Podcast "Stimmenfang" "Wenn ich meinen Freunden erzähle, dass ich eine Freundin aus dem Osten habe, was denken die?"

Er, 1989 im tiefsten Westen geboren. Sie, 1985 in Karl-Marx-Stadt. Heute sind sie ein Paar,und er sagt: "Das Land ist gespalten wie nie". Hören Sie die Geschichten der "Generation Mauerfall" im neuen Podcast.

Ein Podcast von und


Stimmenfang #120 - "Gespalten wie nie" - wie die Generation Mauerfall das Land sieht

Seit dem Fall der Mauer ist die erste Generation erwachsen geworden. Wer 1989 oder später geboren ist, kennt Deutschland nur als vereintes Land. Aber nimmt die "Generation Mauerfall" das Land auch so wahr? Darum geht es in der neuen Folge von Stimmenfang. Wir haben unsere Podcast-Hörerinnen und Hörer gefragt: Wie erlebt ihr das vereinte Deutschland?

Dabei haben wir eine Antwort immer wieder bekommen: "In der letzten Zeit habe ich mir Gedanken darüber gemacht, ob es wirklich ein Deutschland ist oder ob Deutschland in den Köpfen der Menschen nicht immer noch getrennt ist", sagt uns zum Beispiel Stimmenfang-Hörerin Klara. Und Hörer Aaron findet: "Es wurde in letzter Zeit versäumt, für Versöhnung zu sorgen."

Außerdem haben wir ein Ost-West-Paar besucht: Oliver und Louise, er aus dem Westen, sie aus dem Osten. Im Jahr des 30. Mauerfall-Jubiläums haben sie ein "Wiedervereinigungs-Kind" bekommen. Sie erzählen, wie ihre Liebe ihre jeweiligen Vorurteile gegenüber Ost und West verändert hat.

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Das vollständige Transkript

[00:00:02] Yasemin Yüksel Willkommen zu Stimmenfang dem Politik Podcast vom SPIEGEL. Ich bin Yasemin Yüksel. In diesen Tagen jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal. Und weil wir wissen, dass viele unserer Stimmenfang-Hörerinnen und -Hörer 30 Jahre oder jünger sind, haben wir Sie kürzlich wieder einmal eingeladen, an einer Episode mitzuwirken und uns WhatsApp-Nachrichten zu schicken.

[00:00:20] Hörer Andreas Ja, guten Tag, hallo Andreas Sommer ist mein Name. Ich melde mich bei euch, weil ich euren letzten Podcast gehört habe und euren Aufruf, dass man sich bei euch melden kann, wenn man in einem wiedervereinigten Deutschland geboren und aufgewachsen ist.

[00:00:34] Hörerin Klara Hallo liebes Stimmenfang-Team. Ich bin Klara. Ich bin aus Hamburg und studiere in Stuttgart, und ich bin 1998 geboren. Das heißt ganz schon lange nach der Wiedervereinigung.

[00:00:45] Hörer Lukas Hallo, liebe Stimmenfang-Redaktion. Hier ist Lukas, ich bin 18 Jahre alt. Man sollte ja eigentlich meinen, dass für mich Ost- und Westdeutschland eigentlich genau das Gleiche ist. Aber mir kommt es manchmal so vor, als ob da irgendwie immer noch eine Mauer stehen würde.

[00:00:59] Hörerin Juliane Mein Name ist Juliane, ich bin '88 geboren in Ostdeutschland, wie man so schön sagt, in Rostock. Ich bezeichne mich eigentlich immer eher so als norddeutsch - dieses Ost-West... Aber genau darum geht es ja.

[00:01:11] Yasemin Yüksel Ja, genau darum geht es in dieser Episode: Um die sogenannte Generation Mauerfall und ihren Blick auf Deutschland. Erleben die, die heute 30 oder jünger sind und die innerdeutsche Grenze nur noch aus Büchern kennen, das Land automatisch als einig? Die Antworten auf diese Frage kommen heute von Ihnen, unseren Podcast-Hörerinnen und -Hörern. Und ein Stimmenfang-Hörer, Oliver, habe ich für diese Folge zu Hause besucht und dabei seine sehr persönliche Ost-West-Beziehungen kennengelernt.

[00:01:35] Hörer Oliver Wenn ich jetzt meinen Freunden erzähle, dass ich eine Freundin aus dem Osten habe, was denken die?

[00:01:41] Yasemin Yüksel Heute hat Oliver mit dieser Freundin aus dem Osten übrigens ein Baby. So viel kann ich vorab schon mal verraten. Da kommen wir auch gleich hin. Aber hier ist erst einmal Klara, 21, und aus Hamburg.

[00:01:51] Hörerin Klara Ich habe Deutschland eigentlich immer als ein Deutschland angesehen. Ich habe mich in der Schulzeit intensiv mit der DDR-Zeit auseinandergesetzt. Ich habe viele Geschichten von meinem Vater gehört, der auf der Mauer getanzt hat, als sie niedergerissen wurde und immer nach Berlin gefahren ist mit seinen Eltern. Nur in der letzten Zeit habe ich mir immer mehr Gedanken darüber gemacht, ob es wirklich ein Deutschland ist oder ob in den Köpfen der Menschen Deutschland nicht immer noch getrennt ist. Das kommt vor allem dadurch, dass ich mich sehr über diese große Zustimmung für die AfD in den ehemaligen ostdeutschen Bundesländern wundere, weil ich das einfach überhaupt gar nicht nachvollziehen kann.

[00:02:35] Yasemin Yüksel Und mit diesem Unverständnis ist Klara nicht allein. In fast jeder Nachricht, die sie uns auf unsere Frage hingeschickt haben, geht es um die AfD und deren Wahlerfolge im Osten. Hier ist beispielsweise Aron, 19 Jahre und aus Wiesbaden in Hessen.

[00:02:47] Hörer Aaron Gerade in Westdeutschland gibt es eben auch diese Mentalität, die sicherlich falsch ist, aber trotzdem weit verbreitet ist. Dieser Gedanke, dass man eben nun Milliarden über den Soli in Ostdeutschland reingesteckt hat und alles, was man zum Dank wiederbekommt, ist eben Fremdenhass. Das ist natürlich so falsch, aber trotzdem etwas, was oft gedacht wird. Da wurde in letzter Zeit auch viel versäumt, für Versöhnung zu sorgen. Menschen in Ostdeutschland wirklich bessere Perspektiven zu geben oder zumindest mal die Renten vernünftig anzugleichen. Ich denke, das wäre der einzige Weg, diese Ressentiments Stück für Stück abzubauen. Weil nur so kann man dieser zunehmenden Polarisierung entgegenwirken in meinen Augen.

[00:03:27] Yasemin Yüksel Frei von Ressentiments sind auch unsere Hörer nicht. Wer ist das schon? Und so zieht sich ein zweiter roter Faden durch alle Nachrichten, die wir bekommen haben. Und da geht es um die Distanz zwischen Ost und West. Die Tatsache, dass man auch 30 Jahre nach dem Mauerfall so wenig voneinander weiß. Hörer Julian, 29 und aus Bayern, der sagt von sich zum Beispiel, dass er richtig gehend Scheuklappen aufhatte:

[00:03:47] Hörer Julian Also, das erste Mal als ich aus Bayern rausgezogen bin, ich hatte eigentlich keine Ahnung von Deutschland, muss ich sagen. Ich habe in Norditalien und Österreich mich in den Städten und mit den Regionen besser ausgekannt als, ich sag mal, nördlich von Nürnberg. Das meine ich wirklich ernst. Und wenn man sich die deutsche Geschichte beispielsweise anschaut, die jüngere vor allem, wie unfassbar wichtig da Mitteldeutschland oder Ostdeutschland, wie viel wichtiger das eigentlich für die jüngere, deutsche Geschichte war als ausgerechnet das Königreich Bayern. Die Selbstwahrnehmung ist eben eine ganz andere.

[00:04:19] Yasemin Yüksel Julian hat etwas gegen seine Scheuklappen gemacht und ist mit einem Freund zu einem Roadtrip durch den Osten aufgebrochen. Und so etwas ähnliches hat auch Andreas gemacht. Er ist 1980 geboren, lebt in München und ist in Sachsen bei einem Marathon gestartet.

[00:04:32] Hörer Andreas Wir hatten uns extra dafür angemeldet gehabt, das war jetzt nicht ein Alternativtermin, weil wir irgendwo anders keinen Platz bekommen hatten, sondern wir wollten nach Dresden. Ich wollte nach Dresden, weil ich das noch nie vorher gesehen hatte und auch noch mal meinen eigenen Beitrag dazu leisten, meine eigenen Vorurteile ein bisschen einzuzäumen. Als wir dann in Dresden waren, hat mich die Stadt um einiges nochmal überrascht. Also, ich hatte es mir nicht so schön vorgestellt wie es dann tatsächlich war. Genau so welche Erlebnisse, finde ich, braucht die Menschheit - zumindest Westdeutsche - mehr, um sich ein bisschen mehr zu öffnen für Ostdeutschland und halt zu sehen, dass nicht alles schlecht ist.

[00:05:13] Yasemin Yüksel So - und falls Sie sich jetzt fragen: Haben die vom Stimmenfang jetzt echt nur Leute aus Westdeutschland ausgewählt, die hier über Vorurteile und den Rechtsdrift im Osten reden? Das gibt doch ein ganz einseitiges Bild. Ja und nein. Zum einen erheben wir mit so einer Hörer-Folge ja nie den Anspruch einer repräsentativen Umfrage. Was wir machen, ist mehr eine Momentaufnahme. Zum anderen kam tatsächlich nur 20 Prozent der Hörer-Post, die Sie uns geschickt haben, von Ostdeutschen. Eine davon ist Juliane, die Frau aus Rostock, die wir anfangs schon mal kurz gehört haben.

[00:05:41] Hörerin Juliane Gerade als ich in Berlin gewohnt habe - ich habe relativ dicht am Mauerweg gewohnt, bin da mal skaten gewesen, und das ist auch die Gedenkstätte für den letzten Mauertoten gewesen -und irgendwie jedes Mal ist mir dann doch irgendwie ein kalter, kalter Schauer über den Rücken gelaufen. Weil die Geschichte doch irgendwie sehr dicht dran ist, obwohl ich sie nie erlebt habe. Das Thema lässt mich nicht los. Ich finde es super spannend und bin mal gespannt, wie andere auch in meinem Alter das vielleicht erleben.

[00:06:09] Yasemin Yüksel Und wir, hier in der Redaktion, waren eben besonders gespannt, als die Nachricht von Oliver bei uns ankam, weil darin irgendwie alles vorkam: Ost und West, Nähe und Distanz und eine überraschende Wende.

[00:06:19] Hörer Oliver Ich bin geboren und die ersten 20 Jahre aufgewachsen im tiefsten Westen, in Krefeld, am Niederrhein, unweit der holländischen Grenze. Ich wurde in der Hinsicht sozialisiert, dass eigentlich immer auch eine wahnsinnige Distanz damals auch noch zum Osten aufgebaut wurde. Es wurde immer nicht nur über "den Osten" und "die Ossis" gesprochen, sondern auch Urlaubswege gingen nie weiter als Hessen oder mal mit den Großeltern nach Schleswig-Holstein. Meine erste Reise nach Berlin war erst mit 12 und damals auch mit meinen Großeltern. Das war das erste Mal praktisch nach "drüben" und dann auch so richtig... Damals hat mein Großvater gesagt: "Ja, Junge, wir biegen mal von der Autobahn, gucken mal rechts, links, wie das hier aussieht." Also praktisch so ein bisschen wie Katastrophen-Tourismus - so hatte es sich im Nachgang angefühlt.

[00:07:06] Yasemin Yüksel Oliver ist Jahrgang '89 und kam im Dezember, also wenige Wochen nach dem Mauerfall, auf die Welt. Mit 20 nach, dem Abi, zieht er zum Studieren nach Frankfurt am Main.

[00:07:14] Hörer Oliver Die tatsächliche Pointe in meiner Vita ist, dass ich wenige Jahre, nachdem ich in Frankfurt war, ein Mädel kennengelernt habe, was aus Karl-Marx-Stadt tatsächlich noch kommt und dort geboren wurde - also praktisch eine Karl-Marx-Städterin ist. Und wir gemeinsam eine sechs Monate alte Tochter haben, also praktisch tatsächlich im Jahr des 30jährigen Mauerfalls ein Wiedervereinigungskind auf die Welt kam, was Familien zusammengebracht hat, die so - ohne Mauerfall und ohne dieses Baby und ohne unsere kleine Familie hier - nie zusammengefunden hätten.

[00:07:50] Yasemin Yüksel Olivers Geschichte, seine Ost-West-Beziehungen, sein Wiedervereinigungskind, seine Perspektive, die seiner Freundin - darüber wollten wir hier in der Redaktion mehr wissen, sodass ich Oliver gefragt habe, ob ich ihn und seine Freundin besuchen und zu einem Interview treffen kann. Die beiden haben ja gesagt und so bin ich vor ein paar Tagen in einen Zug nach Hessen gestiegen und habe Oliver, Louise und ihre inzwischen zehn Monate alte Tochter Hermine in der Nähe von Frankfurt besucht. Als ich oben ankam, war ich erst mal ziemlich außer Atem, weil fünfter Stock und so. Ich kam dann in eine freundlich eingerichtete Wohnung. Das Baby war gerade aus dem Mittagsschlaf aufgewacht und saß im Wohnzimmer auf dem Boden. Und ja, man wird es in dieser Episode auch noch ab und zu hören.

[00:08:39] Hörerin Louise Sie fühlt sich, glaube ich, abgestellt. Aber egal, vielleicht knabbert sie auch noch ein bisschen.

[00:08:46] Yasemin Yüksel Louise ist vier Jahre älter als Oliver, sie ist Jahrgang '85. Wenige Tage nach meinem Besuch endete ihre Elternzeit und sie ist jetzt zurück in ihrem Job als Bauingenieurin. Oliver wird sich jetzt in der Zeit um die inzwischen neun Monate alte Tochter kümmern. Und Louise, wie war das dann, als Sie Oli kennengelernt haben, einen Westdeutschen? Hat das eine Rolle gespielt? Wie war das? Erzählen Sie mal!

[00:09:06] Hörerin Louise Für mich hat das gar keine Rolle gespielt. Also muss ich ehrlich sagen. Ich habe da überhaupt nicht nachgedacht. Ich weiß nicht, was jetzt Oliver sagt, wenn er gefragt wird.

[00:09:16] Yasemin Yüksel Ja, ich werde ihn jetzt gleich fragen, ich bin schon gespannt.

[00:09:16] Hörerin Louise Aber ich fand es schön. Ich wusste, dass die Leute aus der Region sehr aufgeschlossene, sehr humorvolle Menschen sind. Und das hat man bei ihm auch sofort gemerkt. Ich weiß gar nicht, ob er von vornherein wusste, woher ich komme. Ich weiß nicht, wann ich es ihm gesagt habe, aber ich glaube nicht, dass man es gehört hat.

[00:09:34] Yasemin Yüksel Nein, hat er nicht. Oliver denkt am Anfang noch eine Weile, Louise käme aus Berlin. Ihren sächsischen Akzent hört man kaum oder gar nicht mehr. Und von Chemnitz - beziehungsweise zu DDR-Zeiten Karl-Marx-Stadt, also Louises Heimat - hat Oliver höchstens eine ungefähre Vorstellung.

[00:09:48] Hörer Oliver Als ich dann ein bisschen mehr davon erfuhr, war es ein bisschen spannend, weil ich kannte Chemnitz vorher nur vom Hörensagen und wusste, dass ein Karl Marx-Kopf da stand und wusste, dass Karl-Marx-Stadt hieß, was dann auch ein bisschen interessant war. Es kam dann tatsächlich so, dass ich mir irgendwann Tage später, als es noch alles so recht frisch war, Gedanken gemacht habe. Wenn ich jetzt meinen Freunden erzähle, dass ich eine Freundin aus dem Osten habe, was denken die? War wirklich ernsthaft erst so eine Überlegung. Es war jetzt nicht insofern, dass man sagt: Okay, wenn die jetzt etwas Negatives sagen, dann mag ich sie nicht mehr, sondern es war eher so: Komisch. Weil auch irgendwie in den ersten Jahren im Studium auch immer dieses Bild halt noch so präsent war: OK, mit dem Osten haben wir nicht so wahnsinnig viel zu tun. Und meine Freunde auch noch aus Krefelder Zeiten sind auch immer eine sehr distanzierte Rolle. Wenn ich jetzt mit einer ankomme aus dem Osten, was denken die?

[00:10:45] Yasemin Yüksel Und was hätten die denn gedacht? Oder was hätten die denken können?

[00:10:48] Hörer Oliver Was sie hätten denken können? Was macht der mit der? Das ist jetzt...Das klingt wahrscheinlich total absurd, es ist auch total absurd und die Gedankengänge waren jetzt auch nicht so, dass sie negativ behaftet waren. Aber es war eher so: Okay, ein bisschen komisch.

[00:11:07] Yasemin Yüksel Louise, wie ist das für Sie jetzt, wenn Sie das hören?

[00:11:09] Hörerin Louise Es ist nicht fremd. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es sehr viele Teile in Deutschland gibt, wo man sich fragt: Uiuiui, eine aus Ostdeutschland, die kommt wahrscheinlich aus Sachsen, ist Friseurin und spricht Sächsisch. Und die kann man ja eigentlich nicht vorzeigen. Ich und meine Freunde oder Generationen wissen, glaube ich, wie es um die Meinung im Westen, in den alten Bundesländern, um uns bestellt ist.

[00:11:31] Yasemin Yüksel Und was rufen Sie denn für Reaktionen hervor, wenn Sie erzählen: Ja, ich bin in Karl-Marx-Stadt geboren.

[00:11:39] Hörerin Louise "Aha, interessant, Karl-Marx-Stadt, das ist doch jetzt Chemnitz". Und schlimme ist halt: Es ist heute auch immer noch so, dass man dann belächelt wird, wenn man sagt, man kommt aus Sachsen. Umso mehr sind die Leute dann auch überrascht, dass es Sachsen wie mich geben kann, die nicht mehr sprechen, also bei denen man das einfach nicht mehr hört.

[00:11:57] Yasemin Yüksel Die erste Generation, die nach dem Mauerfall erwachsen wird, lebt also nach wie vor mit Distanzen zwischen Ost und West. Und für Oliver, der im äußersten Westen der Republik an der Grenze zu Holland groß wird, hat es zunächst vor allem geografische Gründe.

[00:12:11] Hörer Oliver Bis zur Nordsee und sonntagmorgens da hingefahren und am Sonntag am Strand zu verbringen, das war alles viel, viel näher als eigentlich einer im eigenen Land.

[00:12:19] Yasemin Yüksel Je älter er wird, kommt aber auch noch eine soziale Distanz zum Osten dazu.

[00:12:23] Hörer Oliver Weil die weiterführende Schule, die hatte so eine Art so ein naives Selbstbewusstsein. Die war geprägt von, ich sage jetzt überspitzt, Hockey, Tennisclub-Mitgliedern, Zahnärzte, Doktoren, Professoren, hatte nicht ohne Grund den Ruf einer Bonzen-Schule in Anführungszeichen, so klassisch wirklich La Martina Polo-T-Shirt, Segelschule. Also, Sie können sich das wunderbar bildlich vorstellen. Und so war es wirklich. Das Krasse war da auch, dass dann auch in dieses Selbstbewusstsein der Schülerinnen und Schüler ging, meiner bis heute auch noch engen Freunde. Da war erst mal der Blick nach Osten nicht gegeben. Da waren wir das Wichtigste, da war das interessanteste Düsseldorf, Köln, Malle, Jugendfahrt nach Spanien. Und da ging es jetzt nicht irgendwie mal nach Leipzig auf einen schönen Städtetrip.

[00:13:17] Yasemin Yüksel Sie hatten andere nicht nur geografische, sondern auch soziale, emotionale Bezugspunkte, die außerhalb Deutschlands lagen, die Ihnen aber näher waren in Ihrer Welt, sozusagen in Ihrem Alltag als die, die im eigenen Land sind, wenige hundert Kilometer entfernt.

[00:13:30] Hörer Oliver Definitiv, ja.

[00:13:31] Yasemin Yüksel Und was glauben Sie, woran lag das?

[00:13:33] Hörer Oliver Weil ich es nicht kannte. Ich kannte es nicht.

[00:13:35] Yasemin Yüksel Mit 18 hat Oliver den Osten also weder geografisch noch emotional auf der eigenen Landkarte. Mit 18 hat Louise den Westen im Blick, zumindest Berlin. Sie zieht es als junge Erwachsene raus aus Chemnitz, rein in die Hauptstadt.

[00:13:47] Hörerin Louise Ich habe mich entschlossen, nach Berlin zu gehen, weil die Perspektivlosigkeit für mich persönlich, nicht für alle anderen - für die möchte ich nicht sprechen - recht groß war, weil ich ein bisschen Pläne hatte. Ich wollte unbedingt reisen und habe dann eine Ausbildung angefangen in Potsdam. Ich habe in der Zeit bei meinem Vater gelebt in Berlin, der Berliner ist und habe dann studiert und bin dann erst nach Frankfurt gekommen für den Job. Ich bin auch erst drei Jahre hier, dreieinhalb Jahre.

[00:14:13] Yasemin Yüksel Können Sie mal erzählen, was waren Ihre ersten Berührungspunkte? Sozusagen mit Westdeutschland?

[00:14:19] Hörerin Louise Ehrlich gesagt, die Berührungspunkte gab es schon ziemlich früh, auch in der Familie. Es wurde oft darüber gesprochen auch. Vorrangig oft darüber, was in Ostdeutschland doch gut war, was ja heute auch noch so ist. Es wird ja viel noch als positiv beschrieben. Es gibt allerdings auch viele Dinge, die negativ sind. Damals war es aber meistens "der Wessi" an sich. Der war einfach...der war doof.

[00:14:43] Yasemin Yüksel Erzählen Sie, warum war denn der Wessi an sich doof aus Sicht derer, von denen Sie gerade erzählen?

[00:14:48] Es ist immer noch das Gleiche wie heute. Er nimmt uns die Leute weg. Wir haben die Jobs sind schwierig, es kommen irgendwie Wessis... Ich sage auch jetzt mal überspitzt "Wessi", weil es ja tatsächlich so genannt wurde, bei uns zuhause auch, vielleicht nicht bei allen bei uns zu Hause - nicht das meine Eltern das hören. Und die Perspektiven wurden halt immer weniger. Es war eben negativ, dass die Grenzen auf einmal offen waren. Vorher war ja alles viel besser. Alle hatten einen Job. Alle hatten eine Perspektive, jeder arbeitete fürs Volk gemeinsam. Das ist natürlich auch eine totale Mangelwirtschaft war und man jetzt, überspitzt gesagt, Jeans und CDs kaufen konnte und die Musik hören konnte, die man hören möchte und Bücher lesen kann, die man vorher nicht lesen durfte, das hat man dann irgendwie so ein bisschen in den Hintergrund gedrängt.

[00:15:36] Yasemin Yüksel Mit Anfang 30 beendet Louise dann ihr Studium und beginnt erst mal in Berlin in ihrem Beruf als Bauingenieurin zu arbeiten. Ihre Firma schickt sie für ein Projekt nach Hessen, und da bleibt sie, denn im Mai 2016 lernen sich Oliver, der inzwischen Stadtgeograf ist, und Louise in Frankfurt in einer Kneipe kennen. Wie hat sich für Sie jeweils das Bild auf die alten oder neuen Bundesländer verändert dadurch, dass Sie jetzt persönlich so einen intensiven Kontakt mit jemandem aus dem Westen bzw. aus dem Osten hatten?

[00:16:04] Hörer Oliver Also erstens habe ich die neuen Bundesländer oder explizit Sachsen und Chemnitz kennengelernt, nicht nur, wie es dort aussieht, wie schön es dort auch ist, tatsächlich landschaftlich schön ist, die Stadt hat ihre Reize. Aber auch vieles, was ich besser verstehe.

[00:16:22] Yasemin Yüksel Was denn zum Beispiel?

[00:16:22] Hörer Oliver Politik. Also jetzt nicht, dass ich Politik verstehe, aber ein bestimmtes Gefühl dafür bekomme, was sind Sorgen, warum sprechen viele Leute vor Ort immer noch, wie Louise das vorhin sagte, noch von der DDR? Was sind die Probleme vor Ort? Wir haben ja einen familiären Bezug dazu. Es ist ja jetzt unsere Familie. Aber nebendran ist es auch tatsächlich so, dass, wenn man auf die politische Komponente geht, als Beispiel - ich sage das immer und Louise wird bestimmt den Kopf schütteln - aber: An dem allerersten Tag, als wir in Chemnitz waren. Wir sind abends angekommen, im Dunkeln. Am nächsten Morgen waren wir auf einer Hochzeit in einem Schloss in der Nähe von Chemnitz und die ersten Personen, die auf mich zukam und auf uns zukamen, hat ein Thor Steinar-T-Shirt getragen. Das kannte ich vorher nur im Kontext von Fußballspielen in Westdeutschland. Und am zweiten Tag waren wir auf dem Stadtfest in Chemnitz und ich habe den größten AfD-Stand gesehen. Ich habe bis dahin und auch danach nie wieder gesehen so einen großen Stand gesehen. Und diese Präsenz der politischen Rechten oder der rechten Gesinnung, wenn ich sie mal so nennen will, das war schon ein bisschen schockierend, weil es nicht nur so, dass es einfach erzählt wurde, sondern dass man es gesehen hat. Und das ist etwas, was mich bis heute auch noch sehr beschäftigt. Ich würde schon auch da trennen zwischen dem familiären Kennenlernen und dem politischen Kennenlernen der Region.

[00:17:47] Yasemin Yüksel Louise, diese Episode, die Oli jetzt erzählt hat. Wie erinnern Sie das? Er meinte, gerade Sie werden jetzt gleich den Kopf schütteln...

[00:17:55] Hörerin Louise Für mich ist es tatsächlich kein neues Bild. Das ist für mich nichts Neues. Für mich ist es das erste Mal richtig hochgekommen, als ich so 13, 14 war. Man kennt es von Klassenkameraden, die größere Brüder. Oft war es so, dass es Jungs, männliche Klassenkameraden und mit ihren Brüdern waren, die rechte Gesinnung haben. Inwieweit die jetzt sehr ausgeprägt war, ist fraglich. Auf jeden Fall haben sie es klamottentechnisch nach außen getragen. Und deswegen ist dieses Bild für mich nicht neu, dass man mich mit Kleidung versucht, seine politische Einstellung nach außen zu tragen. Letztens habe ich mich mit einer Freundin getroffen, die ist Halb-Vietnamesen, die wohnt nicht mehr in Chemnitz. Und die hat mir erzählt, dass sie früher oft verprügelt wurde von anderen Mädchen und Jungs aufgrund ihres Aussehens.

[00:18:49] Yasemin Yüksel Während Oli und Louise ihren ersten gemeinsamen Sommer erleben, sich gegenseitig ihren Familien vorstellen und diese zwei Menschen sich privat also immer näherkommen, bricht im Land ab 2015/2016 etwas auseinander. Die Konfrontationslinie, "wir von hier" gegen die, die vermeintlich nicht nach Deutschland gehören. In Freital, Heidenau, Clausnitz kommt es zu rechter Gewalt, zu fremdenfeindlichen Angriffen auf Flüchtlinge, zu Protesten gegen geplante Unterkünfte für Asylbewerber. Das alles passiert auch in Westdeutschland. Aber im Verhältnis zur Bevölkerungszahl gibt es im Osten mehr rassistische Übergriffe. Und schließlich steht Louises Heimatstadt Chemnitz im Mittelpunkt, weil dort im August 2018 ein rechter Mob durch die Stadt zieht, nachdem der Deutsche Daniel H. von einem inzwischen verurteilten Syrer tötlich angegriffen worden war. Was hat das mit Ihnen gemacht, diese Ereignisse? Wie reagieren Sie darauf?

[00:19:40] Hörer Oliver Wütend. Und zwar nicht gegenüber den Ausländerinnen und Ausländern, sondern über die Leute...Sie sehen, meine Stimme bricht etwas, weil mich regt das sehr auf! Mich beschäftigt das sehr, weil ich einfach kein Verständnis dafür habe, dass, auch wenn es einem vielleicht wirtschaftlich schlechter geht, man sich abgehängt fühlt, dass Leute gewalttätig gegenüber in Anführungszeichen, andere hetzt, sie vielleicht gewalttätig angeht oder ähnliches. Absolut gar kein Verständnis; macht mich sehr wütend!

[00:20:09] Yasemin Yüksel Louise, nach dem August 2018 hat sich da noch einmal was verändert für Sie, Als in Chemnitz Geborene? Reaktionen...?

[00:20:18] Hörerin Louise Ja, ich war schon immer... Also, ich habe nie verleugnet, dass ich von da komme, aus Chemnitz und stehe dazu. Auf der einen Seite hat es mich natürlich unendlich traurig gemacht, auf der andern Seite bin ich ein bisschen stolz, dass so viel Gegenwehr aus so einer kleinen Stadt kommt - viel mit Musik, und ich habe unglaublich viele Freunde noch da, und die stehen alle dahinter, gehen zu all diesen Konzerten, "Wir sind mehr" und alles, was da passiert ist. Das macht mich stolz. Wenn man jetzt sagt, man kommt aus Chemnitz, dann wird nicht zwingend immer: "Oh, da sind ja so viele Rechte" gesagt, sondern es wird auch gesagt: "Ach, da kommen noch Kraftklub her, die jetzt die vielen Konzerte gegen die Aufmärsche gemacht haben". Und das ist eigentlich ganz schön zu hören, weil eben auch beide Seiten gesehen werden. Das macht mich schon glücklich.

[00:21:08] Hörerin Louise Wut und Unverständnis bei Oliver - Stolz über die Proteste gegen rechts bei Louise. An der Stelle kamen wir im Gespräch dann auf unsere Ausgangsfrage: Wie einig diese erste Generation junger Erwachsener, geboren nach dem Mauerfall, das Land denn eigentlich erlebt? Die Mehrheit unserer Hörerinnen und Hörer hatte die Frage ja eher skeptisch beantwortet. Hier sind nochmal einige WhatsApp-Nachrichten.

[00:21:30] Hörerinnen und Hörer Mein Eindruck ist, dass Deutschland im Moment sehr uneinig ist. Und ich habe immer mehr das Gefühl, dass Deutschland immer weniger ein Deutschland ist, dadurch, dass es sich jetzt irgendwie so spaltet. Wenn man sich eine Karte anguckt der AfD-Wahlergebnisse, dann sieht man ganz klar, wie der Osten tiefblau gefärbt ist, während der Westen eben so leicht hellblau ist. Und da fragt man sich dann als Westdeutscher, wie das denn sein kann? Ich glaube, es ist ein wahnsinnig spannendes Thema, was ihr gerade beackert. Man kann die Grenze Ost-West ja tatsächlich in ganz vielen Lebensbereichen an ganz vielen Kennzahlen immer noch ablesen. Und ich glaube, dass es ein super wichtiges Thema ist, über das ihr redet.

[00:22:09] Yasemin Yüksel Wie sehen Sie das Oliver - im 30. Jahr nach dem Mauerfall? Ist die Bundesrepublik, ist das Land einig geworden?

[00:22:15] Hörer Oliver Vielleicht sind die Unterschiede zwischen Ost und West, die Konflikte größer denn je. In meinen 30 Jahren, die ich in diesem Land lebe oder Europa lebe, war noch nie der Unterschied zwischen Ost und West, was den politischen Rahmen anbelangt, so groß gewesen, der Graben nie so groß gewesen, die Spaltung nie so groß gewesen.

[00:22:37] Yasemin Yüksel Oli erzählt, dass er aus einem sehr politischen Haushalt kommt. 2009 hat er zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl gewählt. Aber im Gespräch erinnert er sich auch an Szenen aus dem 2002er Wahlkampf mit dem damaligen CSU-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber. Vielleicht liegt's an ihrem unterschiedlichen Hintergrund, dass Louise die Frage nach der Einigkeit im Land ganz anders beantwortet.

[00:22:56] Hörerin Louise Ich finde es sehr spannend, dass du die politische Situation so in den Vordergrund rückst, wenn du diese Frage hörst, weil mir ist wichtig, dass man sich versteht und das Gefühl hat, dass wir alle Deutsche sind, egal, wo wir her sind. Das steht für mich im Vordergrund, und das meine ich. Das hat sich über die Jahre für mich persönlich gebessert. Wenn man überlegt, wenn man sich nicht über Politik unterhält, sind wir alle... Es ist egal, ob ich aus Sachsen komme, ob Oli aus Nordrhein-Westfalen kommt oder es ist egal. Für mich ist keine Grenze da.

[00:23:24] Yasemin Yüksel Oliver und Louise gehören ja nicht nur zur "Generation Einheit", sie sind auch die jungen Erwachsenen, die bislang mit nur einer Kanzlerin groß geworden sind. Und so haben wir irgendwann dann auch über Angela Merkel gesprochen.

[00:23:35] Hörer Oliver Ihre Kanzlerschaft wird in meinen Augen schon sehr geprägt von den Jahren nach 2015. Da hat sie wahnsinnig viel für das Land, für den Kontinent, im Prinzip eigentlich für die Welt getan, weil sie etwas gemacht hat, was menschlich war. Damit hat sie allerdings Gräben geöffnet, und die haben die Uneinigkeit des Landes in meinen ganz persönlichen Augen offen kundgetan. Auch für Leute, für die vielleicht diese rechtsextremen Gesinnungen nicht so offensichtlich waren. Gerade zum Beispiel für Leute aus Westdeutschland.

[00:24:07] Yasemin Yüksel Angela Merkel hat am 3. Oktober jetzt gerade bei den Feierlichkeiten zum 3. Oktober, etwas zum Stand der Einheit gesagt. Das habe ich Ihnen mal mitgebracht. Ich spiele Ihnen das mal vor:

[00:24:16] Angela Merkel Denn zur Bilanz nach 29 Jahren deutscher Wiedervereinigung gehört auch, dass sich die Mehrheit der Ostdeutschen in der Bundesrepublik als Bürger zweiter Klasse fühlt, wie repräsentative Umfragen zeigen. Danach halten weniger als 38 Prozent der Ostdeutschen die Wiedervereinigung für gelungen. Bei Menschen unter 40 sind es sogar nur rund 20 Prozent. Weniger als die Hälfte ist mit der Demokratie in Deutschland zufrieden.

[00:24:44] Yasemin Yüksel Vielleicht mal bis hier hin. Was können Sie damit anfangen? Louise gerne zuerst, oder wie Sie mögen.

[00:24:50] Hörerin Louise Puh, ja, ich bin überrascht, ob dieser Ergebnisse. Ich hätte es jetzt so nicht eingeschätzt.

[00:24:57] Hörer Oliver Es sind schon harte Zahlen, harte Aussagen. Gerade die letzte Aussage, dass die Leute nicht mit der Demokratie zufrieden sind, macht mich fast fassungslos. Weil was ist ihre Alternative? Die Alternative ist keine blaue Partei in dem Sinne, was sie wählen können. Die lässt sich auch demokratisch wählen. Von daher. Was wünschen sich die Leute? Es macht einen oder es macht mich 30 Jahre nach dem Mauerfall, über das Thema, über das wir reden, schon ein bisschen ratlos.

[00:25:27] Yasemin Yüksel Und ganz zum Schluss haben wir noch eine Brücke geschlagen zu Helmut Kohl, dem Kanzler der Einheit, und uns gemeinsam eine alte Fernsehansprache angesehen. Am Vorabend des 3. Oktober 1990 hat Helmut Kohl damals eine Fernsehansprache gehalten und damals sagte er unter anderem das hier:

[00:25:43] Helmut Kohl Gute Nachbarn wollen wir auch im Inneren sein. Aufgeschlossenheit für den Nächsten, Achtung vor dem Andersdenkenden und Verbundenheit mit unseren ausländischen Mitbürgern gehören auch dazu. Unsere freiheitliche Demokratie muss von Vielfalt, von Toleranz und Solidarität geprägt sein. Solidarität müssen wir vor allem als Deutsche jetzt untereinander beweisen. Vor uns - und jeder weiß dies - liegt eine schwierige Wegstrecke. Wir wollen diesen Weg gemeinsam gehen. Wenn wir zusammenhalten und auch zu Opfern bereit sind, haben wir alle Chancen auf einen gemeinsamen Erfolg.

[00:26:28] Yasemin Yüksel Hat das geklappt, was Helmut Kohl damals als Devise ausgegeben hat oder nicht?

[00:26:33] Hörer Oliver Nein. Es wäre schön gewesen, wenn es genauso wäre. Das ist eigentlich eine tolle Anleitung, die er da gibt zum gemeinsamen Leben in Deutschland und in ganz Europa. Aber es ist so die Wunschvorstellung, und offensichtlich hat das nicht geklappt, nicht funktioniert.

[00:26:47] Yasemin Yüksel Und woran hat es vielleicht gelegen?

[00:26:50] Hörer Oliver Vielleicht - ganz hypothetisch gesagt -, dass Helmut Kohl und die nachfolgenden politischen Akteure sich zu viel darauf verlassen haben, dass das von innen heraus klappen kann, wenn Leute sich neu kennenlernen. Wie gesagt: das ist eine schöner Anleitung fürs gemeinsame Leben. Wenn das so alles funktioniert, hätte wir damals, am Tag vor der Wiedervereinigung eben genau das auszudrückt - wenn es genauso gekommen wäre, ich glaube, dann wären die Diskussionen, die wir geführt haben oder die wir so miteinander privat führen, mit Freunden und auch die Tatsache, dass immer so viel eben auch noch über West und Ost gesprochen wird, das wäre dann vielleicht nicht so intensiv und nicht so extrem.

[00:27:31] Yasemin Yüksel Mich würde zum Schluss noch von Ihnen beiden interessieren: Was wünschen Sie sich für die Zukunft? In was für einer Welt soll Hermine groß werden?

[00:27:39] Hörer Oliver Idealerweise ohne jegliche Grenze. Das Schöne ist ja tatsächlich, dass, als wir auf die Welt kamen oder explizit ich, Anfang der 90er Jahre mit Schengen die Möglichkeit hatten, von A nach B zu fahren, ohne einen Pass zu benötigen. Dass das alles weiter so Bestand hat, dass sie weiterhin die freie Möglichkeit hat, ihre Meinung zu äußern, und das hoffentlich auch sehr gut tut.

[00:28:01] Hörerin Louise Ich hoffe, dass es diese politische Spaltung, wenn sie groß ist und das mitbekommt, nicht mehr so groß ist und dass sie aber dennoch, so wie ich es sehe, in einem Deutschland aufwächst, wo Ost und West nicht mehr wichtig ist, weil man überall hinkann, weil man Leute aus allen Bundesländern trifft, aus jeder Stadt. Ich denke aber dadurch, dass sie ja so ein Multikulti-Baby ist - Hessisch, Sächsisch und das ja alles auch kennenlernen wird - für sie auch alles normal wird. Und politisch natürlich eine bessere Situation, die wünsche ich mir für uns ja auch.

[00:28:33] Dankeschön.

[00:28:35] Hörerin Louise (Zu Baby Hermine): Sagst du auch noch danke?

[00:28:41] Yasemin Yüksel Ich habe es gehört, Hermine, ist angekommen. Vielen Dank Oliver, vielen Dank, Louise!

[00:28:44] Hörerin Louise Danke Ihnen!

[00:28:51] Yasemin Yüksel Das war Stimmenfang. Und zum Ende muss ich heute noch etwas ganz Wichtiges loswerden. Wir danken allen Hörerinnen und Hörern, die uns Nachrichten geschickt haben und zu dieser Folge beigetragen haben. Diese Hörer-Episoden sind uns in der Redaktion sehr wertvoll, und ohne ihren Input wären solche Beiträge gar nicht möglich. Ganz egal, ob sie nur mit einem kurzen Ausschnitt vorkommen oder möglicherweise auch gar nicht: Jeder von Ihnen hat dennoch etwas beigetragen und darum vielen, vielen Dank. Natürlich interessiert uns auch diese Woche Ihr Feedback - zu dieser Folge oder zu unserem Podcast im Allgemeinen. Wenn Sie mögen, schicken Sie uns zum Beispiel eine Mail an stimmenfang@spiegel.de oder sprechen Sie auf unsere Stimmenfang-Mailbox unter 040 380 80 400. An die gleiche Nummer, die 040 380 80 400, können Sie auch eine WhatsApp-Nachricht schicken. Die nächste Episode hören Sie wie gewohnt ab kommenden Donnerstag auf spiegel.de, Spotify oder in allen gängigen Podcast-Apps. Diese Folge wurde produziert von Matthias Kirsch und mir, Yasemin Yüksel. Danke für die Unterstützung in dieser Woche an Philipp Fackler, Magdalena Lepka, Sebastian Fischer, Johannes Kückens, Wiebke Rasmussen und Matthias Streitz. Unsere Stimmenfang-Musik kommt von Davide Russo.



insgesamt 17 Beiträge
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Ingo 4275 07.11.2019
1. Wenn "Freunde"was dagegen haben...
Das ist der große Unterschied zwischen "Freund" und "Bekannt". Wenn Jemand etwas gegen Jemanden aus dem "Osten" hat ist das ebenfalls Rassismus ;-)
Ingo 4275 07.11.2019
2. 10 % in Bayern der AFD
Bei 13 mio Bayern, sind das 1,3 mio Wähler zur info Thüringen hat 2 mio Einwohner. Haltet mal den Ball ganz flach Leute mit dem "ost bashing" es gibt absolut gesehen wesentlich mehr "nazis" in Bayern als in ganz Sachsen & Thüringen zusammen.
Paddel2 07.11.2019
3. Aufgebauscht?
Ich lebe in Baden-Württemberg und ich kenne einige Leute aus dem Osten die hier leben und arbeiten. Weder war die Mauer jemals Thema noch gibt es Vorurteile. Das Diskussionsthema kenne ich nur aus den Medien.
emmm 07.11.2019
4. Warum zum Teufel du es für nötig erachtest das explizit zu erwähnen!?
Zumindest die meisten in dem Alter dürften das denken.
oz22 07.11.2019
5. Ost-West Debatte
- davon lese ich nur im Spiegel oder höre es von ältern Mitbürger. Warum diese Fixiertheit auf Ost/West in den Meiden? Ich empfinde es ganz ehrlich als ein mediales Herbeireden. Wenn ich in Berlin jemanden sagen höre: ihr im Osten damals.. zucke ich zusammen, weil ich es beim besten Willen so gut wie nie höre.
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