30 Jahre Mauerfall Der Fehler liegt in unserer Erinnerung

Seit 30 Jahren hoffen wir alles weg, was nicht ins Bild vom glücklich vereinten Land passt: Ostalgie und Nazi-Märsche, den Aufschwung von Links- und Rechtspopulisten. Doch wir drehen uns im Kreis.

Mauerfall in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989
Peter Kneffel/ DPA

Mauerfall in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989

Ein Essay von


"Eine Gesellschaft ist, woran sie sich erinnert."
(Albert Wendt)

Meine Erinnerung an die Wende ist tagesschaublau: Ich sitze mit meinen Eltern vor dem Fernseher und schaue die Nachrichten. Über den Bildschirm flimmern Aufnahmen von Menschen, die Löcher in eine Mauer schlagen. Ich bin da noch zu jung, um die Bedeutung dieser Bilder zu verstehen, aber ich verstehe den Ausdruck auf den Gesichtern meiner Eltern.

Ich bin 1981 in West-Deutschland geboren, in der Nähe der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. 1989 hat unsere Welt dort praktisch über Nacht eine lange vergessene Himmelsrichtung wiederbekommen. Neben Norden, Süden und Westen den Osten. Mit 19 Jahren bin ich dorthin aufgebrochen, nach dem Abitur erst nach Dresden und dann weiter für ein Jahr zum Zivildienst nach Sankt Petersburg.

Ohne den Fall des Eisernen Vorhangs wäre das nicht möglich gewesen.

Für mich ist die Wende ein Glück und eine Bereicherung gewesen. Dass es für viele Menschen auch anders war, habe ich erst lernen müssen. Das war mühsam für alle Beteiligten, denn ich bin ein Produkt des westdeutschen Bildungssystems der Neunzigerjahre. Es hat mich auf die Welt losgelassen mit dieser ziemlich deutschen Mischung aus demonstrativer Weltoffenheit und bornierter Besserwisserei.

Unser Motto war: Wird sich schon auswachsen!

Der Sozialkundeunterricht hat mir die Gewissheit mitgegeben, in der besten aller Welten zu leben: 1989/1990 haben sich Marktwirtschaft, Demokratie und Grundgesetz endgültig als überlegen und alternativlos erwiesen. Die jüngere deutsche Geschichte, so wie ich sie in der Schule kennen gelernt habe, war demnach Evolution, eine logische Entwicklung zum Optimum. Das hat auch mein Bild vom Umbruch in der damaligen DDR und im Ostblock insgesamt geprägt.

Was nicht in dieses Schema passen wollte, habe ich so routiniert weggehofft wie alle anderen: Die Meldungen über verstörend hohe Arbeitslosenzahlen im Osten, rechtsextreme Ausschreitungen in den Neunzigerjahren, Ostalgie mit PDS und Spreewaldgurken, die Debatte um No-go-Areas vor der Fußballweltmeisterschaft 2006. Wird sich schon auswachsen, haben wir gedacht. Dauert halt vielleicht nur etwas länger.

Heute schaue ich mich um, und habe den Eindruck, inzwischen ist an die Stelle des Weghoffens genervte Gereiztheit getreten. Da hat sich gar nichts ausgewachsen.

Fast drei Jahrzehnte Deutsche Einheit - aber der Osten wählt immer noch nicht so, wie ich und mein Sozialkundelehrer uns das wünschen. Was als vermeintliche Lösungen vorgeschlagen wird, quittieren die meisten im Westen mit Kopfschütteln: Es werden "Ossi-Quoten" gefordert, Rentenangleichung, nochmal Milliarden für Infrastruktur. Ja, was wollen die denn noch?

Gibt es einen Grund dafür, dass sich die innerdeutsche Debatte derart im Kreis dreht? Dass die gegenseitigen Vorhaltungen von Ost und West nicht evolutionär weniger werden - sondern sogar wieder stärker? Anders formuliert: Manche Gesellschaften lernen aus ihren Fehlern. Warum tun wir es nicht?

Der Historiker Marcus Böick glaubt, dass die Ursache etwas zu tun hat mit dem Reim, den wir uns auf die Geschichte machen (sein Interview finden Sie hier). Dieser Reim erinnert stark an meinen alten Sozialkundeunterricht und lautet in etwa so: Mit der Wende endete die Nachkriegsgeschichte und es begann die Zeit des vereinten Deutschlands im sich vereinigenden Europa. Happy End, Ost und West reiten gemeinsam in den Sonnenuntergang.

Unsere Sicht auf die Geschichte bringt uns weiter gegeneinander auf

Das ist die Lesart der Geschichte, die bei den Staatsakten zum 3. Oktober jedes Jahr aufgeführt wird. Daher kommt auch dieser merkwürdig sterile Glanz der alljährlichen Feierlichkeiten zum "Tag der Deutschen Einheit", mit dem so wenige Menschen überhaupt etwas anfangen können.

Das Störgefühl rührt daher, dass der Rahmen erkennbar nicht mehr passt, in den wir die Geschichte zu pressen versuchen. Wahrscheinlich hat er nie gepasst. Statt Land und Menschen einander näher zu bringen, schafft dieses Narrativ heute ein Spannungsfeld, das sie sogar eher noch weiter gegeneinander aufbringt.

In der alten Happy-End-Logik gibt es keinen prominenten Platz für negative Folgeerscheinungen der Wende. Wir haben sie deshalb routiniert abgeheftet, entweder als Folgen der DDR-Diktatur ("Der Osten ist selbst schuld") oder als notwendige Anpassungen auf dem Weg zur blühenden Landschaft und Wohlstand ("Der Osten ist undankbar").

Fotostrecke

10  Bilder
Wachsen nach dem Kahlschlag: Die Bilanz des Ostens in zehn Grafiken

Zwei Millionen zwischen 1990 und 1992 vernichtete Arbeitsplätze und das Zusammenschnurren der Bevölkerung im Osten auf den Stand des Jahres 1905 sind für Millionen Menschen im Osten aber keine Randaspekte. Diese Entwicklungen gehören zu den prägendsten Erlebnissen in Millionen deutscher Biografien. Wer das erlebt hat, erzählt davon seinen Kindern und Enkeln. Diese Erinnerungen leben in den Familien weiter. Eigenartigerweise haben sie in der offiziellen kollektiven Erinnerung des Landes aber bis heute keinen Platz gefunden.

Das ist kein Problem, das auf Deutschland beschränkt wäre. Der alte Westen insgesamt tut sich schwer, einen Umgang zu finden mit den Transformationserfahrungen im ehemaligen Ostblock, den Schmerzen des Umbruchs.

Das ist ein Grund, warum es in den Beziehungen zum Osten oft knallt, etwa in Russland: Für viele Menschen dort sind die Wende und ihre Folgen nicht nur mit guten Erinnerungen verbunden, sondern auch mit teils existenziellen Nöten, die ihnen auf dem Fuße folgten.

Die Frage ist, warum westliche Politik und Medien dennoch so oft versuchen, den Leuten im Osten einen Teil ihrer Identität wegzudiskutieren. Vielleicht steckt dahinter die Sorge, nicht nur ein Geschichtsbild infrage zu stellen, sondern damit auch die Demokratie und die Marktwirtschaft an sich.

Zugleich wundern sie sich darüber, dass in Teilen des Ostens Unzufriedenheit gärt, obwohl sich doch die wirtschaftliche Lage - gemessen in Einkommen - rasant verbessert hat. Das Gefühl, zurückgesetzt worden zu sein, hat aber viele Dimensionen. Und der Inhalt des Geldbeutels ist nur eine unter vielen.

Die Verklärung ist Teil unserer DNA geworden

Das wird etwa bei der Diskussion um eine "Ossi-Quote" vergessen und verkürzt: Es geht dabei weniger darum, Ostdeutsche zu fördern wie eine rückständige Minderheit. Es geht um den Hinweis, dass die Erfahrungen und Positionen des Ostens im Gebilde Bundesrepublik bis heute eine sehr schwache Repräsentanz haben.

Das zieht sich wie ein roter Faden durch die deutsche Geschichte seit der Wiedervereinigung. Ich bin in der festen Überzeugung groß geworden, dass die Menschen im Osten die Mauer zum Einsturz gebracht haben und sich dem System der alten Bundesrepublik anschließen wollten.

Der erste Teil ist wahr und wichtig und jedes Jahr wird völlig zurecht daran erinnert. In Vergessenheit geraten ist aber, dass der zweite Teil Geschichtsklitterung ist. Es stammt von der Regierung des damaligen Kanzlers Helmut Kohl, aber es ist eigenartig, warum dieser Kohlismus es eigentlich in die DNA der Berliner Republik geschafft hat. Obwohl er vor allem der Versuch der damaligen Regierung war, umstrittene Entscheidungen als alternativlos darzustellen.

Deshalb erscheint uns der Weg in die Einheit heute so klar und zwangsläufig, wie er 1990 nie war. Wenn man in die Archive schaut, stößt man schnell darauf: Damals - die Mauer war schon weg - gab es eine Infas-Umfrage, über die auch der SPIEGEL berichtete. 42 Prozent der damaligen DDR-Bürger wünschten sich damals eine eigene Verfassung, 38 Prozent eine neue, gesamtdeutsche Verfassung, und gerade einmal neun Prozent wollten das Grundgesetz übernehmen.

Fotostrecke

31  Bilder
Fotograf Daniel Biskup: Die unsichtbare Ost-West-Grenze

Es wurde erbittert gestritten, ob die Wiedervereinigung über Artikel 23 des Grundgesetzes (Beitritt ohne neue Verfassung) vollzogen werden sollte - oder nach Artikel 146 (Ausarbeitung einer neuen gesamtdeutschen Verfassung). Kohl nannte Artikel 23 "Königsweg", für Willy Brandt war es dagegen der "Holzweg".

Das soll nicht heißen, das Grundgesetz sei schlecht, im Gegenteil. Aber das im Osten verbreitete diffuse Gefühl der Hilf- und Einflusslosigkeit hat reale Wurzeln. Ja, die Menschen in Ostdeutschland haben die Mauer zum Einsturz gebracht. Aber kurz darauf hat Bonn die Regie übernommen und durchgesetzt, was es für richtig hielt.

Vielleicht war es das sogar: richtig, ohne Alternative. Doch eine Diskussion darüber findet zu den Jahrestagen der Einheit kaum statt, weder in der Politik, noch in den Medien. Deutschland behandelt seine Geschichte wie eine Bronzeskulptur: Einmal im Jahr wird sie auf Hochglanz poliert - und schnell wieder weggeschlossen, jemand könnte ja die vielen Kratzer bemerken.

Das vereinte Deutschland im Jahr 2019 ist aber nicht nur Glanz. Die Kratzer sind ein Teil von uns. Wir wissen längst, dass 1989/1990 doch kein "Ende der Geschichte" war, sondern Startpunkt einer neuen, komplizierten und sehr widersprüchlichen Zeit.

Das zuzugeben kostet eigentlich nicht viel - genau genommen nur ein wenig Überwindung.

insgesamt 296 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
brooklyner 03.11.2019
1.
Hier wird nichts weggehofft. Anfang der 90er wollten wohl sehr wenige Leute in Südwestdeutschland diese Wiedervereinigung, man freute sich, dass der Spuk endlich vorbei war und man plötzlich ohne die Gewissheit, in einem Atomkrieg zu enden, weiter aufwachsen konnte. Dass die Ossis uns dann noch Mal den dicken Helmut bescherten, verzieh man ihnen aufgrund ihrer Naivität aber mit der Faust in der Tasche. Als dann aber in Rostock die Rechten zeigten, wie sie sich das neue Deutschland vorstellten, war Schluss mit der Akzeptanz. Dass sich im Denken in den Köpfen im Osten recht wenig getan hat seit 1990, durfte ich immer wieder feststellen, wenn ich ins Berliner Umland gefahren bin. Das hat so gar nichts mit den Leuten zu tun, mit denen ich mich normalerweise umgebe und der Provinzossi ist mir um Lichtjahre fremder als ein Este, Finne, Vietnamese, Niederländer, Kanadier, Amerikaner etc.
dirkcoe 03.11.2019
2. Ich bin aufgewachsen
mit zwei Deutschen Staaten. Da ich nichts anderes kannte, war das auch ok so. Klar, ich hätte mir die DDR aus reiner Neugier gerne Mal angesehen - wie Frankreich oder die Niederlande auch. Nein ich habe mich nicht nach der Wiedervereinigung gesehnt - eine freie und offene DDR hätte mir absolut gereicht. Auch habe ich bis heute nicht verstanden, warum sich die DDR nicht erst einmal saniert hat - vor dem Beitritt? Aber gefragt hat mich halt keiner.
marthaimschnee 03.11.2019
3. nur eine Frage
Wer sind die Linkspopulisten, die da im Aufschwung gesehen werden? Sie meinen damit doch hoffentlich nicht die LINKE in Thüringen, denn die spielt dort lediglich das, was früher mal "Sozialdemokratie" genannt wurde.
kavango 03.11.2019
4. Langsam
fühlt man sich als Ostdeutscher als das größte Thesenobjekt welches dieses Land zu bieten hat und bis ins kleinste Detail analysiert, erforscht, beurteilt, verurteilt, geliebäugelt, verspottet, wohlwollend belehrt wird. Hallo Leute, es nervt nur noch wie ein faules Ei im Kühlschrank oder stinkende Socken in der waschegruhe
legeips62 03.11.2019
5. Welche Linkspopulisten?
Die LINKEN? Diese Genossen stellen(stellten) in Thüringen immerhin einen Ministerpräsidenten. Die LINKEN sind eine demokratische Partei und haben mit 31% der Wählerstimmen klar gezeigt, dass hier kein Populismus sondern Regierungsfähigkeit gegeben ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.