6000 Stimmen Stoibers Kanzler-Legende

Von Edmund Stoiber ist vieles überliefert: scharfer Verstand, peinliche Versprecher, notorische Unpünktlichkeit. Aber eines wäre neu: dass der CSU-Chef seine Zahlen nicht kennt. Umso erstaunlicher ist, dass er kurz vor seinem Abgang an einer falschen Legende mitstrickt.

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Hamburg - Die Legende, mit der sich der große Bayer noch ein bisschen größer machen will, geht so: 2002, als er gegen Gerhard Schröder um das Kanzleramt kämpfte, sei er nur um Haaresbreite am Triumph vorbeigeschrammt. Der "Bild"-Zeitung erzählte er vergangene Woche in einem Interview auf die Frage nach dem "bittersten Moment" seiner Karriere: "Das war die außerordentlich knapp verfehlte Kanzlerschaft 2002, das Wechselbad der Gefühle am Wahlabend, als die Hochrechnungen hin- und hergingen und am Ende dann doch 6000 Stimmen fehlten."

Wow! Stoiber wäre wirklich beinahe Kanzler geworden?

Ganz so war es dann doch nicht. Die 6000 Stimmen hätten die CDU/CSU zwar zur stärksten Fraktion im Bundestag gemacht - vor der SPD. Union und Sozialdemokraten waren beide auf 38,5 Prozent gekommen, mit dünnem Vorsprung der Genossen.

Aber Gerhard Schröder wäre auch bei einem hauchzarten Vorsprung der Union zum Kanzler gewählt worden. Der simple Grund: Die Grünen lagen mit 8,6 Prozent ziemlich deutlich vor der FDP mit 7,4 Prozent und hätten mit Sicherheit nicht für Stoiber gestimmt. So platzt eine Legende.

Das hindert aber den journalistischen Stoiber-Fanclub nicht daran, die Sage weiterzutragen. Gestern Abend verbreitete Sigmund Gottlieb vom Bayerischen Rundfunk in den ARD-"Tagesthemen" über den "Gestaltungstitan Stoiber": "6000 Stimmen mehr und er wäre Kanzler geworden." Und auch das Münchner Magazin "Focus" rechnete kürzlich dem Bayern eine verpasste Kanzlerschaft zu: "Ihm fehlten am Ende gerade mal 6000 Stimmen." Das ist der Stoff, aus dem die Träume sind.



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