15 Jahre Einheit Die deutsche Denkfaulheit

Vor 15 Jahren verschwand die DDR von der politischen Landkarte. Kaum ein Experte oder Politiker hatte das Ende der Teilung vorhergesehen. Die Deutschen sind seitdem klüger geworden - doch die politische Elite in Berlin ist so phantasielos wie eh und je.
Von Claus Christian Malzahn

Berlin - Wer sich an die achtziger Jahre erinnert, hat sie angeblich nicht erlebt. Manche möchten sich vielleicht auch gar nicht erinnern. Denn vor weniger als 20 Jahren war die Teilung Deutschlands eine politische Realität, die man für unabänderlich hielt.

Dass 16 Millionen Menschen in der DDR Meinungs- und Reisefreiheit vorenthalten wurden, dass sie ihr Leben riskierten, wenn sie von Ost- nach West-Deutschland wollten, dass die Würde des Menschen zwischen Kap Arkona und dem Erzgebirge durchaus antastbar war - all das galt in der alten Bundesrepublik zwar als bedauerlich. Doch nicht nur die Enkel-Generation in der SPD im Westen interpretierte die im Grundgesetz verankerte Vision der Einheit der Nation als lästigen, der Realpolitik hinderlichen Anachronismus.

Auch die damaligen Regierungsparteien CDU/CSU und FDP waren nicht imstande, die inzwischen saft- und kraftlos gewordene Politik der "Entspannung" neu zu definieren und endlich auch die Oppositionellen und Bürgerrechtler zu anerkannten Partnern im deutsch-deutschen Dialog zu machen. Die von Willy Brandt vollkommen zu Recht in den Siebzigern gegen die Union durchgesetzte Anerkennungspolitik der DDR war in den späten Achtzigern falsch geworden - weil sie zu einer weichen Chiffre für die politische Legitimation des SED-Regimes zu werden drohte.

Als der SED-Chef Erich Honecker 1987 auf dem Bonner Flughafen aus der Interflug-Maschine stieg, spielte die Bundeswehrkapelle die Melodie von "Auferstanden aus Ruinen", Bundeskanzler Helmut Kohl gab seinem Staatsgast (etwas widerwillig) die Hand - und der saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine empfahl sich dem ostdeutschen Despoten als Reiseführer durch dessen alte Heimat. Denn Honecker war eigentlich ein Wessi, 1912 geboren in Neunkirchen an der Saar. Wer damals von der Wiedervereinigung sprach, galt als Reaktionär oder Phantast. In Deutschland hielt man die herrschende, zweigeteilte Lage überwiegend für die einzig denkbare; ein Geisteszustand, an dem sich bis heute im Grunde nichts geändert hat.

Die Zukunft liegt quer

Denn so wie es aussieht, werden auch die nächsten vier Jahre wieder den Denkfaulen gehören. Die politische Elite der Republik hat sich nach dem verwirrenden Wahlergebnis vom 18. September offenbar auf die einfachste und hilfloseste Lösung verständigt: die Bildung einer Großen Koalition. Damit beweist die Politik in Deutschland erneut, dass sie die Zeichen der Zeit entweder nicht verstanden hat - oder sich vor den Notwendigkeiten wegduckt. Denn die noch vom Kalten Krieg geprägte Ära, in der sich politische Machtblöcke von rechts und links gegenüberstanden, ist seit 15 Jahren im Grunde gegenstandslos.

Nun wurde diese politische Veränderung auch im Wahlergebnis sichtbar: Weder für eine flotte schwarz-gelbe Wende noch für ein rot-grünes Projekt gab es eine Mehrheit. Die Zukunft der Republik liegt in, auf pragmatischer und vernünftiger Grundlage gebildeten, politischen Querverbindungen. Heute geht es nicht mehr um rechts und links, sondern um modern und rückwärtsgewandt. Doch vor allem die kleinen Parteien, namentlich die Grünen und die Liberalen, weigern sich aus verschiedenen Gründen, das anzuerkennen. Die FDP kalkuliert, dass man bald über ihre Beliebigkeit hinweg sieht, wenn sie sich standhaft einer Ampel verweigert. Die CSU bekreuzigt sich schon bei dem Gedanken an eine Koalition mit den Grünen - obwohl man heute auch in deren vorderen Reihen mehr Kirchensteuerzahler finden wird, als manch Konservativer glauben mag.

Und die Partei, die man vor kurzem noch Fischer-Partei nannte, kennt ihren neuen Spitznamen noch nicht und scheut den Schritt in die Schwampel aus Angst vor der rot-grün geeichten Basis. Der Preis für die Feigheit der Kleinen und die sture Attitüde der Großen sind vermutlich vier verlorene Jahre für die Bundesrepublik. Denn die große Koalition wird das Land bloß verwalten, ein bisschen regieren - aber nicht nach vorn bringen.

Politik kann sich nämlich gründlich irren. Wenn die Ostdeutschen im Herbst 1989 auf die Herrschenden in Bonn und Ost-Berlin gehört hätten, wäre die Mauer vielleicht nie gefallen. Selten wurden Regierungspolitik und Expertenvorlagen so blamiert wie während der friedlichen Revolution in der DDR. Die Demonstrationen im Oktober und November 1989 gehören zu den Sternstunden der deutschen Geschichte, weil sich hier endlich jener demokratische Bürgermut artikulierte, den man im grausamen 20. Jahrhundert zuvor oft genug vermisst hatte. Die offizielle Politik allein hätte diese gewaltigen Veränderungen nicht zuwege gebracht. Das der Einzelne einen Unterschied machen kann, ist wohl die wichtigste Erfahrung der friedlichen Revolution.

Die Einheit ist besser als ihr Ruf

Diese Erfahrung gerät heute mehr und mehr in Vergessenheit. Dabei ist der Zustand der deutschen Einheit viel besser als sein Ruf. Die Vereinigung von Bundesrepublik und DDR halten 91 Prozent der Ostdeutschen und 82 Prozent der Westdeutschen für positiv. Gejammert wird vor allem im Westen: 15 Prozent der alten Bundesbürger und 8 Prozent der Ostdeutschen sind mit der Wiedervereinigung unzufrieden, ergab jetzt eine Umfrage für das ZDF-"Politbarometer". Nur 6 Prozent der Deutschen wollen zurück zur Zweistaatlichkeit, vergangenes Jahr waren es noch 10 Prozent. Die Lage entspannt sich also, obwohl wir in diesen Tagen vor allem wieder in den repräsentativ zusammengesetzten Talkshows zu hören bekommen, die Wiedervereinigung sei gescheitert. Diejenigen, die das erklären, waren sich vor 20 Jahren übrigens auch ganz sicher, die Wiedervereinigung sei eine Lebenslüge.

Schon in den neunziger Jahren brachte die soziologische Feldforschung im Osten andere Ergebnisse zutage als die behauptete öffentliche Medienmeinung. 80 bis 90 Prozent der Ostdeutschen waren mit ihrer persönlichen Situation meist zufrieden oder sehr zufrieden und hielten sie für eine klare Verbesserung gegenüber ihrem Leben in der DDR. Die allgemeine politische und wirtschaftliche Situation hielten dieselben Leute dagegen für bedenklich bis gefährlich. In der DDR gab es eine Schere im Kopf, im neuen Deutschland klaffte die individuelle Wahrnehmung offenbar wie eine Schere auseinander.

Das erklärt vielleicht auch, warum die DDR heute oft "gefährlich verharmlost" wird, wie die ehemalige Bürgerrechtlerin Marianne Birthler vor kurzem erklärte. Nicht nur diese scharfsinnige Analytikerin deutsch-deutscher Befindlichkeiten beklagt ein merkwürdiges Phänomen: je länger der von Walter Ulbricht gegründete und von Erich Honecker gegen die Wand gefahrene Staat zurückliegt, desto stärker scheint er im Bewusstsein vieler Deutscher jene Konturen der "kommoden Diktatur" anzunehmen, die Günter Grass dem realen Sozialismus auf deutschem Boden einst in einem Nachwende-Roman angedichtet hat. Wer sich nicht angelegt habe mit den Mächtigen, der hätte in der DDR doch ganz gut leben können, summt heute der Stammtisch - die Melodie dazu hat die PDS komponiert.

Der Untertan ist das Ziel jeder Diktatur

Doch das Endziel totalitärer Herrschaft ist selten der permanente Bürgerkrieg, sondern der willfährige Untertan. Wer im August 1989 aber auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz mit Zitaten von Rosa Luxemburg für mehr Offenheit im realen Sozialismus demonstrierte, der wurde nicht etwa zur Diskussion gebeten, sondern in den Knast geschickt. Die Frage, ob das SED-Regime sich dem Druck des Volkes auch mit massivem militärischem Einsatz widersetzen würde, war im Sommer 1989 unter den Genossen keineswegs zugunsten eines geordneten Rückzugs entschieden. Zunächst setzte die SED auch im Herbst noch auf den Schlagstock, zum Runden Tisch luden die Genossen erst, als feststand, dass die DDR politisch und wirtschaftlich nicht mehr zu retten war.

Trotzdem gibt es keinen Grund, sich das neue Deutschland schöner zu reden, als es ist. Die Arbeitslosigkeit im Osten ist viel zu hoch - nicht wegen verbreiteter Faulheit, sondern weil es zu wenig Industriezonen gibt. Die Land- und Stadtflucht gen Westen ist deshalb nicht gestoppt, der Milliardentransfer in die Kassen der ostdeutschen Länder wird dauern. Während in Westdeutschland lediglich regionale wirtschaftliche Problemzonen wie im Ruhrgebiet, der Oberpfalz und Ostfriesland existieren, ist Ostdeutschland insgesamt noch immer eine fragile ökonomische Zone, aus der nur ein paar positive Standorte herauszuragen scheinen wie Leipzig, Jena, Weimar oder die touristischen Zentren an der Ostseeküste.

Aber wen wundert das? Die DDR stand seit 1988 vor der Zahlungsunfähigkeit. Wäre sie ein Unternehmen gewesen, hätte sie Bankrott anmelden müssen. Stattdessen wurde die DDR faktisch vom Westen übernommen. Der bisherige Vereinigungsverlauf zielte bisher vor allem auf die Herstellung demokratischer, republikanischer Verhältnisse in den neuen Ländern - und auf die Entwicklung einer tragfähigen wirtschaftlichen Grundlage. Dieser Prozess ist noch im Gange. Aber verglichen mit der postsozialistischen Entwicklung ehemaliger RGW-Staaten wie Polen, Bulgarien oder Rumänien steht die ehemalige DDR inzwischen tatsächlich da, wo Honecker sie immer hinhaben wollte: An der Weltspitze nämlich - und das trotz einer kontinuierlichen Abwanderungs- und Fluchtbewegung, die 1945 mit dem Auftauchen der Roten Armee einsetzte und die bis heute nicht abgerissen ist.

Abstimmung mit den Füßen

Über die Lebenswirklichkeit im Osten Deutschlands wird heute vor allem mit den Füßen abgestimmt. Wir erleben in manchen Gegenden eine Migration im eigenen Land. Ganze Landstriche im Osten veröden. Äußerlich scheint meist alles in Ordnung: Die Straßen sind frisch geteert, die Häuser neu getüncht, der Marktplatz wurde mit freundlicher Unterstützung der EU auf Hochglanz poliert. Doch hinter der glänzenden Fassade packt gerade wieder jemand seine Koffer. Fast eine Million Menschen haben Ostdeutschland seit 1990 verlassen - Richtung Westen natürlich. In vielen Regionen vollzieht sich in aller Stille ein Bevölkerungsaustausch. So wanderten in Mecklenburg schon ganze Dorfschaften ab. Die Häuser blieben stehen - und dienen nun gestressten Berlinern als Freizeitdomizil. Das gab es übrigens schon öfter in Europa: Zum Beispiel in der Toskana. Man glaubt es kaum, aber bevor die Professoren und Alt-68er aus Deutschland kamen, haben dort tatsächlich italienische Bauern gelebt.

Der in Westdeutschland gern erhobene Vorwurf, die Ostdeutschen seien zu unflexibel, ist deshalb grotesk. Wer heute durch München spaziert, hört dort öfter Sächsisch als in Berlin. 1989 gewannen die Ostdeutschen auch die Freiheit, sich vom heimischen Acker zu machen. 15 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es höchste Zeit, sich einzugestehen, dass dieser Prozess fürs Erste unumkehrbar ist. Am Ziel gleichartiger Lebensverhältnisse muss das nichts ändern. Aber die Menschen interessieren sich nicht für Zielvorgaben, sondern für individuelle Zukunftschancen.

Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik bei. So mancher im Westen dachte damals, die BRD sei nun einfach ein bisschen größer geworden. So mancher im Osten glaubte fest, die westliche Ikea- und Fußgängerzonenrepublik würde über Nacht auch bei ihm zu Hause Wirklichkeit. Beide Annahmen waren nicht ganz falsch, aber richtig beschreiben sie die heutige Wirklichkeit natürlich auch nicht. Wir leben heute in einem Neuen Deutschland. Das Land ist noch immer auf dem Sprung. Keiner weiß, wie es sich in den nächsten 15 Jahren verändern wird. Aber alle wissen, dass es sich verändern muss.



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