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FRANKREICH / KONJUNKTUR Deutsches Leiden

aus DER SPIEGEL 35/1967

Wer das Tor aufmacht«, orakelte Frankreichs Finanzminister Michel Debré noch vor Monaten über die deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen, »muß mit Sonne und mit Regen rechnen.«

Seit Januar kommt nur noch Regen durch die Tür. Die Wirtschaftskrise, im vergangenen Sommer im EWG-Land Bundesrepublik entstanden, hat auf das EWG-Land Frankreich übergegriffen.

Noch im letzten Jahr verzeichneten die Franzosen hohe Zuwachsraten ihres Sozialprodukts (fünf Prozent) und minimale Arbeitslosenzahlen (147 000). In diesem Jahr

> gehen 200 000 Angestellte und Arbeiter stempeln;

> finden 500 000 Jugendliche keine Anfangsstellung;

> wächst das Sozialprodukt um 1,3 Prozent langsamer als im Fünfjahresplan vorgesehen.

»Niemand konnte ja ahnen«, erklärt heute Debrés Konjunkturberater Jean Saint-Geours, »daß es in Deutschland eine solche lang anhaltende Krise geben würde.«

Als Premierminister Pompidou vor drei Jahren den Konjunkturplan entwarf, rechnete er damit, daß Frankreichs Wirtschaft in demselben Tempo weiterwachsen würde wie seit Beginn der EWG 1958. Die Wirtschaftsunion hatte Frankreich bis dahin nichts als Vorteile eingebracht:

Aus dem finanziell bankrotten (Staatsverschuldung 1958: 70 Milliarden Mark) und vom Inflationsfieber geschüttelten Land von einst (jährlicher Geldwertschwund 1958: 15 Prozent) wurde ein leistungsstarker Industriestaat mit einer der härtesten Währungen der Welt.

Dank des schrittweisen Zollabbaus in der EWG konnte Frankreich seine Exporte in die fünf Nachbarländer mehr als vervierfachen (1958: 4,6 Milliarden Mark; 1966: 18,5 Milliarden Mark). Allein seine Verkäufe in die Bundesrepublik, das wirtschaftliche Zentrum der Gemeinschaft, stiegen von 2,1 Milliarden Mark 1958 (10,5 Prozent aller französischen Exporte) auf 8,4 Milliarden Mark 1966 (19,3 Prozent aller französischen Exporte).

Als jedoch In Westdeutschland 600 000 Arbeiter und Angestellte mit dem knappen Arbeitslosengeld auskommen und etwa 300 000 Arbeiter Kurzarbeit einlegen mußten, geriet auch Frankreich in Absatznot. Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres verkauften französische Unternehmer 11,1 Prozent weniger über den Rhein als von Januar bis Mai 1966.

»Da wir mit zwölf Prozent Mehr-Export nach Deutschland gerechnet hatten«, so klagt Debrés Amtsvorgänger im Finanzministerium, Valéry Giscard d'Estaing, »fehlen der französischen Wirtschaft nun 1,8 Milliarden Franc (1,4 Milliarden Mark) Nachfrage.«

Schlimmer noch: Weil Deutschlands Unternehmer im eigenen Land nicht mehr soviel verkaufen konnten wie bisher, schlugen sie ihre Ware -- zum Teil mit Verlust -- billig außerhalb der Grenzen los. In Frankreich, wo Deutschlands Außenhändler von Januar bis Mai 13 Prozent mehr verkaufen konnten als in den ersten fünf Monaten 1966, verdrängte die wohlfeile Ware aus der Bundesrepublik die Produkte der französischen Industrie.

Seitdem drohen Kurzarbeit und Massenentlassungen auch den französischen Arbeitern.

Beispielsweise schickten die Simca-Werke in Poissy bei Paris, die in den ersten fünf Monaten des Jahres 135 000 (elf Prozent) weniger Autos als zur gleichen Zeit des Vorjahres verkauften, 6000 ihrer 17 500 Belegschaftsmitglieder vorzeitig in den Urlaub. Die übliche Sommerpause im August, in der die meisten Pressen und Fließbänder stillstehen, verlängerte die Betriebsleitung von vier auf sechs Wochen. Simca-Konkurrent Citroen verkaufte acht Prozent weniger Fahrzeuge.

Wegen der wackligen Konjunktur sparen die Franzosen derzeit mehr als je zuvor und verhindern durch ihre Konsum-Enthaltung -- ähnlich wie die Verbraucher in der Bundesrepublik -- den Wiederaufschwung.

Trotz größter Wohnungsnot stehen allein in Paris 50 000 Neubauwohnungen leer, in ganz Frankreich sind es 100 000. Ergebnis: Die Bauwirtschaft stagniert.

Das deutsche Leiden zwang Frankreich bereits, eine ähnliche Therapie wie die der Bundesregierung anzuwenden. Unter Vorsitz des Präsidenten beschloß das Kabinett,

> einen Eventualhaushalt in Höhe von einer Milliarde Mark für öffentliche Investitionen, vor allem im Wohnungsbau, bereitzustellen;

> das 2,4-Milliarden-Mark-Defizit der Sozialversicherung durch einen Nachtragshaushalt zu finanzieren;

> die Vorschriften über den Ratenkauf von Automobilen zu lockern (Mindestanzahlung: 25 statt bisher 30 Prozent des Kaufpreises) und das Rundfunk- und Fernsehgeschäft zu beleben (20 statt bisher 25 Prozent Anzahlung).

Auch die Konjunktur-Appelle an Rhein und Seine klingen ähnlich. »Die Überwindung der Krise«, so mahnte Debré, »hängt von jedem einzelnen ab: von den Vorständen der Unternehmen wie von den Familienvätern.«

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