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11 entscheidende Minuten 2011 Wegtreten, weitermachen

1. März 2011, 11.15 Uhr: Im Säulensaal des Verteidigungsministeriums endet eine der spektakulärsten deutschen Politikerkarrieren - zumindest vorerst. Im US-Exil plant Karl-Theodor zu Guttenberg nun sein Comeback. Dabei ist er womöglich schon zum zweiten Mal gescheitert.

Die Bühne für sein Scheitern ist der Säulensaal im Bendlerblock, dem Sitz des Verteidigungsministeriums in Berlin. Es ist Dienstag, der 1. März 2011. Der einstige Polit-Star muss zwölf Stufen hinabsteigen. Möglichst aufrecht muss er das. Den Blick keinesfalls nach unten auf diese Treppe richten, die ihn zum Rücktritt geleitet. Es ist 11.15 Uhr, als Karl-Theodor zu Guttenberg die letzte steinerne Stufe überschreitet. Jetzt ist es aus. Vorhang auf.

"Grüß Gott", sagt der Noch-Verteidigungsminister und lauscht dem Hall der beiden Worte nur einen kurzen Moment. Trotzig wirkt das, hier in diesem Ministeriumsbau aus Kaisers Zeiten. Dann die Rücktrittserklärung. Abgelesen, wohlvorbereitet. "Es ist der schmerzlichste Schritt meines Lebens", sagt Guttenberg in den überfüllten Saal: "Wohl niemand wird leicht, geschweige denn leichtfertig, das Amt aufgeben wollen, an dem das ganze Herzblut hängt."

Er gehe "nicht allein wegen meiner so fehlerhaften Doktorarbeit", sagt er, sondern auch, weil das Amt die ganze Aufmerksamkeit verlange. Die aber sei nicht mehr gegeben, wenn die Person des Ministers stets alles überlagere. Der Held auf der Bühne ist jetzt Opfer: der Opposition, der Medien. "Es ist bekannt, dass die Mechanismen im politischen und medialen Geschäft zerstörerisch sein können", sagt Guttenberg. Und dann der zentrale Satz dieser sechs Minuten und 55 Sekunden: "Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht. Vielen Dank."


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Guttenberg ab und zwölf Stufen rauf. Ein paar Tage später noch der Zapfenstreich, "Smoke on the Water" von Deep Purple. Ende einer Blitzkarriere vom Hinterbänkler zum Minister.

Tatsächlich verlor Guttenberg ganz allein wegen seiner zusammenkopierten Doktorarbeit den Job, an dem sein Herzblut hing. Copy, Paste, Delete.

Außer den Medien durchforsteten vor allem die anonymen Plagiatsjäger auf GuttenPlag Wiki die Dissertation des Ministers. Das Ergebnis: 1218 Plagiatsfragmente aus 135 Quellen auf 371 von 393 Seiten. Das Internet als Medium der Transparenz, das Netz besiegt den Minister. Die Jäger aus dem Virtuellen nehmen sich weitere Promi-Dissertationen vor - und werden unter anderem fündig bei den FDP-Politikern Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis.

Guttenberg aber ist ins Exil gegangen, hat sich ein Drei-Millionen-Euro-Haus im feinen US-Bundesstaat Connecticut gekauft und arbeitet vergütungsfrei für eine Washingtoner Denkfabrik. Das ist sein Nebenjob. Hauptberuflich bastelt er schon seit jenem 1. März, 11.22 Uhr, an seinem Comeback. Guttenberg drängt es zurück auf die Bühne.

Guttenberg auf allen Kanälen

Ende November versucht er, seiner Kampagne zur politischen Wiederauferstehung Schubkraft zu verleihen. Die Dramaturgie sitzt. Ein Auftritt bei einer Sicherheitskonferenz in Kanada; fast zeitgleich die Einstellung des Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft daheim; und ein 208-Seiten-Interviewbuch mit dem "Zeit"-Chefredakteur unter dem sprechenden Titel "Vorerst gescheitert". Guttenberg auf allen Kanälen: "Jetzt stehe ich am Beginn eines neuen Lebensabschnitts", lässt sich Guttenberg in dem Buch zitieren: "Langsam freue ich mich auf ihn. Und die Kräfte kehren wieder zurück." Der Reflex in Deutschland: übermäßige Empörung auf allen Kanälen.

Im Interview klingt Guttenberg, als sitze er in den USA auf heißen Kohlen. Dabei sind doch erst neun Monate seit jener Szene im Bendlerblock vergangen. Die Argumentation des Ex-Ministers ist die alte: Die Dissertation mag er nicht als Plagiat, sondern nur als Ergebnis seiner chaotischen Arbeitsweise bezeichnen. Und mit der Politik in Deutschland geht er hart ins Gericht, spielt mit dem Gedanken einer Partei-Neugründung. Das Volkspartei-Mantra seiner CSU nennt er "die Verhöhnung früherer Träume".

Daheim reagieren sie bitter enttäuscht. "Ich fürchte, dass Karl-Theodor mit seinem Interviewbuch Wunden geschlagen hat, die so schnell nicht verheilen werden", sagt CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich, der einst als Freund und Vertrauter Guttenbergs galt.

So könnte sich der 28. November zu einem neuerlichen, zweiten Datum des Scheiterns für den einst Gefeierten entwickeln: jener Tag, an dem sein Interviewbuch erschien. Nächstes Jahr, nächste Bühne.

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