30 Jahre Grüne Die Protest-Beamten

Von Franz Walter

2. Teil: Wie der Protest verbeamtet wurde


Etliche hatten nun nach einigen Umwegen und mehreren befristeten Verträgen eine Anstellung in den öffentlichen Kultur-, Bildungs- und Sozialdiensten der Republik ergattert. Der Protest wurde verbeamtet, es veränderte sich der Habitus. Und die Anti-AKW-Plakette landete als Erinnerungsstück an die großen Kämpfe gegen die Energieindustrie in den Schubladen. Kurzum: Die zunächst blockierte Generation der Bildungsexpansion war in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre zu großen Teilen in der (linken) Mitte der Gesellschaft angekommen, war materiell nun gut versorgt, war politisch mit der Republik und den parlamentarischen Institutionen versöhnt, hatte sich in ironisch-liebevoller Distanz zu den alten Mythen und Utopien aus der Zeit des postadoleszenten Alternativmilieus begeben.

In dieser Zeit fand der Aufstieg des Joschka Fischer statt. Vorprogrammiert war das nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass aus Fischer eine verkrachte Existenz hätte werden können, lag noch an seinem 30. Geburtstag recht hoch. Fischer war nichts, konnte wenig, besaß keine Perspektive. Der Metzgersohn hatte immer alles abgebrochen, was er anfing: Schule, Lehre, jeden Versuch, beruflich Fuß zu fassen, später die Ehen. Der Bruch - das wurde geradezu zum roten Faden seines Lebenswegs.

Fischer begann seinen langen Lauf zu sich selbst

Zum Ausgang der siebziger Jahre befand sich Fischer in einer desaströsen persönlichen und politischen Lage. An die linksradikalen Projektionen seiner Jugend glaubte er nicht mehr. Aber ein neuer Glaube war für ihn nicht recht in Sicht. Von dem, was man Neue Soziale Bewegungen nannte, versprach er sich auch nichts. Auf den grünen Zug in die Politik sprang Fischer erst, als dieser bereits rollte. Doch exakt das blieb ein vorherrschendes Signum im Leben des Joschka Fischer: Er nahm Entwicklungen keineswegs früh vorweg, er reihte sich ein, wenn die ersten bereits aufbrachen - aber dann setzte er sich zielstrebig und hemdsärmelig an die Spitze der Kolonne.

Und er - im katholischen Glauben großgeworden - stieg sogleich auf die Kanzeln der Bewegungen, um die neuen Märsche mit dem Pathos von Vorsehung, historischer Notwendigkeit und persönlichem Beispiel zu begründen. In seinem Politikerleben verfasste er gleich mehrere pathetische Drehbücher erschütternder Läuterung. Immer war es ein äußerst schmerzhafter Lernprozess, eine leidvolle Trennung vom Früheren, fast wie aus einer antiken Tragödie entsprungen. Fischer begab sich, wenn er changierte, auf den langen Lauf zu sich selbst: von ganz dick zu ganz dünn - und umgekehrt.

Selbst im gemäßigten Bürgertum war man am Ende mit Fischer versöhnt. Seine Biografie war zu einem weiteren Beweis für die alte bürgerliche Anthropologie geworden: Man mochte als Jugendlicher radikal und links sein, doch das hielt nicht an, wenn man älter wurde, im Beruf Erfolge aufwies, Familien gründete. Letzten Endes würden sie alle vernünftig werden, konservativ, staatstragend, ordentlich gekleidet, das Eigentum achtend. So hatten es die konservativen Väter schon Ende der sechziger Jahre ihren rebellierenden Kindern prophezeit. Sie hatten Recht behalten. Die verlorenen Söhne kehrten zurück. Und so mochten sie ihn zu guter Letzt alle - ihren Joschka.

Ankunft in der Mitte der Gesellschaft

Mit Fischer waren die Grünen in der Mitte der Gesellschaft "angekommen". Und dabei waren sie erheblich bürgerlicher geworden. Bei den Bundestagswahlen 1987 war die grüne Partei in der Gruppe der Selbständigen auf nicht einmal ein Prozent gekommen; seit 2002 aber bilden die Selbständigen - hinter der Beamtenschaft, wo die Grünen bei den vergangenen Regionalwahlen bis zu 19 Prozent erhielten - die zweitstärkste Gruppe im Grünen-Elektorat; Werte über zwölf Prozent wurden dort selbstverständlich.

Der Kern der grünen Anhängerschaft hatte privilegierte Positionen erreicht und goutierte sie jetzt. Das Rebellionsmilieu von 1983, als noch zwei Drittel der Grün-Wähler ohne Erwerb war, hatte sich im nachfolgenden Vierteljahrzehnt zum Elitenmilieu gewandelt und ist nun im Jahr 2010 zum Statusmilieu des avancierten Bildungsbürgertums der 1950er und 1960er Geburtsjahrgänge geworden.

Indes: Die postmaterialistischen Bürger bilden eine durchaus schwierige Anhängerschaft. Diese Gruppe gibt sich anspruchsvoll. Sie verlangt nach Exklusivität und hat deshalb mit den nivellierenden Volksparteien nichts am Hut. Gerade von den Grünen erwarten sie einen Schuss - aber nie zu viel - Unkonventionalität: Ihre präferierte Partei soll den eigenen neuen pragmatischen Realismus widerspiegeln, aber doch nicht ganz auf jede Transzendenz der früheren Jugendzeit verzichten. Ihre Partei muss professionell sein, darf aber nicht vollständig des Charmes der Basisdemokratie entbehren. Ihre Partei soll auf enervierende Flügelauseinandersetzungen verzichten, gleichwohl durch eine offene Diskurskultur die anderen Parteien ausstechen. Und so weiter.

Das arrivierte postmaterialistische Bürgertum wünscht sich einen kulturell reizvollen, nonkonformistischen Realismus oder besser noch: einen realistischen Nonkonformismus.

Claudia Roth ist die Erzählerin der Überlieferungen aus der Rebellenzeit

Dafür brauchen die Grünen nun einmal Claudia Roth. Sie wirkt nach außen nicht wie eine routinierte Berufspolitikerin - die sie selbstredend ist -, sondern als eine unverfälscht gebliebene, vitale Repräsentantin der guten alten "Neuen Sozialen Bewegungen". Claudia Roth vermag jedesmal so aufzutreten, als sei die Vergangenheit nie vergangen, sondern bei den Grünen höchst lebendig erhalten geblieben. Sie präsentiert sich als autorisierte Erzählerin der überlieferten Geschichten aus rebellischen Zeiten. Wenn Roth am Mikrofon steht, hat man sogleich die Bilder grüner Ursprünglichkeit, die Versammlungen der späten siebziger und frühen achtziger Jahre vor Augen. So hatten seinerzeit die meisten Aktivisten das Wort ergriffen: Erregt, mit zitternder, vibrierender Stimme, hastig redend, auch laut, aber ehrlich - "authentisch", wie Claudia Roth für sich gewiss reklamieren würde.

Je mehr sich die Grünen von ihren Anfängen entfernen, je stärker sie "Kröten schlucken", "Realitäten akzeptieren" müssen, desto massiver wächst der Bedarf bei den Anhängern, zumindest an den Sonn- und Feiertagen die alten Lieder zu hören und mitzusingen, vom Gefühl getragen zu werden, sich bei allen Veränderungen im Kern doch treu geblieben zu sein. Niemand vermag dieses Bedürfnis so kongenial zu befriedigen wie Claudia Roth. Und eben daher steht sie an der Spitze der Partei.

Erst Baldur Springmann, dann Joschka Fischer, jetzt Claudia Roth - in ihren Biografien spiegeln sich 30 Jahre grüner Geschichte.

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Seite 1
Alka Wumm 11.01.2010
1.
Zitat von sysopVom Strickpulli zum Maßanzug: Einst zogen die Grünen als Bürgerschrecks in die Parlamente ein, inzwischen sind sie längst im politischen Betrieb etabliert. Nun wird die Ökopartei 30. Wo stehen die Grünen heute?
Genau da wo Sie angefangen haben: als belächelte Gutmenschen, die gerade mal als Mehrheitsbeschaffer taugen.
yogtze 11.01.2010
2.
Zitat von sysopVom Strickpulli zum Maßanzug: Einst zogen die Grünen als Bürgerschrecks in die Parlamente ein, inzwischen sind sie längst im politischen Betrieb etabliert. Nun wird die Ökopartei 30. Wo stehen die Grünen heute?
Mehr und mehr im sog. "bürgerlichen Lager"!
saul7 11.01.2010
3. Eine
Zitat von sysopVom Strickpulli zum Maßanzug: Einst zogen die Grünen als Bürgerschrecks in die Parlamente ein, inzwischen sind sie längst im politischen Betrieb etabliert. Nun wird die Ökopartei 30. Wo stehen die Grünen heute?
Partei, die zu Beginn eher dem linken Lager zuzuordnen war, hat sich in drei Jahrzehnten zu einer Partei der bürgerlichen Mitte entwickelt. Viele der ehemaligen Wähler der Grünen, die damals die "Protestpartei" wählten gehören heute ebenso zum "Establishment" wie die Spitzenpolitiker der Grünen auch. Inhaltlich sind die Grünen kaum noch von den anderen Parteien zu unterscheiden. Die Partei muß sich allerdings auch fragen lassen, ob es sinnvoll ist, eine so genannte Doppelspitze als Parteivorsitz weiterhin zu beschäftigen. Die eher farblose aber schrille Claudia Roth sollte endlich zurücktreten oder schnellstens abgelöst werden!!
kdshp 11.01.2010
4.
Zitat von sysopVom Strickpulli zum Maßanzug: Einst zogen die Grünen als Bürgerschrecks in die Parlamente ein, inzwischen sind sie längst im politischen Betrieb etabliert. Nun wird die Ökopartei 30. Wo stehen die Grünen heute?
Hallo, keine ahnung !
grauer kater 11.01.2010
5.
Im Abseits, wo sonst! Kein Profil, keine ökologisch tragbaren Ideen, außer überall noch mehr Steuern zu fordern und keinerlei honorige Führungskräfte! Eine überflüssige Partei, die sich besser auflösen sollte!
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