60 Jahre Grundgesetz Joschka Fischer erklärt den Bayern deutsche Geschichte

Auch für Joschka Fischer birgt das Leben noch Neues: Zum ersten Mal trat der Grüne in Bayerns Landesvertretung auf - eingeladen von CSU-Ministerpräsident Seehofer. Gemeinsam mit Tschechiens Ex-Außenminister Schwarzenberg erteilte er den Gastgebern Geschichtsunterricht.

Von


Berlin - Manche Dinge ändern sich nie. Edmund Stoiber eilt an diesem Morgen durch den Mittelgang im Atrium der bayerischen Landesvertretung, da flitzt ein Mann von hinten heran. Stoiber - schlank, sehr weißhaarig, hocherhobener Kopf - scheint nicht einmal zu bemerken, wie ihm der eifrige Mitarbeiter die Fluse vom Jackettrücken wischt. Es ist egal, dass Edmund Stoiber nur noch ehemaliger bayerischer Ministerpräsident und nur noch Ehrenvorsitzender der CSU ist.

Schwarzenberg, Stoiber, Fischer, Seehofer: Ein politisches Ereignis
AP

Schwarzenberg, Stoiber, Fischer, Seehofer: Ein politisches Ereignis

Der Mann, dem er im nächsten Moment mit ganzem Körpereinsatz die Hand schüttelt, hat sich in seinem Leben dagegen so oft gehäutet, dass man mitunter die Übersicht verlieren konnte. Seit einiger Zeit ist Joschka Fischer 'Elder Statesman', aber auch diese Rolle weiß er zu modulieren. An diesem Freitag tritt der Ex-Bundesaußenminister "als einfaches Grünen-Mitglied" auf, wie er einem Fernsehreporter erzählt. Das ist kein unwichtiges Detail, nachdem ein Münchner Nachrichtenmagazin mit Blick auf die Einladung durch CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer über "schwarz-grüne Annäherung" spekulierte. "Ich spreche hier nur für mich selbst", sagt der mächtigste Grüne aller Zeiten in die Kamera.

Dass es natürlich ein politisches Ereignis ist, wenn er in der Berliner Dependance des Freistaats auftritt, weiß Joschka Fischer. Genau wie der Gastgeber.

"Ich begrüße den ehemaligen deutschen Außenminister", sagt CSU-Chef Seehofer in seiner Einführung, und dann nach einer kleine Pause, "sowie langjährigen Kontrahenten". Am lautesten ist aus dem folgenden Gelächter das tiefe Hoho Seehofers herauszuhören.

Fischer und Karl Johannes Fürst zu Schwarzenberg, Tschechiens bisheriger Außenminister, sollen den geladenen Gästen ihre Gedanken zu 60 Jahren Grundgesetz und 20 Jahren Mauerfall mitteilen. Schwarzenberg ist zwar kein wirklicher Parteifreund Fischers, amtierte aber bis vor wenigen Tagen als von den Grünen benannter Prager Chefdiplomat. "Das gab es noch nie, dass die Grünen hier in der Mehrheit sind", sagt Gastgeber Seehofer, "deshalb bin ich besonders dankbar, dass Edmund Stoiber da ist."

Eigentlich hätten ja auch die ehemaligen FDP-Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Klaus Kinkel sprechen sollen, so entschuldigt sich Seehofer. Aber die seien wegen des parallel stattfindenden Liberalen-Bundesparteitags nicht verfügbar. Dass Parteitage lang im voraus geplant werden, verschweigt der Politikprofi.

Fischers rhetorischer Ritt durch die Geschichte

Bühne frei also für Joschka Fischer. Dunkler Anzug, rote Krawatte, nichts erinnert mehr an seine Marathon-Zeiten. "Es ist eine große Freude für mich, hier sprechen zu dürfen", sagt Fischer. "Gleichzeitig ist es ein Novum für mich."

Und dann legt er los, zu einem rhetorischen Ritt durch die deutsche und europäische Geschichte: Lobt sowohl die Westintegration der Bundesrepublik wie die Ostpolitik Bonns. Findet beinahe euphorische Worte für die Leistungen Helmut Kohls im Einigungsprozess und in der Europafrage - für jenen Kanzler, an dem sich wohl kein deutscher Politiker so gerieben hat wie er. Und formuliert seine Skepsis, angesichts der Herausforderungen für das vereinte Deutschland und die EU. "Die Einheit verdanken wir der deutschen Demokratie", sagt Fischer. "Aber die Zukunft unseres Landes wird von Europa abhängen."

Werde man also in 20 Jahren wieder in ähnlich feierlichem Ambiente zusammenkommen?

Fischer hat da seine Zweifel. Aber vielleicht sei sein Pessimismus auch unbegründet und "ein sehr alter Ministerpräsident Seehofer" heiße die Runde dann abermals willkommen. Die Dinge verschöben sich, sagt er lachend mit Blick auf den CSU-Chef, "die Koalitionsoptionen werden ja immer weiter". Das findet jedenfalls auch Seehofer amüsant.

Dann ist Fürst Schwarzenberg an der Reihe, ein überaus gebildeter älterer Herr mit Fliege und kariertem Dreiteiler. Wegen seiner K.u.K.-Herkunft spricht der Gast aus Tschechien zudem ein charmantes Wienerisch. Seine These, ähnlich der Fischers: Deutschlands Entwicklung seit 1949 hätte niemand für möglich gehalten - aber nun hänge alles an der Zukunft der EU. "Europa wird nicht an seinen Gegnern von außen scheitern - aber vielleicht, weil es seine Bürger nicht mehr interessiert."

Schwarzenbergs Forderung: Die EU müsse deshalb näher zu den Menschen. Und die Integration nach Osten weitergehen. "Ein unvollendetes Europa ist kein Europa", sagt er. Andernfalls, warnt er, "gibt es in 20 Jahren nichts zu feiern, dann können wir uns nur still in der Ecke besaufen".

Auch diese Vorstellung amüsiert den Gastgeber in der ersten Reihe. Schwarz-Grün hin oder her - der Geschichtsunterricht von Fischer und Schwarzenberg scheint Horst Seehofer jedenfalls bestens gefallen zu haben.

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.