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11 entscheidende Minuten 2011 Partei in Auflösung

16. Dezember 2011, kurz nach 14.30 Uhr: FDP-Chef Philipp Rösler verkündet das Scheitern des Mitgliederentscheids gegen seinen Euro-Kurs. Ein kleiner Sieg in einem Jahr voller liberaler Niederlagen. Jetzt hofft die Partei auf den 6. Januar - dann soll alles besser werden.

Berlin - Philipp Rösler kann durchatmen. Es ist der 16. Dezember, kurz nach 14.30 Uhr. Der Mitgliederentscheid der Euro-Kritiker ist gescheitert, sein Stuhl als FDP-Chef damit gesichert. Vorerst. Rösler muss an diesem Tag noch einmal vor die Presse, zum letzten Mal. "Wir werden Schluss machen mit der internen Diskussion", verspricht er, "wir gehen gemeinsam in die Weihnachtspause und starten durch ins neue Jahr, beginnend mit dem Dreikönigstreffen."

Es ist zumindest ein guter Vorsatz.

Am 6. Januar wird Rösler auf dem traditionsreichen Treffen der Liberalen in Stuttgart versuchen, seiner Partei neue Hoffnung einzuflößen. Er selbst muss das Jahr 2011 notgedrungen abhaken. Schlechter hätte es kaum kommen können. Am ehesten gelang noch im Frühjahr die Ablösung von Guido Westerwelle - aber wirklich positive Meldungen hatte er nicht zu liefern. Der Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister macht aus der Not eine Tugend: nach vorne schauen. Gesundheitsminister Daniel Bahr sagt: Ab Januar werde man am "Wiederaufstieg der FDP arbeiten".

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Pleiten, Pech und FDP: Das glücklose liberale Jahr

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Das hat die Partei bitter nötig. Die einst 14,6 Prozent bei der Bundestagswahl wirken längst wie ein Märchen. Es ging nach dem Rekord so rasch abwärts, dass manche bereits über das Ende der FDP munkeln. Aus fünf Landtagen flog die FDP dieses Jahr: Bremen, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. In Baden-Württemberg mussten die Liberalen zusammen mit der CDU in die Opposition.

Die FDP ist da, wo sie schon in der Krise der neunziger Jahre war: Sie ist mal wieder das Gespött der Nation. Es ist nicht leicht, sich in dieser Zeit als Liberaler zu bekennen. Manche, wie der Altliberale Gerhart Baum, sehen ihre Partei in der tiefsten Krise seit der Gründung 1948. "Der Kahn sinkt", klagt der Ex-Bundesinnenminister, ihm komme es vor, "als würde sich auf der 'Titanic' das Orchester darüber streiten, wer wie welche Note zu spielen hat".

Jahres-Chronik 2011

Im Mai kam Rösler an die Spitze - um die FDP vor dem weiteren Untergang zu bewahren. Gemeinsam mit Daniel Bahr und Christian Lindner zwang er Westerwelle, auf eine erneute Kandidatur für den Vorsitz zu verzichten. Doch Rösler und Co. gelang nur der halbe Austausch: Westerwelle durfte Außenminister bleiben, Rainer Brüderle wurde Fraktionschef - und damit ein Gegenspieler, der sich so gut schlug, dass viele den 66-Jährigen für Röslers Nachfolger halten, sollte sich eines Tages doch noch die Situation ergeben.

Es waren schlimme Monate für die FDP. Vor Weihnachten wurde die Partei noch einmal ordentlich durchgeschüttelt. Überraschend trat FDP-Generalsekretär Christian Lindner zurück - noch vor der Bekanntgabe des Mitgliederentscheids. Damit war das einst hoffnungsvolle Jungpolitiker-Trio Lindner, Rösler und Bahr Geschichte. Es knirschte schon seit längerem zwischen Rösler und Lindner - der 32-Jährige beobachtete, dass der Parteichef manche Themen hochzog, sie dann aber nicht weiterverfolgte.

Interne Kritiker hielten Lindner wiederum vor, die FDP aus der Parteizentrale heraus nicht mit Kampagnen zu führen. Nun gibt Patrick Döring, ein Niedersachse wie Rösler, den Generalsekretär. Dass er bei seiner Ernennung mit einem Strafverfahren wegen eines beschädigten Außenspiegels rechnen muss, komplettiert auf ironische Weise das trübe liberale Jahr. Döring, so scheint es, ist robust genug, um diesen Fehlstart zu überstehen.

Zu viele Herausforderungen

Westerwelle hatte einst die FDP auf das Steuerthema reduziert, Rösler versuchte mit einer Mini-Reform - die noch im Bundesrat scheitern dürfte -, das Thema abzuräumen. Jetzt habe man den Rücken frei, freute er sich. Doch dadurch zeigte sich die FDP nur umso nackter: Was kommt auf die Leerstelle? Die Partei hat ihre Wirtschaftskompetenz verloren, auch die Elite der Manager hat sich von der FDP abgewandt, wie Umfragen zeigen. Ratlos blickt die FDP, in Umfragen unter fünf Prozent, in die Zukunft. Im Mai sind Wahlen in Schleswig-Holstein. Spätestens dann entscheidet sich auch Röslers Zukunft.

Zunächst aber muss er im Januar nach Stuttgart. Sein Auftritt beim Dreikönigstreffen steht unter keinem guten Stern. Rösler soll vieles zugleich: Mut geben, Kurs zeigen, den Gegner angreifen. Jeder wäre wohl damit überfordert. Aber es hilft kein Klagen, Rösler hat den Job übernommen. Jetzt muss er endlich liefern.

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