50 Prozent in Gefahr CSU fürchtet Anarchie in den eigenen Reihen

47, 48, 49 Prozent: Die letzten Umfragen vor der Wahl prognostizieren den Christsozialen den Sturz unter die 50 Prozent-Marke - und heizen die Gerüchteküche an: Ex-Chef Stoiber plane die Anti-Huber-Revolution, Vize Seehofer lauere auf seine zweite Chance.

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München - Offiziell gibt es ihn gar nicht. "Was wäre wenn, ist kein Thema in der CSU", sagt Parteichef Erwin Huber. "Es gibt keinen Plan B", sagt Ministerpräsident Günther Beckstein. CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer sagt: "Ein Plan B der CSU existiert nicht."

Und doch sprechen sie in der CSU seit Tagen nur noch über eines: den Plan B.

CSU-Führungstandem Huber, Beckstein: "Die Spitze kennt die innere Verfassung der Partei sehr genau."
DDP

CSU-Führungstandem Huber, Beckstein: "Die Spitze kennt die innere Verfassung der Partei sehr genau."

Die einen basteln an ihm, die anderen wollen ihn verhindern. CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer warnt die vermeintlichen Planer schon mal: "Die Spitze kennt die innere Verfassung der Partei sehr genau." Wir haben Euch im Blick!, soll das heißen.

Absolute Mehrheit futsch? "Dann herrscht Anarchie"

Der Plan B - das Szenario für den Fall, dass die Partei erstmals nach 1970 unter die 50-Prozent-Marke in Bayern fällt. Der Plan B in der Version XXL - falls sie erstmals nach 1962 die absolute Mehrheit der Mandate im Landtag verliert und einen Koalitionspartner benötigt: "Dann herrscht Anarchie", sagt einer aus der Parteispitze.

Zweimal 47, einmal 48, einmal 49 Prozent - das ist das Ergebnis der letzten Umfragen für die CSU. Damit könnte es noch für die absolute Mehrheit der Mandate reichen. Sehr knapp reichen. Denn nach tns-Emnid kommen SPD, FDP, Grüne, Freie Wähler und Linke zusammen schon auf 48 Prozent.

Vier Tage vor der Wahl liegen die Nerven bei den Christsozialen blank.

"Stoiber plant den Umsturz", titelte so die Münchner "Abendzeitung" am Mittwoch - und verwies auf das in CSU-Kreisen bekannteste Szenario für Plan B: Sollte das Führungstandem die fünfziger Latte reißen, wird Huber durch Parteivize Horst Seehofer ersetzt.

Beckstein bliebe für den Übergang, als eine Art Verweser, weil Seehofer keinen Rückhalt hat in der Landtagsfraktion. In absehbarer Zeit könnte der Ministerpräsident dann von Europaminister Markus Söder, Innenminister Joachim Herrmann oder CSU-Fraktionschef Georg Schmid abgelöst werden. Nur in der XXL-Version des Plans würde auch Beckstein schnell abgelöst.

Und Stoiber? Ihn sehen viele in der Partei als den Mann im Hintergrund, den Mann mit dem Telefon. Da ist zum Beispiel der Draht zu Horst Seehofer.

Früher keine dicken Polit-Freunde, haben die beiden nach dem Sturz Stoibers im letzten Jahr zusammengefunden - frei nach dem Motto vom Feind meines Feindes, der mein Freund ist. Beide bangen nun um den "Mythos CSU", Stoiber stichelte jüngst im Bierzelt zu Freising gegen seine Nachfolger. Putschgerüchte aber weist der Ehrenvorsitzende vehement zurück. Am Mittwoch rief er seine Partei zu "absoluter Disziplin" im Wahlkampf-Endspurt auf: "Irgendwelche Spekulationen über eine Niederlage oder gar Personaldiskussionen sind völlig fehl am Platz und schädlich", sagte er dem "Münchner Merkur".

Seehofer läuft sich warm

Seehofer wiederum hat sich mächtig reingehangen in diesem Wahlkampf - und ansonsten die Füße stillgehalten. Soll ihm nachher keiner vorwerfen, er habe das Tandem torpediert. Nur einmal hat er eine Spitze gesetzt: "Wenn Günther Beckstein die meiner Meinung nach möglichen 52,x Prozent erreicht, hat er die eigene Legitimation", sagte er - und versetzte die 50-Prozent-Latte noch ein Stück nach oben.

Seehofer muss jetzt nur den 28. September abwarten. Vielleicht fällt ihm die CSU nach dem Wahlsonntag wie eine reife Frucht in den Schoß. In seiner Heimatzeitung "Donaukurier" drucken sie bereits die Eloge. "Ein Meister der zweiten Chance" sei er: Mit Kohl 1998 abgewählt und trotzdem 2005 als Minister nach Berlin zurückgekehrt - "sogar seine Frau gab Seehofer noch eine Chance".

Nun also die zweite Chance auf den CSU-Vorsitz, nachdem Seehofer vor einem Jahr Huber auf dem Münchner Parteitag unterlegen war? Im Huber-Beckstein-Lager halten sie genau das für ein entscheidendes Manko des Ingolstädters. "Die Partei wird sich ihm nicht in die Arme werfen, da gibt es keine zweite Chance", heißt es da. Die CSU habe sich im letzten Jahr gegen Seehofer entschieden, "seine Schwächen bleiben: er ist der Einzelgänger, der Unberechenbare".

Im Umfeld des Tandems wird deshalb eine andere Variante von Plan B diskutiert: Weil die CSU nicht das Schicksal der SPD teilen und ständig die Vorsitzenden auswechseln dürfe, müsse Huber auch bei einer Niederlage bleiben. Im Gegenzug könne man noch einmal über die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl 2009 nachdenken. Die beansprucht bisher Huber für sich, will er doch Bundesfinanzminister werden. Nun die neue Idee: Huber könnte "generös verzichten" - und die Spitzenkandidatur Seehofer überlassen.

Es ist eine höchst fragliche Spielart von Plan B: Macht Huber da tatsächlich mit und degradiert sich zur lahmen Ente in München, während Seehofer in Berlin wirbelt? Die Partei hätte dann de facto eine Dreier-Spitze - und wer führt da wirklich?

So bleibt die Variante Seehofer im Falle einer Niederlage die wahrscheinlichere. Faustregel: Je niedriger das Ergebnis, desto eher Seehofer.

Konrad Kobler, Seehofers Vize in der christsozialen Arbeitnehmerschaft CSA und Landtagsabgeordneter, sagt zu SPIEGEL ONLINE: "Wenn es am Sonntag erdrutschartige Veränderungen geben sollte, dann ist eine bestimmte Entwicklung ganz automatisch." Dies gelte bei Verlust der absoluten Mehrheit der Mandate, falls man eine Koalition eingehen oder gar in die Opposition müsse. "In diesem Fall rechne ich mit einer Selbstreinigung der Partei", so Kobler: "Und Horst Seehofer ist einer der Stärksten im Reigen, der Sympathieträger Nummer eins in Berlin."

Kobler ist ein alter Hase, es ist sein siebter Landtagswahlkampf. Becksteins Wahlziel 50 Prozent plus X? "Ich bin da skeptisch, es gibt Irritationen", sagt Kobler. Etwa das "Theater um die Kleidung von Frau Beckstein".

Marga Beckstein weigerte sich, im Dirndl auf die Wiesn zu gehen. Das nehmen ihr jetzt einige in der CSU übel. Und nicht nur das, glaubt Kobler: "Das kann uns bei der Wahl durchaus einen Prozentpunkt kosten." Es sei nicht zu verstehen, warum die First Lady nicht in Tracht gehe, "bei einem Staatsempfang trage ich auch einen dunklen Anzug, weil es sich geziemt".

Irritationen, Nervosität, Machtkämpfe - die CSU geht verstört in die letzten Tage bis zur Landtagswahl. Der Abgeordnete Kobler rechnet zwar mit einer absoluten Mehrheit der Mandate, aber danach werde es "ein bisschen härter, die Fraktion muss dann stärker gehört werden als bisher".

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