50 Jahre SPD-Opposition in Bayern "Bei uns dauern die Dinge länger"

Am 8. Oktober 1957 trat Wilhelm Hoegner, der letzte sozialdemokratische Ministerpräsident Bayerns zurück, die Genossen kamen nie wieder an die Macht. Doch Bayerns SPD-Chef Stiegler träumt weiter. Im SPIEGEL ONLINE-Interview beschwört er den Niedergang der CSU.


SPIEGEL ONLINE: Herr Stiegler, herzlichen Glückwunsch zu 50 Jahren Opposition. Wie begehen Sie das Jubiläum?

Stiegler: In stiller Trauer. Aber auch Dankbarkeit für das, was Wilhelm Hoegner geleistet hat. Denn er war damals die einzige Figur auf der politischen Bühne in Bayern, die eine sozialdemokratische Regierung führen konnte.

Landesvorsitzender Stiegler: "In Bayern dauert es eben länger"
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Landesvorsitzender Stiegler: "In Bayern dauert es eben länger"

SPIEGEL ONLINE: Aber schon nach drei Jahren war Schluss mit der bunten Viererkoalition aus SPD, FDP, Bayernpartei und Vertriebenenpartei – letztere beiden wechselten in ein Bündnis mit der CSU.

Stiegler: Ja, leider ist es der CSU damals gelungen, die Bayernpartei auszutricksen. Sie hat sie danach ruiniert und deren Wählerpotenzial integriert. Das war eine beachtliche Strategie, die Bayernpartei auszulöschen, um sich selber größer zu machen. Es war der Anfang der Mehrheitsfähigkeit der CSU .

SPIEGEL ONLINE: In seinen letzten Amtstagen hat Edmund Stoiber gern erzählt, wie er sich vorstelle, dass CSU-Patriarch Franz Josef Strauß vom Himmel auf ihn herunterschaue und sage: Prima, hast mein Erbe gut verwaltet und sogar gemehrt. Was sagt denn Wilhelm Hoegner in solchen Situationen zu Ihnen, Herr Stiegler?

Stiegler: Der hat Verständnis für unsere schwierige Situation. Denn Wilhelm Hoegner kannte die bayerische Gesellschaft, ihre besondere politische Mentalität, mit der es die SPD besonders schwer hatte und schwer hat. In Bayern gab es außer in München, Augsburg oder Nürnberg, nie eine genuine Arbeiterbewegung. Hoegner selbst hatte ein problematisches Verhältnis zur SPD, hat sich als schwieriger Außenseiter bezeichnet. Er war Altbayer und Föderalist mit Herz und Seele. All das war die Gesamt-SPD in Bayern nicht unbedingt. Es gab immer Spannungen zwischen den reichstreuen Franken und den föderalistisch, manchmal gar separatistisch gesinnten Altbayern.

SPIEGEL ONLINE: Schwierige Lage, rare Stammklientel. Jetzt droht Ihnen in Bayern auch noch die neue Partei der Linken Stimmen abzunehmen. Man hört, Sie ziehen die Parteitagsprotokolle der USPD zur Information heran, einer Abspaltung von der SPD in den Jahren 1917 bis 1922. Warum denn das?

Stiegler: Da finde ich erschreckende Parallelen zur heutigen Linken in Bezug auf Aggressivität und Gehässigkeit. Die Spaltung der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie ist ein Fluch. Diese Spaltung hat zum Scheitern der Weimarer Republik beigetragen, sie hat unendlich viel Unglück über Deutschland gebracht. Daraus ziehe ich den Schluss: Spalter wie Linke-Chef Lafontaine sind für mich verachtenswert. Wir müssen solche Leute ohne Wenn und Aber bekämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich noch an den bayerischen Landtagswahlkampf 2003? Da gaben sich Mitarbeiter des Satire-Magazins "Titanic" als SPD-Wahlkämpfer aus und warben mit dem Spruch "Wir geben auf. SPD". Manche Bürger hinterfragten das nicht einmal, es erschien ihnen nur konsequent.

Stiegler: (lacht) Das kenn' ich ja gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wann geben Sie denn wirklich auf?

Stiegler: Wir geben nie auf! Es gibt einen gesellschaftlichen Wandel in Bayern, die CSU hat sich dieses Jahr dekonstruiert und einen Blick hinter ihre Kulissen erlaubt. Mit ihren 49,2 Prozent hat sie bei der Bundestagswahl 2005 die absolute Mehrheit nicht erreicht. Das politische Kräfteverhältnis in Bayern ändert sich, die SPD verbucht Erfolge im kommunalen Bereich. Das ist quasi Säkularisierung in Bayern.



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