sagt er. Da hätt' ich für ihn, der das Blättern vor vollen Bücherborden liebt, ein Motto gefunden. Friedrich Engels an die Mitglieder der Internationale:
»Wenn Mitglieder einer erobernden Nation die Nation, die erobert worden ist, auffordern, ihre spezifische Nationalität und Lage zu vergessen, so ist das kein Internationalismus, sondern nichts weiter als ein Versuch, die Herrschaft des Eroberers unter dem Deckmantel des Internationalismus zu rechtfertigen und zu verewigen.« Das ist so herrlich unpassend, daß nicht einmal das Gegenteil richtig ist.
Fast alle Kirchenväter des deutschen und internationalen Sozialismus waren wüste Nationalisten. Sie würden sich nicht wiedererkennen in der Erläuterung, die Glotz zu dem von ihm so genannten verfluchten nationalen Prinzip gibt:
»Die Nation ist eine rund zweihundert Jahre alte europäische Idee, die im Westen des Kontinents einigermaßen erfolgreich war, in der Mitte und im Osten aber nur Mord und Totschlag hervorgerufen hat.«
Glotz irrt auf sympathische Weise, nämlich doppelt. Er beurteilt, was er »die Nation« nennt, allzu positiv und allzu negativ. Die Nation hat keineswegs nur in der Mitte und im Osten Mord und Totschlag hervorgerufen, sondern auch im Westen, doch ist's dort länger her, und alle haben's vergessen. Der Aufbau des englischen, französischen, amerikanischen Nationalstaates hat seine solide historische Grundlage auf einem Meer von blutigsten, langwierigsten Kriegen, Ausmordung ganzer widerstrebender Stämme, Regionen, Rassen - Verbrechen, nach Qualität wie Quantität »faschistischen« Maßes.
Glotz ist ein Liebhaber der Geschichte, aber er liebt sie als allzu junge Dame.
»Die Nation« hat eine bewegte Vergangenheit, in der sie, außer sehr mörderisch, auch sehr ehrenwert war, insbesondere für Linke. Die Idee »Nation« war a) revolutionär, b) demokratisch und c) gegen den etablierten Staat.
Auf dem Kongreß über die »Europäische Identität« der Linken, kürzlich in Ariccia bei Rom, sagte ein Genosse von der polnischen Zeitschrift »Kritika«, der Historiker Robert Mroziewicz, Nationalismus sei Fortschritt und Befreiung der Völker. Wumm, das war ein Volltreffer ins europäische Linksherz.
Der patriotische Pole übersprang kühn und unzulässig Nationalsozialismus, Faschismus, Kolonialismus, Imperialismus, Rassismus, Antisemitismus und Kriege, Kriege, Kriege - und traf jenen alten Kern von »Nation": 1789 ff. in Frankreich; 1794, 1830, 1846 in Polen; 1848 in Deutschland.
Wer sehen will, statt schimpfen und zittern, für den sind die Ähnlichkeiten verblüffend zwischen jenem älteren ehrenwerten Nationalismus und dem neuen, im europäischen Kessel brodelnden.
Auch die neuen Nationalismen sind - außer peinlich und gefährlich - 1) revolutionäre Bewegungen, 2) untrennbar verstrickt mit den Kämpfen um Demokratie, 3) gerichtet gegen etablierte Staaten: gegen den vom Diktator Stalin blutig zusammengezwungenen imperialistisch-kolonialistischen Superstaat; gegen den vom Diktator Tito kunstvoll zusammengehaltenen Suprastaat.
Oder gar - große Angst ist '90 - gegen die gesonderte Existenz der zwei Buchstabenstaaten BRD und DDR. Der neue deutsche Nationalismus hat einen deutschen Namen: »Wiedervereinigung«.
Oder gar - große Angst ist 1992 - gegen den aus dem Brüsseler Computer gehackten Supra- und Superstaat Westeuropa, dessen Präsidentenpurpur Jacques Delors schon um seine zu schmalen Schultern rauschen hört.
Aber, sagte sein Landsmann Jean-Pierre Chevenement, als er noch links war statt Mitterrand-Minister: »Die Nation ist immer noch der Rahmen für die Demokratie.«
Der alte Stalinsche Hundertvölkerstaat war kein »Rahmen für Demokratie«, noch auch wird dies, außer die Völker bestehen drauf, der Delorssche Supra- und Superstaat EG. Der neue europäische Nationalismus ist, was immer er sonst ist, auch eine Widerstandsbewegung gegen den Zentral- und Starkstaat.
Woraus denn könnte der wachsende Widerstand der sowjetischen oder jugoslawischen und westeuropäischen Nationalitäten sich speisen? Aus dem durch die Sozialisten, die keine mehr sind, diskreditierten Sozialismus? Aus der Sehnsucht nach dem vollen und immer volleren Supermarkt? Die Idee, die, wie der kluge alte Marx bemerkte, zur materiellen Gewalt wird, wenn sie die Massen ergreift, muß halt eine Idee sein. Aus nix wird nix.
Für Marxisten - Glotz ist keiner, aber ich doch irgendwie - müßte es eine reizvolle Aufgabe sein, die Unterschiede herauszupräparieren zwischen dem alten, dem älteren und dem neuen Nationalismus. Das wäre keine bloß theoretische Aufgabe, sondern gewaltige praktische Lebenshilfe für die ratlos dahinsiechende deutsche Linke.
Peter Glotz ist dieser - heiklen und nötigen - Unterscheidung zwischen gutem und bösem Nationalismus streckenweise nicht all zu fern. Ist diese Unterscheidung geglückt - ich bin selber noch nicht sehr weit damit, stammle noch, aber das ist besser als schweigen -, dann kann man Glotz nur begeistert zustimmen, wenn er einem polnischen Brieffreund versichert:
»Nicht daß Du glaubst, ich wollte jetzt diesen gepflegten elegischen Ton anschlagen, der in der deutschen Linken so beliebt ist: schmerzliche, wissende Resignation. Nix Resignation. Wir müssen halt kämpfen.«
Auf geht's, Peter! f
*BUCHKOLUMNE *
*VERLAGSHINWEIS:
Peter Glotz: »Die deutsche Rechte - Eine Streitschrift« Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart; 176 Seiten; 24 Mark.