Warum Merkel jetzt junge Minister in die Regierung holen muss

Foto: Michael Kappeler/dpa

Dieser Beitrag wurde am 30.01.2018 auf bento.de veröffentlicht.

Wir interessieren uns nicht für Politik? Von wegen. Gerade spricht viel dafür, dass ältere Menschen sich nur einfach nicht für die Politik Jüngerer interessieren. 

Seit der 28-jährige Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert den Kampf gegen die GroKo aufgenommen hat, sind #diesejungenLeute  überall zu hören. 

Sie erzählen von Situationen, in denen sie sich nicht ernst genommen fühlten, belächelt und auf ihr Alter reduziert wurden. Es ist ein Trauerspiel, das wahrscheinlich jede Generation mindestens einmal mitmachen muss – bis sie selbst alt (genug) ist, um nach unten zu lächeln.

Warum es diesmal um mehr geht, steht hier:

Die Lösung wäre eine Jugendquote in Parlamenten. Das ist gut, weil Parteien sich dann mehr Mühe geben müssten, junge Menschen für sich zu interessieren. Sie müssten ihnen zuhören und ihre Belange ernst nehmen.

Doch auch das würde nicht reichen. Wir wissen aus der Debatte über Frauen in der Arbeitswelt, dass Teams noch so divers sein können – es ändert sich nur wenig, wenn die Spitze nicht nachzieht. Im Gegenteil: Wer Veränderung will, muss Vorbild sein.

Deswegen brauchen wir nicht nur mehr junge Menschen in Parlamenten. Wir brauchen sie vor allem in der Regierung.

Alle großen Parteien achten bei der Auswahl ihrer Minister darauf, dass sie möglichst aus unterschiedlichen Bundesländern kommen. Man nennt das Regionalproporz. Und Angela Merkel will jeden zweiten Kabinettsposten der Union mit Frauen besetzen. Nur das Alter spielt keine Rolle. 

Warum nicht? Warum gibt es keine Regelung, nach der Menschen unter 30 im Kabinett vertreten sein müssen?

Ältere Politiker nehmen Jüngere vielleicht auch deswegen weniger ernst, weil sie ihnen im Politikalltag nicht so häufig begegnen. Vor allem im Bundestag haben sie meist mit ihresgleichen zu tun. Die wenigen Abgeordneten unter 30, die es hier gibt – es sind gerade einmal zwölf von 709 – gehen in der Masse schnell unter.

Hier erfährst du die wichtigsten Daten zum neuen Bundestag:

Deswegen brauchen wir auch hier jemanden, der die jungen Generationen vertritt. Diese Person hätte genauso viel Verantwortung und Entscheidungsmacht wie andere Minister. Jung und Alt träten in einen echten Dialog, ohne Machtgefälle. Sie würden sich daran gewöhnen, auf Augenhöhe miteinander zu sprechen.

Vermutlich würde das diese jungen Leute im Land noch stärker politisch motivieren, als jeder zusätzliche Landtagskandidat.

Es ist wie in Büchern, Filmen oder Serien: Am meisten reißen sie uns mit, wenn wir uns mit ihren Protagonisten identifizieren können. Natürlich ist das Alter allein dafür nicht ausschlaggebend. Aber es spielt eine Rolle. Wie soll ich mich in jemandem sehen, wenn Jahrzehnte zwischen uns liegen? Wie repräsentiert fühlen?

Manche sagen: Junge Menschen haben nicht ausreichend Erfahrung, um so einen Posten zu belegen. Das stimmt nicht. Manche haben schon mit Anfang 30 mehr als zehn Jahre im politischen Betrieb verbracht.

Nur, um das klarzustellen: Junge Menschen haben keine besonderen Fähigkeiten, nur weil sie jung sind. Aber das brauchen sie auch gar nicht.

Gesellschaftliche Relevanz ist nichts, in das man hineinwächst. Es geht darum, dass die Perspektiven einer großen Gruppe von Menschen gehört werden, die volles politisches Mitspracherecht hat.

Und Erfahrung ist ohnehin nicht gleich Kompetenz. Sie kann manchmal sogar den gegenteiligen Effekt haben: Wer zu sehr an bewährten Methoden festhält, verpasst den Anschluss. Das-machen-wir-schon-immer-so-Mentalitäten sind die Bremszüge des Fortschritts. 

Aktuelle Minister sind auch nicht von Anfang an Experten ihres Fachs. Der ehemalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich etwa ist eigentlich Jurist und wurde dann: zuständig für Kühe und Bauern im Agrarministerium. Ursula Von der Leyen war schon Arbeits- und Familienministerin – jetzt wacht sie über die militärische Außenverteidigung Deutschlands.

Warum sollte es jüngeren Leuten schwerer fallen, sich in diese Themen einzuarbeiten? Im Zweifel dauert es einen Moment länger. Aber das wäre nun wirklich nichts Neues im Politikbetrieb.

Gläserne Decken gibt es nicht nur für Frauen, sondern auch für junge Menschen. Um sie zu brechen, müssen beide Seiten daran schaben. Es reicht nicht, wenn die einen von unten dagegen hämmern, während die anderen oben nachlegen.

Passende Themen für eine junge Ministerin oder einen jungen Minister gäbe es viele. 

Wie wäre es beispielsweise mit dem Posten Arbeit und Soziales? 

Gerade hier gestalten die Jungen maßgeblich mit. Freizeit und Familie ist vielen wichtiger als Geld, Arbeit soll Sinn und Spaß machen. Wer könnte besser eine Politik gestalten, die unser Gesellschaftskonzept neu ordnet, als jene, die mit diesem Bedürfnis aufgewachsen sind?

Oder wie wäre es mit einem Posten für Digitalisierung? Vielleicht wird Deutschland dann endlich wieder ernst genommen, wenn sich jemand damit befasst, der die digitale Entwicklung nicht nur über Berichte aus dem Fernsehen oder über die eigenen Kinder mitbekommt. 

Doch unabhängig vom Ressort gilt: Die jungen Generationen werden mit den Entscheidungen leben, die ältere Menschen heute treffen. Und wer könnte besser für die Zukunft planen, als die, die sie erleben werden? 

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