50 Jahre Mauerbau Der Fluch der billigen Touristen-Kulisse

Die Mauer war das Symbol der Teilung, heute ist sie bis auf ein paar verstreute Reste aus dem Berliner Stadtbild getilgt. Der Betonwall war ein Schandmal der Geschichte - umso wichtiger ist jetzt die Debatte darüber, wo eine zentrale Gedenkstätte entstehen soll.

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Berlin - Die Vergangenheit hat sich kostümiert. Gegen einen kleinen Aufpreis lassen sich junge Männer und Frauen in den Uniformen der amerikanischen und sowjetischen Truppen vor einem Kontrollhaus ablichten. Alles ist Kulisse, auch das Häuschen der US-Soldaten. Es ist ein Nachbau und soll an die sechziger Jahre erinnern. Das bis 1990 genutzte Gebäude sah viel klobiger aus. Es wurde im Jahr nach dem Mauerfall abgebaut und ins weit im Westteil gelegene Alliierten-Museum gestellt.

Das Häuschen gibt Checkpoint Charlie Halt, dort, mitten auf der Friedrichstraße. Die Touristen sind dankbar, dass es dieses weiße Gebilde überhaupt gibt. Denn sonst wäre die Gegend rund um den früheren Ausländerübergang in die DDR ziemlich öde.

Das Häuschen ist mehr als nur ein Symbol für die einstige Teilung der Stadt. Es steht auch dafür, wie wenig das Land Berlin mit dem Mauergedenken umzugehen weiß. Das alliierte Kontrollhaus steht nur Dank einer privaten Initiative.

Das Land lehnt sich zurück

Vielleicht braucht alles seine Zeit. Auch die Erinnerung. Nur, eigentlich ist sehr viel Zeit vergangen. 22 Jahre nach dem Fall der Mauer, 50 Jahre nach ihrer Errichtung, müsste es einen zentralen Ort in Berlin geben, der die Geschichte der Mauer angemessen dokumentiert.

Es gibt am Checkpoint Charlie, wie die US-Truppen den Kontrollpunkt nannten, zwar ein privates Museum, das zu den bestbesuchten der Stadt gehört. Mit seinen Exponaten von Fluchtautos und dürftigen Schautafeln wirkt es jedoch rührend improvisiert, es schreit geradezu nach einer professionellen Schau.

Die privaten Museumsmacher erinnern das Land Berlin daran, was zu leisten wäre. Eigentlich könnte ein zentrales, öffentlich gefördertes Mauermuseum viel erzählen.

Warum die Mauer Weltkulturerbe werden sollte

Der Mauerbau war ja nicht nur ein Lokalereignis. Er war Ausdruck der Teilung der Welt in zwei Blöcke. Eigentlich ist die Mauer ein Stück "Weltkulturerbe". Nach den Unesco-Bedingungen hätte sie längst das Zeug dazu - eine Maßgabe für den Eintrag lautet "ein einzigartiges oder zumindest außergewöhnliches Zeugnis einer untergegangenen Zivilisation" zu sein. Es gab schon mal solche Vorschläge, sie wurden nie aufgegriffen. Mauer und Weltkulturerbe - davor schrecken viele zurück.

Die Politik hatte in den letzten Jahren ohnehin anderes im Sinn. Das Gedenken an die Mauer, von ihrem Vorlauf bis zu ihrem Ende, stand dabei nicht im Zentrum. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit war mehr an einer Kunsthalle interessiert, die ihm der Finanzsenator kürzlich gestrichen hat. Wer im Sommer 2011 nach Spuren der Teilung sucht, muss sich mühsam auf dem Stadtplan eine Tour zusammenstellen:

  • von den Mauerresten am Martin-Gropius-Bau
  • über die Gedenkstätte an der Bernauer Straße,
  • den nachträglich errichteten Mauersegmenten am Potsdamer Platz
  • bis zum Stasi-Untersuchunsgefängnis in Hohenschönhausen
  • oder der einstigen Stasi-Zentrale in der Normannenstraße mit dem Original-Arbeitszimmer von Erich Mielke.

Dann gibt es noch einen Zaun.

Hundert Meter vom Checkpoint Charlie entfernt verläuft ein rund 300 Meter langer Bauzaun, auf dem die Geschichte des Kalten Krieges erzählt wird, genau an der Stelle, wo einst die DDR die ausländischen Besucher bei Ein- und Ausreisen in ihren Staat kontrollierte. Nach 1989 sollte hier einmal das "American Business Center" entstehen, doch der Traum platzte schnell; seit fast zwei Jahrzehnten ist die Gegend unbebaut.

Vor fünf Jahren hat der rot-rote Senat die Stellwand-Präsentation rund um die beiden Brachen errichten lassen. Verantwortlich zeichnete damals mit Thomas Flierl ausgerechnet ein Kultursenator der PDS. Viele waren misstrauisch, ein früheres SED-Mitglied, der den Mauerbau dokumentieren lässt, konnte das gut gehen? Es konnte. Es gab zwar Kritik, dem Leiter der Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, war die Dokumentation zu abstrakt, die Besucher würden nicht erfahren, dass die Menschen wie "Hasen abgeschossen wurden".

Der Mauer entledigt - und ratlos

Die Ausstellung versucht, nichts falsch zu machen. Selbst die Toten sind ordentlich verzeichnet. Vielleicht liegt das Problem viel tiefer: Im Westen war die Mauer weit weg, dem DDR-Bürger war sie immer präsent, den Berlinern sowieso. Aber als sie überflüssig wurde, konnte es nicht schnell genug gehen.

Am 10. November 1989, einen Tag nach dem Fall der Mauer, warb Willy Brandt vor dem Schöneberger Rathaus dafür, "ein Stück von jenem scheußlichen Bauwerk" als ein "geschichtliches Monstrum" stehen zu lassen. Viel ist davon heute nicht mehr zu sehen. Man hat sich der Mauer entledigt, und jetzt ist man ratlos. Immer mal wieder kursiert die Idee, Teile wieder aufzurichten, um den Nachgeborenen überhaupt ein sinnliches Gefühl dafür zu vermitteln, wie es damals war.

Eigentlich gäbe es keinen besseren Ort für eine Dauerausstellung als Checkpoint Charlie. Der Ort hat alles, was eine Geschichtsmeile braucht. Nur wenige Meter vom Kontrollhäuschen entfernt ragt eine Stele in der Zimmerstraße aus dem Boden heraus. Sie erinnert an Peter Fechter, einen 18-jährigen Ostberliner, der im August 1962, ein Jahr nach dem Mauerbau, von DDR-Grenzern angeschossen wurde und an dieser Stelle verblutete. Die Stele steht da, hingestellt und irgendwie verloren, im Abseits.

Ausgerechnet der Linke Flierl regte einst ein "Museum des Kalten Krieges" an, hier am Checkpoint Charlie. In Teilen der Öffentlichkeit wurde die Idee kritisiert, weil sie nach Gleichmacherei roch. Flierl wurde vorgehalten, er wolle irgendwie beide Seiten die Schuld am Mauerbau geben, West und Ost, wo doch die Mauer das Werk der herrschenden SED gewesen sei. Immerhin, Flierl hatte eine Diskussion entfacht.

Eine zerfaserte Erinnerung ist praktisch wertlos

Doch es folgte darauf - nichts. Erst vier Jahre später wurde die Idee aufgegriffen. Seit Herbst vergangenen Jahres gibt es nun eine Initiative um den früheren, letzten DDR-Außenminister Markus Meckel, Mitbegründer der Ost-SPD. Meckel setzt sich für ein "Zentrum Kalter Krieg" ein, es soll hier, unweit des Checkpoint Charlie" entstehen. Die Initiative hofft auf einen Bau in den nächsten Jahren. Konkret ist noch lange nichts, es gibt viele Hindernisse. Berlin hat kein Geld, von den politischen Parteien hört man dazu wenig, und dann ist da noch der private Grundstückseigentümer.

So bleibt bis heute eine verstreute Gedenklandschaft. Es gibt viele kleine Orte in der Stadt, die an die Teilung erinnern, sie sind sogar auf der 300 Meter langen Freiflächen-Ausstellung des rot-roten Senats am "Checkpoint Charlie" ausgewiesen. Durch die Hinweise auf den Stellwänden seien die Besucherzahlen der anderen Gedenkstätten gestiegen, heißt es von Senatsseite. Aber aus einer Stellwand wird noch kein Konzept.

Vielleicht steht der Bauzaun noch in fünf Jahren, in zehn. Wer weiß das schon in Berlin. Provisorien halten sich oft lange gerade hier. Als die Ausstellung im August 2006 eröffnet wurde, wenige Tage vor dem 45. Mauerbau-Jahrestag, hieß es: Drei Jahre würde sie stehenbleiben.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
albert schulz 01.08.2011
1. ist doch ganz einfach
Zitat von sysopDie Mauer war das Symbol der Teilung, heute ist sie bis auf ein paar verstreute Reste aus dem Berliner Stadtbild getilgt. Das Betonwall war ein Schandmal der Geschichte - umso wichtiger ist jetzt die Debatte darüber, wo eine zentrale Gedenkstätte entstehen soll. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,775290,00.html
Das blödsinnige Schloß kann bestimmt ein oaar Mauern vertragen. Und auf der behämmerten Einheitswippe käme ein Stück Mauer auch gut. Als gestalterische Element entlang von Verkehrsstraßen könnten Mauern die triste Natur etws auflockern. Oder quer dazu an Untaten aller Art erinnern.
deppvomdienst 01.08.2011
2. Irgendwann ist Deutschland ein einziges Museum
Zitat von sysopDie Mauer war das Symbol der Teilung, heute ist sie bis auf ein paar verstreute Reste aus dem Berliner Stadtbild getilgt. Das Betonwall war ein Schandmal der Geschichte - umso wichtiger ist jetzt die Debatte darüber, wo eine zentrale Gedenkstätte entstehen soll. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,775290,00.html
Noch ein Mahnmal, noch eine Gedenkstätte, noch ein Museum - wohin soll das führen? Wir sind auf dem besten Weg zur Umkehrung unserer Lebenswelt: die Mitte der Städte veröden immer mehr - der Ring des pulsierenden Lebens mit Arbeitsplätzen, Einkaufsmöglichkeiten, Wohnungen zieht sich immer weiter aufs Land. Die Stadtmitte als Ort für Touristen, Gedenkende und Selbstbeweihräucherung von Kulturpolitikern, befreit von jeder Alltagskultur. Abgesehen von den Kosten für derlei Krimskrams, sollten wir uns mal überlegen, wie man zwischen den ganzen musealen Monumenten noch leben soll! Wir sind gerade dabei die Balance zwischen dem Gestern und dem Morgen zu verlieren, weil viel zuviel auf das Gestern geschaut wird.
Layer_8 01.08.2011
3. Ähh
Zitat von sysopDie Mauer war das Symbol der Teilung, heute ist sie bis auf ein paar verstreute Reste aus dem Berliner Stadtbild getilgt. Das Betonwall war ein Schandmal der Geschichte - umso wichtiger ist jetzt die Debatte darüber, wo eine zentrale Gedenkstätte entstehen soll. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,775290,00.html
Gibts da nicht schon eine zentrale Gedenkstätte an der Bernauer Straße?. Zwischen Gartenstraße und Ackerstraße. Ganz neu gebaut...
gambio 01.08.2011
4. Dr. Copy & Paste
Zitat von sysopDie Mauer war das Symbol der Teilung, heute ist sie bis auf ein paar verstreute Reste aus dem Berliner Stadtbild getilgt. Das Betonwall war ein Schandmal der Geschichte - umso wichtiger ist jetzt die Debatte darüber, wo eine zentrale Gedenkstätte entstehen soll. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,775290,00.html
Wozu eine Gedenkstätte ? Möchte daran noch jemand erinnert werden ? Pleite-Berlin sollte lieber sein Geld für wichtigere Dinge ausgeben.
j_w_pepper, 01.08.2011
5. "Legendärer Satz"
Wenn hier schon "legendäre Sätze" in einem Artikel mit historischem Anspruch zitiert werden, dann bitte richtig und nicht wie im Text zu Bild 13. Das Ulbricht-Zitat lautet korrekt: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten" (nicht "keiner" und "bauen").
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