13. Shell Jugendstudie Ost-West: Die Unterschiede werden immer größer


Finanzierung

Die wichtigste Quelle der finanziellen Mittel für den Lebensunterhalt stellt einen bedeutsamen Indikator dar, wie weit die Jugendlichen auf dem Weg zur Selbständigkeit schon vorangeschritten sind. Dabei steht im Vordergrund, ob die Jugendlichen ihre Einkünfte durch eigene Entscheidungen und Tätigkeiten selbst beeinflussen können oder ob sie auf Zuwendungen Dritter angewiesen sind.

Bei dieser Frage steht uns eine Reihe mit den Zeitpunkten 1991, 1996 und 1999 zur Verfügung. Die Darstellungen konzentrieren sich vor allem auf die beiden wichtigsten Quellen, nämlich "eigene berufliche Erwerbstätigkeit" und "Zuwendungen durch Eltern".

Die Häufigkeiten beider Einkommensformen haben sich in den acht Jahren stark angenähert, wobei auch die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen in Ost und West in dieselbe Richtung weisen. Die Mädchen nennen deutlich seltener "eigene berufliche Erwerbstätigkeit" und entsprechend häufiger "Zuwendungen durch Eltern", eine Entwicklung, die zumindest für die Jugendlichen im Westen neuartig ist. Angesichts der ungesicherten Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt scheinen die jungen Frauen ihre beruflichen Intentionen nicht mehr mit höchster Intensität zu verfolgen, zumindest was die zeitliche Priorität betrifft. Sie geben das sichere Standbein "Zuwendungen durch Eltern" später auf, als dies die Jungen tun.

Neben der Quelle verdient auch die Höhe des monatlichen Einkommens Beachtung. Hier stehen uns Vergleichsdaten aus dem Jahr 1991 zur Verfügung (Fragetext: "Wie viel Geld bekommst Du alles in allem im Monat durchschnittlich zusammen?").

Vor allem im Bereich der höheren Einkommen ab DM 1.000,- ist der Vorsprung der Jugendlichen im Westen gegenüber ihren Altersgenossen im Osten ungebrochen. Dabei sind vor allem die Mädchen im Osten gegenüber ihren Geschlechtsgenossinnen im Westen deutlich benachteiligt. Dennoch muss man festhalten, dass die Differenz in der Höhe der Einkommen in Ost und West kleiner geworden ist, aber gerade bei den Spitzeneinkommen finden sich unverändert große Unterschiede.

Die Lücke in der finanziellen Ausstattung der Jugendlichen in Ost und West scheint sich langsam zu schließen, besonders langsam erfolgt dies bei den Mädchen. Aufmerksamkeit verdient die Tatsache, dass im Bereich der unteren Einkommen bis DM 200,- Ost und West sich kaum voneinander unterscheiden. Allerdings verbietet die große Anzahl an Schülern in dieser Einkommensgruppe weiterreichende Interpretationen, die Ähnlichkeit der Einkommen beruht weniger auf gemeinsamen Strukturen in Ost und West, sondern verweist offenbar auf ähnliche Vorstellungen über die Angemessenheit der Taschengeldhöhe bei Eltern in Ost und West.







Biografische Planung

Die Einschätzung der Jugendlichen, wie optimistisch oder pessimistisch sie ihre eigene Zukunft sehen, erweist sich im Kontext der letzten Shell Jugendstudien als eine Frage von geradezu seismographischem Charakter. Offenbar packen die Jugendlichen in ihr Urteil alle Hoffnungen und Befürchtungen hinein, wobei sie sich nicht nur an ihrer persönlichen Lebensplanung orientieren, sondern diese auf dem Hintergrund der vermuteten gesellschaftlichen Entwicklung vornehmen. Zwischen der Einschätzung der eigenen Zukunft und derjenigen der Gesellschaft besteht eine hohe Korrelation. Die Frage nach der Einschätzung der eigenen Zukunft wurde in den letzten vier Shell Jugendstudien gestellt, wir sind deshalb in der Lage, eine Zeitreihe zurück bis 1984 anzugeben.







Gegenüber 1996 ist die persönliche Zuversicht der Jugendlichen deutlich gestiegen, die Werte für Ost und West sind praktisch identisch. Am relativ skeptischsten sind erneut die Mädchen im Osten, nur 46% (gegenüber 52% bei den Jungen) sehen ihre Zukunft zuversichtlich. Im Westen sind diese stärkeren Vorbehalte der Mädchen nicht zu beobachten, auch im Osten wird die Antwortdifferenz im Laufe der Jahre geringer. Die größere Zurückhaltung der Mädchen im Osten zeigt sich allerdings nicht in einem höheren Ausmaß von ausgesprochen negativen Urteilen - hier liegen sogar die Jungen mit 10,8% zu 8,0% noch etwas höher -, sondern in einem deutlich größeren Anteil von ambivalenten Urteilen (gemischt, mal so - mal so: Mädchen 45,6%, Jungen 37,2%). Offenbar schlägt sich in der Antwort auf diese doch sehr allgemeine Frage eine größere Unklarheit, ja vielleicht sogar Verunsicherung hinsichtlich ihres weiteren Lebenswegs nieder.

Eine wichtige Voraussetzung dafür, das eigene Leben planen zu können, ist die Fähigkeit, sich einigermaßen sicher vorstellen zu können, wie man denn in Zukunft leben könnte. Diese Reichweite der Vorstellungen in die Zukunft wurde schon 1991 in der 11. Shell Jugendstudie erhoben, wir können deshalb die aktuellen Daten mit denen des Jahres 1991 vergleichen.







Wir können deutliche Differenzen in der Länge der Zukunftsvorstellungen feststellen. Die Jugendlichen im Osten verfügen über eine kürzere Reichweite, gegenüber 1991 ist diese Differenz zwischen Ost und West sogar eher größer geworden. Doch darf dabei nicht übersehen werden, dass auch die Reichweite bei den Jugendlichen im Osten länger geworden ist. Reichte 1991 z.B. die Vorstellungskraft bei 48,7% der Jugendlichen im Osten nur bis zu einem Jahr, hat sich dieser Wert 1999 auf 41,9% verringert. Relativ gering fallen die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen aus, im Osten wie auch im Westen. Eine lange Reichweite der Vorstellungen in die Zukunft darf aber nicht dahingehend missverstanden werden, dass sich diese Jugendliche an konventionellen Lebensentwürfen orientieren und von daher Sicherheit gewinnen. Dies ist nicht der Fall, stattdessen scheint sich dahinter eher das Selbstbewusstsein zu verbergen, mit den Herausforderungen der Zukunft fertig werden und die eigenen Lebensziele erreichen zu können, unabhängig davon, welche Herausforderungen die Zukunft mit sich bringen wird.

Ob man die Zukunft nach den eigenen Vorstellungen gestalten kann, ob man sich darüber überhaupt Gedanken macht, ob man sich vorstellen kann, wie das eigene Leben einmal verlaufen wird und ob man sich gut vorbereitet für die weitere gesellschaftliche Entwicklung fühlt, damit beschäftigen sich einige Fragen der vorliegenden Studie (Frage 5, 7, 8 und 9). Die Antworten darauf hängen eng zusammen, deshalb sollen hier nur die Ergebnisse für zwei Fragen dargestellt werden.

"Wie klar kannst Du Dir vorstellen, wie Dein weiteres Leben verlaufen wird?" Fasst man die Antworten auf die Vorgaben "eher klar" und "sehr klar" zusammen, ergibt sich die auf dieser Seite abgebildete Verteilung.

Die Jugendlichen im Westen verfügen über deutlich klarere Vorstellungen, aufgrund der bisherigen Ergebnisse überrascht dies nicht. Nicht zu erwarten war allerdings die Entwicklung dieser Klarheit in Abhängigkeit vom Alter der Jugendlichen. Während im Westen mit steigendem Alter auch die erlebte Klarheit zunimmt, kommt dieser Prozess im Osten nur sehr zögerlich in Gang. Die 15 bis 17-jährigen in Ost und West unterscheiden sich noch nicht, bei den 18 bis 21-jährigen klafft aber schon eine Lücke von 8,8%, die sich bei den 22 bis 24-jährigen auf 12,7% ausweitet.




Ob es sich bei diesen Ergebnissen möglicherweise um einen Zufall handelt, kann an einer anderen Frage überprüft werden. "Glaubst Du, dass Du gut vorbereitet bist für die zukünftigen Entwicklungen in der Gesellschaft?" Das Gefühl, gut vorbereitet zu sein, scheint eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Zukunft bei den Jugendlichen zu sein, wie das qualitative Material eindrücklich nahe legt. Die Antworten auf die Vorgabe "ich bin eher gut vorbereitet" ergeben das oben stehende Bild.

Auch hier stellen wir eine deutliche Zurückhaltung der Jugendlichen im Osten fest, die bei den 22 bis 24-jährigen zu einer Differenz von 8,9% zugunsten der Jugendlichen im Westen führt. Älter zu werden bedeutet für die Jugendlichen im Osten nicht automatisch, mit mehr Zuversicht und besserem Überblick den zukünftigen Entwicklungen begegnen zu können. Die Entstehung dieser Eigenschaften, die im Westen quasi naturwüchsig mit dem steigenden Alter der Jugendlichen verkoppelt sind, verzögert sich im Osten. Die obere Altersbeschränkung unserer Stichprobe auf 24 Jahre lässt eine Antwort auf die Frage nicht zu, ob denn die Jugendlichen im Osten jenseits des Alters von 24 Jahren wieder aufholen oder ob diese Differenz bestehen bleibt (oder vielleicht sogar noch größer wird?).







Aber nicht nur das Alter beeinflusst die erlebte Kompetenz, sondern auch das Geschlecht, diesmal als gesamtdeutsche Beziehung.

Seit der ersten gesamtdeutschen Jugendstudie im Jahre 1992 zieht sich durch alle folgenden Untersuchungen wie ein roter Faden, dass die Mädchen im Osten besondere Schwierigkeiten haben. Diese Schwierigkeiten sind im Laufe der Zeit nicht geringer geworden. Nur 14,9% der Mädchen im Osten fühlen sich gut vorbereitet gegenüber 10,1%, die glauben, dass sie eher schlecht vorbereitet sind. Die Werte für die Mädchen im Westen betragen 19,7% zu 9,7%. Am allerbesten schneiden die Jungen im Westen ab mit 24,6%, die sich gut vorbereitet fühlen, gegenüber 8,5%, die eher schlecht vorbereitet sind.

Diese Daten spiegeln die insgesamt deutlich größere Verunsicherung der Jugendlichen im Osten gegenüber der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung bzw. ihrer eigenen Rolle darin wider. Nun besteht eine bewährte Strategie, sich dieser Verunsicherung zu entziehen, darin, im Jugendalter zu verharren, sich dagegen zu sträuben, erwachsen zu werden. Zur Verdeutlichung dieser Strategie muss man nicht sofort an Oskar Matzerath denken, es genügt auch der Hinweis auf eine breite Strömung unter den Jugendlichen der 70er und 80er Jahre, die sich scheuten, die attraktive Jugendphase gegen das als nicht so attraktiv erlebte Erwachsenenalter einzutauschen.

Eine entsprechende Frage seit der 11. Shell Jugendstudie lautet: "Wie ist das denn bei Dir? Würdest Du Dich eher als Jugendliche(r) oder als Erwachsene(r) sehen?" mit den Vorgaben "eher als Jugendlicher" und "eher als Erwachsener". Die Ergebnisse seit 1991 sind in der Tabelle oben abzulesen.

Die Daten bestätigen die oben ausgesprochene Vermutung eines höheren Anteils von Selbsteinschätzungen als Jugendlicher im Osten. Die Differenz von 11,6% zu den Angaben der Jugendlichen im Westen ist beträchtlich, sie hat sich aber seit 1991 verringert, damals betrug sie 15,8%. Der Anteil derjenigen, die sich als Jugendliche fühlen, steigt im Westen kontinuierlich an, auch dies vermutlich eine Konsequenz der erlebten Unsicherheit hinsichtlich der eigenen Biografie.

Lebenshaltungen in Ost und West

Die subjektiv verlängerte Jugend der Jugendlichen aus dem Osten lässt auch Konsequenzen für ihre Lebenshaltungen erwarten. (Zur Beschreibung dieses Instruments verweisen wir auf das Kapitel "Modernes Leben"). Die Frage nach dem Vorliegen von Leistungs- oder Genussorientierung erbringt ein überraschendes Ergebnis (zur genauen Formulierung der Frage und der Vorgaben verweisen wir auf die Frage 11, A1 und A2 des Fragebogens im Anhang).




Die Leistungsorientierung der Jugendlichen im Osten ist deutlich höher als die ihrer Altersgenossen im Westen, was hauptsächlich auf die sehr hohe Leistungsbereitschaft der Mädchen im Osten zurückzuführen ist. Offenbar haben die jungen Frauen nicht resigniert, obwohl sie in vielen Aspekten ihres Lebens besonderen gesellschaftlichen Belastungen ausgesetzt sind.

Aber die Daten zur Verteilung der Leistungsorientierung enthalten noch eine weitere Überraschung.







Während im Westen die Leistungsorientierung mit dem Herannahen von beruflichen Orientierungen und Ausbildungsgängen erwartungsgemäß ansteigt, bleibt sie im Osten über alle Altersgruppen hinweg auf einem unverändert hohen Niveau. Vielleicht kann man dies Ergebnis auch anders deuten: Die Genussorientierung der Jugendlichen im Osten ist über alle Altersgruppen hinweg deutlich schwächer ausgeprägt als dies im Westen der Fall ist. In diesem Fall käme dieses spezifische Ergebnis einem methodischen Artefakt nahe, das durch die alternative Gegenüberstellung von Leistungs- und Genussorientierung produziert wurde. Möglicherweise stehen sich auch diese Lebenshaltungen nicht alternativ gegenüber, sondern gehen Mischungen ein, die durch viele biografische Faktoren beeinflusst werden können. In jedem Fall beweisen die Daten aber, dass es sich bei dem häufig zu hörenden Vorwurf gerade an die Jugendlichen im Osten, sie seien nur an Spaß interessiert und hätten an einer vernünftigen Arbeit eigentlich kein Interesse, um bloßes Gerede handelt.




Eine weitere Gegenüberstellung zweier Lebenshaltungen (vgl. Frage 11, B1 und B2) zeigt, dass 47% der Jugendlichen im Westen gegenüber 39% der Jugendlichen im Osten eine Haltung wählen, die auf den Vorrang der eigenen Individualität gegenüber den Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen Wert legt. Generell betonen eher die Jungen diese individualistische Variante, im Westen wie im Osten. Ebenfalls in beiden Landesteilen zu beobachten ist der Anstieg der Betonung der eigenen Individualität mit dem Erreichen des 18. Lebensjahres.

Mit dieser Betonung der eigenen Individualität darf nicht eine Haltung verwechselt werden, die stärker die eigenen Interessen und Ziele betont (Frage 11, Vorgabe C1) gegenüber der Berücksichtigung der Interessen und Ziele von anderen Menschen (Frage 11, Vorgabe C2). Die Betonung der eigenen Interessen und Ziele ist den Jugendlichen im Osten sehr viel wichtiger als dies bei ihren Altersgenossen im Westen der Fall ist, wobei nur im Westen Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen.

Ihre ungünstigen Lebensbedingungen und biografischen Belastungen kompensieren die Mädchen und jungen Frauen im Osten offenbar durch einen strikten Verzicht auf die weibliche "Tugend" des Zurückstehens hinter den Interessen anderer. Dieses Gleichziehen bei der Verwirklichung der eigenen Interessen ist im Westen noch nicht erreicht, hier ist die Rücksichtnahme auf andere bei den Mädchen klar stärker ausgeprägt als bei den Jungen.

Weiter

Zurück

Zur Übersicht




ARTHUR FISCHER

aus: "Jugend 2000 - 13.Shell Jugendstudie"
Herausgeber: Deutsche Shell AG, Konzeption und Durchführung: Arthur Fischer, Yvonne Fritzsche, Werner Fuchs-Heinritz, Richard Münchmeier; Verlag Leske + Budrich; 900 Seiten (zwei Bände); 29,80 Mark.





© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.