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Briefe

Deutschland, kein Wintermärchen, Impressum
aus DER SPIEGEL 52/1977

Deutschland, kein Wintermärchen, Impressum

(Nr. 48/1977, SPIEGEL-Titel »Wie sehen uns die Franzosen?")

Da die Möglichkeit Krieg entfällt, sind die Haßtiraden von »Le Monde« und anderen vielleicht Ersatzhandlungen, die aus tiefen, der raison unerreichbaren Bewußtseinsschichten gesteuert sind, von geschichtlichen und emotionalen Erfahrungen der Vorväter. Den Redakteuren von »Le Monde« sei jedoch gesagt: Wer sich blind von dumpfen Ahnungen leiten läßt, desavouiert den französischen Geist, den Männer der Vernunft geprägt haben.

Dudenhofen (Rhld.-Pf.)

BERNHARD STEEGMÜLLER

Es ist falsch, es anzunehmen, daß »Le Monde« sich zur »Deutschfresserei« bekenne. Ich habe in den Spalten dieses Blattes sehr bunte Beiträge gelesen, die Deutschland und seine Probleme betrafen. Es ist auch ein Irrtum, die Leute für Gegner des deutschen Volkes zu halten, wenn sie mit gewissen Aspekten der deutschen Politik nicht einverstanden sind.

Ich nehme an deutsch-französischen Treffen im Rahmen der Partnerschaft zwischen Besancon und Freiburg teil. Ich bemühe mich auch, meinen Schülern

deutsche Brieffreunde zu besorgen. Wenn ich aber mit Deutschen in Berührung komme, sage ich immer sofort: es gibt für mich zweierlei Deutschland (das gilt auch für die eigene Heimat): Das Deutschland, das ich liebe, ist das Deutschland der Gastfreundschaft, der Großzügigkeit, das Deutschland der Schriftsteller, die ich so hoch schätze und bewundere (etwa Tucholsky, Brecht, Borchert).

Das Deutschland, das ich nicht mag, ist das Deutschland der Henker, der Massenmörder, der Gestaposchergen und

* Aus Meyers Konversations-Lexikon von 1888 mit der Definition »Lokomotive fiat. »von der Stelle bewegend), eine mitsamt ihrem Dampfkessel auf einem Wagengestell angebrachte Dampfmaschine, welche dazu bestimmt ist, sich selbst und einen angehängten Wagenzug auf Schienen fortzubewegen. Hinzu kommen noch Vorratsräume für Kesselspeisewasser und für Brennmaterial'

SS-Leute. Die Zeit vergeht, aber ihre Schuld wird nicht verwischt. Sie sind nicht allein gewesen. Sie haben Helfershelfer und Komplicen in allen europäischen Ländern gehabt. Wenn wir eine friedliche, brüderliche Welt bauen wollen, müssen wir nicht die Mahnung aus Auschwitz, Buchenwald, Dachau vergessen.

Besancon (Frankreich) DIDIER SAINT MAXEN

Deutschlehrer/ehemaliger Widerstandskämpfer

Was Ihren Artikel betrifft, möchte ich gleich betonen, daß vielleicht Zeitungen von links geschrieben haben, daß es so hart zuging für die Baader-Meinhof-Bande. Ich persönlich denke, daß es denen viel zu gut gegangen ist, nach dem was alles passiert ist.

Strasbourg (Frankreich) PAULE ADERHOLD

Sie sind doch widerlich, diese ewigen einseitigen Haßtiraden. Diesen fanatischen Hassern kommt es wohl nicht in den Sinn, wie häßlich das Hassen und die Hasser sind?

Saarbrücken ERICH FRITSCH

Als Ergänzung hier das Photo eines mit politischen Parolen bedeckten Bauzauns in Arles/ Südfrankreich, aufgenommen am 19. August 1977. Der Text im Vordergrund lautet: »Pendant que vous lisez ces mots, on assassine Baader dans les prisons allemandes et on tue chaque jour en France dans les usines."*

Ismaning (Bayern)

PROF. DR. JÜRGEN FREIHERR VON KRUEDENER

Es hängt ja das, was man Fremdenhaß nennt, bekanntlich auch zusammen mit übergewichtiger Eigenliebe.

In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen als Ergänzung einige Ergebnisse mitteilen, die ich aufgrund einer 1970 bei Studenten durchgeführten Befra-

* »Während Sie diese Worte lesen, ermordet man Baader in den deutschen Gefängnissen, und in Frankreich tötet man jeden Tag in den Fabriken

gung (insgesamt 300) zum Begriff »Deutschland« gewonnen habe.

Wie die SPIEGEL-Untersuchung habe ich methodisch mit Hilfe des Polaritätsprofils und mit ungefähr den gleichen Adjektivoppositionen gearbeitet, allerdings mit dem Unterschied, daß ich ein Profil mit einer neutralen Nullposition und mit entsprechenden positiven und negativen Dreierwertungen zugrunde gelegt habe. Ergebnis 1970: Die meisten Studenten entschieden sich für die »neutrale« Nullposition, das heißt, sie äußerten weder positive noch negative Einstellungen zu »Deutschland«. Nachbesprechungen mit Studenten erbrachten als Interpretation der Ergebnisse: Gleichgültigkeit, keine Meinung, Unsicherheit, Unentschiedenheit, Problemgeladenheit und so weiter.

Demgegenüber mein Kommentar zum SPIEGEL-Profil: »Deutschland -- kein Wintermärchen«. Aber eine (noch) größere Sommerlichkeit käme mir fast wie eine Urlaubsreise in die Tropen vor.

Essen PROF. DR. PETER BRAUN

Germanist an der Universität/ Gesamthochschule

Die Deutschen scheinen wirksame Abwehrsysteme gegen Kritik entwickelt zu haben: einerseits den »häßlichen Deutschen«, wenn die Kritik von außen kommt, andererseits das »Sympathisantenumfeld"' wenn sie (ausnahmsweise) von innen kommt.

Wenn die Deutschen wirklich geliebt werden wollen, dann sollten sie nach unserer Meinung mehr Mut zur Kritik, vor allem zur Selbstkritik und überhaupt mehr Demokratie in Taten zeigen.

Die Deutschen werden doch nicht im Ernst von einem Franzosen Verständnis dafür verlangen, daß Linksdenkende »im Namen der Demokratie« systematisch beschimpft und mit »legalen« Mitteln schikaniert werden (Radikalenerlaß), während frühere NS-Verantwortliche unbesorgt jene Freiheit genießen dürfen, die sie einst mit aller Kraft bekämpften (das nennt man »Bewältigung der Vergangenheit"), und der Große Vorsitzende Strauß (wirklich nur ein Außenseiter?) seine Sympathien für das chilenische Terrorregime zur Schau trägt, ohne etwas anderes als schüchterne Proteste seitens der SPD und der FDP zu ernten.

Das wäre in der Tat zu viel verlangt! Regensburg

JEAN-PAUL CONFAIS/FRANCOIS GENTON LEON KARLSON/MARCEL TAMBARIN Lektoren an der Universität

Was ist mein erster Gedanke, wenn ich

das Wort Deutschland höre? Eines Tages, würde ich Beethoven antworten, eines Tages die deutsche Fußball-Mannschaft, eines Tages Willy Brandt, eines Tages der Rhein, und so weiter.

Ich würde sagen, daß die ersten Deutschen, die ich begegnete, waren Soldaten der Wehrmacht. Ich war fünf Jahre alt. und wie zahllose Franzosen, lief ich mit meiner Mutter in einer ziellosen Flucht vor dem Einmarsch der Barbaren weg. Die Wehrmacht rannte schneller als wir, und eines Tages kam ein deutscher Soldat zu uns. Meine Mutter blieb stumm vor Angst und, überrascht, sah sie einen menschlichen Mann. War dieser ein Barbar?

Ich war zu jung, um mehr davon zu verstehen. Danach kam die Entdeckung der KZs und aller zusätzlicher Grausamkeit der SS-Horden. Vom Zusammenhang der Epoche beeinflußt, begann ich Deutschland zu hassen, zu fürchten.

Trotzdem lernte ich die deutsche Sprache im Gymnasium, und allmählich entdeckte ich die deutsche Geschichte, die deutsche Literatur, die deutsche Kunst. Also, war Deutschland doch nicht nur ein Soldatenvolk?

Nie werde ich meinen Besuch des KZ Buchenwald vergessen. Ich vergesse aber nicht, daß dort Deutsche von Deutschen verfolgt wurden, ich vergesse auch nicht, daß Buchenwald sich in der Nähe einer Kulturstadt wie Weimar befindet.

Leider, leider, wissen nur wenige Franzosen, daß es ein Deutscher war, der schrieb: »Alle Menschen werden Brüder«. Mag dieser Wunsch Schillers, den ich persönlich wiederhole, sich eines Tages verwirklichen.

Ich vergesse nicht, daß es Deutsche wie »Le franciscain de Bourges« gab, der seinen Brüdern half, ohne erst zu fragen: »lst er ein Franzose, ist er ein Deutscher?«

Saint-Genis Pouilly (Frankreich)

ROBERT THENARD

Der Gesamtauflage dieser SPIEGEL-Ausgabe ist eine Postkarte der Firma American Express Comp., Frankfurt beigeklebt.

Die Redaktion des SPIEGEL behält sich vor, Leserbriefe gekürzt zu veröffentlichen

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