221 Busfahrer für Lafontaine Linksverkehr im Saarland

Oskar Lafontaine triumphiert: In seiner saarländischen Heimat sind 221 Busfahrer geschlossen der Linkspartei beigetreten - eine Steilvorlage für den Wahlkampf. Und dem Coup sollen weitere folgen: Man habe schließlich beste Kontakte zu Arbeitnehmervertretern im Land, unken die Linken.

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Hamburg - Er rechnet jetzt laut vor, als müsste er sich Mut machen: "Die SPD hat im Saarland 23.000 Mitglieder, die Linkspartei gerade mal 2500", sagt Thorsten Bischoff. Und überhaupt seien bei den Sozialdemokraten im Saarland mehr Betriebsräte und Gewerkschafter organisiert, als die Linkspartei über Mitglieder verfüge. "Da müssen wir mal die Kirche im Dorf lassen", sagt der Sprecher der saarländischen SPD. Die Botschaft, die er vermitteln will: Den Sozialdemokraten im Saarland geht es gut - und sie werden kraftvoll in den Wahlkampf für die Landtagswahl im kommenden Jahr starten. Die Linkspartei werde man schon kleinhalten.

Linkspartei-Chef Lafontaine: "Das ist wie Weihnachten"
REUTERS

Linkspartei-Chef Lafontaine: "Das ist wie Weihnachten"

Bischoffs Zahlen sind nur ein Teil der Geschichte - man muss noch ein paar hinzufügen, dann wird schon eher ein Bild daraus. Zum Beispiel: In einer Emnid-Umfrage kam die SPD im Saarland zuletzt auf 25 Prozent, die Linkspartei lag bei 19 Prozent - in keinem anderen westdeutschen Bundesland ist die Partei des früheren saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine so stark.

Eine weitere Zahl macht die Sozialdemokraten an der Saar erkennbar nervös - und beflügelt die Linkspartei: Am Donnerstag sind in Saarbrücken 221 Busfahrer der örtlichen Stadtbetriebe geschlossen der Linkspartei beigetreten, Dutzende von ihnen hatten früher das SPD-Parteibuch.

So wie Winfried Jung, der Betriebsratsvorsitzende der Saarbahn GmbH. 28 Jahre lang war er Sozialdemokrat, in diesem Jahr war Schluss. Er habe noch auf ein Zeichen der SPD gewartet - dass sie die Rente mit 67 zurückdreht oder grundlegende Korrekturen bei Hartz IV einleitet, etwas in dieser Richtung. "Aber da kann ich nichts erkennen", sagte Jung SPIEGEL ONLINE. Was er stattdessen sieht: "Ein Aufschwung, der bei den einfachen Leuten nicht ankommt."

Angst vor der Privatisierung treibt die Busfahrer um

Und seit Monaten geht bei Jung und vielen seiner Kollegen bei der Saarbahn GmbH die Angst um, dass die Verkehrsbetriebe privatisiert werden könnten, wie es im wenigen Kilometer entfernten Völklingen geschehen soll. Es ist die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz. "Da kommt noch was auf uns zu", glaubt Jung, und irgendwann dachte er sich: "Wehret den Anfängen" - und füllte den Mitgliedsantrag für die Linkspartei aus, weil sie sich als einzige Partei gegen "den Privatisierungswahn" einsetze.

Jung blieb nicht allein. Weitere Busfahrer folgten, erst vereinzelt, dann wurden es immer mehr. Als Jung gestern Lafontaine die Anträge überreichte, hatte er 221 zusammen. 221 von insgesamt 300 Busfahrern der Saarbahn GmbH. "Es werden sicher noch mehr", meint Jung. Lafontaine, der bei der Landtagswahl als Spitzenkandidat antreten und noch einmal Ministerpräsident des Saarlandes werden will, triumphierte: "Das ist wie Weihnachten."

Auf weitere Parteieintritte setzt die saarländische Linkspartei jetzt schon. Landeschef Rolf Linsler war im Saarland 20 Jahr lang Gewerkschaftsvorsitzender bei ötv und Ver.di und hat weiterhin gute Kontakte zu Belegschaften. Es würden in den kommenden Monaten weitere Eintritte geben, "die über dem Durchschnitt liegen", sagt Linsler, 221 neue Mitglieder an einem Tag seien aber etwas Besonderes.

Die Saar-SPD versucht, den Coup kleinzureden. "Das war eine Inszenierung, die Lafontaine braucht, um wahrgenommen zu werden", sagt SPD-Sprecher Bischoff. Der frühere SPD-Vorsitzende wolle außerdem nicht saarländischer Ministerpräsident werden, glaubt er. "Der sitzt doch nachher wieder in Berlin."

Dabei hat Lafontaine seine Bereitschaft zur Kandidatur schon vor Monaten bekannt gegeben - und fühlt sich zunehmend siegessicher: Er gehe von einem "Regierungswechsel an der Saar" aus, sagte Lafontaine am Donnerstag.

Wen er künftig auf dem Regierungssessel sieht, musste der 64-Jährige nicht hinzufügen.



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