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»Deutschland, eine Supermacht?«

Nach dem Mauerdurchbruch in Berlin und den Grenzöffnungen zwischen beiden deutschen Staaten diskutieren Siegermächte und Nachbarn die deutsche Frage. Das unvorhergesehene Ende der Nachkriegszeit in Europa ruft Ratlosigkeit bei den Regierungen, alte Ängste in den Medien und Zuversicht bei den Völkern hervor.
aus DER SPIEGEL 47/1989

Ein haarsträubendes gesamtdeutsches Szenario trieb die wichtigsten Außenexperten der US-Regierung ganz dicht vor dem 9. November um: Wenn sich Hunderttausende Teilnehmer der Riesendemonstrationen im Osten plötzlich einen Weg in den Westen bahnten - in Berlin über die Mauer, durch die Mauer, anderswo durchs Niemandsland über den Stacheldraht oder im Sturm durch die Grenzübergänge -, was tun?

Daß es dann so, nur viel überwältigender kam, aber eben friedlich, ohne die befürchteten Reaktionen aus Ost-Berlin, und daß deshalb nicht allzuviel zu tun war, das hatten die Sorgenvollen nicht im Traum vorhersehen können.

Die Überraschung war perfekt, ein Top-Experte aus dem Stab des Präsidenten George Bush fühlte sich »ohne Kompaß im Wirbelwind des Wandels«. Er habe nicht für möglich gehalten, daß derlei schon im ersten Jahr seiner Amtszeit passieren könnte, räumte Präsident Bush nach den Berliner Ereignissen ein.

Nun war, de facto, die Mauer weg, und jählings war die deutsche Frage da, wo sie eigentlich immer gewesen wäre - nämlich auf dem Tisch -, hätten es »zynische Politiker nicht vorgezogen, sie »unter den Tisch fallen zu lassen«, wie der US-Publizist Norman Birnbaum formulierte. »Wiedervereinigung«, »reunification«, »reunification« war fast weltweit das Phantom der Stunde.

Von den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs nahm ausgerechnet die Sowjetunion den dramatischen Zusammenbruch der kommunistischen Autorität in der DDR gelassen hin. Ihre drei Ex-Verbündeten hatte das »endgültige Ende des Kalten Krieges«, wie Presse-Posaunen rund um den Globus die einstürzenden Mauern von Berlin interpretierten, ziemlich kalt erwischt.

Nun waren Konzepte gefragt, »vision things«, wie George Bush sich auszudrücken beliebt, dazu handfeste Pläne für die anscheinend näherrückende Selbstbestimmung der Deutschen in Frieden und Freiheit. Wer sonst sollte das tun als die Siegermächte mit ihren vertraglich verankerten Verantwortlichkeiten für das deutsche Einheitsziel?

Nichts dergleichen. Im Kontrast zu den jahrelangen vollmundigen Bekenntnissen, die den West-Verbündeten sonst rituell über die Lippen kamen, wirkten sie vorige Woche merkwürdig spröde und etwas welk.

In der historischen Stunde suchte Präsident George Bush mühsam nach angemessenen Worten. Verdutzt beobachteten die Fernsehzuschauer, wie der Führer der freien Welt auf die Öffnung der Berliner Mauer reagierte - mit einem Gesichtsausdruck, »als hätte er gerade seinen letzten Freund verloren«, entsetzte sich die Kolumnistin Mary McGrory.

Auf dem Schreibtisch vor sich eine Deutschland-Karte, zwischen den Fingern einen Kugelschreiber, rutschte Bush unbehaglich in seinem Drehsessel hin und her. Doch, doch, versicherte er am vorletzten Donnerstag im Oval Office des Weißen Hauses, er sei durchaus gehobener Stimmung, »aber ich bin einfach kein sehr emotionaler Kerl«.

Die Wiedervereinigung der Deutschen, teilte Londons Regierungschefin Margaret Thatcher Bonns Kanzler fernmündlich mit, stehe für die britische Regierung nicht auf der Tagesordnung.

Gleichwohl kam der Einbruch der Mauer der sperrigen Lady, der Bremserin in der EG auf dem Weg in die Wirtschafts- und Währungsunion, äußerst gelegen. Frau Thatcher erleichtert: »Wir dürfen nicht versessen sein auf innere Details der Gemeinschaft, so als ob anderswo nichts passiert.«

Statt mit Währungskinkerlitzchen sollte man sich mit der Freiheitsbewegung in Mittel- und Osteuropa beschäftigen, predigten Thatcher-Beamte. Wie könne man Zentralen in Brüssel schaffen, wenn überall im Ostblock monolithische Strukturen weggefegt würden?

Frau Thatchers Hoffnung, der für den 8. und 9. Dezember nach Straßburg einberufene EG-Währungsgipfel würde sich nun auf die deutsche Frage und die neuen Ost-Optionen stürzen, durchkreuzte indes Frankreichs Staatschef und amtierender EG-Präsident Francois Mitterrand, indem er die Regierungschefs der übrigen elf EG-Länder für den vorigen Samstag zu einem Europa-Essen in den Elysee-Palast lud. Thema: die deutsche und osteuropäische Lage.

Mit an die Tafel gebeten wurde der französische Präsident der EG-Kommission und Europa-Realist Jacques Delors. Der hatte seine Landsleute wissen lassen, daß er nur eine deutsche »Gefahr« sehe: daß sich die Deutschen auf die »Vereinigung der beiden Völker« konzentrieren und darüber das Interesse an Europa verlieren könnten.

Mit dem Krisenschmaus an der Pariser Rue du Faubourg Saint-Honore hatte Mitterrand zumindest optisch den Eindruck erweckt, daß - auf seine Initiative hin - Europa sein Schicksal nicht mehr einfach den Supermächten überlasse. Bush und der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow sollten noch vor ihrem Treffen Anfang Dezember auf Europas Stimme hören.

Das Signal galt Washington. Die nach klaren Bekenntnissen jiepernden Deutschen mußten sich mit der gewohnt mysteriösen Rede Mitterrands zufriedengeben. Schon seinem beherzten »Ich habe keine Angst vor der Wiedervereinigung« am 3. November in Bonn hatte er hinzugefügt, es zähle allein, was die Deutschen »wollen und können«.

Nun, wo die Deutschen-Ost durch die Mauer und angeblich bald sogar frei wählen können, vertraute er im intimen Kreis seinem Kabinett an, eine Wiedervereinigung würde »einen Rattenschwanz von Gebietsforderungen« nach sich ziehen. Nach außen jedoch rühmte er das »glückliche« Ereignis und hüllte sich in die Worte: »Man hatte sich an die Ordnung der Dinge gewöhnt, selbst wenn man das bedauern mag.«

Das klang so, als bedaure der Franzose, daß das Bedauerliche sich nun anschickt zu schwinden, und so sollte es wohl auch verstanden werden.

Zu den »bequemen Gewißheiten« des nun vergangenen Kalten Krieges, so Newsweek, habe auch der »Selbstbetrug« gehört, man wolle die Vereinigung der beiden deutschen Staaten - allerdings nur, solange sicher schien, daß das nicht geschehen würde.

Paul H. Nitze, Altmeister der US-Außenpolitik, stellte vor kurzem fest, er habe den Unterschied zwischen »deklaratorischer und tätiger Politik am Beispiel der deutschen Wiedervereinigungsfrage klargemacht: Die USA haben nicht die geringste Absicht, etwas dafür zu tun«.

Es sieht so aus, als gelte dies auch für die Bush-Regierung, die Vorsicht und Bedächtigkeit zu ihren wichtigsten Markenzeichen erklärt hat. Sie weiß immer noch nicht, welche neue Ordnung auf den alten Dualismus zwischen Washington und Moskau, Nato und Warschauer Pakt folgen soll. 40 Jahre lang war es das oberste Ziel westlicher Politik, den Niedergang des Kommunismus und den Zerfall des Sowjetreichs herbeizuführen. Doch jetzt, wo der Traum in Erfüllung zu gehen scheint, wirkt die Führungsmacht Amerika ratlos und wie gelähmt.

»Wir haben Eventualpläne für den Krieg, aber nicht für den Frieden«, sagt Theodore Sorensen, einst Redenschreiber für Präsident John F. Kennedy. Ähnlich die Klage des demokratischen Abgeordneten Gary Ackerman: »Wir haben Generale, die an Szenarien für den schlimmsten Fall arbeiten; wir brauchen Staatsmänner, die über den besten Fall nachdenken.«

Außenminister James Baker machte sich zwar unverzüglich Gedanken über die »Geburtsstunde einer neuen Welt«. Aber: »Niemand weiß wirklich, was der nächste Schritt sein wird.«

In dieser Lage gab der Präsident seinem tiefsitzenden Instinkt nach, der ihn schon manche Krise hat überstehen lassen - lieber gar nichts zu tun, als das Risiko eines Fehlers einzugehen.

Seinen Gipfelpartner Gorbatschow ließ Bush wissen, Washington werde »keine öffentliche Schadenfreude« zeigen. Den Vorschlag, Bush solle nach Berlin fliegen und den freudigen Gefühlen aller Amerikaner dort Ausdruck verleihen, wies der Präsident sofort zurück.

Die Sowjets gaben sich alle Mühe, die USA in dieser vorsichtigen Zurückhaltung zu bestärken. Einem hohen US-Beamten zufolge wurde Washingtons Botschafter in Moskau bedeutet, die Vereinigten Staaten sollten sich davor hüten, die Nachkriegsteilung Deutschlands offen in Frage zu stellen.

Mit wachsender Nervosität sah Bush dem Gipfel im Mittelmeer entgegen. Die deutsche Frage stand zunächst ganz unten auf der Liste der Themen. Daß sie nun auf Platz eins rücken sollte, daß allenthalben in der Weltpresse schon »von Jalta zu Malta« phantasiert wurde, versetzte manche Präsidenten-Berater an den Rand der Panik.

Erleichtert vernahm Bush deshalb die öffentliche Mahnung des Kreml-Chefs vom vorigen Dienstag, der Westen solle die labile Situation in der DDR nicht ausnutzen. Michail Gorbatschow warnte: »Die Veränderung von Grenzen steht nicht auf der Tagesordnung.«

Beim Moskauer Empfang für den französischen Außenminister Roland Dumas bemühte sich der sowjetische Staatschef, das Problem der Deutschen möglichst breit zu internationalisieren. Die Zeit sei reif für einen neuen KSZE-Gipfel, um »die Strategie der Entwicklung in Europa aufzuarbeiten«.

Entwürfe für ein neues Europa, Visionen auch für die Zeit nach dem Mauersturz und ein eventuell geeintes Deutschland - bei den Regierenden in Ost und West waren sie nicht sichtbar. Die Angst, nun auf die liebgewonnene Stabilität der Nachkriegszeit verzichten zu müssen, die Angst vor unberechenbaren Deutschen wurde - ohne diplomatische Rücksichtnahme - in der ausländischen Öffentlichkeit deutlich.

Fast mehr noch als das Chaos schreckt Pessimisten eine Bundesrepublik vereint mit der DDR, Blick und Potenz gen Osten gerichtet: adieu EG.

Der Welt »dritt- und zehntgrößte Industriemächte kämen da zusammen«, meint die International Herald Tribune, von einem »Kraftwerk« war die Rede, das »Europa erblassen läßt«.

Während das sportive britische Publikum schon die gesamtdeutschen Olympia-Medaillen addierte, errechnete das Wall Street Journal den neuen europäischen Superstaat »mit fast 80 Millionen Menschen und einem geschätzten Bruttosozialprodukt von 2,3 Billionen Mark - etwa der Hälfte des japanischen«.

Daß so ein Koloß friedlich konsumieren könnte, ist für den stets originellen New York Times-Kommentator William Safire undenkbar: »Deutschland, der Entschuldigungsgesten müde, wird seine Grünen niederringen und eine Atommacht werden, die über Star-Wars-Waffen verfügt. Noch vor der Jahrtausendwende wird das Land eine Supermacht sein.«

In Frankreich, wo »le fantome allemand« noch in vielen Ecken spukt, entwarf der linke Nouvel Observateur graphisch für 1999 ein optimistisches sowie ein pessimistisches Szenario, ein »neues europäisches Gleichgewicht« und ein »deutsches Europa«. Francois Schlosser, stellvertretender Chefredakteur des Blattes, tendiert eher zum pessimistischen, denn »Polen, Ungarn, Tschechoslowaken oder Rumänen sind in Wahrheit Schwaben, Sachsen oder Bayern«. Von Böhmen bis zum Ural werde man »Deutschland« denken, wenn man »Europa« sage.

Liberation-Herausgeber Serge July hat vor der Möglichkeit einer deutschen Wiedervereinigung solches Grausen, daß er der Mauer »Zukunft« wünschte: Solange sie stehe, sei sicher, daß die »Stunde der Wiedervereinigung noch nicht geschlagen hat«. Und: »In Frankreich, wo wir ein sehr etatistisches Bewußtsein von der nationalen Einheit haben, vergißt man zu oft, daß in der Geschichte des deutschen Bewußtseins die staatliche Einheit wiederholt das Vorspiel zu den großen Kataklysmen war.«

Ähnliches beunruhigt auch Mary McGrory, daß nämlich ein vereinigtes Deutschland »mit seiner unvergleichlichen Arbeitsmoral, seiner Industriemacht und seiner schrecklichen militärischen Effizienz eine Zerstörungskraft von nuklearer Stärke freisetzen und die Welt verdunkeln würde«.

Verständlicherweise regte sich gerade in Israel ausgesprochene Furcht. Bilder entfesselter deutscher Jubelmassen weckten auch beklemmende Assoziationen. Die Jerusalem Post erinnerte an das Preußische des Kommunismus, das Blatt Maariv daran, daß schon einmal sozialistische und kommunistische Deutsche auf »Sieg Heil« geschwenkt seien. Gerschom Schocken, Herausgeber der angesehenen Zeitung Haaretz: »Es ist sehr wichtig für Deutschland und für die Welt, daß Deutschland geteilt bleibt.«

Das deutsche Trauma ist auch in den Niederlanden, die fünf Jahre unter der Nazi-Besatzung gelitten hatten, nicht überwunden. Zwar stehen die Politiker zum Selbstbestimmungsrecht der Deutschen, sprachen sich vorige Woche fast zwei Drittel der Bevölkerung für deren »hereniging« aus. Doch sei die Vereinigung »ein Schreckensbild für viele«, fand De Telegraaf, »600 000 Mann unter Waffen plus 1,5 Millionen Reservisten«.

Grundseen von diffusen Ängsten wären vorige Woche auch aus Polen zu erwarten gewesen, aber der hohe Bonner Staatsbesuch war vermutlich Anlaß zu ihrer Unterdrückung. Knapp 40 Prozent sprachen sich in einer Umfrage der Solidarnosc-Zeitung Gazeta wyborcza für die deutsche Einheit aus. Wohl wurden Besorgnisse um die polnischen Grenzen laut, aber auch solche:

»Da haben wir nun einen so hohen Preis für die Überwindung der Ordnung von Jalta bezahlt«, so der Politologe Wojciech Lamentowicz, »und nun, da der Eiserne Vorhang so löchrig geworden ist, daß man ganze Kuhherden durchtreiben könnte, melden sich auch die bislang eher passiven DDR-Bürger und stehen plötzlich im Vordergrund.«

Das absurdeste Horrorbild malte ein irischer Ex-Politiker in der Londoner Times, Conor Cruise O'Brien.

Er sieht ein schwarzweißrotes »Viertes Reich« mit Hohenzollern-Kaiser heraufziehen, mit Hitler-Denkmälern in jeder Stadt, mit Gelehrten, die sich eifrig daranmachen, den Nationalsozialismus zu rehabilitieren, die Rassenlehre wissenschaftlich zu reanimieren und den Holocaust nachträglich als »korrekt und weitsichtig« zu rühmen.

Allerdings war es gerade dieser Analyse zu danken, daß in England eine heftige Gegenreaktion einsetzte, welche die Deutschen etwas weniger häßlich aussehen ließ. »Die Westdeutschen werden ihre Demokratie, ihre Marktwirtschaft und ihre Rechtsordnung nicht just dann aufgeben, wenn Ostdeutsche, Polen und Ungarn diese Werte übernehmen wollen«, argumentierte Timothy Garton Ash vom Spectator.

Doch weder die Ängste in den Medien noch die Ratlosigkeit der Regierungen waren die eigentliche Überraschung der vergangenen Tage. Die Jubelszenen in Berlin, Mauerdurchbrüche, vom Fernsehen live in alle Welt übertragen, weckten mehr Verständnis für eine gemeinsame Zukunft der Deutschen, als 44 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu erwarten war.

Rund 60 Prozent der Franzosen sind für die Wiedervereinigung. Mit ihrem ausgeprägten Sinn für nationale Grandeur und den weihevollen Atem der Geschichte schenkten sie den Ereignissen in Berlin fast mehr Beachtung als ihrem eigenen Revolutionsjubiläum. »Emouvant«, bewegend, war eine der meistbemühten Vokabeln; den Mauerbruch hob die linke Liberation auf eine Stufe mit dem Sturm auf die Bastille.

Nicht minder die Begeisterung im coolen Großbritannien, dessen Sinn fürs Skurrile durch die vielen »funny little cars« (BBC) zutiefst befriedigt wurde. Selbst in Moskau hatten Reporter Schwierigkeiten, auch nur einen Passanten zu finden, der sich vor einem vereinigten Deutschland fürchtete.

Amerikas millionenschwere TV-Newsshow-Stars vor der Mauer, CBS-Moderator Dan Rather gar auf ihr - das war auch für US-Bürger Geschichte zum Anfassen. »Amerikaner sitzen in der ersten Reihe« (Die Welt), kaum ein Auge blieb trocken, das Volk der Yankees staunte über einen Typus von Deutschen, der so gar nichts gemein hatte mit den alten martialischen SS-Klischees.

Die Wiedervereinigung sei für die patriotischen Amerikaner ein natürlicher Wunsch, schrieb der Deutschlandexperte Robert Livingston. »Für uns lautet die Frage nicht: Warum diese Hast? Für uns lautet sie: Warum zögert ihr?«

Die Völker der Sieger haben ihre Regierungen glatt abgehängt. f

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